9.November 1989 - Mauerfall



Wolf Biermann Wolf Biermann wurde am 15. Nov. 1936 in Hamburg geboren. Der Vater, der auf einer Hamburger Werft arbeitete, war nach 1933 im kommunistischen Widerstand engagiert und wurde 1943 im KZ Auschwitz ermordet. 1953 uebersiedelte Biermann in die DDR. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat B. den "Jungen Pionieren" bei und war 1950 Leiter einer Pionierbrigade beim Weltjugendtreffen in Ostberlin. Als eines der wenigen Arbeiterkinder besuchte er bis 1953 das Heinrich-Hertz-Gymnasium in Hamburg, dann ein Internat bei Schwerin. An der Berliner Humboldt-Universitaet studierte er anschliessend Politische Oekonomie und in den Jahren 1959-1963 Philosophie sowie Mathematik.

Wolf BiermannDie Theaterarbeit machte Biermann zu seinem Beruf. 1957-1959 war er als Regieassistent am "Berliner Ensemble" taetig. Gefoerdert wurde er durch den Komponisten Hanns Eisler. Mit Schreiben und Komponieren befasste sich Biermann ab 1960. Fruehe Gedichte veroeffentlichte er in DDR-Zeitungen und in Anthologien wie "Liebesgedichte" (1962) oder "Sonnenpferde und Astronauten" (1964). Mit Freunden baute Biermann 1961/1962 ein altes Hinterhofkino zum "Berliner Arbeiter- und Studententheater" (b.a.t.) um, das bereits vor der Premiere geschlossen wurde. Ein erstes Auftrittsverbot fuer Biermann dauerte bis Juni 1963.

Nach zweijaehriger Kandidatenzeit wurde B. nicht als Mitglied in die SED aufgenommen (1963). 1964 war B. Gaststar des Ostberliner Kabaretts "Die Distel" und unternahm eine Konzertreise durch die Bundesrepublik. In Westberlin trat er zusammen mit Wolfgang Neuss in dessen "Asyl" auf.

Wolf Biermann Als 1965 (Neuaufl. 1976) im Westberliner Wagenbach Verlag B.s Gedichtband "Die Drahtharfe" erschien, erhielt er von den DDR-Behoerden Auftritts-, Publikations- und Ausreiseverbot. Damit war ein vorlaeufiger Schlußstrich unter eine Kampagne gesetzt, die schon vor dem 11. Plenum des ZK der SED im Dez. 1965 ihren Anfang genommen hatte: Man warf Biermann u. a. Klassenverrat und Obszoenitaet vor. Erst im Sept. 1976, elf Jahre nach Inkrafttreten des Berufsverbotes, hoerte das DDR-Publikum den verfemten Protestsaenger erstmals wieder in der evangelischen Kirchengemeinde in Prenzlau.

Im Nov. 1976 erhielt Biermann ein Visum fuer eine Tournee durch die Bundesrepublik, die am 13. Nov. in Koeln begann. Am 17. Nov. berichtete die Ostberliner Nachrichtenagentur ADN, dass die zustaendigen Behoerden Biermann das Recht auf einen weiteren Aufenthalt in der DDR entzogen haetten. In der Begruendung hiess es unter Hinweis auf B.s Auftritt in Koeln, er haette in einem kapitalistischen Land ein Programm gestaltet, das sich ganz bewusst und gezielt gegen die DDR und gegen den Sozialismus gerichtet habe. B.s Ausbuergerung loeste Proteste vieler Kuenstler in der Bundesrepublik und Solidaritaetsbekundungen einer Reihe namhafter DDR-Schriftsteller und -Kuenstler aus. Viele verliessen in der Folge das Land, manche mussten ins Gefaengnis, wie der spaeter freigekaufte Autor Juergen Fuchs. Im Maerz 1977 kamen auch Biermann´s Frau und sein Sohn Benjamin in die Bundesrepublik.

13.11.1976, KölnIm Westen setzte Biermann, der nicht "den Berufsdissidenten spielen", "oeffentlich seine Ostwunden lecken" wollte, seine Kuenstlerkarriere fort.Zwischen Geschichtslektionen und autobiographischen Anekdoten, zwischen Heine-Liedern und Hoelderlin-Versen suchte sich der "Troubadour der deutschen Zerrissenheit" (SZ, 2.10.1987) seinen Weg zum Erfolg. Mit Trauer, Wut und Heiterkeit brachte er auf den vielen in- und auslaendischen Tourneen die Schatten der Vergangenheit zur Sprache, rechnete er mit der DDR ab, artikulierte er die Unzufriedenheit mit dem neuen Lebensraum und bekundete er nimmermuede seine sozialistische Einstellung.

Es gelang Biermann in den Westjahren, sich das Image eines Kritikers anzueignen, der zu vielen Phaenomenen in der Gesellschaft etwas sagen kann und dies nicht mehr nur vor einem "alternativen" Publikum. Scharfsinn, Wortgewalt und Poesie - sie erhoben ihn nach Kritikermeinung ueber viele andere Liedermacher in der Bundesrepublik. Und wenn es in den spaeten 80er Jahren ab und an den Anschein gehabt hatte, der Barde sei "so hundemuede von all der Menschheitsretterei", wie es in dem Biermann-Lied "Melancholie" hiess, so aenderte sich das schlagartig im Spaetherbst 1989 mit der friedlichen Revolution in der DDR. "Was in Moll jaulte, jauchzt nun in Dur" kommentierte die Sueddeutsche Zeitung (4.12.1989) B.s ersten oeffentlichen Auftritt in der Noch-DDR (Leipzig und Ostberlin) nach 25 Jahren. Auf Einladung von DDR-Liedermachern war er Anfang Dez. 1989 eingereist; mehrmalige Versuche im Nov. 1989 waren noch gescheitert, da er auf der Begleitung von Autor Juergen Fuchs und des abgeschobenen Friedenskaempfers Roland Jahn bestand. "Als Mensch gewordener Mythos" (FAZ, 4.12.1989) und als eine Legende zumindest fuer die Aelteren wurde der Dichter und Saenger im Osten begruesst.

Cover Spiegel W.Biermann In den folgenden Monaten (1990/1991) mischte sich Biermann mit Aktionen und Aufsaetzen in die Tagespolitik ein - als Besetzer des Stasi-Hauptquartiers, Schiedsrichter im Literaturstreit und Befuerworter der US-Intervention am Golf. Eine aufsehenerregende Diskussion ueber den Einfluss der Stasi auf die DDR-Kulturschaffenden loeste er im Okt. 1991 mit seiner Dankesrede zur Verleihung des Buechner-Preises aus: Er fuehrte darin "eine sehr unakademische Attacke auf die Oppositionsgruppen der DDR im allgemeinen ("von Stasi-Metastasen zerfressen") und auf den Lyriker Sascha Anderson ("Stasi-Spitzel") im besonderen, der in der DDR als fuehrender regimekritischer Literat gegolten hatte. Nach der ersten Einsicht (15.1.1992) der eigenen Stasi-Akten in der Berliner Gauck-Behoerde erklaerte Biermann seine oeffentliche Auseinandersetzung mit der Stasi fuer beendet und verzichtete darauf, weitere Spitzel zu enttarnen.

Im Nov. 1994 war Biermann in den Schlagzeilen wegen seiner Angriffe auf den PDS-Politiker Gregor Gysi und den fuer die PDS am 16. Okt. 1994 in den Bundestag gewaehlten Schriftsteller Stefan Heym, den er einen "aufsaessigen Feigling" nannte. Einen Skandal gab es im Dez. 1994, als der oesterreichische Bildhauer Hrdlicka im "Neuen Deutschland" seinen Brief an den Schriftsteller und Saenger Biermann veroeffentlichte, in dem er ihn wegen seiner Kritik an den PDS-Politikern als "Arschkriecher" und "Trottel" bezeichnete.

W.BiermannDer Kuenstler Biermann machte in den ersten 90er Jahren als "Beschreiber deutscher Zustaende" von sich reden. Er veroeffentlichte dazu Kurzprosa ("Der Sturz des Daedalus oder Eizes fuer die Eingeborenen der Fidschi-Inseln ueber den IM Judas Ischariot und den Kuddelmuddel in Deutschland seit dem Golfkrieg"), trat am "Berliner Ensemble" sowie auf Tournee auf und war zwei Semester lang (1993-1995) als Heinrich-Heine-Gastprofessor an der Duesseldorfer Universitaet zu hoeren. Gute Kritiken erhielt Biermann 1994 vom Feuilleton fuer seine auf Tournee vorgestellte Interpretation des "Grossen Gesangs vom ausgerotteten juedischen Volk" von Jizchak Katzenelson. Im Sept. 1996 kamen siebzehn neue Lieder von B. unter dem Titel Suesses Leben - saures Leben" auf CD heraus.

Auf Vorschlag von Rolf Hochhuth war Biermann im Jan. 1996 als Nachfolger des verstorbenen Dramatikers und Theterleiters Heiner Mueller am "Berliner Ensemble" im Gespraech. Er selbst nannte dies "aus seiner Sicht einen absurden Vorschlag".

Im Juni 1996 zaehlte B. zu den Mitbegruendern des "Buergerbuero e. V.", das jenen helfen will, die durch Willkuerakte der DDR fortdauernd geschaedigt sind.

1998 - Verleihung des Nationalpreises der Deutschen Nationalstiftung.

1998 erscheint die Live-CD: "Brecht - Deine Nachgeborenen" (98) (Doppel-CD)

Neueste CD: "Paradies uff Erden. Ein Berliner Bilderbogen" (99)
(sh. auch unter News" )




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