»Der Körperbau jedes Lebewesens steht in engster, oft verborgener Beziehung zu dem aller anderen Wesen, die mit ihm in Wettbewerb um Nahrung und Wohnung treten, vor denen es entfliehen muss oder die es ausbeutet.«

DARWIN: KAMPF UMS DASEIN

Daseinskampf und natürliche Selektion. – Die Metapher vom Kampf ums Dasein. – Geometrische Vermehrung unter Optimalbedingungen. – Rasche Vermehrung eingebürgerter Tier und Pflanzen. – Vermehrungshemmnisse in der Natur. – Allgemeiner Wettbewerb. – Klimatische Einflüsse. – Schutz der Individuen durch große Anzahl. – Komplexe Beziehungen zwischen Tieren und Pflanzen. – Heftigster Daseinskampf zwischen ähnlichen Arten und Unterarten. – Wichtigste Beziehungen zwischen den Organismen.

DER KAMPF UMS DASEIN IST AM HEFTIGSTEN ZWISCHEN ÄHNLICHEN ARTEN UND UNTERARTEN
Arten einer Gattung ähneln sich meist sehr stark in ihrem Verhalten, ihren Lebensraumansprüchen und in ihrem Körperbau. Deshalb konkurrieren sie heftiger als zwei Arten verschiedener Gattungen.

Man sieht das an einer Schwalbenart, deren Ausbreitung in den USA die Verminderung anderer Arten hervorrief. Auf die Vermehrung der Misteldrossel in Schottland folgte der Rückgang der Singdrossel. Oft hört man, dass eine Rattenart eine andere ersetzt hat. Die kleine Asiatische Schabe, Blatta orientalis, hat in Russland ihre größere Gattungsgenossin Blatta germanicus verdrängt. In Australien die eingeführte Stockbiene die kleine stachellose heimische Biene. Eine Feldsenf-Art vertreibt alle anderen Arten, und solche Beispiele gibt es noch viele.

Daraus folgt: Der Körperbau jedes Lebewesens steht in engster, oft verborgener Beziehung zu dem aller anderen Wesen, mit denen es um Nahrung und Wohnung konkurriert, mit seinen Räubern und seiner Beute. Man sieht es an den Zähnen und Krallen des Tigers, wie an den Beinen und Krallen des Parasiten im Fell des Tigers.

An den gefiederten Samen des Löwenzahns, Taraxacum officinale, und an den flachen bewimperten Beinen des Wasserkäfers, Hydophilus spec., scheint diese Beziehung nur auf die Elemente Wasser und Luft beschränkt zu sein; aber der Vorteil des befiederten Samens hängt damit zusammen, dass der Boden oft von anderen Pflanzen besetzt ist, und dass der Samen, wenn er mit dem Wind verbreitet wird, besser auf freie Stellen auf dem Boden gelangen kann. Die Beine des Wasserkäfers eignen sich nicht nur perfekt zum Tauchen, sie ermöglichen es ihm auch, mit anderen Wasserinsekten zu konkurrieren, indem er auch deren potenzielle Beute jagt, und sie ermöglichen es dem Wasserkäfer, seinerseits vor Feinden zu fliehen.

Der Vorrat an Nährstoffen in einem Pflanzensamen mag auf den ersten Blick mit anderen Pflanzenarten nichts zu tun haben. Aber der Haupteffekt ist der, dass das Wachstum der Sämlinge unterstützt wird, während sie mit den anderen Pflanzen, die dort wachsen, zu kämpfen haben. Man sieht das beispielsweise an Erbsen und Bohnen, die im hohen Gras gesät wurden.

Wenn man eine Pflanze in ihrem Verbreitungsgebiet betrachtet, dann stellt sich die Frage: Warum verdoppelt oder vervierfacht sich nicht ihre Zahl? Sie kann meistens etwas mehr Wärme oder Kälte, etwas mehr Feuchtigkeit oder Trockenheit vertragen, wie jeder Hobbygärtner weiß, der eine ausländische Pflanze in seinem Garten wachsen lässt. Wir sehen deutlich, könnten wir der Pflanze einen theoretischen Vorteil über ihre Mitkonkurrenten oder ihre Fraßfeinde geben, sie würde sich weiter ausbreiten.

Am Rande ihres geografischen Verbreitungsgebiets würde irgendeine andere Konstitution, durch die die Keime wiederstandsfähiger würden, ohne Zweifel von Vorteil sein. Trotzdem: Es scheint, als wenn die Tiere sich gar nicht erst so weit verbreiten würden, dass sie durch ein hartes Klima vernichtet würden. Nur wo die äußersten Grenzen des Lebens erreicht sind, in den arktischen Regionen und in den heißesten Wüsten, hört auch die Konkurrenz auf. Und wenn ein Land extrem kalt oder trocken ist, die einzelnen Arten werden dann um die wärmste oder feuchteste Stelle konkurrieren.

Wenn jetzt eine Pflanze oder ein Tier in eine völlig neue Gegend unter völlig neue Mitbewerber versetzt wird, dann sind allein dadurch die äußeren Lebensbedingungen völlig andere, mag auch das Klima in der alten Heimat das gleiche sein. Will man jetzt die Populationsgröße steigern, so muss der Organismus in anderer Weise abgeändert werden, als dies in seiner Heimat der Fall gewesen wäre, aber es muss ihnen ein Vorteil gegenüber ihren Konkurrenten oder Feinden eingeräumt werden. [Darwin mag hier ganz praktisch an die südamerikanischen Rinderzüchter gedacht haben, deren Rinder sich nicht so entwickelten, wie in der Heimat. Seine Überlegung könnte sein, dass man sich nicht mehr an den alten Zuchtnormen orientieren kann, sondern betrachten muss, worunter das Tier an seinem neuen Standort leidet. Anm. hb]

Angenommen wir wollten einem solchen Organismus einen Vorteil verschaffen. Wahrscheinlich wüssten wir überhaupt nicht, was zu tun wäre. Wir würden die Wechselwirkungen mit anderen Organismen betrachten und müssten erkennen, dass wir auch darüber überhaupt nichts wissen. Diese Erkenntnis ist genauso notwendig wie schwer zu erwerben. Das einzige, was man in einem solchen Fall machen kann, ist im Auge behalten, dass alle Organismen sich geometrisch vermehren, dass sie in einer gewissen Zeit ihres Lebens einen starken Kampf ums Dasein führen und starken vernichtenden Einflüssen ausgesetzt sind.

Wenn wir darüber nachdenken, können wir uns damit trösten, dass der Krieg der Natur nicht ununterbrochen andauert, dass kein Lebewesen davor Angst hat, dass der Tod meist rasch kommt, und dass der Kräftigste, Gesündeste und Glücklichste die anderen überlebt und sich fortpflanzt.

 

Erwähnte Tier- und Pflanzenarten
Tiger, Panthera tigris (Mammalia)
Ratte, Rattus spec. (Mammalia)
Misteldrossel, Turdus spec. (Aves)
Singdrossel, Turdus spec. (Aves)
Floh (Insecta)
Asiatische Schabe, Blatta orientalis (Insecta)
Kakerlake. Blatta germanicus (Insecta)
Honigbiene (Insecta)
Austral. stachellose Biene (Insecta)
Wasserkäfer, Hydophilus spec. (Insecta)

Löwenzahn, Taraxacum officinale (Korbblüter)
Erbse
Bohne
Feldsenf (Apiacea)

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