Der Fastnachtstanz von Calbe

 

Am Rosenmontag (17.2.) des Jahres 1382 kam eine bedeutende politische Persönlichkeit im Rathaus von Calbe zu Tode. Der Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Ludwig, Markgraf von Meißen und Landgraf von Thüringen, wurde bei einer Massenpanik, die während eines Fastnachts-Tanzvergnügens ausbrach, tödlich verletzt. Der Fall fand europaweit große Beachtung und rückte die Nebenresidenz- und Handelsstadt ins Blickfeld der „großen Welt“.

Wer war dieser Mann, dessen ungewöhnlicher Tod so große Aufmerksamkeit erregte?

Der am 26. Februar 1340 (oder 1341) geborene Ludwig stammte aus der angesehenen wettinischen Familie der Meißener Markgrafen, sein Großvater war Kaiser Ludwig der Bayer. (ADB 19, S. 561 - THIELE 1997.) Nach dem Tod des Vaters setzten die vier Brüder, die nun die Markgrafschaft gemeinsam regierten, auf Kaiser Karl IV., den sie in seiner Reichs- und Hausmachtpolitik, besonders beim Erwerb der Mark Brandenburg, aktiv unterstützten.

In dem krisengeschüttelten 14. Jahrhundert war Karl IV. gleichsam eine Lichtgestalt. Dieses Jahrhundert ging als Säkulum der Desaster, jedoch auch bedeutender kultureller und wirtschaftlicher Umbrüche in die Geschichte ein. Politische und kirchliche Krisen, Bevölkerungs-, Agrar- und Klimakrisen überlagerten sich wechselseitig. Päpste und Gegenpäpste bekriegten sich, Könige und Gegenkönige kämpften um die Vorherrschaft und verwüsteten Teile des Reiches, bis es dem Böhmen Vaclav aus dem Fürstengeschlecht der Luxemburger als deutschem König unter dem selbst gewählten, bedeutungsvollen Namen „Karl“ und als Kaiser Karl IV. gelang, diesem Spuk vorübergehend ein Ende zu bereiten und letztmalig im deutschen Mittelalter eine starke Zentralgewalt zu errichten.

Ludwig, der zweitjüngste der Markgrafen-Brüder, bestieg schon 1357, also sechzehn- oder siebzehnjährig, in Halberstadt seinen ersten Bischofsstuhl, wo er die Bürger mit Privilegien-Verleihungen und dem Rückkauf eines verpfändeten Schlosses für sich gewinnen konnte. (ADB 19, ebenda.) 9 Jahre später zog er mit glänzendem Gefolge in Bamberg ein und bestieg dort den Bischofsstuhl.

1373 war Johann von Ligny, ein Verwandter Kaiser Karls IV., – wie es hieß: durch einen Giftmord – früh gestorben, der die wichtigste Kurfürstenwürde innehatte, die des Erzbischofs von Mainz. Die Mainzer Erzbischöfe waren als siebente und letzte in der Riege der Kurfürsten bei der Königswahl das Zünglein an der Waage und deshalb bei Thronprätendenten besonders stark umworben - in erster Linie mit Bestechungsgeldern.

Kaiser Karl IV. (rechts) und sein Sohn König Wenzel, im Hintergrund wahrscheinlich der „Königsmacher“ Erzbischof Ludwig. Stich nach einer Miniatur aus einer Handschrift der Goldenen Bulle, in: Der große Ploetz im Bild, Freiburg/Würzburg 1987.

Karl IV. brauchte nun dringend nach dem Tod seines Verwandten einen anderen ihm gegenüber loyalen Mann auf dem Mainzer Stuhl, weil er mit dessen Hilfe die Wahl seines Sohnes Wenzel zum deutschen König durchsetzen wollte. Er unterstützte zu diesem Zweck Ludwig bei seinem Streben nach dieser Würde, schickte ihn umgehend nach Avignon, wo die Päpste seit 1309 unter anderem aus Furcht vor der Gewalt, der sie in Rom ausgesetzt waren, im Exil lebten, und wies den ihm ergebenen Gregor XI. an, Ludwig zum Erzbischof von Mainz zu ernennen. Die in der „Avignonesischen Gefangenschaft“ lebenden, ausschließlich französischen Päpste zogen es vor, ein Bündnis mit den deutschen Kaisern einzugehen, statt gegen sie zu opponieren. Deshalb konnte Karl IV. seinen Schützling mit Gewissheit auf Erfolg nach Avignon schicken. Im Frühjahr 1374 kehrte Ludwig als designierter Erzbischof von Mainz zurück.

In der Zwischenzeit hatte aber ein anderer Anwärter die Initiative ergriffen. Adolph Graf von Nassau (geb. 1346?, gest. 1390), auch der Urenkel eines Königs, der von einer Gruppe Kirchenfürsten des Mainzer Domkapitels ebenfalls zum Erzbischof gewählt worden war und dem man nachsagte, in den Giftmord verwickelt gewesen zu sein, besetzte mit einer starken Militärmacht der Fürstenopposition die Stiftsfestungen des Erzbistums in Thüringen und im Eichsfeld und verwüstete die Mark Meißen. (ADB 19, S. 561f. - THIELE 1997 - ADB 1, S. 117.)

Kaiser Karl IV. verstärkte nun das politische Gewicht des vom Papst ernannten Erzbischofs von Mainz, indem er ihm auch weltliche Machtbefugnisse und königliche Rechte verlieh. Im Gegenzug erklärte Ludwig, fest zur kaiserlichen Politik zu stehen. (ADB 19, S. 561.)

Durch die Veröffentlichung des Wortlautes seiner päpstlichen Ernennung konnte Ludwig immerhin verhindern, dass sich noch mehr Ritter und Fürsten der Partei Adolphs anschlossen. (ADB 1, S. 117.)

Nun gab es außer den Doppelregierungen und Kirchenspaltungen, Schismen genannt, noch eine weitere verderbliche Gewaltenteilung, das Mainzer Schisma: Auf der einen Seite Ludwig ohne Bistumsbesitz und von einem Exil-Papst ernannt, aber vom Kaiser im Bündnis mit mehreren Städten gestützt, auf der anderen Seite Adolph, getragen von einer städtefeindlichen Fürstenopposition, aber im realen Besitz großer Teile des Erzbistums.

Schließlich gelang es den markgräflichen Brüdern mit Verbündeten, die Truppen Adolphs zurückzudrängen und die Stadt Erfurt, die als dessen Residenz in die kaiserliche Acht getan worden war, einzuschließen und zu belagern. Als nun der auf Landfrieden bedachte Karl IV. selbst mit einem starken Heer vor Erfurt erschien, lenkte Adolph ein und erklärte sich zu einem Stillhalte-Abkommen bis 1377 bereit.

Ludwig blieb demzufolge vorerst „Kurfürst und Erzbischof von Mainz“, und als solcher gab er 1376 den Ausschlag bei der Wahl von Karls Sohn Wenzel zum deutschen König.

Adolph, der „Auch-Erzbischof“ von Mainz, wartete inzwischen auf seine Stunde, und die sah er kommen, als nicht nur Karl IV., sondern auch Gregor XI. 1378 starben und der neue, jetzt wieder in Rom residierende Papst Urban VI. die Spaltung des Mainzer Erzbischofsstuhls dadurch beendete, dass er Ludwig das Amt wegnahm und ihn auf die peripheren Posten eines Bischofs von Cambrai und Patriarchen von Jerusalem abschieben wollte. Da aber weigerte sich Ludwig, der „Königsmacher“ und Protegé des ehemaligen Kaisers, schlichtweg. Der Konflikt drohte erneut zu eskalieren, aber noch hatte der Wettiner einen starken Verbündeten, der ihm viel zu verdanken hatte: König Wenzel. Dieser vermittelte im Bündnis mit einigen Reichsfürsten einen schwachen Kompromiss: Adolph von Nassau wurde 1381 offizieller Erzbischof von Mainz, und Ludwig von Meißen erhielt vom Papst das ebenfalls begehrte Erzbistum Magdeburg, durfte aber den Titel eines Erzbischofs von Mainz weiterhin tragen. (ADB 19, S. 561f.)

Dieser unhaltbare Zustand konnte, wie es aussah, nur durch den Tod eines der beiden Prätendenten beendet werden.

Ludwig war nun quasi Adolphs Stellvertreter. Wäre Adolph von Nassau etwas zugestoßen, hätte Ludwig als Erzbischof von Mainz und Magdeburg eine enorme Machtfülle in den Händen gehalten, was dann übrigens tatsächlich anderthalb Jahrhunderte später dem im Zusammenhang mit dem Reformations-Geschehen als Luther-Gegenspieler allgemein bekannt gewordenen Albrecht IV. von Hohenzollern gelungen war.

Der neue Magdeburger Erzbischof Ludwig stieß in der Stadt Magdeburg, in die er in einem prachtvollen Spektakel mit tausend Pferden eingezogen war, auf heftigen Widerstand der sich emanzipierenden Bürger. Deshalb hielt er sich viel lieber in der Nebenresidenz Calbe auf und feierte dort auch nach einer halbjährigen Amtszeit ein Fastnachtsfest, zu dem er 300 Gäste - Fürsten und Herren mit ihren Damen – eingeladen hatte. Das sich seit den 1360-er Jahren im Bau befindende neue Schloss am Nordostrand der Stadt war wohl für eine solche üppige Festlichkeit noch nicht ausreichend ausgestattet, so dass der Erzbischof den Tanzsaal im Obergeschoss des erst 1376 neu erbauten Rathauses für das Fastnachtsvergnügen orderte. Im Schloss war aber ein Teil der Gäste untergebracht. (HÄVECKER 1720, S. 10.)

Im Rathaus-Tanzsaal geschah dann die Katastrophe.

Höfischer Tanz um 1400, Fresco in der Burg Runkelstein bei Bozen, nach: Das Kulturinformationssystem „aeiou“, URL: http://aeiou.iicm.tugraz.at/aeiou.history.docs/004465.htm

Am Rosenmontag erschallte im Haus nach 21 Uhr plötzlich, während Ludwig mit seiner Dame den Reigen vergnügter Tänzerinnen und Tänzer anführte, der Schreckensruf: „Feuer, Feuer!“ Die Hunderte, auf einer Tanzsaalfläche von ca. 500m² zusammengedrängten Festgäste hasteten und drängten in wilder Panik zur Treppe, der Erzbischof mit seiner Dame vornweg. Auf der Treppe stolperte er (- oder wurde er gestoßen? -), und die Menschen stürzten über ihn. Er wurde so schwer verletzt, dass er am nächsten Tag verstarb. (HÄVECKER 1720, S. 99ff. - HERTEL 1904, S. 21ff. - RECCIUS 1936, S. 22)

Um das Ressentiment der Magdeburger nicht erneut zu provozieren, wurde die Leiche Ludwigs von seinen Brüdern, die auch beim Fest zugegen gewesen waren, in aller Heimlichkeit in Magdeburg an einem geheim gehaltenen Ort, vielleicht im Dom oder im Erzbischofs-Palast, beigesetzt. (ROCKE 1874, S. 41.)

Nun war durch das Unglück das Problem des Mainzer Schismas gelöst. In Magdeburg, Thüringen und anderswo tauchten Berichte über den „Fastnachtstanz von Calbe“ auf, die sich oft erheblich in der Darstellung der Ursachen und Folgen der Massenpanik unterschieden. Aber in einem Punkt waren sich alle „Berichterstatter“ einig: Der Feuer-Ruf war ein blinder Alarm gewesen. Einige wollten sogar erkannt haben, dass der Teufel selbst gerufen und so den Tod Ludwigs verursacht hätte. Das calbische Protokoll dieses europaweit beachteten Vorfalls ist verschwunden, wie schon J. H. Hävecker befremdet feststellte. (HÄVECKER 1720, S. 101.)

In jener Zeit tauchte dann auch noch eine Legende auf, die sich nur auf  Erzbischof Ludwig, lateinisch Ludovicus, und seinen prachtvollen, sinnenfrohen Lebensstil beziehen kann. Angeblich hätte eine Geisterstimme drohend gewarnt: „Fac finem ludo, lusisti nunc satis Udo!“ Übersetzt heißt das etwa: „Mach Schluss mit dem Vergnügen, du hast dich nun genug amüsiert, Udo!“ (HÄVECKER 1720, S. 99ff.)

Es gab demnach ein nachdrückliches Interesse daran, den unglückseligen Tod Ludwigs als Strafe höherer Mächte für seinen „unchristlichen“ Lebenswandel darzustellen. Immerhin profitierten mindestens drei politische Kräfte vom Ableben des Erzbischofs von Magdeburg und Mainz. Bei jeder heutigen Ermittlungsbehörde würden angesichts dieser Umstände die Alarmglocken schrillen. (HÄVECKER 1720, S. 99ff.)

Aber für die Historiker gilt ebenso wie für die Juristen das Prinzip der Unschuldsvermutung. Da die Quellenlage es nicht anders hergibt, müssen wir den tragischen Tod des Erzbischofs und „Königsmachers“ Ludwig in Calbe vor 625 Jahren als die Folge unglücklicher Umstände ansehen.

Nachtrag: Acht Jahre nach Ludwig starb auch sein Gegner Adolph von Nassau plötzlich unter großen Schmerzen. (BBK 1 - ADB 1, S. 119.)

 

Literatur:

 

ADB 1: Liliencron, Rochus Freiherr von: Adolf I., in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 1.

ADB 19: Will, o. Vn.: Ludwig, Erzbischof von Mainz und Magdeburg, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 19.

BBK 1: Bautz, Friedrich Wilhelm: Adolph I., in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 1.

HÄVECKER 1720: Hävecker, Johann Heinrich: Chronica und Beschreibung der Städte Calbe, Acken und Wantzleben..., Halberstadt 1720.

HERTEL 1904: Hertel, Gustav: Geschichte der Stadt Calbe an der Saale, Berlin/Leipzig 1904.

RECCIUS 1936: Reccius, Adolf: Chronik der Heimat, Calbe/Saale 1936.

ROCKE 1874: Rocke, Gotthelf Moritz, Geschichte und Beschreibung der Stadt Calbe an der Saale, 1874.

THIELE 1997: Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln 1, Tl. 2 zur europäischen Geschichte. Deutsche Kaiser - , Königs - , Herzogs - und Grafenhäuser II, Frankfurt/M.1997.

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