Gedichte von Ringelnatz

 

Abschied der Seeleute

Chor der Seeleute:
Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbraeute
Gelten fuer heute,
Sind nur fuer to-day.

Die Maedchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh!
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und traegt uns in See,
Far-away.

Chor der Maedchen:
Wir, die Braeute
Der Fahrensleute,
Lieben und kuessen,
Doch wissen, sie muessen
Zur Seefahrt zurueck.

Und wenn sie ertrinken,
Dann - wissen wir - winken
Uns andre zum Glueck.

 

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Ach, ich moechte einmal wieder
Als Matrose im Atlantik kreuzen,
Um mein Herz und meine Lieder
In die wilden Wetter auszuschneuzen.

 

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Herr Steuermann, ach Steuermann.
Mein Herz ist so schwer.
"So bind ein gut Stueck Eisen dran
Und wirf es ueber Bord ins Meer."

 

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Seefahrt

Wie viele Gedanken begleiten
Erwartend die Schiffe, hin, her von Land!

Manchmal gleichen auf See die Zeiten
Dammzimmerchen ohne Wand.

Wenn Schiffe verschollen geblieben,
Untergegangen sind,
Fragt niemand mehr: Welcher Wunsch, welcher Wind
Hat das Schiff in die Ferne getrieben?

Was ist's, was die Schiffe meistert,
Durch die Moeglichkeiten sie leitet?
Der Mut, der den Weitblick begeistert,
Rauhleben, das Kleinblicke weitet.

Mit Ehrlichkeit durch die Gefahr. -

Vielleicht ist das morgen nicht mehr.
Doch die Seefahrt, wie vordem sie war,
War wunderbar.
Roch nach Gewuerzen und Teer.

 

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Lat man goot sin seute Marie.
Mi no ssavi!
Ich habe deine Photographie
In der Meditteriensi
Weit draussen auf dem Meere
Damals verloren,
Als ich bei den Azoren
Mit der Bulldog beihnah versoffen wäre. - 

Bulldog aheu!

 

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Kameraden, vorbei ist das Fasten,
Ich sehe den Leuchtturm durchs Glas.
Schon flattern um unsere Masten
Die Moewen. Im Wasser schwimmt Gras.

Schon steigen die Tuerme vom Hafen
Wie Kraeuterkaese gruen aus dem Grau.
Old sailorboys, heute nacht schlafen
Wir alle an Land bei der Frau.

Vielleicht tanzen wir heute
Und saufen soviel uns behagt.
Wir haben als Fahrensleute
Solang dem Vergnuegen entsagt.

 

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Segelschiffe

Sie haben das maechtige Meer unterm Bauch
Und ueber sich Wolken und Sterne.
Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch
Mit Herrenblick in die Ferne.

Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand
Wie trunkene Schmetterlinge.
Aber sie tragen von Land zu Land
Fuersorglich wertvolle Dinge.

Wie das im Wind liegt und sich wiegt,
Tauwebueberspannt durch die Wogen,
Das ist eine Kunst, die friedlich siegt,
Und ihr Fleiss ist nicht verlogen.

Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt. -
Natur gewordenen Planken
Sind Segelschiffe. - Ihr Anblick erhellt
Und weitet unsere Gedanken.

 

 

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