Das Setzen und Bergen der Segel auf MIR

Wie man im Rigg und an Deck mit Segeln und Leinen arbeitet.

 

Die Sicherheit und Effizienz eines jeden Schiffes hängt eng mit der Zusammenarbeit der Crewmitglieder zusammen. Nirgendwo anders ist das so sehr der Fall, wie auf einem Rahsegler. Das Versäumnis eines einzelnen Kadetten, rechtzeitig eine Leine zu lösen, kann eine Wende scheitern lassen. Eine andere Leine, zum falschen Zeitpunkt losgeworfen, kann leicht einen Kameraden verletzen oder sogar töten. Vielleicht nirgends woanders ist eine gut befehligte und gut funktionierende Kommandokette so notwendig, wie hier. In der Tat ist einer der wichtigsten Gründe für die Ausbildung von Kadetten an Bord eines Segelschulschiffes darin zu finden, den Kadetten die Möglichkeit zu geben, sich in ein dermaßen eng gefügtes System unter dem Befehl der kommandierenden Offiziere einzufügen. Die Konsequenzen des Unvermögens, sich genügend einzufügen und die große Wichtigkeit eines jeden einzelnen Kadetten in der Kommandokette werden besonders deutlich durch den zusätzlichen Zeitaufwand und die zusätzliche Arbeit, die gebraucht wird, wenn eine Aktion fehlschlägt. Beispielsweise, wenn eine Wende misslingt, müssen die Rahen zurückgebrasst werden, Segel anders gesetzt werden und die Leinen wieder neu vorbereitet werden. So wird aus einem 10-Minuten-Manöver leicht eine Arbeit von einer Stunde.

SEGEL SETZEN

Nahezu alle der ungefähr 230 beweglichen Teile des laufenden Riggs werden beim Setzen und Bergen der Segel der МИР eingesetzt. Dennoch ist der Vorgang relativ simpel. Wenn die Segel einmal in ihrem Geschirr hängen, kann eine gute Crew alle Segel in weniger als fünf Minuten setzen und in weniger als drei Minuten bergen. Traditionell werden die Segel von unten nach oben gesetzt, obwohl normalerweise Fock- und Großsegel erst nach den Oberbramsegeln gesetzt werden. Danach folgen die Bram- und Royalsegel. Vorsegel und Stagsegel setzt man ebenfalls von unten nach oben. Geborgen werden die Segel in umgekehrter Reihenfolge. Die Reihenfolge des Setzens und Bergens der Segel spiegelt die natürliche Reihenfolge wieder, in der Segel zu Zu- und Abnehmen des Windes geborgen und hinzugefügt werden. Normalerweise werden die Royals, Bramsegel und die oberen Stagsegel zuerst eingeholt, weil sie bei Starkwind das Schiff stark krängen lassen ohne erheblich zu seiner Geschwindigkeit beizutragen. (Im Gegenteil verliert das Schiff sogar noch an Geschwindigkeit durch starke Krängung, da sich seine aquadynamischen Verhältnisse nachteilig ändern und gleichzeitig die Abtrift zunimmt.) Fock- und Großsegel werden vor den Marssegeln weggenommen. Sie sind groß und unhandlich und in Wetter schwer zu beherrschen. In leichten Winden können alle Vor- und Stagsegel gleichzeitig eingeholt werden. Mit einer trainierten Crew können sogar zwei Rahsegel pro Mast gleichzeitig gesetzt werden. Es macht nur wenig Unterschied, ob zuerst die Rahsegel oder zuerst die Schratsegel gesetzt werden. Der das Manöver leitende Offizier muss aber aufpassen, dass die Segelfläche pro Mast immer ausgeglichen ist, damit nicht übermäßig Ruder gelegt werden muss um den Kurs zu halten.

SEGEL LÖSEN

Bevor die Segel gesetzt werden können, müssen sie gelöst werden. Die Segel werden durch Zeisings an ihren Plätzen gehalten. Wenn alle Zeisings gelöst sind, wird das Segel von der Rah gestoßen und hängt in seinen Gordings und Geitauen, man sagt auch: in seinem Geschirr. Wird ein Zeising vergessen, macht das Gewicht des Segels es schwierig oder sogar unmöglich, ihn zu lösen und er muss eventuell sogar abgeschnitten werden.

RAHSEGEL SETZEN

Der erste Schritt zum Setzen jedes Rahsegels ist das Dichtholen des Schoten ( "schkoty do mjesto" ) oder Heranziehen des Segels an die untere Rah - wie bei einer Jalousie - durch das Holen der Schoten und Loswerfen der Gordings. Da die Schoten der Gegenpart der Geitaue und das Segel durch die Bauch- und Nockgordings gehalten wird, muss man diese loswerfen. Bei Fock- und Großsegel werden Schot und Hals geholt um das Segel immer genau unter der Rah zu halten. Drei Kadetten reichen normalerweise aus um eine Schot zu bemannen, denn die Segel ab der Untermars sind relativ klein und leicht zu handhaben. Bei Starkwind kann es notwendig werden, in die Schot einen Block einzuscheren um sicher zu sein, dass das Liek dicht an der Rah bleibt. Bei Fock- und Großsegel ist das etwas anderes, sind sie doch die größten gesetzten Segel. Bei mäßigen Winden reichen auch hier drei oder vier Kadetten zum Bemannen einer Schot oder Hals, bei starken Winden braucht es aber bis zu 10 Kadetten für dieselbe Arbeit und ein Stopper muss eingesetzt werden um die Leine sicher zu belegen. Geistesgegenwart ist gefragt beim Bemannen der Schoten und Halse. Wenn hart angebrasst ist, verteilt sich alle Kraft auf die Luv-Schoten und Lee-Halsen; einzelne Kadetten können die jeweils anderen alleine handhaben. Wenn vierkant gebrasst ist, müssen beide Schoten gleichmäßig bemannt werden mit nur jeweils einem einzigen Kadetten an jeder Hals.

VOR- UND STAGSEGEL SETZEN

Vor- und Stagsegel sind einfacher zu setzen als Rahsegel. Durch die Gefährdung durch fliegende Blöcke sind sie jedoch potentiell gefährlicher als diese. 
Zum Setzen werden die Niederholer an Deck zum Auslaufen vorbereitet ausgelegt und die Fall wird ausgerannt bis das Achterliek des Segels steht und keine Falte mehr zu sehen ist. Normalerweise reichen zum Ausrennen einer Fall vier Kadetten aus, jedoch können bei stärkeren Winden doppelt so viele erforderlich sein. Wenn das Segel oben ist muss die Schot geholt und durchgesetzt werden. Wenn die Schot zu dicht geholt wird, werden die Stagreiter an den Stag gepresst und es wird schwierig, das Segel zu setzen; ist sie zu lose, schlägt das Segel und kann reißen. Das bedeutet, dass es sorgfältiger Aufmerksamkeit während des gesamten Prozesses bedarf. Bei leichten Winden reichen zwei Kadetten je Schot, bei stärkeren Winden braucht es drei oder vier und dann noch weitere zum dicht holen wenn das Segel oben auf dem Stag angekommen ist. Da Vor- und Stagsegel ausgesprochen schwierig zu beherrschen sind, kann Unterbemannung leicht zu bösen Verbrennungen durch das (Kunststoff-)Tauwerk führen. Die Segel müssen so getrimmt werden, dass die Schot nicht an den darunter liegenden Segeln schamfilt, da sie sonst in das Segel schneiden könnte. Stagsegelschoten tendieren zum Ausleiern wenn sie nicht aufmerksam kontrolliert werden. Infolgedessen muss jeder immer gut klar von den Stagsegeln (und Vorsegeln) und ihren Blöcken stehen. Sie werden nicht umsonst "Witwenmacher" genannt.

BESAN SETZEN

Das Setzen des Besans ist recht einfach. Der Baum muss ca. 1 1/2 Fuß angehoben werden, so dass das Segel gesetzt werden kann, ohne dass das Liek Schaden nimmt, und die Bullentalje muss nach Lee geriggt werden. Der Baum wird dann zum Setzen vorbereitet durch das holen des Bullen und gleichzeitigem  Fieren der Luv-Schot, Luv-Savaltalje und Luv-Flaggenfall.  Normalerweise, außer wenn das Schiff stark rollt, reichen drei oder vier Kadetten für den Bullen und jeweils einer an den anderen Leinen. Ist der Baum draußen wird das Segel durch Holen der Ausholer und das Fieren der Einholer und Gordings gesetzt. Da der Besan eines der größten Segel der МИР ist, braucht es einige Kadetten um ihn zu setzen. Ein einzelner Kadett kann alle Gordings gleichzeitig fieren und  jeweils ein Kadett ist für jeden Einholer erforderlich. Mindestens drei Kadetten werden am Piek-Ausholer gebraucht und fünf am Fuß-Ausholer, mehr sind wünschenswert.

RAHSEGEL BERGEN

Die Prozedur zum Bergen der Segel ist reziprok zum Setzen der Segel. Die Leinen, die gefiert wurden, werden jetzt geholt und diejenigen, die zuvor geholt wurden, werden nun gefiert.

Auf das Kommando "Hol weg!" ( "vsjatj na schkoti" ) wird die Fall gefiert und die Geitaue geholt. Die Schoten der darüber liegenden Segel werden losgeworfen um ein mögliches unklar kommen zu verhindern. Wenn das Segel fest zum Nock geholt ist, wird das aufgeien vervollständigt durch das Heranholen des Segels zur Rah. Auf das Kommando "Gei auf" ( "vsjatj na gitovy i gordenji" ) werden die Schoten gefiert und die Gordings geholt bis das Segel an der Rah ist. Fock- und Großsegel sind Sonderfälle, da hier außer den Schoten noch die Halsen gefiert werden müssen. Entgegen anderen Rahseglern ist das Untermarssegel auf МИР an einer feststehenden Rah und muss somit ebenfalls aufgegeit werden beim Bergen.

Der für den Mast zuständige Decksoffizier muss das aufgeien aufmerksam überwachen und "genug" ("stop tak" ) befehlen, wenn das Segel an der Rah angekommen ist. Die Leinen werden normalerweise unterschiedlich schnell geholt und ein weiteres Holen einer Leine wenn das Segel bereits angekommen ist, kann dazu führen, dass sie aus ihrer Befestigung reißt oder die Blöcke zerstört werden.

VOR- UND STAGSEGEL BERGEN

Die Vor- und Stagsegel werden durch das Lösen der Fall, Fieren der Schoten und Ausrennen der Niederholer geborgen. Die Schot benötigt große Aufmersamkeit. Ist sie locker, kann das Segel schlagen und möglicherweise reißen und die Schotblöcke fliegen gefährlich hin und her. Auf der anderen Seite braucht es auch genug Lose um das Niederholen nicht zu erschweren. Mehr noch - der Niederholer läuft zum Kopf des Segels und dann zum Schothorn. Daher muss die Schot mehr gefiert als lose gegeben werden, damit der Niederholer das Schothorn zum Kopf holt und so den Wind aus dem Segel nimmt.. Offentsichtlich ist, dass es guter Kontrolle währen des gesamten Aktion bedarf.
Ein einzelner Kadett genügt für Fall und Schoten. Zwei oder drei können die Niederholer bedienen, auch wenn es besser ist, wenn es mehr tun um die Segel schnell zu bergen. Stehen genug Leute zur Verfügung können alle Stagsegel eines Mastes gleichzeitig geborgen werden.

BESAN BERGEN

Das Bergen des Besans ist wie das Bergen eines Marssegels: Ausholer werden gefiert, Einholer und Gordings werden geholt. Ist das Segel drinnen, wird der Baum abgesenkt und die Bullen dichtgeholt. Mindestens drei Kadetten werden für den Piek-Einholer gebraucht, fünf für den Fuß-Einholer, einer für jeden Gording. Wegen der Größe des Segels sind mehr Kadetten vorteilhaft.

SEGEL PACKEN

In leichten Winden ist es vertretbar, die Segel in aufgegeitem Zustand zu belassen ohne sie zu packen. Bei stärkeren Winden würden sie jedoch flattern und schamfilen und müssen daher festgemacht werden.
Das Festmachen lernt man besser praktisch als durch die Beschreibung in einem Text. Bei Starkwind muss zuerst die Luvseite befestigt werden, so dass die Böen nicht unter das Luv-Liek kommen und das Segel aus den Händen der Kadetten, die versuchen, es zu packen, wehen können.
Um ein gutes Packen zu ermöglichen, muss das Segel zunächst einmal komplett zur Rah aufgegeit werden. Dabei muss darauf geachtet werden, dass sich die Gei nicht in den Geiblock zieht und Befestigungen für die Gordings nicht auf die Rah gezogen werden, wo sie das Packen behindern. Zuerst wird das Unterliek parallel zur Rah gebracht und festgehalten bis die letzte Bucht heraus ist, damit irgendwelche Unordnung des Segels, die sich nicht packen ließe, sich löst. Dann wird das Segel jeweils in Armeslänge möglichst gleichzeitig in Falten zur Rah gezogen, wobei die jeweils vorigen Falten in die nachfolgenden hineingesteckt werden. Das wird solange weitergemacht, bis das letzte Stück Segel wie eine Wurst von Oberliek aus die Falten umschließt. Nun wird das Segel gleichzeitig (auf Kommando des Kadetten am Nock) auf die Rah gerollt und zwischen das Jackstag und das Handstag gelegt. Jetzt muss man über das Segel greifen und nach den Zeisingen tasten, die unter dem Segel ebenfalls am Jackstag befestigt sind. Man zieht sie über das Segel und befestigt sie so dicht wie möglich mit Hilfe eines  Webleinenslipsteks. Es ist wichtig, keinen sich zuziehenden Knoten zu verwenden, da er sich nicht mehr öffnen lässt und dann abgeschnitten werden muss. Es muss darauf geachtet werden dass kein Zeising vergessen wird und alle Zeisings fest sind, damit sich das Segel nicht lose arbeitet und ausweht.

VOR-, STAGSEGEL UND BESAN PACKEN

Vor- und Stagsegel werden im großen und Ganzen gleich gepackt. Kadetten legen auf den Mastpferden auf jeder Seite des Segels aus und falten das Segel in sich selber zusammen bis es schmal genug ist um mit Zeisings zusammengebunden zu werden. Dazu wird aus dem Segel eine Wurst gemacht, bei der sich ein Teil als schützende Außenhaut um den Rest legt. Zeisings werden darum gelegt und an Jackstags gesichert. Auch wenn zwei Kadetten ausreichen um diese Arbeit zu machen, ist es doch besser, wenn ein dritter unterhalb von ihnen steht und hilft, damit das Segel auf einmal gepackt werden kann.
Der Besan wird genauso gepackt.

nach dem Handbuch der EAGLE für die MIR bearbeitet von Nicole Graf und Leonid Il'yinsky (Segelmacher der MIR),
übersetzt von B. Beuse

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