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Copyright: Dieter H. Steinmetz

Die Wunderburg bei Calbe

 

(s. auch: Page 22 "Nienburger Straße" in: http://members.fortunecity.de/steinmetz41)

 

Wir gehen die Straße "An der Saale" entlang unter der Brücke hindurch und kommen auf einem vom Verschönerungsverein am Ende des 19. Jahrhunderts angelegten Wanderweg etwas bergan zum Felsenkeller "Zur Wunderburg". Wir können aber auch von der Landstraße 65 in die Siedlung "Am Weinberg" abbiegen. Nun befinden wir uns auf nachweislich uraltem und mythenträchtigem Terrain. Hier oben auf dem Plateau gab es einmal eine bäuerliche Siedlung namens Hohendorf, die später zur Wüstung wurde. Davor war diese windige Höhe über der Saale aber auch schon intensiv besiedelt, wie die zahlreichen (seit Jahrhunderten gemachten) Urnen- und Werkzeugfunde von dort aus der Jungstein- und Bronzezeit beweisen. Zuletzt fanden im Sommer 2001 zwei aufmerksame Calber Jungen anlässlich von  Ausschachtungsarbeiten auf dem "Wunderburg"-Gelände Gegenstände aus der jungsteinzeitlichen Schnurkeramiker-Kultur.

 

 

So könnte die Wunderburg auf dem hohen Saaleufer bei Calbe vor einem mittelalterlichen Erweckungs-Fest ausgesehen haben. Dicht dabei stand die Kirche. (Simulation)

Das mittelalterliche Dorf taucht 1100 in den Quellen auf: Das Kloster Nienburg - 22km südlich von Calbe - besaß in diesem Jahr 3 Hufen in Hohendorf. Es kann sich allerdings auch um ein Dorf gleichen Namens bei Neugattersleben gehandelt haben (vgl. Reccius, S.6). 1268 tauschte das Kloster Gottesgnaden vom Magdeburger Erzbischof Konrad II. Graf von Sternberg (Regierung 1266 - 1277) gegen Überlassung von weiter entferntem Besitz u. a. das Patronat über die Kirche "zu Hondorp", diesmal nachweislich bei Calbe (vgl. ebenda, S. 13), und 1289 schenkte der Magdeburger Erzbischof Erich Markgraf von Brandenburg (Regierung 1283 - 1295) den Brüdern des Deutschen Ritterordens einen Weinberg in Hohendorf bei Calbe, den bisher ein Dienstmann des Erzbischofs, Friedrich von Calbe, zum Lehen gehabt hatte (vgl. Reccius, S.14). Bereits 1416 hatten Calber Bürger Ackerland zu Hohendorf vom Kloster Gottesgnaden zu Lehen (vgl. ebenda, S. 24). Die kleine Dorfgemeinschaft Hohendorf scheint zu dieser Zeit nicht mehr existiert zu haben. 1472 wurde Henning Pauls als Pfarrer in der St.-Nicolai-Kirche zu Hohendorf genannt. Reccius vermutete: "Da gleichzeitig eine Anzahl von Bürgern im Besitz von Acker zu Hohendorf begegnen, scheint es so, als ob der Ort zwar verlassen, die Pfarrstelle aber noch besetzt gewesen ist. Der Pfarrer wird seinen Unterhalt aus dem Hohendorfer Kirchen- und Pfarracker bezogen und bei besonderen Gelegenheiten in der Hohendorfer Kirche Gottesdienst abgehalten haben. Nach Hampe (1699) sind die Ruinen der Hohendorfer Kirche erst nach dem Dreißigjährigen Kriege zur Wiederherstellung der Laurentiuskirche abgebrochen worden." (Ebenda, S. 29). Im gleichen Jahr wurde eine "santh brede [Sandbreite]..., als man to Hondorp geyt",  verkauft (vgl. ebenda). Ende des 15. Jahrhunderts scheint das Dorf eine Wüstung gewesen zu sein. Die Bewohner werden sich in den Vorstädten oder anderswo angesiedelt haben. Das Dorf war auch längere Zeit Sitz eines erzbischöflichen Dienstmannengeschlechtes derer von Hoendorp. 1342 überließ Erzbischof Otto Markgraf von Hessen (Regierung 1327 - 1361) den Bürgern von Calbe einige Weiden, die sie zuvor seinem Ministerialen Konrad von Hoendorp abgekauft hatten (vgl. ebenda, S.18).

Einige Heimatforscher vermuten, dass der historische Till Eulenspiegel bzw. Till von Kneitlingen einige Jahre seiner Kindheit und Jugend hier in Hohendorf verbracht hat (vgl. Hansen-Ostfalen, Forschungen um Till Eulenspiegel..., a. a. O. und Schwachenwalde, Till Eulenspiegel, a. a. O.).

 

 Bronzezeitliche "Wunderburg" als Felsmalerei in Spanien (Galicia)

Interessant erscheint die Tatsache, dass ein solch kleines Dorf eine Kirche besaß. Sie hatte den gleichen Namen wie die Kirche am Nordrand der Stadt, die spätere Heilig-Geist-Kirche (vgl. Station 10). Die Grundmauern dieser Kirche und anderer Häuser Hohendorfs fand man bei Ausschachtungs-Arbeiten im 19. und 20. Jahrhundert (vgl. u. a. Hertel, S. 187 und weiter unten in diesem Text). Die St.-Nicolai-Kirche muss demnach ziemlich dicht am Hochufer-Rand gestanden haben. Es kann sein, dass sich die 1439 gegründete St.-Nicolai-Fischerbrüderschaft (vgl. Station 21) zuerst auf diese Kirche bezogen hatte.

Es ist eine auffällige Erscheinung, dass die mittelalterlichen Kirchenbauten nicht auf einer "terra inkognita", sondern oft auf vorchristlichem, in unseren Fällen auf germanischem und keltischem Kult-Boden erfolgten. Manchmal wurden die alten Kultplätze - christlich modifiziert - sogar in den Fußboden der Kirchen einbezogen, wie z. B. in der Kathedrale von Chartres oder der St.-Vitalis-Kirche in Ravenna. Auf dem schon in der Jungsteinzeit besiedelten Gebiet des späteren Dorfes Hohendorf gab es einen Kultplatz, der durch die Jahrhunderte nicht ausrottbar, den Namen "Wunderburg" trug. Nun wird es besonders interessant, denn wir sind in die Nähe der Dornröschen- und der Nibelungen-Sage gekommen (s. unten).

Hertel schrieb vor 100 Jahren über solche Anlagen:

Grundriss der Rasen-Trojaburg in Graitschen an der Höhe (Thüringen) mit einem gefalteten und dadurch verlängerten Schlangengang

"Der Name Wunderburg findet sich auch an anderen Orten in verschiedenen Gegenden. Auf den Wunderburgen befand sich ein schlangenförmiger Gang, der in den Rasen gestochen war und verschiedene Ausdehnung hatte. Der Gang stellte eine um sich selbst gerollte Schlange dar, so daß der Eingang und Ausgang dicht beieinander lagen. Solche Anlagen, wie sie jetzt noch bei Steigra bei Querfurt, Teicha bei Halle und Eberswalde in der Mark erhalten sind, hießen auch Schlangengang, Irrgarten, Labyrinth, Jerusalemsweg und lagen meist neben Kirchen, Kapellen oder Burgen." (Hertel, S. 183f.).

Welchen Zweck erfüllten diese auf der Erde angelegten Gänge?

Heute gibt es eine umfangreiche Literatur darüber, und ich möchte mir Angaben dazu ersparen, weil es oft auch schwer ist, die besten Veröffentlichungen zum Thema herauszufiltern. Schauen Sie im Internet mit einer Suchmaschine unter dem Thema "Trojaburgen" nach, und Sie finden eine Fülle von Material.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass solche vorchristlichen rituellen Anlagen einem Sonnen-, Fruchtbarkeits- und Frühlings-Kult dienten.

Als begehbares Mittel zum Zweck benutzte man die Spirale (Schlangengang) oder, etwas komplizierter, das Labyrinth. Auch die Spiral-Anlage wurde später verallgemeinernd als (vereinfachtes) Labyrinth bezeichnet.  Gestaltungsformen waren: Stein-, Rasen- und Hecken-Labyrinthe (bzw. -Spiralen). Die Spirale gehört zu den, wie Carl Gustav Jung sich ausdrückte, Archetypen menschlichen Denkens und Empfindens, tief verwurzelt auch in unserem unbewussten Fühlen. Sie verkörpert im Unterschied zum Kreis eine kreisförmige Wiederholungsbewegung, jedoch mit Anfang und Ende, was auch der christlichen (eschatologischen) Auffassung vom Anfang und Ende der Welt entgegenkam. Zeichnungen von Spiralen bzw. Labyrinthen finden sich in vielen alten Kulturen, teilweise (- besonders im nordwesteuropäischen Raum -) bis zu 4000 Jahren alt. In allen nachfolgenden Zeiten, besonders in der Bronzezeit, tauchen solche Fels- und Tontafelzeichnungen auf, die hier nicht weiter betrachtet werden sollen. Interessant ist eine etrurische Vase des 8. Jahrhunderts aus Italien, die die Bezeichnung "truia" enthält und die Paris-Helena-Sage mit dem Kampf um Troja in Bildern zeigt.

 

Wunderburgen sogar in christlichen Kathedralen, wie diese hier in Chartres, allerdings mit "Einarbeitung" des Kreuzes

Damit wurde eine neue Etappe der alten Spiral-Kulte angezeigt. Nun setzte sich der Name "Troja-Burgen" durch, und es wurden "Trojarituale" zelebriert. Im Rom der Cäsarenzeit waren die Troiae ludi (Troja-Spiele) zum Staatskult erhoben worden, zumal sich Julius Cäsar und Augustus Octavian auf ihre trojanische Abstammung beriefen. In der "Aeneas" von Vergil wird dieser Kult beschrieben: Junge Adlige schritten mit ihren tänzelnden Pferden die große Spirale ab. Auch die griechische Labyrinth-Sage von der Befreiung Ariadnes aus den Fängen des Minotaurus und die entsprechenden bildhaften Darstellungen dazu gehen auf diesen Kult zurück. Seine stärkste Ausprägung fand der Kult aber wohl im nordgermanischen und keltischen Bereich. Dort findet man auch die meisten Relikte dieses Brauches. Einige Forscher sind jedoch der Meinung, das sei darauf zurückzuführen, dass in Nordeuropa für diese spiraligen Trojaburgen Steine verwendet wurden, die viel langlebiger als die bei den Südgermanen, also in unserem Bereich, meist verwendeten Rasenwälle waren. Solche kultischen Labyrinthe bzw. Spiralen hießen in Europa: Trojaburg, Trelleborg (auch Name einer südschwedischen Stadt), Trojeborg, Troytown, Walls of Troy, Irrgarten, Schnecke, Riesenhag, Nonnengehege, Jungferntanz, Schwedentanz, Labyrinth, Schalkenburg, Windelbahn (von Gewinde), Wunderburg, Jerusalem, Babylon, Jericho, Jerusalemweg u. ä.

Wie schon erwähnt bestanden die Trojaburgen (Wunderburgen) bei uns nicht aus aneinander gereihten großen Steinen wie im Norden, sondern aus Spiralbahnen, die aus dem Rasen gestochen wurden. Aus nahe liegenden Gründen mussten solche "Labyrinthe" in gewissen Zeitabständen erneuert werden. Diese Arbeiten tat man gewiss gerne, denn sie dienten einem sakralen Zweck. Die Form der Spirale ist auf die Bahn der Sonne mit ihren im Laufe des Jahres immer enger werdenden Tagkreisen zurückzuführen. Aus den wenigen noch bis in unsere Zeit gebräuchlichen Trojaburg-Ritualen ist zu entnehmen, dass es sich nicht nur um einen alten Sonnen-, sondern auch um einen Fruchtbarkeitskult handelte. In der Mitte des Schlangenganges saß eine Jungfrau als Sonnensymbol, die sich schlafend stellte und von einem sich in Tanzschritten unter Musikklängen nähernden jungen Mann wach geküsst wurde. Zum Dank erhielt er von ihr ein Ei als Fruchtbarkeitssymbol, und beide tanzten wieder zurück zum Ausgang. Einige Forscher halten es durchaus für möglich, dass ursprünglich bei dieser Gelegenheit eine rituelle "heilige Hochzeit" (sexuelle Vereinigung) vollzogen wurde.

Die Nähe zur Dornröschen-Sage, aus dem das Grimmsche Märchen wurde, leuchtet ein, denn auch in dieser Sage geht es um die Befreiung einer schlafenden Jungfrau aus einer mit Dornen-Hecken (vgl. weiter unten "Hagen") umgebenen Burg durch einen tapferen Jüngling. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich auch andere deutsche bzw. europäische Märchen und Erweckungs-Sagen als aus dem gleichen Stoff geformt. Auch der uralte Nibelungen-Sagenstoff (weniger das höfische Nibelungen-Lied) ging auf das Grundmotiv der Gewinnung einer Jungfrau nach der Überwindung einer Vielzahl "labyrinthischer" Hindernisse zurück.  Das zentrale Hindernis war der Drache, der damals in Gestalt eines Lindwurmes, einer sich zusammenrollenden Schlange !!!, auftrat. Im Mittelalter, in einer Zeit, in der nur ganz wenige Menschen lesen und schreiben konnten, war "Massenkommunikation" die Kunst des Umganges mit einem Netzwerk von Symbolen. Damals waren solche Symbolismen auch den schulisch ungebildeten Menschen geläufig, wir Heutigen tun uns schwer damit. Auch der aus dem Nibelungenlied allen bekannte Hagen von Tronje, die archaischste Gestalt daraus, hieß noch im Waltharilied aus dem (wahrscheinlich) 10. Jahrhundert "Hagano... Troiae" , und noch im 13. Jahrhundert nannte ihn die nordische Thidreksaga "Högni af Troia". Die urtümlichste und finsterste Gestalt aus diesem Sagenkomplex war also selbst die Verkörperung des Schicksals-Labyrinthes "Troja", zumal sein Vorname "Hagen" im Alt- und Mittelhochdeutschen "Dornenhecke, Verhau" bedeutete.

Das gesamte Mittelalter war vom Troja- bzw. Wunderburgen-Gedanken durchdrungen. Auch der Verteidigungs-Gang, der Zugang zu einer Burg im Hochmittelalter, wie z. B. zur Burg Falkenstein, war in der "Troja"-Form spiralförmig  angelegt.

 

Tänzelfest in Kaufbeuren - deutlich zu sehen: die Rasen-Trojaburg

Durch Vergleiche mit den wenigen noch praktizierten Troja-Ritualen kann man schlussfolgern, dass diese Feste im Frühjahr zur Zeit der erwachenden Natur gefeiert wurden. Im Mittelalter nannte man polonaiseartige Reigentänze "Troja" oder "Trojaldei". In Kaufbeuren feierte man noch im 20. Jahrhundert das "Tänzelfest" ("Schlangenziehen" - s. Abb. rechts), und im pommerschen Stolp (heute das polnisch-kaschubische Slupsk) wurde der Tanz auf der "Windelbahn" mit großem Aufwand ebenfalls bis ins 20. Jahrhundert gefeiert. Dieser Tanz in einer Rasen-Trojaburg wurde alle drei Jahre von den Schuhmachern des Ortes zu Pfingsten aufgeführt. Voran in der Bahn tanzte ein Maigraf im schwäbischen Kiebitzschritt, zwei Schäfer tanzten ebenso von beiden Enden der Spirale aneinander vorbei, und zwei Harlekine, Bruder "Ärmel" und Bruder "Halbseiden", sorgten für Aufheiterung. (Der schwäbische Kiebitzschritt ist eine besondere Form des Wechselschrittes mit Drehung, ähnlich dem Polkaschritt. Der Bezug zu den Schuhmachern deshalb, weil der Schuh im Mittelalter als Zeugungssymbol galt.) Auf dem Hausberg bei Eberswalde bekam der Junge, der zu Ostern am schnellsten die Wunderburg durchlief, Ostereier geschenkt. Die Rasen-Trojaburg bei Steigra (9 km südöstlich von Querfurt) wird zu Ostern jedes Jahr von Konfirmanden neu ausgestochen, bevor diese in die kirchliche Gemeinde aufgenommen werden. Wie schon oben angedeutet, war im Mittelalter der Trojaburgen- und Wunderkreis-Kult so stark und weit verbreitet, dass die christliche Kirche es als sinnvoll ansah, diesen äußerst starken Volksglauben für die Sache des Christentums zu okkupieren und mit neuen Inhalten zu belegen. Das ging so weit, dass die Kirchengebäude über die heidnischen Wunderburgen gebaut wurden und, mit einem Kreuz versehen, in einem prachtvollen Fußboden-Mosaik erneut sichtbar gemacht wurden (s. oben). Nun tanzten die Kanoniker wie in der französischen Stadt Auxerre zu Ostern den Spiralenreigen in ihrem eigenen, nunmehr christlichen Wunderkreis. Für die Gläubigen ersetzten die Begehungen dieser kirchlichen Wunderburgen eine Reise nach Jerusalem. Deshalb tauchte für die Trojaburgen plötzlich auch der Begriff "Jerusalemweg" auf.

 

Bild aus der Klosterhandschrift "Jericho" (12. Jh.) - hier handelt es sich nicht um eine einfache, sondern eine gefaltete Spirale, die ein mehrfaches Vor und Zurück erzeugt, bevor man am Ziel ist.

Unsere Wunderburg in der Hohendorfer Feldmark war höchstwahrscheinlich eine Rasen-Spirale, die jedoch schnell verwitterte, sobald sie nicht mehr erneuert wurde. 1446 wurde sie erstmalig erwähnt (vgl. Dietrich, Heimat, S. 46), wobei man vermuten muss, dass sie schon lange existiert haben wird, denn diese Rituale waren bereits über Jahrhunderte gebräuchlich und weit verbreitet. Auffällig ist die enge räumliche Verbindung zu einer der wenigen hier vorhandenen  Dorfkirchen. Es ist anzunehmen, dass auch diese Kirche erbaut wurde, um aus dem alten starken Erweckungsglauben neue Kraft zu schöpfen. Zur Zeit der Reformation wurde der vermeintliche  katholische Unfug und Aberglaube verboten. Aber wie das so ist: So einfach konnte man einen über Jahrhunderte gewachsenen Volksglauben auch durch Reformation und Aufklärung nicht ausrotten. Noch 1676 wurden Stadtbewohner dabei erwischt, dass sie den dritten Osterfeiertag auf der Wunderburg feierten. Vielleicht war die verwitterte Labyrinth-Spur heimlich aus dem Rasen gestochen worden. Ein Schneidermeister war der Anführer, und mit ihm waren Soldaten und viel "Weibsvolk" gewesen. Der Schneider musste wegen der "verübten Üppigkeit" 5 Taler Strafe, eine damals gewaltige Summe, zahlen (vgl. Reccius, S. 60). Danach wurde von dem Brauch des Begehens oder des Tanzes in dem Wunderkreis der Hohendorfer Feldmark nichts mehr berichtet. Der uralte Brauch und die Erinnerung an ihn gingen verloren, nicht aber der Begriff "Wunderburg", auch wenn er nur noch als Flurname weiter existierte. Als in Preußen das große Maulbeerbaum-Programm Friedrichs II. lief, verpachtete die Stadt Calbe 1771 die städtische "Maulbeerplantage auf der Wunderburg" an den Gärtner Andreas Steinhäuser (vgl. Reccius, S. 79). Der hatte jedoch aus klimatischen Gründen wenig Glück damit, und bald scheiterte das gesamte Projekt, u. a. auch der Maulbeer-Anbau am Westrand der Schloss-Vorstadt (Alte Sorge). Man kann an dieser Aktennotiz erkennen, dass aus dem einstmals heiligen Gelände ein Stück Kulturland geworden war. Nach dem Scheitern des Anbaus von Maulbeerpflanzen setzte man Weinstöcke, die ganz gut gediehen. Aus dem anglikanischen England ist auch bekannt, dass dort im 16./17. Jahrhundert die "Trojaburgen" (Walls of Troy) einfach untergepflügt wurden. So wird es wohl auch in der Hohndorfer Feldmark gewesen sein.

 

In bestimmten Bräuchen leben die archaischen "Wunderburgen" jedoch weiter. Und zwar nicht nur in den Märchen und Sagen, sondern auch in Bereichen, wo wir das am wenigsten vermuten: in Kinderspielen und im Sprachgebrauch. Wir sagen z. B. heute noch, dass wir das Oster- oder Pfingstfest "begehen", ohne zu wissen, dass damit das Abschreiten der Schlangenbahn in einer Wunderburg gemeint war. Kinder malen oft Spiralen ("Schneckengehäuse"), in Kästchen unterteilt, auf Wege und hopsen sie dann in einer vorgeschriebenen Schrittfolge ab. Das ist das Weiterleben der alten rituellen Tanzschritte in einer Trojaburg, und wenn die mit Kreide aufgemalten "Hopsekästchen" oder "Hopseburgen" (nicht die aus Plast!) eine Kreuzform haben, dann ist das die christliche Variante. In einer Zeit, als die "heidnischen" Wunderburgen verboten wurden, im 16. Jahrhundert, kam ein Würfelspiel auf, das bald sehr beliebt wurde und heute noch von Kindern und auch Erwachsenen gern gespielt wird: das Gänsespiel. Auf einer spiralförmigen Bahn müssen die Spieler die Abenteuer eines Gänselebens durchstehen; die Gans  hier wiederum  als Fruchtbarkeits- und Frühjahrssymbol, in alten Zeiten sogar als heilig verehrt (vgl. die Gans in Märchen und Sage). J. W. v. Goethe hat im "West-östlichen Diwan" mit seinem Gedicht "Das Leben ist ein Gänsespiel" diesem Spiel ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch die Erweckungs- und Erlösungsspiele der Kinder "Mariechen saß auf einem Stein" oder "Dornröschen war ein schönes Kind" gehen auf den Wunderburgen-Kult zurück.

Nur ganz wenige Gemeinden in Deutschland (s. oben) pflegen noch die Wunder- bzw. Trojaburgen-Tradition.

Vielleicht könnte man auch in Calbe diesen alten Brauch wieder aufleben lassen und Frühlingsfeste mit relativ leicht auszuhebenden Rasen-Burgen in dem archaischen Gelände "begehen".

Übrigens: Im wilhelminischen Calbe fand seit 1874 das alljährliche (spätsommerliche Sedan- und) Kinderfest auf der Wiese unterhalb der Wunderburg statt (vgl. Dietrich, Heimat, S. 47).

 

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