VERDUN. Frontalltag. Schützengraben. Grabenwaffen

...by Erich Kassing  

DIE SCHLACHT UM VERDUN - EIN BEITRAG ZUR MILITÄRGESCHICHTE DES ERSTEN WELTKRIEGES 1914 - 1918  

Verdun > Frontalltag > Schützengraben
                  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE SCHLACHT UM VERDUN 
FRONTALLTAG 
SCHÜTZENGRABEN
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Verdun steht für einen grausamen Stellungs- und Grabenkrieg, der seit dem Frühjahr 1916 tausenden von deutschen und französischen Soldaten das Leben kostete!

Das Scheitern des Schlieffenplans und die Ratlosigkeit der Armeeführer führten Anfang des Gut ausgebauter trockener Schützengraben vor Verdun. Unten rechts der Eingang zum fast zehn Meter tiefen Unterstand, 1915/16 Krieges im Westen zur Festsetzung des deutschen Angriffs und zum Ende des Bewegungskrieges. Der einsetzende Stellungskrieg an der fast siebenhundertfünfzig Kilometer langen Frontlinie erforderte auf beiden Seiten die Anlegung eines tiefgestaffelten Grabensystems. Dieser Stellungskrieg war letztlich eine direkte Folge der Stärkung der Defensivwaffen. Der Infanterie überließ man es allein, die gegnerische Frontlinie über das oftmals schmale Niemandsland hinweg mehr oder weniger schutzlos zu stürmen.

General Erich von Falkenhayn, Leiter der militärischen Operationen des deutschen Feldheers und Chef des Generalstabes, bestand auf eine stark ausgebaute Frontlinie, die unbedingt gehalten werden mußte. Erst Anfang Mai 1915 erlaubte die Oberste Heeresleitung (OHL) den Bau einer rückwärtigen zweiten Linie. Bis dahin hatte man denGemauerte Grabenwand, 1916. Reste findet man heute noch vor Flabas in den deutschen Ausgangsstellungen vom 21. Februar 1916 Stellungskrieg nur als vorübergehendes Übel und Provisorium bewertet.

Der Stellungskrieg veränderte das traditionelle Bild vom Krieg: Entmenschlichung des Individuums zu Masse und Material und Spekulation auf Ausblutung des Gegners. Das wesentlichste Element des Stellungskrieges wurde der Schützengraben! Es war der Ort des Bangens und Wartens unzähliger französischer und deutscher Soldaten!

Unter der Einwirkung des ständigen Artilleriefeuers verwandelte sich das Schlachtfeld vor Verdun in eine unwirkliche Trichter- und Mondlandschaft. Der Schützengraben symbolisierte Stagnation: die feindlichen Truppen standen sich nur noch gegenüber, ohne einen entscheidenden militärischen Vorteil für sich verbuchen zu können.

Ich liege auf dem Schlachtfeld mit Bauchschuß. Ich glaube, ich muß sterben.

Deutscher Soldat bei Verdun in einem letzten Brief an seine Eltern.

Die Taktik des Stellungskrieges war überwiegend von Artilleriefeuer und Infanterievorstößen geprägt; sein Schema bestand aus langen Ruhepausen und mörderischen Angriffsphasen. Französischer Schützengraben an vorderster Front, 1917 Dabei wechselten sich tagelanges Artilleriefeuer und Infanteriesturmangriffe ab. War die erste gegnerische Verteidigungslinie durch Artilleriefeuer zerschlagen und von der Infanterie erfolgreich gestürmt, mußte erst einmal die eigene Artillerie nachgezogen werden. Währenddessen hatte der Gegner genügend Zeit, die eigenen Kräfte neu zu gruppieren.

Das tief und dicht gegliederte Stellungssystem vor Verdun bestand aus mehreren, durch Stacheldraht gesicherten Schützengräben, einer Hauptkampflinie (HKL), unzähligen Auffangstellungen, Deckungs-, Unterstützungs-, Stich- und Verbindungsgräben. Versehen mit scheinbar bombensicheren Erdlöchern, kümmerlichen und behelfsmäßigen Unterständen, verfaulten, verlausten und feuchten Liegestellen, in denen die Soldaten mehr oder weniger hausten. Nicht selten standen sie dabei bis zum Stiefelrand im Wasser.

Die Gegebenheiten des Frontgeländes bestimmten die Möglichkeiten des Labyrinths von Kampf-, Lauf-, Quer-, Bereitstellungs- und Verbindungsgräben. Für die Befestigung der Gräben hatte man ganze Wälder abgeholzt und in schnell errichteten Sägewerken zu Brettern verarbeitet. 

Die Gräben des Stellungssystems waren so tief, daß sie einem einzelnen Soldaten einDrahtschere wenig Schutz boten; aber so schmal; daß feindliches Artilleriefeuer, Granatsplitter und  Schrapnellen möglichst nur geringen Schaden anrichten konnten. Die Brustwehren waren hoch und mit Sandsäcken ausgebaut; die Sohlen mit Holzbohlen Spatenund Lattenrosten ausgelegt. Pausenlos schleppten Pioniere das Baumaterial wie Eisenbahnschienen, Stollenbretter und Stacheldrahtrollen sowie Werkzeuge wie Spaten und Drahtscheren nach vorne: genormte Bretter, die man aus vier Bohlen von fast fünf Zentimetern zusammensetzte: Decken-, Seiten- und Bodenbretter. Die Drahtverhaue, an Pflöcken befestigt, waren im ersten Kriegsjahr noch sehr schmal. Schilder wiesen dem Unkundigen den Weg. Am Ausbau der Gräben wurde kontinuierlich gearbeitet. 

Waffen für den Grabenkrieg (Auswahl)

Standartwaffe der deutschen Infanterie: das Gewehr 98 mit dem Kaliber von 7,9 mm

Dt. Seitengewehr 98

Dt. Stielhandgranate

Dt. Eierhandgranate

Dt. Grabendolch

Dt. Luger-Pistole

Dt. Wurfgranate 16

Frz. Kugelgranate

Frz. Eierhandgranate

Leichtes deutsches Maschinengewehr 08/15

Leichter deutscher Minenwerfer neuer Art 1916

In den oft zehn Meter tiefen Unterständen, zwanzig Stufen sollten vor schwerer Artillerie schützen (!), installierte man anfangs noch elektrisches Licht, Stühle, Tische, Öfen,Ofen für Unterstand, 1916 Holzbettgestelle, Fußböden und Teppiche. Das Leben in den Unterständen mit seinen schlechten hygienischen Bedingungen prägte den Frontalltag der Soldaten.

Um sich herum sahen die jungen Männer nur das leere Schlachtfeld: eine Landschaft des Grauens und der Trostlosigkeit. Die einst prächtigen Wälder bestanden nur noch aus mannshohen Stümpfen. Mit dem möglichen Tod als ständigem Begleiter waren viele Soldaten den psychischen und physischen Belastungen des Grabenkrieges bald nicht mehr gewachsen. Die endlosen Tage mit den immer gleichen Tätigkeiten. Müdigkeit und Erschöpfung prägten den Alltag. Das Niemands- land zwischen dem eigenen und dem feindlichen Grabensystem war vor Verdun machmal nur fünfundzwanzig Meter tief. Den französischen Fliegern blieben die überwiegend nächtlichen Schanzarbeiten natürlich nicht unbekannt: auf Grund der Kreideerde leuchtete der blütenweiße Grabenaushub kilometerweit. Über lange Gräben waren die an den vordersten Linien eingesetzten Truppen mit den Nachschubstellen und Feldlazaretten verbunden. Hinter den Gräben befanden sich die einbetonierten MG-Stellungen.

Bei der geringen Distanz der eigenen und feindlichen Gräben dauerte ein Angriff nicht länger als fünf Minuten! Die meisten Angriffe erfolgten in der Morgendäm- merung; nächtliche Kämpfe gab es nur wenige.

Die Unsichtbarkeit des Gegners, die große Reichweite der feindlichen nicht einsehbaren Schweren Artillerie, der Einsatz der Flugzeuge und die Gasangriffe, ließen die Soldaten den Grabenkrieg als industriellen Krieg erfahren. Der Schützengraben bot keinen sicheren Schutz mehr.

Quellen und Literatur:
  • Brocks, Christine/Ziemann, Benjamin: Vom Soldatenleben hätte ich gerade genug. Der Erste Weltkrieg in der Feldpost von Soldaten, in: Die letzten Tage der Menschheit. Bilder des Ersten Weltkrieges, hg. v. Rainer Rother, Berlin 1994.
  • Flemming, Thomas u.a.: Grüße aus dem Schützengraben, Berlin 2004.

  • Hirschfeld, Gerhard u.a. (Hg.): "Keiner fühlt sich mehr als Mensch". Erlebnisse und Wirkungen des Ersten Weltkriegs, Ffm. 1996. 
  • Hirschfeld, Gerhard/ Krumeich, Gerd/ Langenwiesche, Dieter/ Ullmann, Hans-Peter (Hg.): Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkrieges, Essen 1997. 
  • Knoch, Peter (Hg.): Kriegsalltag. Die Rekonstruktion des Kriegsalltags als Aufgabe der historischen Forschung und Friedenserziehung, Stuttgart 1989. 
  • Nitschke, August: Fünf Brüder im Ersten Weltkrieg, in: Krisen und Geschichtsbewußtsein. Mentalitätsgeschichtliche und didaktische Beiträge. Peter Knoch zum Gedenken, hg. v. Dieter Brötel und Hans H. Pöschko, Weinheim 1996.
  • Rommel, Erwin: Infanterie greift an. Erlebnis und Erfahrung, Potsdam 1937. 
  • Seeßelberg, Friedrich: Der Stellungskrieg 1914-1918, Berlin 1926. 
  • Ulrich, Bernd: Die Augenzeugen. Deutsche Feldpostbriefe in Kriegs- und Nachkriegszeit 1914-1933, Essen 1997.

  • Ulrich, Bernd/Ziemann, Benjamin (Hg.): Frontalltag im Ersten Weltkrieg-Wahn und Wirklichkeit. Quellen und Dokumente, Frankfurt/M. 1994.
  • Vondung, Klaus (Hg.): Kriegserlebnis. Der Erste Weltkrieg in der literarischen Gestaltung und symbolischen Darstellung der Nationen, Göttingen 1980. 
  • Werth, German: Verdun. Die Schlacht und der Mythos, Bergisch Gladbach 1979.

Abbildungen:  

  • Erich Kassing.

 

weiter mit Frontalltag:

Bereitschaft & Ruhestellung

1/3 der Soldaten kämpfte eine Woche direkt im Frontbereich, 1/3 befand sich eine Woche lang hinter der Front in Bereitschaft und 1/3 lag eine Woche in der Ruhestellung weit hinter der Front, außerhalb der gegnerischen Artillerie. So lagen z.B. in der Brûle-Schlucht am Südhang in Erdlöchern und schwach ausgebauten Stollen die deutschen Bereitschaftsbataillone und Regimentsgefechtsstände.

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