Ruderwache

 

Auf der MIR haben die Trainees die Möglichkeit, an den Ruderwachen teilzunehmen. Dies bedeutet, dass sie das Steuern des Schiffes für jeweils 1/2 Stunde tagsüber und 1/2 Stunde nachts übernehmen. Wer sich dafür meldet, steuert das Schiff alleine, aber unter der Kontrolle des Wachoffiziers und falls notwendig eines erfahrenen Rudergängers. Dies kann ein Matrose, ein Kadett oder auch ein Trainee, der bereits öfter mitgefahren ist und sich als guter Rudergänger erwiesen hat, sein.

Wenn du eine Ruderwache übernehmen willst, sollten deine Augen okay sein. Es ist kein Problem, wenn du eine Brille trägst, aber entweder ohne oder mit Brille musst du in der Lage sein, den Steuerkompass aus einer Entfernung von 1,5 m abzulesen, denn die allermeiste Zeit wirst du Kompasskurse steuern.

Wenn du dich zum Rudergehen meldest, bekommst du eine feste Uhrzeit zugeteilt, während der du das Ruder übernehmen wirst. Diese Zeit bleibt den gesamten Törn über dieselbe und sollte nur in Ausnahmefällen getauscht werden. Beispielsweise gehst du dann immer vom 09:30-10:00 Uhr und von 21:30 -22:00 Uhr Ruder. Der Wachoffizier ist dann informiert, dass du kommst und erwartet dich. Wenn du einmla nicht kommen kannst - z.B. weil du seekrank bist - ist es notwendig, den Wachoffizier darüber zu informieren, dass er einen Kadetten findet, der deine Zeit übernimmt.

Für deinen eigene Erfahrung und um wirklich einen Lerneffekt zu erzielen, ist es empfehlenswert, tatsächlich die Ruderwachen während des gesamten Törns zu machen. Jeden Tag ist anderer Wind, anderer Seegang und eine andere Situation, sodass keine Ruderwache der anderen gleicht. Innerhalb von 5-6 Tagen erhälst du aber einen guten Einblick in die Arbeit des Rudergängers auf einem großen Schiff.

 

Wenn es Zeit für deinen Wache ist:

Nun zu dem, was du am Steuer zu tun hast:

Die meiste Zeit - insbesondere wenn du Anfänger bist - wirst du einen bestimmten Kurs nach dem Steuerkompass steuern. Das bedeutet, dass der Wachoffizier dir einen Kompasskurs ansagt. Er tut das in Englisch und es klingt in etwa so:  "The course is two-four-seven!" Dies bedeutet, dass du einen Kurs von 247° auf dem vor die stehenden Kompass halten sollst.

Dein Steuerkompass ist ein Tochterkompass der Kreiselkompassanlage des Schiffes. Er hat 2 Skalen. Auf dem äußeren Ring gibt es Schritte von jeweils 10° mit Unterteilungen von einzelnen Graden. Der innere Ring zeigt einzelne Grad unterteilt in Zehntelgrad an und hilft dir beim exakten Steuern. Anders als auf Yachten wird auf der MIR aufs Grad genau gesteuert. Wenn dein Kurs 247° ist, ist es nicht okay, 245° oder 250° zu steuern. Du solltest versuchen, so genau wie möglich zu steuern. Dank der hydraulischen Steueranlage der MIR ist das aber kein so großes Problem. 

Muss ein größerer Kurswechsel vorgenommen werden, erhälst du Kommandos für einen bestimmten Winkel Ruderlage. Hierfür hast du einen Ruderstandsanzeiger vor dir, auf dem du die jeweilige Stellung des Ruderblattes ablesen kannst. Die Kommandos hierfür sind:

starboard 5            - gib 5° Ruder nach steuerbord
port 5                     -
gib 5° Ruder nach backbord

starboard 10         - gib 10° Ruder nach steuerbord
port 10                  -
gib 10° Ruder nach backbord<

hard starboard     - gib 35° Ruder nach steuerbord (maximale Ruderlage)
hard a port           -
gib 32° Ruder nach backbord (maximale Ruderlage)

midships                               - halte das Ruder genau auf der Mittschifffslinie, bzw. kehre dorthin zurück 
steady (as she goes)              - steuere konstant den im Moment anliegennden Kompasskurs
steady on two-six-zero          -
steuere jetzt 260° Kompasskurs

Manchmal steuern wir einen bestimmten Winkel zum Wind. Vor dir ist ein Windanzeiger angebracht. Er zeigt dir die Stärke und Richtung des scheinbaren (an Bord gefühlten) Windes. Du wirst nun z.B. das Kommando erhalten, 55-60° am Wind zu steuern. In diesem Fall kümmerst du dich nicht mehr um den auf dem Kompass anliegenden Kurs, sondern ausschließlich auf den Windanzeiger. Jetzt geht es in der Hauptsache um das konstante Einhalten eines bestimmten Winkels zum Wind, für den die Segel im Moment getrimmt sind.

Wenn du dich nach einiger Zeit als fähiger Rudergänger erweist, kann es sein, dass du die Anweisung erhältst, nach Wind und Segeln zu steuern. Dies ist die Art, die MIR hoch am Wind oder beim Aufkreuzen zu steuern. Das Steuersegel ist hierbei das oberste gesetzte Rahsegel am Großmast. Wenn dessen luvwärtiges Seitenliek leicht zu spielen anfängt, ist die maximale Höhe am Wind erreicht. Jetzt kannst du leicht anluven wenn der Wind zunimmt und musst leicht abfallen, wenn er abnimmt. Dein Blick geht nur noch ins Segel und du folgst jeder Änderung seiner Richtung und versuchst, den perfekten Punkt zu finden. Hierbei ist ganz vorsichtiges Steuern angesagt. Das Rad sollte nicht mehr als 1/4 Drehung zu jeder Seite bewegt werden, weil zu viel Ruderlage sich negativ auf die Geschwindigkeit des Schiffes auswirkt. Es ist schwer, dies zu beschreiben, aber vielleicht segeln wir ja mal zusammen auf der MIR und ich kann es dir zeigen...

 In engen Fahrwassern, Ansteuerungen oder während der Arbeit mit dem Lotsen ist Präzisionssteuern notwendig. Das heisst, wir steuern exakt den angegebenen Kurs mit nicht mehr als 0,5° Abweichung zu jeder Seite. Je präziser du steuerst, desto besser. Hierzu gibt es 5 Tricks, die man wissen sollte:

Trick 1:
Erlaube dem Kurs nicht die kleinste Abweichung. Reagiere bereits wenn die Nadel 0,1° auswandert. 
Je länger du wartest, desto mehr Arbeit mit Zurücksteuern hast du, desto länger dauert es und desto größer die Chance, dass der Kurs gleich wieder in die andere Richtung auswandert.

Trick 2:
Erlaube nicht, dass irgendetwas deine Konzentration stört. 
In dem Moment, wo du deine Augen vom Kompass nimmst, wird der Kurs anfangen, auszuwandern. Wenn du das Ruder zu einer Präzisionssteuerung übernommen hast, musst du alle deine Aufmerksamkeit ausschließlich darauf richten und auf nichts anderes. Wenn du merkst, dass du müde oder unkonzentriert wirst, lasse dich ablösen.

Trick 3:
Wisse immer, wo die nächste Tone ist.
Lasse nicht zu, dass Kurswechsel für dich überraschend kommen. Während einer Ansteuerung oder im Fahrwasser markieren die Tonnen in der Regel Stellen, wo ein Kurswechsel vorgenommen wird. Das heißt, dass der Lotse dir im dem Moment, wo du sie passierst, einen neuen Kurs ansagen wird. Wenn du weißt, wo das Fahrwasser verläuft, kannst du schneller reagieren und die Möglichkeit, ein Kommando falsch zu verstehen ist nicht so groß.

Trick 4:
Mache deine Hausaufgaben, bevor du das Ruder übernimmst.
Wenn du weißt, dass du während einer bestimmten Passage oder Ansteuerung das Ruder übernehmen wirst, dann wirf einen Blick auf die Seekarte und in die Gezeitentabellen vorher. Wenn du in ungefähr weißt, wo es lang geht und welche Bedingungen dann dort herrschen, wirst du besser steuern. 

Trick 5:
Kenne mögliche Störfaktoren. 
Große Schiffe, die dich überholen, enge Fahrwasser mit Untiefen an den Seiten, Steingrund, wenig Fahrt oder Gezeitenwechsel haben signifikante Auswirkungen auf die Steuereigenschaften des Schiffes. Wenn du weißt, was sie machen, kannst du dich darauf einrichten und entgegenwirken.

Rudergehen während des Segelmanövers. Du wirst dabei dieselben Kommandos wie beim Kurswechsel erhalten, nur ist es hier unbedingt notwendig, diese so schnell und exakt wie möglich auszuführen. Wenn du zu langsam bist, stoppst du das Schiff in der Wende, was Kapitän und Crew in der Regel sehr erfreut, weil sie dann alle Rahen zurückbrassen und von vorne beginnen müssen.

B.Beuse, 07/2003

Maritime Standard Phrasen (IMO) für's Rudergehen

1