Das Schiff

Schiffsgeschichte und -beschreibung

 

1. Schiffsgeschichte

МИР wurde als drittes von sechs nahezu baugleichen Schiffen auf der Danziger Leninwerft gebaut. Nachdem 1981 in Polen ein bis dahin unbekannte Schiffskonstrukteur namens Zygmunt Choren einen voellig neuen Segelschulschiffstypen (M108-Typ) entworfen hatte, interessierte sich die damalige Sowjetunion fuer diese Konstruktion. War DAR POMORZA, das ehemalige Segelschulschiff der polnischen Handelsmarine durchaus ein gutes Schiff, so gab es fuer die Neubauten dann doch einiges noch zu verbessern. Es entstanden DAR MLODZIEZY für Polen und spaeter DRUZHBA fuer die UdSSR. Fuer МИР wurde dann von Choren das Rigg noch einmal ueberarbeitet, es entstand eine Konstruktion, mit der man extrem hoch am Wind segeln konnte. Auch der Rumpf wurde noch etwas laenger und dadurch schnittiger. Noch waehrend des Bauens konnte man allerdings erkennen, daß man sich dadurch ein sehr starkes Rollen bei Seegang erkauft hatte. So wurden die nachfolgenden Schwesterschiffe PALLADA, KHERSONES, und NADEZHDA dann mit leichten Veraenderungen gebaut. Leider sind sie dadurch auch nicht ganz so schnell wie MIR.

Im Dezember 1987 segelte Kapitän Viktor Antonov die MIR in ihren Heimathafen Sankt Petersburg, das damals noch Leningrad hiess. Aufgabe der MIR wurde die Ausbildung von Seekadetten der staatlichen Seefahrtsakademie für die zivile Schifffahrt. Da sich das Schiff als ausgesprochen schnell erwies, wurden von Anfang an auch Regatten gesegelt. Der erste bemerkenswerte Erfolg war der Gesamt-Sieg bei der OPERATION SAIL 1989. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR kamen dann aber schwierige Zeiten fuer die MIR. Sie wurde Eigentum der Baltic Shipping Company und die finanziellen Mittel reichten nicht mehr aus. So wurden neue Einnahmequellen fuer die dringend benoetigten Devisen erschlossen. Trainees, also auslaendische Mitsegler, wurden auf den Reisen mitgenommen, Tagestoerns veranstaltet und die Raeumlichkeiten an Bord fuer Veranstaltungen in den Haefen vermietet. Diese fuer ein Segelschulschiff eher unueblichen Aktivitaeten halfen schliesslich, das Schiff in Fahrt zu halten. Ende des Jahres 1993 ging MIR dann wieder in den Besitz der Admiral Makarov Akademie ueber, die auch heute noch Eignerin des Schiffes ist.

Viele Leute betrachten MIR heutzutage als einen der besten Regattasegler. MIR ist das einzige Schiff der Klasse A, das bisher 2mal die Cutty-Sark-Tallships-Races in der Gesamtwertung gewonnen hat. Bemerkenswert ist dabei die Etappe Rostock-St. Petersburg des C.S.T.S.R. 1996, die MIR in nur 2 Tagen 6 Stunden absolvierte als schnellstes Schiff des gesamten Feldes. Der groesste Triumph aber war bisher der Gesamtsieg beim COLUMBUS RACE 1992, das zweimal den Atlantik ueberquerte. MIR war damals bei allen Etappen als erstes Schiff ueber die Ziellinie gegangen und siegte in der Gesamtwertung sowohl nach absoluter als auch nach korrigierter Zeit. Die Trophae, ein Modell der "Santa Maria" in Sterlingsilber hat seither ihren Ehrenplatz im Kapitaenssalon des Schiffes. MIR traegt seitdem den inoffiziellen Titel "schnellster Grosssegler der Welt".

Was ist ihr Geheimnis? Nach einiger Zeit des Testens wurden dann die Aufbauten auf Deck noch einmal abgeaendert, was dazu fuehrte, dass die Brassen nun noch dichter geholt werden koennen. МИР kann jetzt bis zu 30° am Wind segeln. Das ist fuer einen Rahsegler extrem ungewoehnlich – normalerweise ist bei 60° Schluss. Kapitaen Antonov nutzt diese Vorteile dann auch gekonnt aus. Er stellt die Rahsegel so in den Wind, dass sie wie Besansegel gefahren werden. Oft kann er so auf direktem Weg fahren, waehrend andere muehsam kreuzen muessen. Vor dem Wind kann MIR eine Dauergeschwindigkeit von 18kn aufrecht erhalten. Es wurden allerdings schon wesentlich hoehere Werte geloggt.

 

2. Schiffsbeschreibung

Vom Schiffstyp her ist die MIR eine dreimastige Dreideck-Fregatte.  Der Korpus besteht aus Schiffsbaustahl. Auch alle Masten und Spieren sind aus Stahl. Unverkennbar sind das Spiegelheck und der für Grosssegler typische Klippersteven mit festem Bugspriet. Da die MIR keine Fracht fährt, hat sie in ihrem Kiel einen Festballast, der fuer die noetige Stabilitaet sorgt.  Das Schiff hat 3 durchgehende Decks, das Oberdeck, das Hauptdeck und das Zwischendeck. Beide Wohndecks sind durch wasserdichte Schotten in jeweils 3 Abteilungen unterteilt. Die Schotten des Zwischendecks sind auf See generell zu, sodass man nur ueber die Niedergaenge und das daruebergelegene Hauptdeck von einer Abteilung in die andere gehen kann. Die des Hauptdecks, das komplett oberhalb der Wasserlinie gelegen ist,  werden nur bei schwerem Wetter routinemaessig geschlossen.

Auf dem Oberdeck befinden sich noch 3 Deckshaeuser. Im vorderen befinden sich Lagerraeume und eine zur Zeit nicht genutzte Schulungsbruecke fuer die Kadetten. Im mittleren gibt es eine Werkstatt, sowie den Sammelraum fuer Muell. Von ihm aus gehen auch zwei Schlote zu den Seiten des Schiffes. Im achteren Deckshaus sind eine weitere Uebungsbruecke, sowie der Funkraum und ein Krankenzimmer untergebracht, darueber befindet sich die Kommandobruecke mit Kartenhaus und Steuerstand. Die Bruecke ist mit modernster Technologie aehnlich der eines Containerschiffes ausgestattet. Die Steuerung ist hydraulisch und kann wahlweise mit dem traditionellen Steuerrad oder von innen mit dem "Joystick" gesteuert werden.

МИР ist auch eines der sichersten Segelschiffe der Welt. Extreme Stabilitaet und ein niedriger Schwerpunkt sorgen dafuer, dass sie sich – vorausgesetzt alle Luken sind dicht und alle Bullaugen geschlossen - noch aus einer Schraeglage von 90° wieder aufrichtet. Auch hier ist bei traditionellen Rahseglern bei 60° Schluss.

Fuer die Sicherheit in Notfaellen sorgen 22 Rettungsinseln, in denen jeweils Platz fuer 20 Personen ist. Dazu kommen 2 Motorschaluppen mit je 6 Plaetzen, die bei Mann-ueber-Bord Manoevern zum Einsatz kommen, sowie 6 Rettungsringe. An Bord befinden sich jederzeit 330 Schwimmwesten, damit auch bei Tagestoerns ausreichend vorhanden sind. Zusaetzlich gibt es fuer jedes Crewmitglied noch einen modernen Ganzkoerper-Thermo-Rettungsanzug.

Auch die Maschine ist aeusserst gut durchdacht. Zwei identische 570-PS- Cegielski-Sulzer-Dieselmotoren auf einer Welle sorgen dafuer, dass unter idealen Bedingungen bis zu 11kn gelaufen werden koennen. Jede einzelne dieser Maschinen ist fuer sich in der Lage, das Schiff in den Hafen zu bringen. Dazu kommt noch ein Dieselgenerator fuer die Stromerzeugung an Bord.

Abfaelle an Bord werden gemaess der Marpol-Convention entsorgt. Dazu geeignete Stoffe werden im Akzelerator verbrannt. Das Abwasser wird vor dem Ablassen in die See einer biologischen Vorklaerung unterzogen. Damit das moeglich ist, gibt es gewisse Regeln fuer die Benutzung der WC's, die an anderer Stelle naeher erlaeutert werden.

Ohne irgendwelchen Luxus zu haben, ist МИР doch eines der komfortabelsten Segelschulschiffe ueberhaupt. Er gibt normalerweise Trinkwasser aus der Leitung, die Heizung und die Klimaanlage funktionieren einwandfrei. Jeder hat genug Platz in seiner Kabine. Nur die Ausrichtung der Betten war ein Fehlschlag. Bei einer heftigen Boe kann man schon einmal aus dem Bett fallen. Da braucht es dann gar keinen Segelalarm mehr.

Fuer das leibliche Wohl sorgen an Bord bis zu 5 Koeche. Um die medizinische Versorgung kuemmert sich der Schiffsarzt mit einer kompletten aus Untersuchungszimmer und 3 Betten-Lazarett bestehenden medizinischen Abteilung.

Vernuenftige Einrichtungen sind der Trockenraum – eine Art begehbarer Waeschetrockner (sehr praktisch, wenn man durchgeweicht von Wache kommt), die Mikrowelle in der Crewmesse (oft fallen Segelmanoever genau dann an, wenn das Essen fertig ist), die Bordlautsprecheranlage (man muss nicht stundenlang nach irgendjemand suchen, sondern kann ihn einfach ausrufen lassen). Charmant ist, dass wir ein Klavier an Bord haben, eine Tischtennisplatte auf dem Gang steht und auf dem Kapstan ein Schachbrett aufgemalt ist. Anders als bei alten Windjammern, macht hier das Rudergehen auch mehr Spaß.  Wesentlich finde ich hier, dass der Rudergaenger oben direkt vor der Bruecke steht und nach vorne und zu den Seiten freie Sicht hat.

Aufgeriggt ist МИР als Vollschiff. Es koennen bis zu 26 Segel gesetzt werden: Vorstagsegel, 3 Kluever, 1 Flieger, Focksegel, Fockuntermarssegel, Fockobermarssegel, Fockbramsegel, Fockroyal, 3 Großstagsegel, Großsegel, Grossuntermarssegel, Grossobermarssegel, Grossbramsegel, Grossroyalsegel, 3 Kreuzstagsegel, Kreuzuntermarssegel, Kreuzobermarssegel, Kreuzbramsegel, Kreuzroyalsegel und der Besan. Ein Bagiensegel gibt es nicht. siehe Takelriss. Der Kreuzmast wird an Bord "Besanmast" genannt. 

Die Segel sind aus dem Kunststoff Dacron gemacht. Fuer das laufende und stehende Gut, sowie alle weiteren an Bord vorhandenen Leinen werden ausschliesslich Kunststoffmaterialien, bzw. teilweise Stahltrossen verwendet. Jeden Winter werden alle Segel und fast das gesamte laufende Gut abgenommen und im Schiffsinneren verstaut um das wertvolle Material nicht den extremen Witterungsverhaeltnissen des russischen Winters auszusetzen. Erst im Fruehjahr zu Beginn der neuen Segelsaison werden die Segel neu angeschlagen, die Leinen neu eingeschoren und dabei das gesamte Rigg ueberholt.

Die Besatzung kann bis zu 199 Leute betragen, das Schiff kann aber mit 30 Mann gesegelt werden. Nur die Ankerwinde wird maschinell bedient, alle Brassen werden mit Muskelkraft bewegt. Bei Minimalbesetzung müssen dann auch ausnahmslos alle an die Brassen. Im Schulbetrieb wird diese Arbeit in der Regel von den Kadetten und ggf. den Trainees geleistet. 

Abmessungen und Schiffsdaten

 

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