Ausland


16.03.1998

»Das Herz des Staates treffen«

Rom: 20 Jahre nach Ermordung Aldo Moros sind immer noch Fragen offen


Am 16. März 1978 wurde in Rom der italienische Politiker Aldo Moro, Präsident der christdemokratischen Partei Democrazia Cristiana (DC), von einem Kommando der Roten Brigaden entführt. Am 9. Mai 1978, 55 Tage nach der Entführung, entdeckte man Moros Leiche in einem Auto in der Altstadt.

Zwanzig Jahre später ist der Fall juristisch immer noch nicht abgeschlossen: Die Staatsanwaltschaft leitete jüngst neue Ermittlungen ein, aufgrund derer u.a. Giulio Andreotti, ehemals parteiinterner Gegenspieler von Moro und zum Zeitpunkt der Entführung Ministerpräsident Italiens, zur Klärung einer äußerst brisanten Frage beitragen soll: Hat es bei der Entführung und Ermordung des christdemokratischen Spitzenpolitikers und fünfmaligen Ministerpräsidenten durch die Roten Brigaden deshalb keine ernstzunehmenden Verhandlungen mit den Entführern gegeben, weil interessierte Kreise des Staates den Tod von Moro wollten? Nach Recherchen von Journalisten und den Berichten von Teilen des Moro-Untersuchungsausschusses könne bei der Tat selbst eine Mitwisserschaft von Geheimdienstkreisen und politischen Widersachern Moros nicht ausgeschlossen werden. Die konservative italienische Zeitung Corierre della Sera verblüffte die Öffentlichkeit am Wochenende mit einer Meldung, die nur ein Detail in einer Reihe von höchst unglaublich anmutenden Ungereimtheiten herausstellt: Diejenige »Brigadistin«, die während der Gefangenschaft von Moro für die Lebensmittelversorgung zuständig war, sei von der Polizei observiert worden, ohne daß ein Zugriff erfolgte. Derartige Nachrichten schrecken bis heute die Öffentlichkeit Italiens auf. Die Frage, die bisher unbeantwortet blieb, lautet schlicht: Hat Aldo Moro, der Protagonist einer politischen Öffnung gegenüber der kommunistischen Partei seines Landes, deshalb sterben müssen, weil einflußreiche, mächtige Kreise in der Politik eine Machtbeteiligung der KPI verhindern wollten? Der Hintergrund dieser Überlegung: Moro gehörte wie Andreotti zu dem Kreis junger katholischer Intellektueller, der nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Gründung der DC eine maßgebliche Rolle spielte. In den sechziger Jahren hatte Moro durch die Öffnung seiner Partei zu den Sozialisten die Phase der Mitte-Links-Regierungen vorbereitet. Er wurde zum Widersacher des mit der geheimen Freimaurerloge »P2« in Verbindung gebrachten DC-Abgeordneten und mehrmaligen Ministerpräsidenten Andreotti. Später galt Moro als wichtigster christdemokratischer Politiker, der den sogenannten »historischen Kompromiß« befürwortete. 1973 hatte KPI-Sekretär Enrico Berlinguer im Parteiblatt Rinascita die Bildung einer großen Allianz zwischen der kommunistischen und der katholischen Bevölkerung vorgeschlagen, um die politische Spaltung des Landes zu überwinden. Was bei der außerparlamentarischen Linken zum »Revisionismus«-Vorwurf führte und als Verrat an einer revolutionären Perspektive bezeichnet wurde, stieß bei Teilen der Democrazia Cristiana auf Interesse, wurde aber auch als gefährliche Entwicklung und hohes Risiko charakterisiert. Die Befürchtung, Moro wolle die KPI möglicherweise in die Regierungsverantwortung mit einbinden, rief damals besonders im westlichen Ausland heftige Reaktionen hervor. Für Alberto Franceshini, Mitbegründer der Roten Brigaden und während der Moro-Entführung zusammen mit Renato Curcio Teil des »historischen Kerns« der Brigaden, der im Gefängnis als Ansprechpartner für Vertreter des Staates fungierte, gab es nach der Entführung »nur eine Möglichkeit: um jeden Preis verhandeln, koste es, was es wolle«. Wichtig sei, die »geschlossene Front der Unnachgiebigen« zu durchbrechen, »das Einverständnis zwischen Christdemokraten und Kommunisten durch Verhandlungen zu unterminieren, das Herz des Staates zu treffen, das die Zukunft des Landes bestimmen könnte«. Lange Zeit schien es so, als sei die »geschlossene Front der Unnachgiebigen« nicht aufzubrechen. Erst Anfang Mai, 50 Tage nach der Entführung, gab es Anzeichen für eine ernstzunehmende Verhandlungsbereitschaft: Senatspräsident Fanfani setzte sich zögernd von der von Andreotti diktierten, offiziellen DC- Linie ab und appellierte an Staatspräsident Leone, einen schwerkranken Häftling der Roten Brigaden zu begnadigen. Außerdem sprach er von »Bewegung in der Sache«. Doch nur drei Tage später war Moro tot. Warum aber wurde Moro ausgerechnet zu dem Zeitpunkt ermordet, als sich gerade die von den Roten Brigaden geforderte und als politisch so wichtig eingestufte Verhandlungsbereitschaft abzuzeichnen begann? Darauf gab Aldo Moro selbst in einem Abschiedsbrief eine bittere, die Strategen der Partei bloßstellende Antwort: »Mein Todesurteil wird von der Democrazia Cristiana gutgeheißen.«

Bis heute sind nicht wenige in Italien der Ansicht, daß die Roten Brigaden im »Fall Moro« nur Schachfiguren bei einem Spiel waren, das tatsächlich von ganz anderen gespielt wurde. Auf eine Reihe von Fragen wird es daher auch in Zukunft wohl nur unzureichende Antworten geben.

Thomas W. Klein

 

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