Kurzgeschichte von Jersey Girl

Es ist dunkel, stockfinster im Zentrum von Wellington und meine Schritte hallen hohl auf dem Asphalt wieder. Mir ist kalt, obwohl ich einen warmen Umhang trage. Meine Arme sind um ein Kind geschlungen, das nicht mein eigenes ist. Es war warm heute, das kann ich spüren. Ein warmer Frühlingstag, voller Frühlingsgefühle, Lachen, Spaß. Wasserbombenschlachten, vielleicht. Ein Geheimnis liegt in der Luft. Mein Geheimnis. Ich muss lächeln, wenn ich daran denke. Es ist nicht romantisch, und doch verursacht es Gänsehaut. Du hättest Gänsehaut, wenn du es kennen würdest. Es ist Vollmond. Und ich sehe Sterne, zu tausenden am Firmament strahlend, erzählt jeder von ihnen seine eigene Geschichte. Und alle sagen sie mir: „Du machst das genau richtig!“ Das wird meine Nacht, mein Sommer, ich weiß es. Weiß es ganz genau. Mein Umhang schwingt um meine Fußknöchel, schwarz und feucht, von dem schmalen Bach, in den ich vorhin getreten bin, aus Versehen. Meine Socke ist auch nass. Und der Schuh quatscht bei jedem Schritt leise vor sich hin.
Ich bin da, lege das fremde Baby neben den Gullydeckel. Ich bin vorsichtig dabei, lächle ihm zärtlich zu. Erinnere mich an mein eigenes Kind. Meine Brady! Ein kalter Klammergriff schließt sich um mein Herz wie eine Marmorhülle. Wie kann man jemanden, den man noch vor Stunden gesehen hat, nur so vermissen? Dabei liebe ich sie mehr als mein Leben. Mehr als alles.
Die Eisenstiegen sind rutschig, meine Finger werden schmutzig und ich wische es am Umhang ab. Klammere das Baby fest an mich, froh, dass ich es geschafft habe, ohne dass uns etwas passiert ist. Ich drehe mich um, verlagere sein Gewicht auf meinen anderen Arm. Er schläft, nuckelt dabei sachte an seinem kleinen Fingerchen. Wie ein Engel! Süß ist er ja, aber eben nicht Brady.
Meine Schritte sind leise, aber mein Atem hallt durch die Kanalisation wie Gesang durch eine leere Kirche. Wie ein heiliger Ort in einer heiligen Nacht. Ich sehe jemanden vor mir. Die Nachtwache? Zusammengesunken sitzt sie da, die blonden Zöpfe über dem Gesicht. Ich trete näher, schwebe wie ein Schatten über sie und Ebony schaut auf. Mit Tränen in den Augen, verschmiertem Make-up. Sie ist durcheinander, wütend, traurig, vielleicht enttäuscht von jemandem. Von dir? Ich weiß nicht, warum du mir als erstes einfällst. Vielleicht weil ich mich daran erinnere, genau so. heulend, mit einem vor Liebeskummer blutenden Herzen und fertig mit der Welt. Du hast eine Gabe, Menschen zu zerstören, weißt du das? Obwohl du es nicht willst, obwohl du nichts dazu tust.
Ebony sieht auf. Sie wird nicht Alarm schlagen, das weiß ich. Ihr ist egal, was in diesem Moment mit ihr geschieht. Und sie würde nie zulassen, dass jemand sie so sieht. Ich muss lächeln bei dem Gedanken, dass wir bald die Rollen tauschen werden. Früher stand sie auf Zoots Seite, auf der Gewinnerseite und ich war das dumme kleine Mädchen, das weinend an deiner Seite gesessen ist, das Angst hatte. Sie wird Angst haben! Ich nehme die Kapuze ab und lächle ihr zu, ihr und ihrem schandhaften Leben, dem wir ein Ende setzen werden. Ich habe darum gebeten, dafür, dass sie mich verraten hat. Sie sagt nichts, sieht mir nur sprach- und atemlos nach, als ich sie verlasse, ihrem Kummer überlasse, dem Lichtstreifen entgegengehe, langsam.
Der Kronleuchter ist so, wie ich ihn in Erinnerung habe. Alles ist noch so wie damals, als ich die Mall verließ, um Brady zu suchen. Als ich aufbrach, ohne zu wissen, was das Schicksal für mich bereithielt. Was meine Bestimmung ist.
Der Geruch ist so vertraut, so wärmend, dass ich weinen muss. Plötzlich, unvermittelt. Ich höre die Schritte nicht, plötzlich, wie aus dem Nichts, Dals Stimme: „Trudy!“ Überrascht, erfreut. Meine Tränen versiegen, bleiben in dem Kloß in meinem Hals stecken. „Kommt alle her! Trudy ist wieder da!“, höre ich Dal schreien. Der Brunnen neben mir ist immer noch so beige wie früher. Salene hat noch dieselben rosafarbenen Haare, wie eine verfärbte Flamme. Sie umarmt mich, strahlt. „Trudy!“ Freut sich, mich zu sehen, oder Brady? Wenn sie wüsste, dass das gar nicht Brady ist! „Und Brady!“ Um mich herum scharen sich die Mall Rats, Alice, KC, Ryan. Tai San kommt die Treppe herunter, strahlend, wie immer von dieser geheimnisvollen Ausstrahlung umgeben, die ich manchmal auch gerne hätte. „Trudy!“ Sie sieht mich mit einem Gefühl der Wärme an, das meine Körper durchfluten würde, wenn es nicht Tai San wäre. “Willkommen!” Alle wollen sie an mich ran, wollen in meine Nähe, „Bradys“ flaumiges Haar streicheln. „Sie muss bei mir bleiben!“, sage ich automatisch. „Keiner darf sie mir wegnehmen!“ „Natürlich“, sagt Ellie beruhigend. Dann wendet sich Sals Blick, ich frage mich, wieso.
Du kommst die Treppe runter, dasselbe schwarze T-Shirt an wie bei unserer letzten Begegnung, als ich dir ewige Liebe geschworen habe, erinnerst du dich? Ja, das tust du, ich kann es an deinem Blick sehen, daran, dass dein Mund leicht geöffnet ist, nur ein Stück, um all das Staunen und Glück frei zu lassen, dass in deinem Körper keinen Platz mehr hat. Du kommst auf mich zu, nimmst mich in den Arm und ich bin Zuhause. Ignoriere Dannis Hand auf meiner Schulter, die mich trösten oder wegdrücken will. Jetzt, in diesem Moment, gehörst du nur mir! Mir alleine! Ihre Hand ist schmal, liegt auf meinem Schulterblatt. Wie viele Minuten ist es wohl her, seit sie dich gestreichelt hat? Seit ihr euch berührt habt? Ich stehe zwischen euch, genieße deine Nähe, deinen Geruch, deine Zuneigung. Sie nimmt die Hand weg. Ich löse mich von dir, versuche mit einem Blick alles zu erhaschen, was ich so vermisst habe: deine Augen, dein Lächeln, mit den kleinen Grübchen in den Mundwinkeln. Was ist es?
Später, als ich in meinem alten, frisch bezogenen Bett liege, mit geschlossenen Augen und einem fremden Baby neben mir, bin ich immer noch glücklich. Spüre immer noch deine Umarmung, sehe Ebonys Tränen wieder vor mir. Sehe Bradys Lächeln, schöner als alle Sterne zusammen. Schöner als du. Unsere Zeit wird kommen! Brady, mein Schatz, bald kommt Mami zurück! Mall Rats, ihr habt keine Ahnung, wen ihr da so überglücklich in eurem Kreis aufgenommen habt! Chosen, ich werde euch nicht enttäuschen.
Meine Augen werden immer schwerer, als ich auf das leicht geöffnete Fenster blicke, auf den Sternenhimmel dahinter. Vögel zwitschern, irgendwo zwischen den Bäumen. Auf dem Sims ist eine dünne Staubschicht. Die Luft duftet nach Frühling, nach Meer und nach Zuhause. Wie wohl erst der Sommer wird? Mein Sommer.