Über den Begriff der Kreativität

KREATIVITÄT

In der neuesten Zeit beanspruchen immer mehr Menschen die Kreativität für sich. Menschen in Werbeagenturen behaupten gar, sie wären von Beruf nicht nur kreativ, sondern auch noch »Kreative«. Hier spielt eine andere, falsche Wortbedeutung mit hinein, die des Künstlers. Mit dieser Hilfskonstruktion fordern die Chefs der Agenturen Nachsicht für ihre verzogene Angestelltenschar, die größtenteils noch nicht mal angestellt ist, sondern nur praktiziert. Denn was die abliefern ist meist Gegenteil einer genialen Schöpfung, vielmehr Abschöpfung vorhandener Ideen. So musste eine vom deutschen Artdirektoren-Klub ADC prämierte Agentur ihren Nagel, so heißen die Pokale des Vereins, wieder abgeben. Die Jury kam erst durch einen anonymen Hinweis darauf, dass das von ihn für preiswürdig befundene Werk, ein Plagiat einer englischen Anzeige war. Ooops.

Wer vor dem leeren Blatt Papier sitzt, vielleicht noch einen Abgabetermin, eine deadline, hat – Wie wärs mit der Steuererklärung? –, der glaubt nicht mehr göttlichen Impetus oder den Kuss der Muse. Sorry, da hilft nur Arbeit. Der Mensch arbeitet, hinterher kommt ein Produkt raus. Man kann es vielleicht verkaufen, vielleicht in den Mülleimer werfen. Jedenfalls hat man etwas produziert und manchmal finden es die Mitmenschen sogar großartig. Das, was man vorher in Bausch und Bogen verdammt hat. Einige durchwühlen sogar die Mülltonnen: Fans, die Steuerfahndung, Kollegen. Es empfiehlt sich der Gebrauch eines Schredders oder ein abschließbares Fach. Man kann nicht misstrauisch genug sein.

Aber dann gibt es da noch etwas: das Talent. Einige haben es, andere nicht. Da hilft kein zweiter Bildungsweg, wenn man es schon nicht vorher hatte. Im Angelsächsischen gibt es zwar eine Haltung, die alles für erlernbar hält: das beliebte »You can get it if your really want.« Dem muss man widersprechen! Es gibt Bereiche menschlicher Tätigkeit, in denen kommt man mit Ausbildungsgängen nicht weiter. Sicher kann man auf ein Piano einschlagen und es für »Neue Musik« ausgeben. Aber wird man dadurch automatisch zum Musiker? Man kann weiter üben und üben, aber irgendwann ist eine Grenze erreicht, über die man nicht hinwegkommt. Ähnlich ist es in der Mathematik, an irgendeinem Punkt endet die Vorstellungskraft, es sprengt den Schädel.

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