IOR

 

Der Vatikan kommt aus den negativen Schlagzeilen nicht mehr heraus. Das jüngste Beispiel, das die Medien weidlich ausschlachten, lieferte der Erzbischof von Neapel, Kardinal Michele Giordano, gegen den italienische Staatsanwälte »wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung, Erpressung und Wucher« ermitteln.

Hinter der allgemein gehaltenen Formulierung »kriminelle Vereinigung« verbirgt sich nichts Geringeres als die Beziehungen, die der Kardinal zur Camorra, der neapolitanischen Form der Mafia, unterhalten haben soll. Als gravierendstes Vergehen ist von »illegalen Geldgeschäften« die Rede, worunter auch Geldwäsche verstanden werden kann.

Offensichtlich waren die italienischen Untersuchungsbehörden Kardinal Giordano bereits seit längerer Zeit auf die Schliche gekommen, denn sie ließen unter anderem seine Telefongespräche abhören. Dann schlugen sie überraschend zu. Zwei Dutzend Polizeibeamte durchsuchten das Kuriengebäude in Neapel und beschlagnahmten zahlreiche Dokumente als Beweisstücke.

Offen bleibt vorerst, ob die vatikanische Bank, die den sinnigen Namen Istituto per l'Opere Religiose (Institut für religiöse Werke - IOR) führt, wie bereits in zahlreichen früheren Fällen in die schmutzigen Geschäfte verwickelt ist.

Ins Gerede gekommen war die Bank des Vatikans zuletzt im Juni vergangenen Jahres, als die Mafia-Beziehungen eines Amtskollegen Giordanos, des Erzbischofs von Montreal bei Palermo auf Sizilien, Salvatore Cassisa, ans Licht kamen. Er wurde unter anderem beschuldigt, bei der kunsthistorischen Restaurierung des Domes von Montreal gegen hohe Bestechungssummen mit der Mafia liierte Baufirmen begünstigt zu haben. Eine besonders spektakuläre Anklage lautete damals, der Erzbischof habe für die der Kurie in Montreal gehörenden Weinberge von der EU durch Manipulationen und Falschaussagen umgerechnet 750 000 DM ergaunert. Niemand glaubte damals ernsthaft, Cassisa habe die Gelder in die eigene Tasche gesteckt. Es galt vielmehr als sicher, daß die so »erwirtschafteten« Summen in die Kassen des IOR geflossen waren.

Dreck am Stecken

Um jedoch den Vatikan und seine Bank aus der Schußlinie zu bringen, war der Erzbischof im vergangenen Jahr sofort zurückgetreten, was er allerdings mit dem Erreichen der Altersgrenze von 75 Jahren begründete. Im Gegensatz zur sonst üblichen Praxis der Zurückweisung hatte Papst Johannes Paul II. dem Ersuchen seines Würdenträgers prompt stattgegeben. Diesmal jedoch will die Kurie nicht klein beigeben und versucht, die Ermittlungen der italienischen Untersuchungsrichter mit dem Beharren auf der Immunität ihres Kardinals, der Inhaber eines Diplomatenpasses ist, zu verhindern.

Dazu fährt man im Heiligen Stuhl schweres Geschütz auf. Kein Geringerer als Erzbischof Jean-Louis Tauran, der vatikanische Außenminister, klagte die italienische Regierung der Verletzung des Konkordats, des 1929 zwischen der Kurie und dem Mussoliniregime geschlossenen Staatsvertrages, an. Nach diesem von der 1946 proklamierten Italienischen Republik anerkannten, 1984 nur geringfügig revidierten Vertrag sei es unzulässig gewesen, die Amtsräume des Kardinals zu durchsuchen oder beispielsweise seine Telefongespräche zu überwachen. Derart unterstützt kündigte der beschuldigte Giordano inzwischen an, bei der obersten richterlichen Aufsichtsbehörde Italiens, an deren Spitze Staatspräsident Scalfaro höchstpersönlich steht, Klage einzureichen.

Die Korruptionsfälle Cassisas und Giordanos sind jedoch nur als »kleine Fische« zu sehen. Der fast zur gleichen Zeit wieder an die Öffentlichkeit gespülte Fall des Vatikan- Vertrauten und Mafia-Komplizen Licio Gelli verdeutlicht, daß die Kurie bedeutend mehr »Dreck am Stecken« hat.

Besagter Gelli konnte im April vor dem Antritt einer langjährigen Haftstrafe ins Ausland fliehen, wurde jedoch im September in Cannes wieder gefaßt und ist nun am Freitag an Italien ausgeliefert worden. Bei Gelli handelt es sich um einen Altfaschisten aus Mussolinis Salo-Republik, der Ende der sechziger Jahre mit Hilfe höchster Kreise der italienischen Politik und Wirtschaft, des Militärs und der Justiz und ebenso aktiver Unterstützung der entsprechenden USA-Kreise, besonders ihres Geheimdienstes CIA, eine sogenannte Freimaurerloge P2 (Propaganda due) gründete, die nach einem »Plan der demokratischen Wiedergeburt« das bestehende parlamentarische System durch einen kalten Staatsstreich beseitigen und ein autoritäres Regime faschistischer Prägung an die Macht bringen wollte. Mafia und Vatikan waren in der Putschistenloge mit von der Partie.

Gelli fungierte als offizieller Führer der P2. Als ihr eigentlicher Chef aber gilt bis heute Giulio Andreotti, der langjährige Ministerpräsident und Gewährsmann des Vatikans in der italienischen Politik. Andreotti brachte 1978 mittels der P2 die von den Kommunisten unterstützte christdemokratische Regierung zu Fall und gilt als Hauptverantwortlicher der Entführung und Ermordung des Parteiführers der Democrazia Cristiana, Aldo Moro, der das Regierungsabkommen mit der IKP schloß. In einem bereits 1995 eröffneten Prozeß ist er ebenfalls der Mitgliedschaft in der Mafia angeklagt, obendrein der Anstiftung zum Mord an einem Journalisten namens Pecorelli, der das Komplott gegen Moro aufdecken wollte (siehe jW-Serie »Aldo Moros Tod ...«, Ausgaben vom 11. bis 14. Mai 1998).

Wie der Mafioso Messina während der Ermittlungen gegen Andreotti aussagte, gehörte »die gesamte Führungsspitze der Mafia den Freimaurern an«. Mittels ihrer hochrangigen Mitglieder aus Industrie und Hochfinanz (von den zirka 2 500 P2-Leuten wurden 47 als Industrielle und 119 als Bankiers ausgemacht) brachte die Logenführung mehrere führende Banken des Landes unter ihre Kontrolle. Dazu gehörte die Ambrosiano, eines der größten Kreditinstitute dieser Zeit, das vor allem über ein internationales Netz von Banken und Gesellschaften verfügte, das als weitreichender als das der Banca d'Italia, der Staatsbank, eingeschätzt wurde. Die von der P2 und der Mafia beherrschte Ambrosiano wiederum liierte sich mit der IOR-Bank des Vatikans und wurde auf diese Weise Partner einer im Herzen Roms existierenden, aber von den italienischen Gesetzen unabhängigen staatlichen Großmacht, als die sich der Kirchenstaat mit dem Papst als Oberhaupt von 800 Millionen Katholiken in der Welt versteht.

Vor allem aber verband sich die Ambrosiano mit einer Finanzmacht (allein ein Aktienbesitz von fünf Milliarden Dollar), deren Instrumentarium von Börsenspekulationen über Kapitaltransfer bis zur Geldwäsche schwer durchschaubare Möglichkeiten bot. Die Ambrosiano- Bank wurde so, wie der Politologe Giorgio Galli, Professor an der Universität von Mailand, in seinem Buch »Staatsgeschäfte, Affären, Skandale, Verschwörungen« (deutsche Ausgabe: Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1994) einschätzt, zu einem »Begegnungszentrum zwischen Vatikan-Finanz und den innersten Gruppierungen der sizilianisch-amerikanischen Mafia« und stellte »ein Geflecht der Beziehungen« zwischen »organisiertem Verbrechertum und Bankiers des Vatikans« dar.

Es waren für »alle Seiten« äußerst lukrative Beziehungen. So veräußerte ein Michele Sindona, seit den 60er Jahren bis zu seinem Bankrott 1974 einer der mächtigsten Finanzhaie auf der italienischen und internationalen Bühne und Repräsentant eben jener sizialianisch-amerikanischen Mafia, 1971 über die Ambrosiano für den Direktor der Vatikanbank, Erzbischof Marcinkus, die milliardenschweren Immobilien der Kurie in Italien und schaffte den Erlös ins Ausland.

Betrügerischer Bankrott

Derselbe Sindona, dem der »Club of Rom«, der die Vertreter der Geschäftswelt aus 25 kapitalistischen Staaten vereint, 1973 den Titel »Unternehmer des Jahres« verlieh und den US-Botschafter John Volpe im gleichen Jahr als »Mann des Jahres« auszeichnete, wurde ein Jahr später des betrügerischen Bankrotts, der Fälschung von Wertpapieren und der Bilanzen seiner Firmen und Banken, der illegalen Parteienfinanzierung und der Bestechung von Politikern, darunter Ministerpräsidenten, des Drogenhandels und der ungesetzlichen Waffengeschäfte angeklagt und dafür 1980 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt.

Sindona ging in Berufung, und höchste Vertreter sowohl der italienischen Politik und Wirtschaft als auch des Vatikans versuchten, ihn »aus den Klauen der Justiz« zu befreien. Die Retterschar führten die graue Eminenz der P2, Ministerpräsident Andreotti, der Präsident der italienischen Staatsbank , Guido Carli, und die Kardinäle Caprio und Guerri sowie Erzbischof Marcinkus höchstpersönlich an. Der Versuch scheiterte vor allem deshalb, weil Sindona die Geduld verlor und drohte, »klingende Namen« zu nennen, wenn der Prozeß nicht eingestellt werde. Das bedeutete Mißachtung der Omerta, des ehernen Gesetzes des Schweigens, und rief die Mafia auf den Plan. Vier Tage nach der Bestätigung des Urteils in der letzten Instanz, das am 18. März 1986 erging, starb er im Gefängnis an einer Überdosis Zyankali. Wie der Journalist Nick Tosches, ein Vertrauter Sindonas, in seinem Buch »Geschäfte mit dem Vatikan« schreibt, soll der Bankier noch gerufen haben, »sie haben mich vergiftet«.

Einen weiteren Mafia- und Vatikan-Vertrauten, Roberto Calvi, Präsident der Ambrosiano-Bank und P2-Mitglied, hatte dieses Schicksal bereits vier Jahre vorher ereilt. Jahrelang hatte der »Bankier Gottes«, wie er in der Finanzwelt genannt wurde, für die Mafia, den Vatikan und die P2 ähnliche Geschäfte wie Sindona abgewickelt und sich dabei letzten Endes verspekuliert, was zum Bankrott der Ambrosiano führte. Aus ihren Beständen waren zwei Milliarden Dollar verschwunden. Der Kirchenstaat mußte offiziell Einbußen von 160 Millionen Dollar hinnehmen und an geschädigte Kunden auf Grund Calvi gewährter Bürgschaften 250 Millionen Dollar zahlen. Paul II. mußte sich persönlich verantwortlich am betrügerischen Bankrott erklären.

»Bankier Gottes«

Der Zusammenbruch der Ambrosiano führte im Rahmen der Steuerfahndung im Mai 1981 zur Aufdeckung der P2. Logenchef Gelli floh in die Schweiz, Calvi nach London. Für Gelli handelten Komplizen in der Justiz eine sichere Rückkehr nach Italien aus. Bis zum Abschluß seines letztinstanzlichen Verfahrens befand er sich auf freiem Fuß. Calvi fühlte sich dagegen in London im Stich gelassen und verlangte ebenfalls »Sicherheiten« für sich, andernfalls würde »eine Bombe platzen«. Die »Financial Times« machte »Calvis Geheimnisse« am 15. Juni 1982 publik. Drei Tage später war der »Bankier Gottes« tot. Er wurde unter der Black Frairs Bridge von London erhängt aufgefunden.

Daß der »Bankier Gottes« ermordet wurde, ist in Italien nie ernsthaft bezweifelt worden, zumal einen Tag später eine Mitwisserin vieler seiner Geheimnisse auf zweifelhafte Weise ums Leben kam. Seine langjährige Sekretärin Graziella Teresa Corrocher stürzte aus dem Fenster des im vierten Stock gelegenen Mailänder Büros der Ambrosiano-Bank. Tosches gibt die Gründe wieder, welche die Mafia zum »Einschreiten« gegen Calvi veranlaßten. Er war »ein unsicherer Kantonist« geworden, der nicht schweigen wollte und deshalb »zu einem Risiko für die im Aufstieg begriffene Bewegung« der P2 geworden war.

Denn ein Jahr später wurde der von der P2 mit Dutzenden Millionen Dollar bestochene Sozialistenführer Craxi Ministerpräsident. Ganz nach den Plänen der P2 sicherte er unter anderem in seiner vierjährigen Amtszeit per Regierungsdekreten nicht nur das Medienimperium des P2- Mitglieds Berlusconi (drei private Fernsehsender) ab, sondern schränkte auch die gewerkschaftlichen Rechte drastisch ein und startete einen bis dahin nicht gekannten Sozialabbau.

Craxi wurde seit Beginn der 90er Jahre in mehreren Prozessen zu insgesamt 26 Jahren Gefängnis verurteilt und konnte ins Ausland fliehen. Er hält sich in Tunis auf, das seine Auslieferung verweigert.

Nun könnte sich der Kreis schließen und Gelli selbst auf die Abschußliste geraten. Schon geistern Meldungen durch die Medien, der 79jährige habe im Gefängnishospital von Cannes, in das er wegen »Haftunfähigkeit« eingeliefert wurde, einen Selbstmordversuch unternommen, sich mit einem Brillenglas die Pulsadern aufgeschnitten. Das paßt so gar nicht zu dem Altfaschisten und Staatsstreichplaner. Eher würde einleuchten, daß auch er zu »einem Risiko für die im Aufstieg begriffene Bewegung«, worunter die P2 samt Mafia und kurialem Anhang zu verstehen ist, wird. Denn der Führer der profaschistischen Opposition, Medienbeherrscher Berlusconi, herausragendes Mitglied der Putschistenloge und 1994 für neun Monate ziemlich genau nach deren Plänen als Ministerpräsident an die Macht gekommen, plant den Sturz der seit Mai 1996 mit Unterstützung der Kommunisten regierenden linken Zentrumsregierung und seine eigene Rückkehr und scheint damit Erfolg zu haben.

Unvorsichtigerweise hatte Gelli seinerzeit geprahlt, mit dem Machtantritt Berlusconis, der mehrere Mitglieder der P2 in seine Regierung aufnahm, seien bereits »verschiedene Inhalte des >Plans der demokratischen Wiedergeburt< verwirklicht worden.«

Noch ein Faktor macht dem Vatikan zu schaffen. Seit die linke Zentrumsregierung ihr Amt antrat, bläst ein etwas frischerer Wind in der Justiz. Ungeklärte Terroranschläge bis zurück zum Attentat in der Mailänder Landwirtschaftsbank auf der Piazza Fontana im Dezember 1969 (16 Tote, fast 100 Verletzte) werden neu untersucht.

Von diesem Zeitpunkt an aber zieht sich »durch nahezu alle Skandale, Putschversuche, Bombenattentate und eine Vielzahl von ungeklärten Verbrechen« die Spur der P2, schreibt Friedericke Hausmann in ihrer »Geschichte Italiens« (Wagenbach, Berlin 1994). Da müßte zwangsläufig auch die P2, welche die frühere Vorsitzende der parlamentarischen Untersuchungskommission, Tina Anselmi von der katholischen Volkspartei, wie viele andere kompetente Persönlichkeiten nach der Flucht Gellis als »noch immer existent« bezeichnete, als »Geflecht der Beziehungen« zwischen »organisiertem Verbrechertum und Bankiers des Vatikans« zur Sprache kommen. Der Platz am Pranger wird dem Heiligen Stuhl weiter erhalten bleiben.

Das dürfte wohl auch bei der ungewöhnlich scharfen Reaktion Ministerpräsident Prodis auf die Anschuldigungen des Vatikans, das Konkordat sei im Fall Giordano verletzt worden, eine Rolle gespielt haben. Der Premier wies die Demarche des vatikanischen Außenministers Tauran zurück und erklärte, die ermittelnden italienischen Staatsanwälte hätten korrekt gehandelt. Inzwischen befaßt sich auch die Antimafia-Kommission des italienischen Parlaments mit der jüngsten Korruptionsaffäre der Kurie. Gläubige nahmen den Fall Giordano zum Anlaß, die Rückzahlung ihrer Kirchensteuern zu verlangen.

Gerhard Feldbauer

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