ROBERTO CALVI und die "BANCO AMBROSIANO"

 

 

 Giulio Andreotti

 "Versuchen Sie uns doch einmal die Frage zu beantworten, wer die Leute hinter den Kulissen des Mordes gewesen sein könnten."

"Calvi steckte tief in allen politischen Angelegenheiten Italiens, aber über die Vatikanbank steckte er eben auch in der Unterstützung der antikommunistischen Bewegungen, nicht nur in Polen, aber eben auch gerade dort: Die Vatikanbank unterstützte Solidarnosc dank der Vermittlung der Banco Ambrosiano. Das kam erst am Ende auf dramatische Weise ans Tageslicht, als Calvi selber um Hilfe bitten mußte, weil er in Schwierigkeiten war."

Uns fällt der P2-Großmeister Licio Gelli ein, den wir zu Calvis Tod befragt hatten und der kurz kommentiert hatte: "Ja, Sie glauben doch nicht, dass die Vatikanbank Calvi aus den Schwierigkeiten heraushelfen wollte? Die Priester nehmen nur, sie geben aber nichts, das ist so seit 2000 Jahren!"

Gamberini hat sich auch seinen Reim gemacht: "Roberto Calvi kannte alle Geheimnisse der ausländischen Töchter der Ambrosianobank, da liefen ja nicht nur die Gelder nach Polen rüber, sondern auch die Mittel an die Contras in Süd- und Mittelamerika. Und die westlichen Geheimdienste, die so etwas organisierten, sahen es nicht gerne, wenn jemand darüber plauderte: Das wäre ein gutes Motiv für einen Mord."Als Calvi am Nachmittag des 17. Juni als Bankpräsident entmachtet wird, ist er ein Niemand.

Er hat die Bank nicht mehr unter Kontrolle, kennt aber gleichzeitig zu viele Geheimnisse. Nun gibt es keinen Grund mehr, ihn noch am Leben zu lassen, sondern nur noch gute Gründe, ihn, eine enorme Gefahrenquelle, aus dem Weg zu räumen. Maria Antonietta Calabrä, die Chefredakteurin für Justiz beim Corriere della Sera in Rom - sie hatte Calvi noch als junge Berufsanfängerin kennengelernt und ist Autorin eines Buches über die Mafia-Hintergründe von Calvis Tod - ist ebenfalls fest davon überzeugt, dass der Mord an Calvi in die Kategorie des politischen Mordes gehört: "Das Okay zur Ermordung Calvis kommt genau zu dem Zeitpunkt, als die politisch-finanziell-mafiotische Machtgruppe in Italien, zu der Calvi gehörte, überzeugt war, einen anderen Mann an die Spitze der Ambrosianobank bringen zu können. Diese Leute glaubten, dass sie Orazio Bagnasco an die Stelle Calvis setzen sollten, weil dieser so leicht zu manipulieren sei wie Calvi zu Anfang.

In diesem Augenblick wird Calvi entmachtet, seine Sekretärin stirbt, ein sehr wichtiges Detail, das die Mordthese unterstützt, weil der Tod der Sekretärin meiner Meinung nach nur ein fingierter Selbstmord ist. Genau im selben Augenblick, am Nachmittag des letzten Lebenstages von Calvi, ist der Vorstand tatsächlich drauf und dran, Bagnasco zum Präsidenten zu ernennen.

Denken wir noch einmal an die Anklagebank in Rom, wo bis heute nur zwei Personen sitzen. Ein wegen Beihilfe zum Mord an Roberto Rosone, dem Vizepräsidenten Calvis, bereits rechtskräftig verurteilter Flavio Carboni und ein wegen Mord und Mafia-Zugehörigkeit zu lebenslanger Haft verurteilter Mafia-Boß namens Pippo Calo, der Kassierer der Mafia und Verbindungsmann der sizilianischen Cosa Nostra zur römischen Unterwelt, zu Banken und nicht zuletzt zur Politik. Wie heute gerichtsnotorisch, fungierte die römische Banda della Magliana auch als eine Art Agentur für politische Morde - immer dann, wenn einem der politischen Referenten der Banda ein Gefallen zu tun war. Diese Erkenntnis ist im Jahr 1999 noch Gegenstand von Prozessen, beispielsweise im Verfahren gegen den früheren Staatspräsidenten GiulioAndreotti. Als Calvi spürte, dass man ihm mit den Mitteln der Justiz an den Kragen will - wir wissen, dass der Devisenprozess ein Jahr vor seinem Tod nicht einmal entfernt die wirklichen Probleme der Bank berührte, sondern nur marginale Aspekte -, wandte sich Calvi eben hilfesuchend an diejenigen Leute, von denen er sich - immer im damaligen Kontext zu verstehen - Unterstützung versprechen konnte. Das waren Leute mit Kontakten zur Unterwelt wie Flavio Carboni oder auch die Brüder Vitalone. Calvi konnte nicht wissen, dass 17 Jahre später Claudio Vitalone zusammen mit Giulio Andreotti angeklagt sein würde, Mafiakiller beauftragt zu haben, einen anderen unbequemen Mitwisser aus dem Weg zu räumen - Killern aus den gleichen Mafia-Familien, die auch ihn, Calvi, wenige Wochen später umbringen sollten.Calvi konnte nicht wissen, dass der mutmaßliche Mörder Carboni den Anwalt Wilfredo Vitalone am Morgen vor dem Mord um 6.59 Uhr in dessen Privatwohnung anrufen würde, so als ob er die letzten Details noch absprechen wollte. Jede Annahme über den Gesprächsinhalt ist erlaubt, denn weder Vitalone noch Carboni haben jemals aussagen wollen, was sie so Wichtiges am Mordmorgen zu bereden hatten. Auch nicht, warum sie in den darauffolgenden Tagen immer wieder Kontakt aufnahmen. Und wer war Wilfredo Vitalone, außer daß er der Bruder der damaligen " rechten Hand Andreottis für alle Justizfragen" war? Vertrauensanwalt des Oberbosses der Banda della Magliana, Enrico de Pedis.Wie eng das Netz der politisch-mafiotischen Intrige damals in Italien gestrickt war, ist heute gut erkennbar. Noch ein Detail: Als Wilfredo Vitalone 1984 selber vor Gericht kommt, sucht er sich einen guten Verteidiger. Es ist Fabio Dean, der Anwalt des P2-Geheimlogenchefs Licio Gelli.Nach diesem Ausflug in die Sümpfe italienischer Politik der 80er Jahre stellen wir uns die Anfangsfrage noch einmal: ein so anspruchsvoller Plan wie die Ermordung Calvis, allein entschieden von einem halbseidenen "faccendiere" - Geschäftemacher - Carboni und einem lokalen Mafia-Boß? Diese -Basis-Version- der Staatsanwaltschaft Roms erscheint uns, wohlwollend ausgedrückt, wie eine stark verkürzte Fassung der vollen Wahrheit. Denn erst am Ende der Befehlskette standen die eigentlichen Mafia-Killer, die heute vermutlich alle tot sind, und nur eine Stufe darüber die heutigen Angeklagten Carboni und Calo."Aber wer zog die Fäden?" fragen wir den Anwalt Gamberini.

"Für mich ist es mehr als glaubwürdig, dass es eine Allianz zwischen den USA und dem Vatikan gab, deren Ziel die Zerstörung des Kommunismus war. Bei dieser Strategie hatte die Bank Calvis eine geheime, aber zentral wichtige Rolle gespielt, als der sich geradezu auf natürliche Weise anbietende Schalter." -

"Hatte Calvi Ihrer Meinung nach noch eine Chance?" "Ich glaube nicht. Calvis Todesurteil ist unterschrieben, als man ihn nach London bringt. Die eigentliche Operation "Mord an Calvi" wird, da teile ich die Auffassung der römischen Staatsanwaltschaft, von mafiotischen Handlangern durchgeführt."

Die Staatsanwaltschaft aber sieht hinter den Mafia-Killern und den direkten Organisatoren des Mordes, immer noch auf mafia- oder mafianaher Ebene wie eben den Angeklagten Pippo Calo und Flavio Carboni, keine weiteren Befehlsgeber mehr.

Das findet auch Anwalt Gamberini mit seinen 30 Jahre langen Erfahrungen in politischen Mordprozessen recht seltsam. Er möchte die Staatsanwaltschaft dafür aber nicht kritisieren und meint, vielleicht gäbe es in Rom gute Gründe, den Fall im Augenblick tiefer zu hängen. Wir ahnen, auf was er anspielt: Der politische Wind hat sich längst wieder gedreht im Italien des Jahres 1999. Nicht mehr die Aufklärung der politischen Morde ist angesagt, sondern deren Vertuschung. Die Staatsanwälte und Richter in der vordersten Front gegen Korruption und Mafia sind seit geraumer Zeit wieder in der Defensive. Aus der politischen Elite Italiens, aus den Kreisen der herrschenden Mitte-Links-Regierung von Massimo D'Alema kommt keine Ermutigung mehr, sondern eher sind es Knüppel zwischen die Beine.

 

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