Eine Reise durch die Welt der Bleichen Berge

 

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Die Matten der Seiseralm im Frühlingsrausch

Bergerlebnisse in den Dolomiten
Wanderungen
Höhenwege
Klettersteige


Der Sellagipfel an einem schneereichen Oktobertag

 

Die "Bleichen Berge" werden sie genannt, jene Gipfel hoch im Norden Italiens. Bleich ist allerdings nur das Gestein. Die Gipfel selber erheben sich mit filigraner Leichtigkeit in den tintenblauen Himmel. Andere Wettergebilde sind mir zwar auch zur Genüge bekannt, doch dann hat diese Landschaft noch immer etwas Verwunschenes und Geheimnisvolles an sich. Ich bin erst recht spät auf diese Berge aufmerksam geworden; doch nun besuche ich sie schon mehr als 20 Jahre. Einige von meinen Erlebnissen schreibe ich hier auf. Kleine, unspektakuläre Geschichten, die nicht den Anspruch des Heroischen erheben. Meine Kamera ist immer dabei, ohne diese wäre ich " nur" ein halber Mensch. Früher war es die Filmkamera, heute die für's Dia. (mehr als 6000 Aufnahmen)

Die Aufnahmen in diesem Bericht stammen alle vom Verfasser - bis auf das Luftbild vom Antelao




Nacht breitet sich über die Seiseralm,
nur der Langkofel erhellt noch den frühwinterlichen Abend


Dieses Buch ist kein Wanderführer oder Ratgeber; weder ist es eine Anleitung für Klettersteige noch dient es zur Auflistung von Schutzhütten oder gar Gehzeiten dorthin; dieses Buch ist rein der Verbindung Mensch und Natur gewidmet - nicht mehr und nicht weniger.

 

 

P r o l o g

 

Liebes(v)erklärung an einer Vielgeliebten...

In vielen Hütten die dort in den “Bleichen Bergen“ stehen habe ich übernachtet. Als Einzelgast war ich dort gut aufgehoben und wurde wohl bewirtet. Doch zumeist war ich einer von Vielen, bei bedrängender Enge, dann war ich nie sehr glücklich. Oft habe ich in jenen blechernen Biwakschachteln übernachtet, hoch am Berg, beengt und ohne Komfort; bei Sturm Schneetreiben und Gewitter, immer alleine – dort war ich glücklich. Auf allen Pässen habe  ich übernachtet, befreit vom Tagesrummel, fern vom Lärm der Autoschlangen - ich habe mich wohl gefühlt. Die Dolomiten sind beliebt,  sehr beliebt! Vor lauter Liebe werden sie fast erdrückt. Und irgendwann werden sie an dieser Liebe wohl sterben. Todesursache: Zu Tode geliebt.

Die Drei Zinnen gehören wohl zu den bekanntesten, beliebtesten, markantesten und deshalb meist besuchtesten Bergen der Welt. Allmorgendlich saugen sie Motorisierte auf breiter Mautstraße hoch, falls schlechtes Wetter nicht gerade gnädiges Einsehen zeigt. Parkplätze auf mehreren Ebenen ordnen “Bergruhe“ an. An deren Ende lädt ein Motel zu Speis‘ und Trank. An der Frontseite prangt noch der Name “Auronzo-Hütte“. Längst Nostalgie! Zur Zinnen Schauseite hin, ebenen Wegs und recht breit, ist die Hütte gleichen Namens bald erreicht. Rucksäcke sind in den Gasträumen nicht erwünscht, nehmen sie doch die Plätze weg für die, die da kommen. Und es kommen viele, vielleicht mehr, als die berühmten “Drei“ an einem Tage an Steinen polternd abwerfen. Die Umgebung zwar karg, doch ergreifend schön, falls Wolken - wie so oft - nicht alles verhüllen. Nun kreist die Maß, die Schönheit wird gefeiert. Ein Biergarten ist die Hütte eh!

Der Rosengarten! Welch' Gebirge kann sich schon mit solchem Namen schmücken; hoch über Bozen gelegen und seltsam lockend - und viele erliegen der Verlockung. Dank mannigfaltiger Aufstiegsmöglichkeiten und dank lückenlosem Hüttenangebot lassen sich in “König Laurins Reich“ die Feste feiern. Und wer dann ein frisches Bier in der Hand vor der Vaiolet-Hütte sitzend zum Gartl hoch schaut, braucht nicht zu befürchten schon doppelt zu sehen, die Menschen sind echt, der Lärm beweist es. Was kann der Rosengarten denn dafür, dass er so schön...

Die Seiseralm, die größte weit und breit, Wander- und Blumenparadies zugleich. Almen sind schön und Almen vermitteln Idylle, doch auf der Seiseralm ist alles zugleich schön. Und geboten wird viel: Hat man erst mal einen Parkplatz ergattert, kann man wählen zwischen Pizzerias und Pommesbuden, Restaurants für den gepflegten Gast sowie viele Hotels für die Nacht - oder mehr. Andenkenkitsch für die häusliche Kommode und warme Strickpullover sind obligatorisch, an Ständen herrscht wenig Mangel. Und wenn das Täschl nichts mehr hergibt - gleich nebenan ist die Bank für Bares. Eben eine Alm für glückliche Kühe und glückliche Wanderer - lila, rot und kariert gestylt. Gewandert wird  Schuhe schonend - und immer öfters - auf asphaltierten Wegen; falls man nicht vom Auto eines Hotelgastes verdrängt wird. An einer der vielen Jausenstationen darf man sich laben: Kuhmilch frisch, Speck vom Tiroler oder Grappa vom Feinsten. Wenn man dann nach Südosten schaut, dort wo sich der Langkofel aus den wellenförmigen Hügeln empor hebt, stolz, unnahbar und ergreifend schön, dann ist man mit sich und der Welt wieder im Reinen.

Schlichtheit ist kein Merkmal dieser Berge, so wenig schlicht wie deren Namen. Wo anders wetteifern die Vokale schon so klangvoll, als in denen, die dort heißen: Marmolada und Marmarole; Pala, Pelmo, Lagorai und Tofane; Antelao, Cristallo, Cadini oder Sorapis. Diese klangvollen Namen waren es schließlich nicht zuletzt, die mich in die Dolomiten hineinlockten, um deren Geheimnisse zu erkunden. Während eines Familienlurlaubs 1980 lernte ich die Dolomiten lieben; nicht ahnend, dass Leidenschaft daraus entstehen würde. In den folgenden Jahren machte ich mich auf, diese Welt aus Stein und Blumenlust auf meiner Art zu erobern – alleine. Einsamkeit, im Sinne von Verlassenheit habe ich dabei nie verspürt. Eroberungsdrang ist mir fremd geblieben, ich wollte erobert werden. Und ich wurde erobert! Diese Welt verzaubert, indem sie Harmonie schafft. Der schwere, drückende Rucksack entlockte mir so manchen Fluch, wenn die Hitze vom hellen Fels mal wieder recht arg zurückprallte, wenn die Füße nicht mehr wollten oder meine Schritte im Geröll keinen Halt mehr fanden. Doch alle Plagen waren spätestens dann ausgeflucht, wenn ich eine sonnendurchflutete Scharte erreichte und sich vor mir eine Landschaft ausbreitete, bei deren Beschreibung die Lippen gemeinhin stumm bleiben - weil Worte nicht ausreichen sie in Bildern fassbar zu machen. Waren es zunächst die bekannten Höhenwege, die mehr oder weniger von Nord nach Süd diesen gewaltigen Bergraum durchmessen, wollte ich schon bald die viel besungenen, viel gerühmten Klettersteige mit einbeziehen. Wenn klamme Finger sich am kalten Stahlseil klammerten, den Blick genau in der waagerechten Position haltend und das Denkbare möglichst nicht denken, dann war die Luft schon recht dünn unter dem Hosenboden. Doch irgendwann wurde der Gang lockerer. Es ging voran! Bekannte Gipfel zu besteigen ist ein Muss, doch immer mehr wurde mir bewusst, dass mich das Unbekannte, das Abenteuerliche reizte. Waren es nun die Erlebnisse auf hohen Gipfeln in den nördlichen Dolomiten oder die auf kaum fußbreiten Pfaden in den wilden, schluchtartigen Tälern des Südens. Den Wechselbädern erregter Anspannung folgten Stunden der Muße. Freude über versteckte Blumenoasen, abseits aller Wege, so schillernd bunt wie die Schmetterlinge, die lautlos durch das Licht gondeln, Hummeln die sich von Blüte zu Blüte brummeln, Murmeltiere die sich in den höchsten Tönen üben, erregt schnaufende Gämsen, aufgeschreckt vom unachtsam hinab gestoßenen Stein und kreisende Dohlen  unterm Tintenhimmel, dort wo Flugzeuge weiße Girlanden zeichnen. Zuviel der kitschigen Harmonie? Für wenig sensible Menschen möglicherweise, für andere so wichtig wie die tägliche Nahrung. Für mich kleine Fluchten vom täglichen Einerlei und große Schritte hin zur erlebten Sinnlichkeit.

 

 

Im nachfolgenden Teil werde ich meine persönlichen Erlebnisse schildern und diese in unbestimmten Zeitabständen aktualisieren

 

1. Die Stille…

Um mich herum tief atmende Ruhe. Ich erhebe mich von meinem Nachtlager. Greife suchend nach Hose und Jacke. Vorsichtig tastend steige ich über Rucksäcke, die da und dort den Raum zwischen den Nachtlagern füllen. Noch ist es Nacht - fast. Ein erster zarter Schein bildet einen blassen Lichthof auf die atemfeuchten Fenster des Rifugio Lagazuoi. Draußen vor der Eingangstür - frostige Kühle. Ich ziehe den Kragen meiner Jacke hoch. Ostwärts gehend entferne ich mich ein gutes Stück von der Hütte weg, Richtung Tofane. Um mich herum Stille… nichts weiter als Stille! Transparenz erfüllt den Raum. Das kaum merkbare Geräusch meines Atems erlebe ich fast als störend. Ganz langsam vergeht die Nacht, die Morgendämmerung setzt ein, so sanft, dass mir die Grenze zum Tag kaum bewusst wird. Schemenhaft, dunkel, mächtig und auch geheimnisvoll zeichnen sich die Konturen der Tofana di Rozes gegen den östlichen, noch fast unmerklich erhellten nachtdunklen Himmel ab. Aus der Leere der Nacht, von Westen kommend, ein dunkles Etwas - streift mich fast - und gleitet lautlos vorüber. Ein einziger Flügelschlag bricht die Stille... ganz wenig nur. Für einen winzigen Augenblick wallt die morgenkühle Luft auf - kaum messbar. Eine Bergdohle nur, doch sie erscheint mir wie ein Wesen aus Urzeiten - fremd und bedrohend. Sie entschwebt in die steinernen Kulissen. Erst allmählich, dann jedoch rasch dominant verwandelt sich die Nachtschwärze in ein tiefdunkles Glutrot; bald wird daraus ein Helles. So als wäre ein himmlischer Schmidt am Werk, der nun Sauerstoff in die scheinbar kalte Glut pustet. Die Tofana umgibt sich mit einer Aura, die betörend wirkt und zugleich nach Demut verlangt. Tief unten zieht ein erstes Gefährt in määnderförmiger Bewegung zum Passo Falzarego hoch; lautlos noch, die Entfernung ist zu groß. Und noch immer nimmt mich der sonderbare Zauber dieses Bergmorgens gefangen, den ich hier auf der Gipfelfläche des Lagazuoi erleben darf - hoch über Cortina d'Ampezzo. Für Augenblicke schließe ich die Augen, als die Sonne jäh hinter der Tofana hervorbricht und den Tag endgültig ausleuchtet. Unweit von mir, erste Laute in der Stille: Geschirr scheppert und blecherner Klang von Töpfen und Pfannen. Wortfetzen dringen zu mir herüber - italienisch, deutsch und wienerisch. Das Inventar der Lagazuoi-Hütte regt sich, die Gästeschar erwacht, der Tag nimmt seinen Lauf. In ein paar Stunden wird die Seilbahn wieder Unruhe hochsaugen - sieben, acht Stunden lang; bis dann wieder Stille einkehrt. Ich packe meine Sachen, stecke ein paar Happen des kargen Hüttenfrühstücks in die Backen, ein Schluck Tee noch, dann bin ich wieder bereit den Steinen zu folgen, die mich südwärts führen, tiefer und tiefer hinein in die Welt der Bleichen Berge.

 

Aufstieg zur Civetta. Links im Anschnitt, der Monte Pelmo

 

 

2. Frühling, Sommer, Winter – und 30.000 Lire

 

Wenn die Sonne im Jahreslauf beinahe ihren Scheitelpunkt erreicht hat und schon recht senkrecht steht; und wenn die Sonne auf den Almen und in den Bergschründen an den Resten des Winters leckt, dann befällt dem Bergwanderer eine gewisse Unruhe, die ihm nach Rucksack und Bergschuh schielen lässt; umso sehnlicher das Bedürfnis dann, wenn man am fernen Niederrhein wohnt.

Der Juni hat so gerade den Monat geteilt, als ich Richtung Dolomiten steuere. Die Berghütten dürften nun nach und nach ihre Türen und Fensterläden öffnen. Darauf hoffend, hatte ich meine Touren geplant. Auf jeden Fall waren sehr viele Wanderungen in der sprießenden Bergnatur gewollt; aber auch Weitwanderungen mit eingeschobenen Hochtouren. Einmal ganz bewusst den Bergfrühling erleben und dem Massentourismus keine Chance geben, der unweigerlich und unabänderlich im Juli einsetzen würde. Darauf meine ganze Hoffnung setzend, erreiche ich an einem halbwegs sonnigen Sonntagnachmittag das Grödnertal. Doch aus aus dem Frühling wurde ein Frierling…

Tau liegt auf den Gräsern, als mich ein strahlender Montagmorgen begrüßt. Doch diesmal liegt der Tau in fester Form und weißem verschwenderischem Glanze auf die noch jungen Gräser. Alles brilliert und leuchtet. Saukalt aber herzerwärmend kann ich es auch umschreiben. Das Grödnertal mit seinen Bergen ringsum war mir zwar über die Jahre recht bekannt, doch immer noch gibt es Ecken und Winkel, die ich nie gesehen. So auch die Steviahütte und deren Umgebung. Über den schattigen, teils vereisten Aufstieg, werden die Beinmuskeln nach und nach erwärmt. Ein Almbauer, der mit mir ein Stück Wegs gemeinsam geht, schimpft mir die Ohren über das Sauwetter voll. Dabei habe ich überhaupt keine Sorgen, ich empfinde das Wetter als Genuss. Mit stetem Anstieg hebt sich auch der Langkofel höher, der nun nach und nach über der Seiseralm dominant seine Felsgestalt so recht ins Morgenlicht rückt. Ein Bild voll seltener Anmut und Schönheit. Schon freue ich mich auf ein schönes Getränk in der Steviahütte. Nichts da - außer Kaninchen. Diese tummelten sich in der nun wärmenden Sonne vor der Hütte. Die Hütte selber hält ihre Öffnungen noch dicht verschlossen. Dafür hat die Regensburger Hütte die Saison bereits eröffnet, wo ich mich dann später für eine gute Weile niederlasse.

Nächsten Tages starte ich vom Grödner Joch ausgehend zur Puezhochfläche. Es liegt noch eine Menge Schnee auf dem zerfurchten Plateau. Der Weg zur Puezhütte zieht sich hin. Jeder Eile fern dauert es, bis ich mich vor der kleinen, alten Puezhütte auf der Holzbank niederlassen kann. Das Gesicht zur Sonne gedreht, träume ich von vergangenen Zeiten. Damals, auf dem Höhenweg 2, war hier ein lebhaftes Völkchen in gelöster Stimmung in der voll gepfropften Mini-Hütte versammelt. Voller Enthusiasmus befand ich mich auf meiner ersten Weitwanderung.
Doch während ich noch die herrliche Stille voller Genuss verinnerliche, ist plötzlich ein Dröhnen in der Luft. Ein Hubschrauber setzt in aller Eile unweit von mir direkt vor der neuen Puezhütte auf. Heraus springen eine Menge Leute, die augenblicklich in der Hütte verschwinden. Sofort werden die Fensterläden aufgestoßen. Erneut erscheint der „Hublärmer“ und bringt in einem großen Netz Konserven und Getränkekästen. Recht grimmig über die geraubte Stille steige ich etwas weiter bergan, zum Col Muntejela. Für die weiteren Stunden genieße ich den beruhigenden Blick über die weiten Almwellen, die erst vor dem Peitlerkofel im Norden enden.
Erstaunt bin ich doch, als ich auf dem Rückweg wieder an dem unschönen Hütten-Neubau vorbeikomme. Alle Bänke vor dem Haus sind nun besetzt. Wanderer trinken, essen und schwatzen. So, als könnte man die Öffnung riechen, kommen die Leute in nicht minderer Zahl aus dem Langental empor. Nun scheint die Saison endgültig eröffnet.
Die Beinmuskeln nun etwas gestärkt, starte ich zu meinem vorgesehenen Hauptziel in die Sextener Dolomiten. Am Misurinasee biege ich ab auf die „Zinnenautobahn“. Eine Schranke gebietet mir augenblicklich Halt. Diese öffnet sich erst, als ich einem uniformierten „Wegelagerer“ 30.000 Lire in die fordernd aufgehaltene Amtshand drücke. Die Auronzohütte befindet sich noch im geschlossenen Zustand, als ich diese am späten Nachmittag erreiche. Über den großen Parkplätzen liegt noch eine gespenstige Ruhe. Auf der obersten Parkebene, direkt unter den Zinnen und mit hervorragendem Panoramablick auf die Cadini, richte ich mich in meinem Wagen für die Nacht ein.
Für die nächsten Tage habe ich mir folgenden Plan vorgelegt: Morgen soll es zunächst auf die Schusterplatte gehen. Für den Wochenrest ist dann der Rucksack für eine größere Tour zu packen. Über die Klettersteige des Paternkofels hoch, will ich diesen queren. Dann zur Zsigmondyhütte, um dort zu übernachten. Über die Carduccihütte will ich dann zur Zwölferkofelumrundung starten. Eine Nacht im Bivacco Toni ist eingeplant. Dann wieder zurück zum Ausgangspunkt.
Doch zunächst starte ich jetzt am Donnerstagmorgen bei freundlichem aber recht kühlem Wetter Richtung Schusterplatte. Ganz vereinzelt sind Wanderer unterwegs. Über den Dreizinnenboulevard wandere ich den Paternsattel an. Es ist schon ein traumhaft schönes Bild, das sich von dort auf die nördlichen Sextener bietet. Und inmitten aller Pracht steht die Dreizinnenhütte, deren rotes Dach schon von weitem anheimelnd lockt. Nun, auch diese ist noch geschlossen. Was aber gar nicht weiter schlimm ist. Wer die Hütte im geöffneten Zustand kennt weiß, was er nicht verpasst hat. Die Schusterplatte ist ein Beinahe-Dreitausender. Wenn auch gar nicht schwierig besteigbar. Der Blick vom Gipfel schweift über das wilde, zerklüftete Felsdrama der nördlichen Sextener. Dunkle Wolken sind aufgezogen, ein eisiger Wind heult über die Gipfelebene. Gewölbte Schneereste ergeben zusammen mit dem rötlichen Fels ein faszinierendes Maler-Stillleben. Eine knappe Stunde bin ich oben - zum Schauen, zum Fotografieren. Den Winterraum der Zinnenhütte erreiche ich dann aber schon im platschnassen Zustand, weil ein Gewitter schneller war. Als ich später mein Auto wieder erreiche, bricht die Abendsonne durch. Das Zackengewirr der Cadinigruppe wird nun zum abendlichen Hauptfilm, der sich in diesem Autokino durchaus empfiehlt.

Freitag ist es. Mein Rucksack für drei Tage gepackt, wartet aufs Aufschultern. Das Wetter ist durchaus sonnig, wenn mich da nicht im äußersten Westen der kleine, dunkle Wolkensaum stören würde. Also warte ich noch ab, was sich ergibt. Vermehrt ziehen Wolken auf; und vermehrt ziehen nun Wanderer an meiner Parkbucht vorbei. Das anbrechende Wochenende lässt so manchen Berggast hier erscheinen. Ich liege richtig mit meiner Vermutung, dass ich sie in Kürze wieder sehen werde. Und siehe da, um 11.00 Uhr hasten sie alle wieder durchnässt zu ihren Wagen zurück. Der frühmorgens ausgemachte Wolkensaum hat sich mittlerweile nämlich zu einem ausgemachten Sauwetter entwickelt. Für mich heißt das – warten. Ins Tal runter und morgen wieder 30.000 Lire abdrücken – nicht mit mir! So eine Mautstraße wird ja nicht gebaut, um die Dolomiten mit dem zu entrichtenden Obolus zu retten, sondern um die Gesellschafter zu erfreuen. Um die nun genügende Zeit auszufüllen, betreibe ich Anschauungsunterricht. Trotz Regenwetter zieht es ein Wagen nach dem anderen die Maustraße hoch. Alles aussteigen, Weib und Kind vor die Zinnen befohlen, ausgerichtet und in die Sucherkamera smilen lassen. Klappe zu, Wagen weg. Somit kostet jeder Schnappschuss hochgerechnet 30.000 Lire.
Ein kalter, windiger Abend gibt mir zumindest die Hoffnung, dass ich morgen aufbrechen darf. Heute war Sommeranfang!
Samstagmorgen! Der Wächter über Parkbuchten und Mautgebühren erscheint wieder, zur Überprüfung der rechten Ordnung, um wie gestern früh auch schon, die Mautkarte auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Er dient ebenso wenig zur Erhellung meiner Stimmung, wie das Wetter. Wenn nun auch zwei blassblaue Wolkeninselchen auszumachen sind. Diese sind nach dem ganznächtigen Regen immerhin ein Lichtblick. Und was kommen muss, das kommt! Regen setzt wieder in gewohnter Form ein. Meine Stimmung sinkt auf den absoluten Tiefpunkt. Nun bin ich bereits den 4. Tag hier droben, und harre hier mit einer geradezu engelshaften Geduld. Doch nun werde ich trotzig. Im Tal kann ich nichts anfangen, hier oben auch nicht. Die 30.000 Lire werde ich deshalb bis auf die letzte Lira auskosten. Heute werde ich noch bleiben, morgen entscheide ich dann weiter. Es ist erstaunlich, wie viel man schlafen kann. Kaum habe ich ein paar Seiten gelesen, bin ich schon wieder müde. Die Wärme des Schlafsacks bietet fast komfortable Gemütlichkeit. Zwischendurch wird aus dem großen Aldi-Sortiment eine Konserve herausgegriffen. Zum Nachtisch eine Tafel Schokolade. Das wiederholt sich in dieser oder ähnlicher Form - und immer öfters. Die weiteste Wanderung ist die zur Mülltonne - 10 Meter! Wagen kommen hoch, Wagen fahren runter. Der Tag leiert dahin, die Abenddämmerung sinkt hernieder. Schneefall hat seit geraumer Zeit die Umgebung in weißgrauer Einheitsfarbe getunkt. Ein heftiger Wind verwirbelt die Flocken. Um die Drei Zinnen toben die Elemente. Aus dem Autoradio grüßt Elvis Presley mit der amerikanischen Version von „O Sole mio“. Längst bin ich schon wieder tief im Schlafsack verschwunden, zwei Wolldecken obenauf. Warm ist mir nicht, frieren tue ich so direkt aber auch nicht. Es ist so eine eigenartige Restbehaglichkeit vorhanden, die mir verbietet, den Schlafsack überhaupt jemals wieder zu verlassen. Längst ist die Dunkelheit hereingebrochen, obwohl ich diese nur ahnen kann. Die Scheiben des Wagens haben sich nämlich derweil mit einer dicken Schnee/Eisschicht überzogen. Der starke Wind entwickelt sich zum Sturm. Böen schütteln an meinem Auto und habe dabei das Gefühl, einem stürmischen Transatlantikflug ausgesetzt zu sein. Viel Schlafen tue ich in dieser Nacht recht wenig. Etwa 300 Mal wechsle ich die Lage im Schlafsack. Hin und wieder dämmere ich weg. Eine leichte Erhellung am Autofenster lässt den beginnenden Morgen erahnen. Der Sturm ist etwas sanfter geworden. Doch nun muss ich, ob ich will oder nicht, an die Luft. Nur wie? Die Wagentüren lassen sich nicht öffnen, ebenso wenig die Scheiben. Alles ist eingefroren. Mit dem einsetzenden Licht kommt mir dann die erhellende Idee, den Wagen zu starten und die Heizung auf volle Pulle zu stellen. Die Batterie hat noch Saft, der Wagen startet. Nur das Gebläse kommt nicht in Gang. Die Einlassöffnungen müssen verstopft sein. Nach einer guten Viertelstunde und mit ein wenig Gewalt, lässt sich die Tür widerwillig aufdrücken. Der Schnee hat die Höhe des Türholms erreicht, die Konturen des Wagens sind fast verschwunden. Ein Wintermärchen? Wohl kaum! Ist doch jetzt bereits der 5. Tag angebrochen, wo ich auf diesem Flecken verharre. Und jetzt will ich endlich runter und weg aus diesen „verfluchten“ Sextener Dolomiten. Doch wie? Die Mautstraße ist dick eingeschneit. Nun sage ich mir, Mautstraße = Geldstraße – und ohne Moos nichts los. Also würde in Kürze ein Schneepflug erscheinen, der den Tagesgästen die Bahn spuren wird und mir eine schöne Abfahrt. Gegen 9.00 Uhr tauchten dann tatsächlich die Lichter der Räummaschine auf. Der Weg ins Tal ist frei. Die Bauern treiben ihre Kühe von den Sommerwiesen abwärts, die Tiere haben nichts zu fressen im Schnee. Auf den Bäumen liegt weihnachtliches Gepuder. Am Misurinasee ist der Spuk dann vorbei. Verwundert schaute man auf die dicke Schneeschicht auf dem Dach meines Wagens.
Nach weiteren zwei Tagen und weiteren frustrierenden Beinah-Touren, lenke ich meinen Wagen auf die Autobahn. Soweit ein Sommeranfang in den Dolomiten!

 



Die Gipfel der Sextener "Sonnenuhr unweit der Drei Zinnen gesehen

 

3. Almgeschichten

Der Monat mit dem O ist mir der liebste geworden. Er spendet noch die Wärme, von der sich die Haut geschmeichelt fühlt. Und er spendet Farbe, von der sich die Seele geschmeichelt fühlt. Wenn er denn Regen bringt, macht er nun öfters Schnee daraus, der sich in den Höhen schon gerne anhaftet. Morgens tanzen Eiskristalle zu flimmernden Lichtern illuminiert auf den gelben Gräsern, auf Herbstzeitlose und auf Lärchenzweigen. Und wenn die Morgennebel von der wärmenden Oktobersonne sich so nach und nach von weißblauer Wischtechnik zu tiefstem Blau verflüchtet haben, tut sich endlich die Welt auf, die Maler nach dem Pinsel greifen lässt - andere nach Nikon oder Canon. Ich fühle mich der letzteren Sorte behaftet und kann mich so wieder dem ganzen „Kitsch“ hingeben, der verschwenderisch und im vollen Breitwandformat die Dolomitennatur durchflutet. An wintertrüben deutschen Abenden dürfen sich Zuschauer im trübgrauen Einheitslook gewandet, die Ergebnisse als bunte Dias anschauen.
Der Dolomiten-Oktober hüllt ein, schafft Szenerien die traumhaft wirken, Träume wecken, Träume erfüllen. Farbe quillt aus den Wiesen, aus den Büschen; Farbe rieselt aus den Bäumen; Felsen zieren sich in Ockergelb und Rostrot, oder auch in Weiß und hellem Grau - darüber Himmel aus Azur. Nie zu bunt, alles passt, alles harmonisiert, alles voller praller Farbe. Vincent van Gogh war niemals hier. Hätte er die Dolomiten nur gekannt!

Als ich im Oktober 2002 an einem Spätnachmittag Predazzo erreiche, wird es im Fleimstal schon dunkel. Ich biege auf die Forststraße ab, die ins Val di Maggiore führt, um dann gut 600 Meter höher die gleichnamigen Alm zu erreichen. Zwischen mächtigem, altem Gehölz bricht die Abendsonne blendende Schneisen, und der hochgewirbelte Staub leuchtet goldfarben auf. Auf 1600 Metern erreiche ich den großen ebenen Almboden; an dessen Ende die Malga. Diese hat die Sommerbewirtschaftung eingestellt. Aber es befinden sich noch kleine Gruppen Nutztier’ auf den Wiesen. Die dunklen Berge der umgebenden Lagoraikette wirken nun ernst. Nur gegen Nordwesten zeichnet sich der helle Fels der Latemargruppe ab. Ich bin etwas müde von der langen Tagesfahrt und möchte nach einem leichten Abendbrot den Schlafsack aufsuchen. Dieser wird für die kommende Nacht in meinem Wagen ausgebreitet. Schon bald schleicht sich eine Gruppe Esel heran. Neugierig und aufdringlich beobachten sie, was diese komische Gestalt wohl treibt und vor allen Dingen da futtert. Und da sie nicht zu vertreiben sind, schlage ich die Heckklappe zu und ziehe mir den Schlafsack um die Ohren. Nacht legt sich über die Lagoraiberge, dieser Insel der Stille.
Hin und wieder besuche ich sie gerne, weil es in deren Hochlagen noch keine Hütten gibt; ebenso wenig finden sich Liftanlagen. Im Sommer wandert man gerne hier, doch der Zustrom ist endlich. Und jetzt im Oktober, kann ich nur mich entdecken.
Ich fröstele etwas in meiner Hülle und schlafe etwas unruhig. Doch dann um 3.30 Uhr in der Früh hebt ein Geläut an. Schnaufend kommt eine Horde Pferde näher, glaube ich zu hören. An den Ritzen des Kofferraumes saugen sich schnüffelnde Nüster fest. Die eingesaugte Luft signalisiert wohl Essbares. Leichte Erdstöße erschüttern mein Anwesen, wenn der mächtige Hintern des rangoberen Gruppenpferdes die Karosserie walkt. Ich kann alles nur ahnen, was draußen in der kalten Nachtluft abläuft. So auch, als nun ein hässliches Schmirgelgeräusch anhebt. Mit Genuss leckt der alte Sauerbraten den Raureif vom Lack meines Wagens weg. Schließlich kommt das grausame Geräusch fräsender, breiter Pferdezähne dazu. Ich kann es nur so einordnen, dass der Hengst die Außenspiegel nun vollends ins Maul genommen hat. Vergleichbare Töne machen sich nun auch im Heckbereich bemerkbar. Das Schlimmste befürchtend, brülle ich gegen die Nacht an. Ohne Erfolg! Schließlich schäle ich mich unwillig aus Sack und Decke, verwinde mich zum Fahrersitz, starte den Motor und schalte das Fernlicht hoch. Nun weicht das Pferderudel doch wenige Meter zurück. Doch sehr beeindruckt scheint es nicht zu sein. Auf jeden Fall haben sie von meiner Gastfreundschaft genug und wenden sich nun endlich ihrer gewohnten Kost zu.
Der Lack ist zwar an einigen Stellen recht unschön abgefräst, doch wiederum nicht so stark, wie ich zunächst befürchtete, stelle ich dann bei meinem morgendlichen Rundgang fest.

Vom vielen Schnee in den oberen Regionen des Lagorai, war ich dann doch etwas überrascht. Zuviel war in den letzten Septembertagen heruntergegangen. So wurde mein Besuch dort auch kürzer als geplant. Deshalb startete ich nächsten Tages vom Passo Vallez ausgehend zu einer gemütlichen Almwanderung. Jenseits, südlich, recken sich die mächtigen aber doch so filigranen Spitzen der nördlichen Palagruppe in den grauen Himmel. Die zum Naturpark Paneveggio gehörende große Alm- und Hügelflache, die zwischen Pelegrinotal und den Palabergen eingelagert ist, möchte ich nun per Rundwanderung erleben. Die Hütten sind bereits geschlossen; wohl auch deshalb, weil sich für meine Dürftigkeit ohnehin keiner mehr interessiert. Einsam ist es aber doch nicht. Immer wieder sausen Jeeps über die breiten Kieswege. Um den großen See - Lago di Cavia - herum ist es recht laut. Einer der Lifte wird gewartet und aufgerüstet für den Winteransturm. Eine andere Gruppe werkelt an der Staumauer des Sees. Als See macht er sich auch nur auf der Karte gut, denn bei Augenschein ist der Zweck desselben bald erkannt: die Schneekanone braucht Futter. Und als ich mich etwas genauer umschaue, entdecke ich inmitten der Hügel viele pistenartige, breitgewalzte Flächen. Diese sind nun mit einem leichten Flaum aus Schnee bedeckt, der etwas Erbarmen gibt aber nicht deren Hässlichkeit zu verstecken vermag. Zu verstecken gibt es allerdings sehr viel, wie ich auf meiner halbtägigen Wanderung sehe. Pisten, Stromkabel, Masten, Lifte und breite Wege, alles gilt es im Winter zu verstecken. Sollte der Winter dann nicht so recht wollen - wie so oft - hat der Kanonier wieder harte Akkordarbeit zu erledigen. Eine hässlichere Alm als diese kommt mir momentan nicht in den Sinn. Leise rieselt der Schnee!

Um wieder eine geordnete Behaglichkeit für die folgende Woche zu haben, wende ich mich dem Alta Badia zu. Aus dem düsteren, nun meist sonnenlosen Gadertal biege ich ab nach Wengen. Wenn unten im Tal schon alles im Schattenreich versunken ist, räkelt sich dieser beschauliche Ort noch in der Abendsonne. Hier hat alles noch eine natürliche, gewachsene Ordnung: Kirchgang, Friedhof, dann Wirtshaus - in dieser Reihenfolge. Gebaut wird auch, doch (noch) in Grenzen. Zwei, drei oder auch vier Häuser mehr, werden es auch im folgenden Jahr wieder sein. Doch Lifte wird man vergeblich suchen, und Pisten auch nicht. Drüben dort, unter der Sella, in Corvara, wird man Sicherheit dererlei nicht entbehren müssen. Und wunderschöne Wanderwege gibt es hier auch. Die Augen erblicken den Peitlerkofel und die Puezberge, an der langen Flucht des Kreuzkofelmasivs entlang haften die Augen schließlich auf den Hausberg - der Neunerspitze. Nicht ganz 3000 Meter hoch, dafür aber schöner. Wenn man dann etwas höher steigt, zur Kreuzspitze vielleicht, schaut man schon bis zum Großglockner; oder ganz nah, auf die Fanesberge.
Doch es stinkt im Wengental! Alle Bauern wollen zugleich in den ersten Oktobertagen ihre in reichhaltiger Fülle übers Jahr angesammelten Opfergaben gegen Himmel senden. So beschließe ich umgehend, die opferfreie Schutzzone der Fanesalm aufzusuchen.
Der Wetterbericht meldet für heute durchwachsendes Wetter: wolkig mit etwas Aufheiterungen, etwas Regen möglich. Unbeeindruckt davon steige ich in den Wagen und fahre die Valparolajoch-Paßstraße hinan. An der Capana Alpina sammeln sich erste Automobile. Zunächst ist es noch kühl, doch dann setzt sich die Oktobersonne durch. Der blaßblaue Himmel färbt sich zu dem Blau, was ehedem gerne Könige zu tragen pflegten. Linkerhand zum Aufstieg, das pralle Gefüge der Conturinesspitze. In deren Ausbrüche fangen sich die Schatten der Morgensonne. Der gelbrote Fels zieht immer wieder magisch das Objektiv meiner Kamera an. Drüben, zum Südwesten hin, räkelt sich die Wucht der Sella aus den Almwellen. Nach dem treppenartigen Anstieg zur ersten Einsattelung wird die Jacke endgültig in den Rucksack geschoben. Vor mir die weite Fläche von Großfanes. Zum wiederholten Male bin ich dort - nie bereut. Mit jedem Schritt wird die Aussicht schöner. Deshalb muss man sich diese auch erwandern. Schäfchenwolken sammeln sich am Himmel, Flugzeuge bringen wiegende Seidenschals dazu. Ein kurzer Fluch, wenn ich mal wieder über einen Stein stolpere. Doch die "Hansguckindieluft"-Verrenkung erfordert dies. Ich habe die Dias noch nicht gezählt, die hier von mir fotografiert wurden, doch es dürften mittlerweile mehrere Hundert sein. Müde nach Perspektiven zu suchen und müde, die Ergebnisse anzuschauen, ist mir bislang noch fern. An der Brücke über dem Fanesbach, unweit der kleinen Jausenstation, tut sich nach Osten hin ein Panorama der Extraklasse auf. Frischschnee lagert in den Furchen der Felswände, auf Buckeln goldgelbene Lärchen im Herbstlicht strahlen, und dazwischen rauscht der Fanesbach. Kann „Kitsch“ noch schöner sein? Es ist dies so ein Edelschinken, wie er ehemals (und auch heute noch) in den muffigen Wohnstuben der arbeitenden Bevölkerung gerne den Raum schmückte und dabei etwas Wärme brachte und der Sehnsucht Flügel verlieh. Nur - hier ist der Kitsch Wirklichkeit. Wer dann vor Ort diese Umschreibung tatsächlich in den Mund nimmt, ist ein elender Banause. Basta!
Und so steige ich weiter über Lichtwege und Märchenwiesen und auch hoch zum sagenumwobenen Limosee. Dampfend habe ich ihn allerdings nur einmal gesehen, vor vielen Jahren, auf dem Dolomitenhöhenweg 1, früh am Morgen. Es war August, und da war er noch gut gefüllt; doch nun ist er ein elender Tümpel unansehbar, eher jämmerlich. Ein älterer Herr kommt über die Kante hoch geschnauft, die zum touristischen, wenn auch nicht minder schönen Abschnitt der Fanesalm abbricht, von Klein-Fanes. "Grüß Gott! Wo ist denn hier der Limosee und wie komme ich dahin?" "Na, sie stehen schon direkt davor", antworte ich. "Ach?" Ob er nun enttäuscht sei, versuche ich fragend in seinem Gesicht zu lesen; oder gibt er sich damit zufrieden, nun abhaken zu dürfen, was der Fremdenführer in Buchform gemeinhin als sehenswert einstuft? Sei es drum, ich beobachte noch ein Weilchen von erhöhter Warte das quirlige Leben auf den beiden Hütten; welches sich aber aus dieser Entfernung recht friedlich darbietet. Das Licht der Nachmittagssonne fordert auf, ein Dia ans nächste zu reihen. Dann wieder Innehalten - Schauen. 30 Wanderer mögen es schon gewesen sein, denen ich während dieses schönen Tages begegnete, doch fühlte ich mich nie eingeengt. Inmitten der Wellen der weiten Alm fallen sie kaum ins Gewicht. Fanes ist meine Lieblingsalm.
In Deutschland regnet es saumäßig, erfahre ich später per Handy von meiner Frau. Na, das ist aber schade!

 

 

4. Der König (Antelao) und ich...

 

...fast 20.00 Uhr! Ich muss mir die Augen reiben und die kleine Taschenlampe einschalten, um die Uhrzeit am Arm überhaupt erkennen zu können. Es ist düster, fast lichtlos in meiner winzigen und engen Behausung. So nach und nach wird das zusammenhanglose Gefüge meiner Sinne wieder zu einer geordneten Einheit...

Ich befinde mich im Biv."Cosi", eine von diesen kleinen, rotgestrichenen, tonnenförmigen Blechbehausungen. Diese stehen verstreut in den Bergen - meist in größeren Höhen - um dem Bergsteiger einen bescheidenen Schutz vor den Unbilden des Bergwetters zu gewähren. Diese "Iglus" sind aber auch als Unterkunft bei mehrtägigen Bergwanderungen bestens geeignet. In der Regel sind acht bis neun Klappbetten eingefügt; und wenn man Glück hat, sind diese auch mit Schlafdecken ausgestattet. Sollte es aber ausgerechnet mal 9 Leuten danach lüsten sich dort wohnlich einzurichten, dann Gute Nacht! Doch - was ein Glück, ich bin alleine hier auf 3111 Meter Höhe, etwa 150 Meter unterhalb des Antelao Gipfels.

Am Morgen hatte ich mit dem Aufstieg auf den "König der Dolomiten" begonnen. Nach der Marmolada ist der Antelao der zweithöchste Gipfel in den Dolomiten. Mein bester Tag war das ganz und gar nicht heute: etwas müde, etwas träge - und Schwüle lag in der Luft. Über dem Gipfelaufbau bauten sich bereits allmählich mächtige Wolkentürme in den blassblauen Himmel. An Umkehr dachte ich aber nicht - war ich doch schon zu hoch. Trotz aller bleiernen Trägheit, die den Füßen jegliche Lust nahm weiter zu steigen, hatte ich es aber auch nicht allzu eilig, den Gipfel zu erreichen. Es war von mir fest eingeplant, auf dem höchsten Punkt zu übernachten. Es sollte das ganz große Erlebnis werden: Alleine mit der Welt, plus Sonnenuntergang und -aufgang. Dafür schleppte ich dann nebst Foto- und Filmausrüstung auch noch den Schlafsack mit über die steile, geröllbedeckte Nordflanke des Berges hinan. So wurde es dann auch 14.00 Uhr, ehe ich die kleine Biwakschachtel erreichte.

 

Im Kreis die Lage des Biv. Cosi

Hier wollte ich nun vorerst bleiben und der Dinge harren, die sich mit mäßigem Grollen ankündigten. Erst noch recht sanft und verhalten, doch dann immer mächtiger dröhnte es mit gewaltigen Paukenschlägen über die riesigen Plattenschüsse des Antelao. Die wenigen Bergsteiger, die den Gipfel heute besuchten, hasteten mit enormer Eile gen' Tal, um dem Gewitter zu entfliehen. Nun war ich mit dem Antelao alleine! Und alleine wollte ich ja schon sein, die Übernachtung war eingeplant, doch nicht unter diesen Bedingungen. Die Schönheit eines Abends auf dem Berg erleben, eine sternklare Nacht genießen und bei Sonnenaufgang das Erlebnis krönen - so hatte ich mir das ausgedacht. Doch nun rüttelten bereits erste Windböen an meiner Zuflucht. Und diese steht äußerst hart am Abgrund, hoch über dem Antelaogletscher. Die schlaff dahin baumelnden Stahlseilchen sollen dem Biwak Standfestigkeit geben und mir das Gefühl, dass sie auch noch für die kommende Nacht hier am Platze haften bleibt. So begebe ich mich gefügsam in der Obhut meines kleinen, roten Häuschens. Erste Blitze erhellen für Augenblicke den Ort, der sich nun anschickt schaurig zu wirken. Ich schließe die knarrende Tür und lege den schweren Metallriegel vor, schlage die Luke zu. Das Stakkato beginnt! Sturm, Blitz, Donner, Hagelschlag rütteln an meine Behausung, und mehr noch an dem Mensch, der dort im Schlafsack steckt. Es knirscht, ächzt und stöhnt, und die Halteseile schlagen auf die Blechhaut ein. Tiefer drücke ich mich in den Sack, der Schlaf verheißt und doch nicht kommen will - bewegungslos und bibbernd.

 

Schon bald wird ein mächtiges Unwetter um das Biv. Cosi 3111 m toben

 

... Stunde um Stunde tobte sich die Welt aus. Ich weiß nicht wie lange - vielleicht drei, vielleicht vier Stunden. Irgendwann muss es dann ruhiger geworden sein, und irgendwann muss ich wohl gnädig weggedämmert sein. Wie gesagt, nun ist es 20.00 Uhr. Teils ist es ein natürliches Bedürfnis, teils ist es Neugier, was mich mehr als unwillig aus der Hülle meines Schlafsackes treibt, die nun doch ein erträgliches Maß an Wärme bot. Die Tür dreht sich widerwillig und stöhnend nach außen ...und... befinde mich im großartigsten Theater der Welt.

Lichtkaskaden ergießen sich durch nun öffnenden Wolkenschichten. Kein helles, blendendes Licht, nein es ist ein sanftes, durch den Raum schwebendes unwirkliches Leuchten. Aufsteigende Talwolken verwirbeln zu filigranen Schleiern, getönt in den warmen Farben des späten Sonnenrots. Der Gletscher tief unter mir hat eine rosa Färbung erhalten. Neuschnee leuchtet in den Karen, Eisglätte schimmert auf den Felsen - darüber bildet sich ein Baldachin aus feurigem Rot. Im Osten wölbt sich ein Halbkreis zum Farbenring, fast zum Greifen nah. Ein Regenbogen, der als solcher zu bezeichnen ein geringschätziger wäre. Vor mir recken sich Gipfel hoch, in milder Lichtwärme leuchtend. Am Morgen hatten sie noch einen Namen, doch nun ist die Welt jungfräulich, so als wäre sie soeben erst erschaffen.

Ich löse mich aus meiner Starre und falle wieder dem alten Jagdfieber anheim, Bilder machen zu müssen. Ich weiß, dieses Schauspiel wird von kurzer, irdischer Dauer sein. Hastig greife ich zu Foto- und Filmkamera, um ein Ereignis festzuhalten, das später bei Betrachtung doch nur ein unbefriedigendes sein wird. Den Eindruck des unmittelbar Dabeigewesenseins, kann ein Filmstreifen, ein Foto, niemals vermitteln. Kurze irdische 30 Minuten sind vergangen, die Schatten der aufziehenden Nacht nehmen dem Leuchten die Kraft. Ein letztes Grummeln des Gewitters verebbt orientierungslos zwischen dem Felsgeschröff, ein zartes Rosa noch, dann senken sich die Sterne herab - funkelnde Irrlichter überziehen die Welt. Ich ziehe mich zurück in mein Bergschneckenhaus, ziehe mich noch tiefer in den Schlafsack. Aus meinem Walkman tönen Beethovens 5. Symphonie und die schönen Klänge der Musik von Kitaro. Nie habe ich Musik eindringlicher empfunden, und vielleicht war ich nie gelöster, als in dieser Nacht am Berg.

Lange liege ich noch wach und habe so einige Mühe, gegen 5.00 Uhr aufzustehen. Bei Sonnenaufgang möchte ich auf dem Gipfel des Antelao stehen. Hastig winde ich mich aus meiner Schlafhülle, stopfe irgend etwas in den Mund und steige an. Die Gipfelfelsen sind recht steil und Eisglätte schimmert im frühen Licht. Nach 30 Minuten stehe ich am höchsten Punkt. Gerade rechtzeitig, um die Sonne hinter den östlichen Bergen hochsteigen zu sehen. Ein Rausch aus warmen Farben ergießt sich raumgreifend über die Gipfel. Die wunderschöne Gestalt des Monte Pelmo dort im Westen - nun zum Greifen nah - wird noch von der Pyramide des Antelao beschattet. Doch dann windet er sich mehr und mehr aus der düsteren Umklammerung des Königs. Cortina d'Ampezzo tief unten im Boitetal liegt noch im Dunkeln; die Straßenlaternen funzeln ein schwaches Licht herauf. Wind setzt ein und treibt mir Feuchte in die Augen; und ich spüre, dass die Feuchte auch bei Windstille nicht weg ist. Die Strahlen der Sonne erwärmen mich dann äußerlich - innen bin ich es schon längst.

Dieses Erlebnis am Morgen steht dem am vergangenen Abend in seiner Schönheit fast nicht nach - und doch ist es anders. Als der Tag vollends ausgeleuchtet ist, steige ich hinab. Ich räume mein Biwak auf, trage mich im Hüttenbuch ein und schultere den Rucksack. Mit Gemach und einer tiefen, inneren Befriedigung steige ich talwärts. Später, als ich die ersten Tagesgäste begrüße, die sich im Aufstieg befinden, fühle ich bei aller Freundlichkeit doch eine gewisse befremdliche Skepsis über den sonderlichen Einzelgänger zu spüren , der dort am frühen Morgen den Berg hinunter stolpert. Nun, mein Erlebnis werden diese Tagesgäste nie haben. Das teile ich nur mit "König" Antelao.

 

 

 

 

5. Abenteuer Lagorai

Das patschende Geräusch, das aus meinen Schuhen dringt, ruft in mir alles andere als angenehme Gefühle hervor. Bei jedem Schritt, wird der am Schaft meiner Bergschuhe eingedrungene Schnee zu kalter, unangenehmer Flüssigkeit zermatscht - und an Schnee herrscht kein Mangel. Der Sommer ist erst wenige Tage jung, die Ausmaße der Schneefelder noch gewaltig, nackter Fels eher spärlich. Nun stehe ich am oberen Rand einer Steilrinne und bin soeben im Begriff, etwas Blödsinniges zu tun…

Ich befinde mich in den Lagorai-Bergen, einem Randgebirge der Dolomiten. Einsam und menschenleer! Seit 8 Tagen bin ich bereits unterwegs. Wieder hatte mich das Fieber gepackt, um in abenteuerlicher Natur meine innere Balance zu finden. In den vergangenen Jahren hatte ich mehrere Dolomiten-Höhenwege durchwandert. Sie waren für mich sehr schöne Erfahrungen, die ich auf keinem Fall missen möchte. Doch immer störte mich etwas daran: Die Wegführung war vorgeschrieben. Nicht zwingend - doch bei zuviel Abweichung auf denselben, wäre der Charakter dieser Wege nicht gewahrt. So saß ich dann viele Wochen zuvor zuhause über einem Haufen Kartenmaterial und vollführte geistige Wanderungen. Endlich, so schien mir, hatte ich eine geeignete Route ausgearbeitet. Eine Rundtour plante ich, die mich in etwa 15 - 20 Tagen zur Seiseralm zurückführen sollte. Vor einer Woche nun stieg ich von dort hinauf zum Schlern. Weiter über den Klettersteig zur Tierser Alpl Hütte und dann hinüber in den Rosengarten. Dieser wurde über verschiedene Spitzen und Scharten durchquert. Über den Karerpaß hinweg dann in das mir noch unbekannte Latemargebirge. Durch ein wildromantisches Hochtal stieg ich hinab ins Fleimstal. Gegenüber erhob sich der langestreckte Zug der Lagoraiberge. (von der Gesteinsart her sind diese Berge nicht den Dolomiten zugehörig) Dort, vom Latemar, hatte ich schon einen guten Ausblick zu diesen düster wirkenden, mit großen Schneefeldern gesprenkelten Bergen. Absolut unbekannt war mir diese Berggruppe. Noch nicht mal deren Namen hatte ich vorher gehört. Die Nacht verbrachte in der kleinen Cauriolhütte, am Westrand des Gebirges. Fast gänzlich ist diese Hütte mit Utensilien des Gebirgskrieges ausstaffiert. Als einziger Gast der Herberge wurde ich zum Schlafen in dem Verschlag über dem Schankraum untergebracht. Nach der Verabschiedung vom kleinen Hüttenjungen - er regelte alles in der Hütte alleine, weil der Senior meist mit der Flasche zu tun hatte (im übrigen war das auch die billigste Übernachtung in meinem Hüttenleben bisher) - stieg ich aufwärts ins Reich der Stille. Es begann die Ouvertüre der Einsamkeit für die kommenden Tage. Düster, eher verwunschene Stimmung vermittelnd, wölbte sich der Himmel flach über die Gipfel. Nebel steigen von den vielen kleinen Seen hoch, die sich inmitten dieser Bergkette verstecken. Diese Bilder rufen geradezu auf, nach Berggeistern, Kobolden und Feen Ausschau zu halten. Leichter Regen setzt ein, ein paar Schneeflocken mischen sich dazu. Mühsam versuche ich einer Spur zu folgen, die dann meistens doch keine ist, weil der Altschnee alles verdeckt. Nach einer letzten Biegung werde ich dann am Nachmittag meiner Unterkunft gewahr. Eine kleine Holzhütte (Paolo e Nicola), dunkel und ganz unüblich der anderen Biwakschachteln, die blechern und von roter Farbe, verstreut im Gebirge herumstehen. Es folgt eine lange Nacht, nur der Wind pfeift seine schaurige Melodie. So begebe ich mich dann am Morgen auch schon recht früh auf die Etappe, die mich hoffentlich heute zum Rollepass in der Palagruppe bringen soll (die Pala soll in einer Rundtour durchstiegen werden, dann nordwärts zu den Ausläufern der Marmolada, zum Langkofel, und endlich zurück zur Seiseralm). Doch bis dahin ist es noch recht lange, und habe auch dafür überhaupt noch keine Gedanken. Der Morgen beginnt recht sonnig. So fällt es mir nicht schwer, als erstens den Cece (2754m) zu besteigen. Es ist dieser die höchste Spitze in der langen Lagoraikette. Etwas leichtsinnig steige ich hernach über die steile, brüchige und vermeintlich kürzere Nordflanke weglos ab. Eine weitere Erfahrung folgt dann umgehend am Fuße des Cece, als ich dort auf einem langgestreckten, leicht abfallendem Altschneefeld den Halt verliere. Mehr als hundert Meter rutsche ich auf dem Ellbogen talwärts, nur weil ich meine Filmkamera schützen möchte. Dass der Schnee zu dieser Jahreszeit kristallscharf ist, sehe ich bei Augenschein meines Armgelenks - total durchgescheuert! Der Schmerz wird aber erträglich dadurch, dass ich mich nun gänzlich auf den Weg konzentrieren muss. Ausrüstung für Schnee habe ich dafür nicht im Rucksack - eben weil die Erfahrung noch fehlt. So wird der eingedrungene Schnee in den Schuhen rasch zur Qual. Die Füße haben das Aussehen eines mehrstündigen Badaufenhaltes angenommen. Immer wieder breche ich im Tiefschnee in die nicht sichtbaren Aushöhlungen bis zu den Schultern ein. So nach und nach wird nicht nur mein Körper müde, sondern auch die Psyche hat ihr Selbstvertrauen schon längst eingebüßt. Hätte ich das Biwak bemerkt, das irgendwo in der Nähe stehen musste, wäre ja noch alles gut geworden. Dann hätte ich noch eine Nacht im Lagorai verbracht, um dann am nächsten Morgen ausgeruht den Rollepass zu erreichen. (Vom Biwak wusste ich derzeit nichts, weil es recht neu und in meiner Karte noch nicht eingezeichnet war)

… wie eingangs erwähnt - ich bin soeben dabei, etwas Blödsinniges zu machen. Zermürbt wie ich nun bin, will ich durch diese sehr, sehr steile Schneerinne, etwa 20 Meter breit, absteigen. Deshalb eben, weil die Orientierung weitgehend weg ist, der Nachmittag bald endet und das Ziel vermeintlich südöstlich der Gebirgskette liegen muss. Etwa fünfmal starte ich den Versuch einzusteigen. Um dann jedes Mal - eine Restvernunft in mir sagt, mach das nicht - einen Rückzug zu machen. Und dann mache ich es doch!

Nach wenigen Metern Abstieg bin ich mir der Dummheit und des Wahnwitzes voll bewusst, dessen ich mich aussetze. Ich bin nun hellwach. Etwa 180 Meter tiefer liegen riesige Felsbrocken. Ich male mir aus, dass ein Ausgleiten unweigerlich an diesen Brocken enden würde! Einige Steine vom stark verwitterten Randbereich stürzen mit enormer Wucht und Geschwindigkeit an mir vorbei. Gottlob vorbei, denn der Versuch des Ausweichens würde für mich auch nur den Weg der Steine folgend bedeuten. Rechts und links ragt der Fels steil hoch; ein Ausweichen ist also auch sinnlos. Nach Ausmalung aller schrecklichen Szenarien steige ich sofort wieder an. Langsam rutscht mein Fuß weg. Zu riskant! Also trete ich die Flucht nach vorne an, das heißt in diesem Fall: nach unten! So kläglich mir auch zumute ist, nehme ich nun alles an Disziplin zusammen, die ich momentan noch besitze. Und ich wundere mich sogar in dieser Situation, dass ich weitaus mehr davon habe, als jemals angenommen. Und die Disziplin wächst sogar! Schrittchen für Schrittchen, unendlich langsam, den Steigfuß jeweils dreimal kräftig in den Schnee rammend, bevor ich ihn belaste. In den Fingern verspüre ich heftigen Kältescherz, die sich Halt suchend im Schnee festklammern. Die körperliche und geistige Anspannung lässt den Schmerz aber bald gnädig vergessen. Das Leichtstativ meiner Filmkamera benutze ich als stützenden Pickel; dessen Lächerlichkeit in seiner unbrauchbaren Wirkungsweise bin ich mir in meiner Lage sogar voll bewusst. Es ist halt der berühmte Strohhalm - wirkungslos, doch psychisch ungemein wichtig. Der Schnee über den Felsen ist nicht mehr sehr mächtig, deshalb die Gefährlichkeit darauf wegzurutschen. Eine dunkle Wolke schiebt sich vom Schluchtgrund hoch. Diese schickt mir ein Grollen entgegen, das sich schaurig in den Felswänden bricht. Erste dicke Tropfen klatschen in den Schnee, Blitze erhellen für Momente das Geschehen - ich versuche meinen Abstieg zu beschleunigen. Doch sogleich schlage ich meinen alten Schritt-Rhythmus wieder an, als die Füße ein Gleiten signalisieren. Die Lage bleibt leidlich kalkulierbar.

Etwa 90 Minuten mögen vergangen sein. Das Zeitgefühl habe ich beim Abstieg längst verloren - doch ich bin unten! Nachdenklich schaue ich auf die gewaltigen Gesteinsblöcke, die von oben gesehen Horror vermittelten - doch nun können sie mir nichts mehr anhaben. Nach oben hin ist die Sicht durch die Gewitterwolken gnädig zugedeckt. Viel empfinde ich nicht mehr zu diesem Zeitpunkt; ich haste talwärts, bar jeder Orientierung. Mal meine ich eine Spur zu sehen, mal ein Pfad - doch stets ist es Täuschung. Keinerlei Rücksicht mehr auf körperliche Unversehrtheit nehmend, treibe ich mich über glitschigen Boden abwärts. Ich orientiere mich an einem Rinnsal, folge ihm... das führt schließlich zu einem Bergbach... und endlich stehe ich auf einem Weg.

Zwei Stunden später: Wohlig warm, bei einer Flasche Wein, sitze ich in einer Holzfällerbehausung. Ein kräftiges Abendessen mit großer Fleischbeilage hilft mir wieder recht bald zu Kräften zu gelangen. Die Unterhaltung ist eher karg. Die bärtige Fällertruppe schaute mich zwar etwas eigenartig an - wohl aufgrund meines abgewrackten Erscheinungsbildes - doch diese haben wohl andere Sorgen und legen sich bald Schlafen. Ich selber habe eine tiefe und traumlose Nacht. Erst die folgende wird ein einzig Grauen...

...einen ganzen Tag habe ich zu Fuß und per Anhalter gebraucht, den Rollepaß zu erreichen. Im Lager der Passhütte erlebe ich mein Abenteuer dann in einem schlaflosen Dahindämmern noch einmal - ausgiebig und in beklemmender Scheinrealität. Am folgenden Morgen, beim Aufstieg in die Palagruppe bekomme ich bei jeder Überquerung eines Schneefeldes Brechreiz. Dort im Lagorai ist etwas Tiefes und Einschneidendes mit mir passiert, was mich auch in Zukunft wohl noch eine ganze Weile beschäftigten wird. Kurz entschlossen wird die Palagruppe dann ausgeklammert, um keinen Schnee mehr sehen zu müssen. Als ich dann beim Abstieg nach Falcade bei Überquerung eines Bergbaches auf einem glitschigem Steg ausrutsche und in denselben falle - und dabei dann auch noch die Filmkamera den Nässetod erleidet - ist es endgültig um meine Moral geschehen: Abbruch und per Bus zurück nach Seis.

Später dann sah ich mein Erlebnis nur noch als positiv an. War ich doch nie zuvor und nie danach in meinem Leben so konzentriert und diszipliniert, als an jenem Tag in den Bergen der Lagorai-Gruppe.

 

 


Der Monte Cauriol inmitten der einsamen Lagoraigruppe

 

6. Das Leuchten am Pass

 

Ich war auf dem Dolomitenhöhenweg 2 unterwegs, meiner ersten großen Gebirgswanderung. Diese Tour wurde für mich das prägende Erlebnis für viele zukünftige Jahre. Deshalb hat die folgende Schilderung für mich auch sehr viel Bedeutung erlangt. Eigentlich ein Erlebnis, so klein und bescheiden, dass es für einen Außenstehenden überhaupt nicht bemerkt wurde - ein Mosaiksteinchen nur. Vielleicht auch nur, weil dieser Tag für mich ein besonderer war. Der 9. Tag auf meiner langen Wanderung neigte sich bereits…

Begonnen hatte alles an einem Montagmorgen in Brixen, im Eisacktal. Dort am nordwestlichen Rande der Dolomiten, hatte ich meine Tour gestartet, mit viel, viel Gepäck im großen Sack, der meinen Rücken zur Gänze ausfüllte. So war ich nun im Begriff, meine erste Weitwanderung zu starten, die mich in etwa 12-14 Tagen quer durch die Dolomiten bis nach Feltre an deren Südrand führen sollte. Da stand ich nun auf der großen Almfläche des Plose-Gipfels vor jenem Markierungsstein, der den Anfang des Höhenweges anzeigte. Etwas verzagt stieg ich in eine Welt ein, die voller, für mich ungelöster Rätsel steckte. Grau der Himmel, grau das Gestein und ein kühler Wind trieb mir Feuchte in die Augen. Die Bergschuhe eine Nummer zu klein - hatte mir doch niemand gesagt, dass im Laufe des Tages die Füße an Umfang zulegen. Schmerz, Einsamkeit und Ermattung legten sich aber bald, als ich den Anstieg zur Schlüterhütte geschafft hatte. Der Raum füllte sich rasch mit Wanderern, die ebenso meinem Ziel folgten, dem Höhenweg 2. Die Stimmung beim Wein stieg mächtig an. So wurde mein erster Hüttenaufenthalt eine prägende Erinnerung. Später konnte ich schon differenzieren, wer als angenehmer Gesprächspartner einzustufen und wer gerne den Prahlhans und Wichtigtuer spielte. Das hatte ich schon schnell begriffen!

In der übernächsten Nacht durfte ich dann einen ausgemachten Nachtfrost durchzittern, und in der darauf folgenden einen Sturm im Hochgebirge; und wiederum Tage weiter, schon jenseits der Marmolada, als ich völlig geschlaucht von der Tagesmüh schon reichlich deprimiert die Tour deshalb abbrechen wollte, weil die italienische Hotelmanagerin am Pelegrinopass mich als Scheissdeutschen bezeichnete. Ich hatte mir die Frechheit herausgenommen, in deren Hotel nächtigen zu wollen. Wohlgemerkt - Rucksackgäste gehörten nicht zur bevorzugten Klientel in der aufstrebenden Bergwelt mit Pauschaltourismus. So hatte ich in meinem kurzen Bergler-Leben in wenigen Tagen schon viel gelernt. Aber auch, dass man nicht so schnell aufgibt, denn am nächsten Morgen schien die Sonne schon wieder so prächtig, dass mich die Landschaft förmlich aufsog. Hinauf ging es in die Palagruppe - ein wundervolles Reich. Die Reihen derer, die sich aufgemacht hatten nach Feltre zu marschieren, waren bereits soweit gelichtet, dass sie nur noch aus einem Ehepaar und meiner Person, dem Bergsolisten, bestand. Das hatte ich dann auch schnell gelernt, dass zwischen Wollen und Tun gewaltige Lücken klaffen können.

Bisher hatte sich die Bergsonne in fröhlichster Laune gezeigt und lud geradezu ein, weiter in das Reich der "Bleichen Berge" einzudringen. Doch nun am Südrand der Palagruppe wurde auch die Sonne bleich. In der lückenhaft gefüllten Trevisohütte tat dann der brennende Kamin für den Körper schon etwas Gutes. Und die Seele ließ sich auch recht angenehm baumeln; dafür sorgte schon der Geist aus der Flasche.

Die Luft stand bleiern am nächsten Morgen und es tröpfelte. Im schon fortgeschrittenen Tagesverlauf und nach Prüfung aller Unwägbarkeiten, die ein schlechtes Wetter am Berg mitbringen kann, entschloss ich mich, den Weg zum Ceredapass doch noch am gleichen Tage zu gehen. Dieser führt recht lange und durch eine bei dieser Wetterstimmung trostlos wirkende Einsamkeit über den Kamm der d'Oltro-Berge. Alle Tage hatte ich es vorgezogen tagsüber alleine meinen Weg zu machen. Ich wollte meinen Gedanken nachgehen, Zeit zum Filmen haben und vor allem die Seele ausloten. Doch nun zog ich es vor, mich dem Ehepaar anzuhängen. Es wurde düster und düsterer…, und auf den Graten wurde es sogar fürchterlich. Ein Gewitter war mittlerweile dermaßen grauslich aufgezogen, dass selbst bei aller vorantreibenden Anstrengung, stille Verzagtheit und Ergebenheit ins Schicksal, die Abenteuerlust merklich ausbremste. Der Weg erschien mir endlos, und der fehlenden Sicht wegen glaubte ich mich im Kreise zu bewegen. Es dauerte Stunden, doch dann standen wir total verdreckt vor der Herberge am Ceredapass.

Platz war genügend in dem pensionsartig geführten Haus. Der Sommer hatte sich bereits verabschiedet. Hier fühlte ich mich sofort aufgenommen: gedämpftes Licht, beschlagene Scheiben; draußen tobte das Unwetter, drinnen anheimelnde Wärme. Die Wirtsleute strahlen eine stille, unaufdringliche Ruhe aus - fast scheu. Wir sind naß bis auf die letzten Fetzen Stoff und noch ein bisschen mehr. Zwischen den Vorräten im Keller, an der Heizanlage, dürfen wir unsere Sachen ausbreiten, zum Trocknen. Nach und nach treffen noch einzelne kleine Bergwandergruppen ein, die ebenso wie wir dem Unwetter entkommen sind. Nach der Aufwärmphase hat sich dann in unserer Zuflucht doch noch eine kleine gesellige Gruppe zusammen gefunden. Allerlei Erzählbares gilt es auszutauschen; und so manches Tröpfchen gilt es noch zu süffeln.
Im Halbdunkel des Aufganges zum Schlaftrakt war mir vorher, eher so beiläufig, ein unscheinbares Poster aufgefallen. Doch nun schaute ich es mir etwas genauer an: eine Fotografie, schwarzweiß belichtet, im Hintergrund und etwas verschwommen, mächtig aufragendes Gebirge; im Vordergrund, auf einer blumengesprenkelten Almwiese, ein Holzkreuz mit Heiligenfigur - so wie man sie oft im Gebirge findet. Davor ein Bergbauer, schmächtig in seiner Gestalt, schon recht bejahrt, den Rücken etwas gekrümmt, die Hände zum Gebet gefaltet und den Kopf halb hoch gewendet zum blumengeschmückten Wegkreuz. Alles eigentlich nicht so sehr beeindruckend für mich, bin ich in meiner Frömmigkeit doch eher erdverbunden. Aber - und das irritiert mich - es geht ein sonderbares Leuchten von diesem Bildnis aus und fordert mich dazu auf, ganz nahe heranzutreten, um dessen Szenerie zu verinnerlichen. Es sind die Augen des alten Bergbauern: flehend schauen sie hoch, mit eindinglicher Kraft und doch mit einer Geste, die viel, viel Demut vermittelt. Nie vorher habe ich solch' flehenden Blick gesehen. Mir läuft diese Gänsehaut über den Rücken, die man bei einem besonderen Erlebnis bekommt. Warum betet der alte Mann so eindringlich? Ist seine Frau verstorben, hat er möglicherweise ein Kind verloren - oder welch' anderer großer Schaden mag sein Leben verändert haben? Mich beschäftigt diese Frage noch sehr oft am Abend. Mehrmals stehe ich an diesem späten Tag noch im Zwielicht des Treppenhauses, um dieses Bild eindringlich zu betrachten. Seine Leuchtkraft füllt seltsamerweise die düstere Umgebung seines Platzes voll aus.

Der nächste Tag ist ebenso düster, und der Regen prasselt unaufhaltsam weiter auf die Natur nieder. Ich lungere herum, man lungert herum, trinkt etwas, man schläft etwas, vertritt sich im Regen etwas die Füße - und hofft endlich auf den Sonnenstrahl, der dazu auffordert, den Höhenweg fortzusetzen. Nun, dieser Strahl lässt sich auch am 3. Tag nicht sehen. So steht dann schnell fest, dass ein jeder den Weg sucht, der irgendwann nach Hause führt - per Bus und Bahn oder Auto. Beim Verlassen der Herberge werfe ich noch einen Blick auf "mein Bild" - es hat seine Leuchtkraft behalten. Und in den Jahren danach leuchtet es in meiner Erinnerung still weiter.

Jahre später... Mittlerweile war ich schon so manchen Höhenmeter durch die Dolomiten gestapft, hatte so manche Erfahrung gesammelt und hatte auch schon etwas von jener Unschuld verloren, die so ein Bergunerfahrener noch hat, der am Beginn großer Wanderungen steht. Wieder habe ich mich der Palagruppe genähert. So Recht mit Absicht war ich auf verschlungenem Weg zur Trevisohütte gelangt. Geplant war, den Höhenweg 2 nun endlich zu Ende zu führen. Nochmals wollte ich über den d'Oltro-Kamm zum Ceredapass steigen, um diesen Weg bewusst im Sonnenschein zu erleben; von dem ich doch nichts anderes in Erinnerung hatte, als jenes schreckliche Unwetter damals. Hochsommer ist es und drückende Schwüle liegt in der Luft. Schon bald riecht es wieder nach Gewitter. Schon blitzt und donnert es in den umliegenden Bergen. Wiederum muss ich meine Füße in die Hand nehmen und haste Richtung Ceredapass. Doch diesmal erreichen mich die ersten Tropfen erst, als ich die Türe des Passhauses schon gesichtet habe. Alles so unbekannt - bin ich auch richtig hier? - schaue ich mich fragend um, und lasse meine Augen schweifen, um Orientierung zu finden. Der Gastraum ist umgestaltet, Wände sind umgesetzt, alles wirkt etwas moderner - und auch heller. Die Wirtsleute sind nun jünger und italienisch forsch. Lebhaftes Gemurmel und Gläserklang hallt durch den Gastraum. Kinder schreien, und alles ist sonntäglich prall gefüllt. Noch ist es Mittagszeit. Ich finde irgendwo ein freies Plätzchen, bestelle mein Mahl und einen Trank. Doch dann pocht in mir eine leise Ungeduld: Ist "mein Bild" noch am Ort - oder vielleicht doch wahrscheinlicher, ist es in der Zwischenzeit der modernen Umgebung zum Opfer gefallen? Endlich stehe ich auf, um meinem Unbehagen und der Ungewissheit ein Ende zu bereiten... Ja, es hängt noch an seinem Platze im schummrigen Aufgang; etwas angestaubt, doch scheinbar unverändert. Doch so sehr ich das Bild nun auch aus allen Blickwinkeln betrachte, die Faszination, die damals davon ausging und die ich in all den vergangenen Jahren verinnerlicht hatte, sie ist verschwunden. Ich suche nach einem erklärbaren Grund? War es die anheimelnde Wärme und Geborgenheit meiner damaligen Zuflucht, die nun verloren gegangen scheint; oder war es die zur Melancholie neigende frühherbstliche nasse und nebelige Stimmung, die nun doch so ganz fehlt? Draußen scheint die Sonne schon wieder in nachmittäglicher, blendender Pracht. Die Umgebung stimmt ganz einfach nicht mehr mit dem Damals überein. Etwa so, wie bei einem Kalenderblatt aus vergangenen Zeiten, das man vergaß, zu entfernen. Das Bild hatte seinen angestammten Platz, seine Heimat verloren! Ja, so musste es wohl sein.

Zufrieden bin ich mit meiner Erklärung jedoch nicht. Irgendwie spüre ich tief in meinem Inneren, dass ich womöglich selbst der eigentliche Grund bin. Damals war ich erfüllt von den Ereignissen meiner ersten langen Bergwanderung, und war wohl auch benommen von der Stille und Einsamkeit, der ich mich auf meiner Wanderung oft ausgesetzt fühlte; und war wohl auch erfüllt von einer leisen Demut, die man nur zu bestimmten Zeiten und in gewissen Situationen erfühlt und verinnerlicht. So ein Tag muss gewesen sein. Und all das zusammen musste wohl das Licht erzeugt haben, welches ich eindrücklich erlebt hatte. Und ich spüre - das war der wahre Grund für das "Leuchten" am Pass.

 

Von der Rotwandwiese beugt sich dieser Baum zum Sextener Tal runter

 

7. Val di San Lucano - Traum und Alptraum

Die Spitze des Monte Agner steht wie eine Laterne über dem Val di San Lucano. Diese zündet ihr Licht jedoch erst am frühen Morgen, wenn die Sonne sich anschickt, den Tag freundlicherweise auszuleuchten.
Etwas griesgrämig schaue ich aus verquollenen Augen dem neuen Tag entgegen. Die Nacht hatte wenig Schlaf gebracht. Widerwillig würge ich zum Frühstück einen Happen hinunter; ein Schluck kalter Milch fördert das ganze schließlich abwärts. Meine Gedanken sind auf jener großen Schlucht fixiert, die hinauf zum Biv. Bedin führen soll - der Boral delle Besausega.

Es ist dies der dritte Versuch der letzten Tage. An den beiden vorhergehenden hatte der Himmel mehr Nässe denn Sonne gebracht. Und hatte deshalb, um nicht am Fleck verharren zu müssen, per Auto jene Berge aufgesucht, die sich östlich der Dolomiten erheben. Bestiegen habe ich diese dann auch nur per Auto. Einige Dörfer abseits der Hauptstraßen wurden ebenso Programm, wie einige schmucke Kirchen. Einen weiteren verregneten Tag verbrachte ich dann damit, Bergblumen im Nässeglanz zu fotografieren. Und es regnete weiter, so als hätte die Natur panische Angst, dass ohne ihre Ergüsse die gesamte Menschheit verdursten würde. In meinem mitgebrachten Buch "Herr der Fliegen", kam ich deshalb den besonderen Umständen entsprechend recht gut voran.

Das Val di San Lucano begeisterte mich erstmals, als ich wenige Jahre vorher über die Berge der östlichen Palagruppe jenseits vom Val Gares herüber kam. Sogleich fielen mir diese jäh gegen Himmel strebenden Berge auf, die mit ihren Steilwänden das Tal gegen Norden abschotteten. Etwas düster wirkten sie; und bei wenig Sonnenlicht schauten diese auch nicht ganz so freundlich aus. Ganz anders dagegen die südliche Talbegrenzung. Dort stehen die Wände des Agner-Gruppe. Höher noch als ihre jenseitigen Nachbarn und im hellen Dolomit-Mantel leuchtend. Inmitten aller Schroffheit breitete sich der freundlich anmutende Talgrund von San Lucano aus. Den Schweiß des Tages hatte ich bereits unter paradiesisch anmutenden Kaskaden abgewaschen, die etwas versteckt im ansteigenden Talschluss herunterrauschten.

Man mag dieses Tal links liegen lassen, wenn man von Agordo kommend das Dörfchen Taibon durchfährt. Doch neugierige Menschen (ich gehöre dieser Gattung an), spüren gerne Unbekanntes auf. So lenkte ich meinen Wagen, bereits wohlwissend um dessen schönes Geheimnis, taleinwärts. Ein Wirtschaftsweg jenseits des Talschlusses erlaubt mir die Fahrt bis zu einer Parkbucht auf ca. 1200 m Höhe fortzusetzen. Es ist dies' eine wunderschöner Sonntagmorgen. Ein recht steiler Waldpfad leitet mich auf meinen Profilsohlen höher und höher. Ich dampfe mit der Feuchte, die nun aus den Gräsern hochsteigt um die Wette. Bei Höhe 2000 durchsteige ich durch die Forc. Gardes. Darüber breitet sich eine überaus herbliebliche, teils holprige Hochebene aus. Alpenrosenfelder leuchten in schwelgerischer Pracht. Eine aufgescheuchte Viper nimmt vor meinen klobigen Bergschuhen hastig schlängelnt Reißaus. Weglos steige ich höher, bis ich die Abbruchkante dieser dunklen Felsgestalten erreiche. Jäh stürzt der Blick von dort ins Leere. Halt suchend tasten sich die Augen an steilsten Felsmassen abwärts, die schließlich tief unten im Talgrund ihren Endpunkt finden. Durch üppig wuchernden Latschenbewuchs und kleinen verwunschenen Alminseln versuche ich entlang der Abbruchlinie zu wandern. Ab und an bricht polternd ein Brocken aus den Wänden, der dann mit hohlem, grollenden Klang die Tiefe sucht. Gegenüber im hellen Licht räkelt sich der Monte Agner in den Sonntagshimmel - und die Croda Grande zeigt sich nicht minder eitel. Ich versuche den Orsa-Klettersteig auszumachen, der dort hinauf führt. Zwei Jahre vorher hatte ich dieses wenig berührte Stück Natur der östlichen Palagruppe durchstiegen. Im weiteren Verlauf wurde der Tag nun recht warm; flirrend und träge lag die Luft über den Gräsern. Erst als die Wolken massiger wurden und für nicht ferner Stunde ein Gewitter versprachen, stieg ich hinunter ins Tal. Irgendwann wollte ich wohl wiederkommen, um von diesen Bergen mehr zu erfahren.

… der Beginn des Pfades liegt unscheinbar und etwas versteckt am Ende einer großen Kiesgrube. Über diesen steige ich nun an, durch dichtes Laubwerk und Gräsern. Manchmal kaum fußbreit und arg steil. Alles ist voller Nässe; zuviel Feuchtigkeit hat sich in den vergangenen Tagen angesammelt. Nass und träge kleben die Hosenbeine an den Schenkeln. Hin und wieder leuchtet der Monte Agner herüber, wenn sich das Baumwerk etwas lichtet. Mein Rucksack ist für zwei Tage gepackt. Die Nacht möchte ich gerne im Bivacco Bedin verbringen. Anstrengend zieht der Pfad höher. Das Rauchen habe ich gottlob schon vor langen Jahren aufgegeben und habe deshalb zumindest mit der Luft keine Schwierigkeit. Nach ca. 500 - 600 Metern Anstieg verliert sich die Pfadspur. Ich versuche Markierungen ausfindig zu machen. Blasse, rötliche Flecken sind augenscheinliche Wegweiser; doch diese erweisen sich nur als Farbschattierungen im Gestein. Über grobes Blockwerk steige ich höher. Eine schluchtartige Einbuchtung leitet auf natürlicher Weise bergan. Diese endet nach etwa 300 Metern vor einem leicht gestuften Steilaufschwung als Sackgasse. Irritiert schaue ich mich fragend um: keine Markierung, keine Pfadspur - nichts? Wenn das so weitergeht komme ich in Zeitnot. Der Weg zum Bivacco Bedin ist sehr weit. Dort oben möchte ich zwar übernachten, aber ich möchte auch nicht zuviel der Zeit verplempern, da mir der Weg dorthin nicht bekannt ist. Nun werde ich etwas ärgerlich! Warum zeichnet man Wanderwege in Karten ein, wenn dann doch keine da sind? Da aber der Möglichkeiten nur zwei sind - vor oder zurück - steige ich, dabei jeden Tritt auf lockeres Gestein prüfend, die etwa 10 - 12 Meter hohe recht steile Stufung an. Eine Felsnase lugt an deren oberen Ende aus dem erdigen Gesteinsboden hervor. Prüfend drücke ich mit Handkraft dagegen, ob diese auch genügend Festigkeit hat, mein Körpergewicht zu halten. Es gibt keine Bedenken. Talseitig, auf dem rechten Bein das Gewicht lagernd, ziehe ich mich hoch. Doch dann muss plötzlich irgendwie sehr viel Verwunderung in meiner Mimik liegen, als sich so scheinbar in Zeitlupe diese Felsnase löst. Die Gedanken sausen durch den Kopf - in rasender Fülle. Warum hat Luft keine Haken… warum stehe ich auf dem rechten Bein, warum nicht auf dem linken? Wird der Aufschlag sehr wehtun…? Der Weg nach unten ist noch kaum begonnen, und doch ist er innerlich bereits vollzogen. Tausend Gedanken eilen den Geschehnissen voraus, die nun doch unabänderlich werden. In einer Reflexbewegung stoße ich mich vom Stein weg, der sich nun als ein etwa 70 cm starker Brocken erweist. Nur nicht mit ihm zusammen aufschlagen, er wird dich zerschmettern, fliegen die Gedanken durch das Hirn. Ich schlage kurz auf - mal kopfunter, mal kopfober - ich weiß es nicht… schlage nochmals an. Durch die Wucht des endgültigen Aufpralls überschlage ich mich noch einmal. Dann liege ich inmitten des grobschotterigen Abhangs. Stille! Nicht denken, nicht bewegen, nicht atmen. Zwei- drei Minuten lang. Es ist dies eine wunderbare Gnade der Natur, bei großem Körperstress keinen Schmerz zu verspüren. So nach und nach lässt die Betäubung des Körpers etwas nach. Und damit setzt auch das Denken wieder ein. Noch bewegungslos liegend versuche ich eine Diagnose zu erstellen. Anhand der Schmerzpunkte versuche ich meine Verletzungen aufzuspüren. Innere Verletzungen… Brüche… Wunden? Ganz, ganz langsam versuche ich meinen Gliedern mit kaum merkbaren Bewegungen Leben zu geben. Ich taste mit den Fingern durchs Gesicht. Ist noch alles vorhanden? Blut bleibt an der Hand zurück. Schmerz breitet sich nun im Brust- und Bauchraum aus. Die Steine im Fußbereich färben sich rot. Soweit es mir möglich ist, ziehe ich das linke Hosenbein hoch. Im Wadenmuskel ist ein klaffendes Loch. Daraus hervor blutet es unaufhörlich. Ein polterndes Geräusch von oben lässt reflexartig die linke Hand über das Gesicht heben. Aus der Ausbruchstelle kommt ein großer Stein auf meinen Kopf zu geschossen. Haarscharf vorbei! Dieser bringt nun endlich etwas Leben in meine Glieder: Mir scheint, soweit ich das nun erfühlen kann, dass nichts gebrochen ist; zumindest nicht an den Gliedmassen. Mühsam versuche ich den Rucksack hinter mir hervorzuziehen. Die Apotheke befindet sich natürlich ganz unten. Mit Mullbinden versuche ich die Blutung des Wadenmuskels zu stoppen. Ich ziehe mein Hemd aus der Hose, um die Bauchfläche zu sichten. Oberkörper und Arme sind auf der gesamten Hautfläche tief zerschrammt. Es fällt mir nun auf, dass ich auch eine Brille hatte; diese sichte ich 3 Meter oberhalb im Schotter liegend. Ich öffne die Kameratasche: Das Objektiv steckt windschief, der Kamerakörper selber hat arge Blessuren. Der Rucksack hat Löcher und Risse, meine Kleidung ebenfalls. Kraftlos wie ich mich augenblicklich fühle, mache ich einen ersten zaghaften Versuch eine aufrechte Stellung zu erreichen. Langsam komme ich hoch - die Beine tragen. Und dann werde ich ärgerlich: so ein blöder Felsbrocken verleidet mir den Tag. Ich werde weiter hochsteigen und das Biwak erreichen - ja das will ich! Die Mullbinde ist bereits wieder durchtränkt und wechsle sie erneut aus. Nun bekomme ich Heißhunger und verschlinge hastig einen Apfel. Wenn das geschieht, so weiß ich aus Erfahrung, stimmt mit dem Kreislauf etwas nicht. Der Schmerz beginnt jetzt überall. Mein Denkvermögen kommt nun nach und nach wieder zu realistischen Betrachtungen. Und diese sagen mir nun deutlich, dass es nur abwärts gehen kann, und nicht etwa nach oben. Langsam, ganz langsam taste ich mich talwärts. Nach zwanzig Metern ist wieder eine neue Mullbinde fällig. Diesmal stelle ich einen ordentlichen Druckverband her. Endlich erreiche ich den Aufstiegspfad. Immer schön an Zweige klammernd, schleife ich mich talwärts. Nach guten weiteren 2 Stunden lasse ich mich erschöpft in die Polster meines Wagens fallen. Im Geiste steige ich dann noch mal hoch - wie konnte das passieren? Mein Glück - so denke ich - war wohl mein Rucksack. Dieser muss mich letztlich beim Aufschlag geschützt haben, und hat mich wohl so auch vor ärgsten Verletzungen bewahrt. Die Wunde im Bein muss ein spitzer Stein verursacht haben. Ich ziehe die zerlöcherte Kleidung aus, neue an, und versuche ein wenig Pflege meinem geschundenen Körper angedeihen zu lassen. Sollte ich den ADAC benachrichtigen, um den Wagen nach Hause bringen zu lassen, überlege ich? Und fahre dann doch selber, weil ich das Bedürfnis habe, auf dem schnellsten Wege nach Hause zu eilen. Später auf der Autobahn kann ich mich im Sitz kaum noch rühren - ich versteife förmlich. Das lädierte Bein wird immer dicker, und das Treten der Kupplung wird zur Tortur. Sehr spät am Abend und 900 km weiter liege ich in meinem Bett.
Außer Narben nichts, weiß ich später. Kein Bruch, keine inneren Verletzungen. Eine knappe Woche Bewegungslosigkeit, dann geht es wieder aufwärts.

Zwei Jahre später - wieder bin ich auf dem Weg zum Biv. Bedin. Ab einer bestimmten Höhe halte ich intensiv Ausschau, weshalb ich wohl falsch gelaufen war. Der richtige Weg, so dämmert es nun bei mir, bog links weg; ich hingegen bin geradeaus weiter gegangen. Der Grund dafür: der sehr schmale Pfad war fast gänzlich von Gras überwuchert. Und ich muss wohl ganz viel geträumt haben an jenem Morgen.
Nun, auf diesem Weg habe ich es immer noch nicht zum Biv. Bedin geschafft, weil ich später, am Ende der großen Aufstiegsschlucht ganz einfach keine Lust mehr hatte, weiter zu steigen. Sei es nun aus natürlicher Müdigkeit oder vielleicht auch, weil ich mittlerweile zuviel Respekt hatte vor diesem besonderen Weg in den Bergen des Val di San Lucano.

 

Die Palagruppe mit Cima Vezzana und Cimone della Pala

 

 

8. Die Dolomiten-Höhenwege…

... im klassischen Sinne führen jeweils mehr oder weniger von Nord nach Süd durch das Hauptgebiet der Dolomiten. Ein weiterer verläuft im östlichen Randbereich jenseits der eigentlichen Dolomiten. Im Laufe der Jahre wurden weitere hinzugefügt - zumeist von West nach Ost. So sehen die Strecken der Weitwanderwege auf den Wanderkarten oftmals wie die Linien auf Schnittmusterbögen aus. Über deren Sinn lässt sich streiten. Ich meine: es ist genug! Für meinen Teil habe ich es so gehalten, dass ich nach Begehung der klassischen "Fünf" - und auch schon zwischendurch - eigene Wege gesucht habe. Alle Wege bin ich vom Grundsatz her alleine gegangen, um meinen Gedanken und Gefühlen so möglichst von jeder Störung fern zu halten.
Aufmerksam wurde ich auf dieser Art Weitwanderung im Jahre 1980, als ich zum ersten Mal den Dolomitenraum betreten hatte. Begonnen hat dann alles mit dem Höhenweg 2: weil mir Teilstücke des Wegs bekannt waren, am einfachsten zu begehen sei; mich aber auch wegen seiner Länge reizte. Meine Charakterisierungen sind natürlich wie bei allen Beschreibungen subjektiver Art. Immer kommt es auf den persönlichen Blickwinkel an. Und immer ist das Erlebte auf solcherart Wanderungen sehr entscheidend: wie hat man die Menschen erlebt, wie war das Wetter, wie die Unterkünfte, die Schwierigkeiten und Strapazen. Also schreibe ich gänzlich aus meinen ganz persönlichen Erinnerungen heraus. Diese würden dann auch für ein ganzes Buch ausreichend sein, doch ich will mich nur auf das Wesentliche beschränken. Für mich steht und stand nie der sportliche Aspekt im Vordergrund, sondern ausschließlich das sinnliche Erlebnis und die Schönheit des Weges.
Wettermäßig bedingt ist der Spätsommer bzw. Frühherbst zur Wanderung vorzuziehen, weil die Gewitterneigung stark nachlässt, die Sicht merklich klarer und der Bergtourismus in erträglichen Bereichen abgesenkt ist. Hüttenübernachtungen sind auf solchen Wegen unabdingbar. Deshalb - Erkundungen einholen, wie lange die einzelnen Hütten geöffnet haben. Im Laufe der Jahre wurden aber viele Hütten bis zum Herbst hinein offen gelassen. Dafür hat schon der massenhafte Bergtourismus gesorgt.

Nun kann es aber auch schon losgehen. Lust zum Laufen mitzubringen ist obligatorisch. Luft auch, denn diese kann schon mal nicht ausreichend sein. Und dann braucht man wiederum die Lust, die Höhenwege auch zu Ende zu gehen. Nur Teilstrecken zu wandern wird durchaus schön sein aber endlich ist es nur unbefriedigend, weil das Erlebnis der Langzeitwanderung dadurch kaputt geht. Was man im Rucksack tatsächlich braucht ist eher wenig: Ein paar Klamotten zum wechseln, eine Rucksackapotheke und je nach Höhenweg eine Klettersteigkombination. Am wichtigsten sind eigentlich nur die Schuhe: fest und knöchelhoch; daran sollte wirklich nicht gespart werden. Proviant nur mitschleppen, wenn unbedingt gespart werden muss. Jedes Kilo mehr mindert etwas das Erlebnis. Wer gerne und ausgiebig filmt und fotografiert hat natürlich mehr auf seinen Schultern mitzuschleppen. Ich spreche da aus leidvoller Erfahrung. Meistens sind die Wege gut ausgezeichnet. Verlassen sollte man sich aber nicht darauf. Deshalb schon zur Übersicht einige Karten mitnehmen. Zur Empfehlung nur soviel: Die Tabacco-Karten sind von ihrer Handlichkeit her nicht immer das Optimale, von der Qualität her fast immer einzigartig. Also los! Am Anfang steht immer die Lust.

 

 

Höhenweg Nr. 1
Vom Pragser Wildsee nach Belluno

 

Etwa 150 km weit ( je nach Variante auch kürzer oder länger). Laufzeit bzw. Wanderzeit 10 - 12 Tagen (alles nicht zwingend). Vom Pragser Wildsee steigt man steil zur Seekofelhütte an. Wer am ersten Tag schon recht geschlaucht ankommt, der mag sein Haupt bereits dort betten. Eine gute Stunde weiter steht aber schon die Senneshütte, die womöglich mehr Ruhe bietet. Ich habe in dieser übernachtet. Auf einem nahen Hügel habe ich unzählige Edelweiß gefunden.
Strahlender Sonnenschein am nächsten Morgen, die Kühe muhen unter dem Fenster. Dann abwärts nach Pederü. Hier kann es schon recht laut werden. Ein Großparkplatz und Taxi-Verkehr sorgen für Unruhe (die Taxi sind mittlerweile verboten). Zeit für ein Bier hat man genug, denn nach dem Anstieg zur Faneshütte (oder Varellahütte) ist der Tag schon gelaufen. Den Abend aber möglichst nicht hinter dem Hüttenfenster verbringen. Man befindet sich in der zauberhaften Umgebung der Klein-Fanes Alpe. Ich fühle mich wunderbar geborgen in diesem Märchenreich der Sagen, der Seen - inmitten einer Bergkulisse, die das Herzen pochen lässt.

Nach kurzem Anstieg erreiche ich am Morgen den Limosee, der lautlos vor sich hinnebelt. Groß-Fanes ist nun erreicht. Weit wandern die Augen über die vielleicht schönste Alm weit und breit. Sollte schon erster Schnee gefallen sein und das Almgras die Gelbtönung angenommen haben, kann ich mir kaum etwas Schöneres vorstellen. Das Panorama der umgebenen Berge ist schlichtweg berauschend. (Die Fanes Alm habe ich in den Jahren mehrfach besucht - sie wurde zu meiner Lieblingsalm.) Nach einem guten Stück der Wanderung über die weitläufige Fläche führt der Steig einige hundert Meter höher zur Forc. del Lago (wer es anders mag, kann auch eine Variante nehmen, die hinüber zu den Tofane führt). Nun steil hinunter zum Lago di Lagazuoi, der etwas verzaubert inmitten der Berge ruht. Ist die Zeit noch im genügenden Maße vorhanden, sollte man sich Ruhe gönnen beim längeren Anstieg zum Rif. Lagazuoi. Am Nachmittag kann es dort recht ungemütlich voll sein, ehe die Tagestouristen mit der Seilbahn wieder zum Falzaregopass hinab gondeln.
Früh am nächsten Morgen schon, vor Sonnenaufgang, stehe ich unweit der Hütte und harre inmitten der ergreifenden Stille dieses Bergmorgens. Am einfachsten wäre es nun, die Seilbahn in Anspruch zu nehmen. Will ich aber nicht, denn erstens hat das nichts mit Höhenweg-Wanderungen zu tun und zweitens kann man sich für den Fahrpreis Getränke an der nächsten "Abfüllstation" genehmigen. Eine dritte Abstiegsmöglichkeit ist der Weg durch den stockdunklen und überaus steilen Tunnel aus Weltkiegszeiten. 1200 Meter lang und kaum kopfhoch ist dieser alte Kriegsstollen, jedoch von sehr hohem Erlebniswert (ich bin einziger Besucher an diesem frühen Morgen). Ist das Ausstiegsloch erreicht, ist man regelrecht dankbar für die ersten Sonnenstrahlen. Der Falzaregopass ist ein Knotenpunkt im weiten Dolomitenraum. Folglich steht dort nicht die sauberste Luft zum Atmen bereit, sondern geht zum Mittagsschlaf besser etwas abseits zu einem Wiesenflecken. Zeit bis zur nächsten Übernachtungshütte ist wahrscheinlich vorhanden. Der nördliche Teil der Dolomiten wird nun verlassen. Den Averau umwandert man südlich. Übernachten kann man dann im Rif. Cinque Torri oder besser, eine halbe Stunde höher auf der Spitze des Nuvolau. Der prächtigen Aussicht wegen! Wer hier frühmorgens erwacht und zum Fenster raus schaut, hat seine Morgenandacht schon genossen. Eine Variante des Weges geht von der Hütte aus direkt über die Gusella zum Passo Giau. Sehr schön! Ich wandere jedoch weiter über den Normalweg. Über Blumenwiesen und durch lichtes Waldgelände mit vielen Schmetterlingen wandere ich sanft abwärts zur Giau-Paßstraße. Es ist Sonntagswetter. Jenseits der Paßstraße durch Wald aufwärts zum Lago Federa, einem wahren Kleinod. Die Umgebung ist märchenhaft angehaucht. Schade nur, dass am Sonntag zu viele dem Zauber erliegen. Wer im Rif. Palmieri die Nacht verweilen möchte, der liegt schon richtig - falls nicht gerade Wochenende ist! Ansonsten: Zeit lassen und in den Abend hineinwandern. Im Süden sichtbar, Becco di Mezzodi, der Uhrzeiger Cortinas. In der Forc. Col Duro bin ich dann schon wieder etwas atemlos. Nicht der Anstrengung wegen, sondern weil nun einer der schönsten Dolomitenberge sichtbar wird - der Monte Pelmo. Fast zum Greifen nahe. In der schon späten Abendsonne ein erhaben schönes Bild. Das Rif. Cita di Fiume ist die Nächtigungsstation für die folgende Nacht; bald wird sie erreicht. (Anm.: unter den Betten dürfte mal geputzt werden, doch wer schaut da schon hin) Während der Abendstunden gebe ich mich dann der Überlegung hin, ob der Pelmo es nicht wert wäre, zwei Tage Abenteuer-Ambiente einfließen zu lassen.
Kurz entschlossen steige ich am folgenden Morgen ostwärts zum Rif. Venezia. Die Hütte habe ich fast ganz alleine für mich. Nachmittags liege ich lange in den Wiesen und betrachte den Aufstieg zum Gipfel. Der nächste Tag wird prächtig, und der Aufstieg zum Pelmo wird zum echten Erlebnis. Ein Dreitausender, der es wert ist. Wenn man mal vom etwas ausgesetzten unteren Felsaufbau absieht, auch gar nicht so schwierig zu besteigen. Dieser 23. August haftet in meiner Erinnerung.

"Singing in the Rain", wird zur melodiösen Durchhalteparole des nächsten Tages: Regen, Regen, und das nicht zu knapp. Der Weg rüber zur Civetta, ansonsten ein prächtiges Schaubild, wird mir dadurch arg verleidet - und vernebelt. Kein trockener Fetzen mehr am Leib, als ich recht ermüdet das Rif. Tissi erreiche. Dafür brennt ein angenehm wärmendes Kaminfeuer. Von diesem bewegte ich mich an diesem Abend nicht mehr fort. Auch am nächsten Tag ist es noch teilweise recht trübe, wenn auch meist ohne Regen. Nebel wabert über und um die Spitzen des Civetta-Massivs. So gelange ich über das Rif. Vazzoler zu den Moiazza-Bergen. Es ist schon ein mächtig Stück Wegs heute. Im Rif. Carestiato dampft es dann aus allen Ecken und Ritzen. Wegen der schlechten Witterung haben sich zusätzlich die Klettersteig-Aspiranten des Costantini-Klettersteiges hier versammelt. Das Herumlungern wird mit Anstieg des Promillepegels lauthals gefeiert, und die Hüttenruhe um 22.00 Uhr hat ihre liebe Last.
Ein neuer Morgen bringt frische Luft und Lust. Hinweg über den Passo Duran und hinein in die stille Einsamkeit der Pramper-Dolomiten. Arg verdreckt wate ich durch den Lehm. Die Hangböden sind recht aufgeweicht vom vielen Regen. Die Berge haben nun etwas an Höhe eingebüßt, dafür spürt man bereits den Hauch des Südens. Und der zeigt sich nun am frühen Nachmittag mit unbändiger Kraft. Die Sonne leuchtet eine wundervolle Umgebung aus; die Lust zum Weitergehen ist nun vollends wieder da. Die kleine Pramperet-Hütte wirkt in ihrer Einfachheit ungemein romantisch (heute steht ein Neubau dort). Es sind dies die Hütten, wo man noch recht eng zusammen hockt und ein jeder viel zu erzählen weiß. Die Großmäuligkeit, wie sie an den populären Klettersteigrouten herrscht, fehlt hier.
Das Wochenende ist da - wundervolles Bergwetter! Zunächst wundervoll, doch dann brennt die Sonne unbarmherzig heiß hernieder. Ein langer Weg führt in die Schiaragruppe. Eine nicht gerade kleine Wandergruppe strebt diesem Ziel entgegen. Gegen Abend wird das Biv. Marmol in der Gipfelregion erreicht. Eine wundervolle Stille breitet sich über die nach Süden hin öffnende Felsarena. Der vergehende Abendnebel umsäuselt rosafarben die Felskulisse. Lange vorher gab es schon keine Wasserstelle mehr, und als ich nun auch noch ein Stück Schinken esse, nimmt die Qual zu, die man verspürt, wenn der letzte Rest Flüssigkeit vertrunken wurde. Alle finden nicht Platz für die Nacht; diese müssen es sich halt draußen bequem machen. (Anm.: meine erste Biwak-Übernachtung, aber die einzige, wo ich nicht alleine war)
Am Sonntagmorgen steht der einzige Klettersteig dieses Höhenwegs an, der Marmolsteig. In dieser Umgebung einfach ein herrliches Bonbon. Steil zieht der Steig abwärts durch die Marmol-Südwand. Meine ausgedörrte Kehle treibt mich zur äußersten Eile an. Geschafft! Nach der Zunahme von fast drei Liter Flüssigkeit in der Alpinihütte steigt meine Stimmung wieder ungemein an. Nun endlich habe ich die Muße, diese ungemein schöne Lage auszukosten. Dafür nehme ich mir fast einen ganzen Sonntag Zeit.

Montagmorgen - Aufbruch zur letzten Etappe, Abstieg nach Belluno. Ein Hauch von Herbst liegt bereits in der Luft. Und ein Hauch Wehmut drückt auf meiner Brust. Ich nehme Abschied von einem wunderschönen Weg. Der Dolomitenhöhenweg - 1 - hat mich verzaubert.

 

 

Am Dolomitenhöhenweg 1 liegt in märchenhafter Lage das Rif. Palmieri

 

Dolomiten Höhenweg Nr. 2
von Brixen nach Feltre

 

Westliche Dolomiten, 170 km lang, 14 Tage Gehzeit, nicht allzu schwierig. So die Fakten!
Tatsächlich spielten diese Angaben für mich eine völlig untergeordnete Rolle - dies war mein allererster Weitwanderweg. So stand ich dann im letzten Drittel des August an einem eher dunklen, dichtbewölkten, windigen und kühlen Morgen jenem Stein gegenüber, der auf der Plose den Anfang des Höhenwegs 2 markiert. Dieser verhieß mir das ultimative Erlebnis schlechthin. So stapfe ich dann mit forschem, innerlich eher verhaltenem Schritt, dem Abenteuer meines Lebens entgegen. Nachmittags, als ich mit meinem voll gepackten Rucksack mühsam die Peitlerscharte geschafft habe und endlich in der Schlüterhütte sitze und Rückschau halte, bin ich schon recht zufrieden mit mir und stolz darauf, nun auch der "Kaste" der Bergsteiger zugehörig zu sein. Die Hütte füllt sich nach und nach mit den Leuten, die Ähnliches vorhaben oder auch nur Teiletappen des Weges erwandern möchten. Recht gesellig und lustig geht es zu; und "Der Fisch wird immer mächtiger", würde man bei den Anglern sagen. Auf gut deutsch: es wird gelogen, dass sich die Hüttenbalken biegen. Da kann ich selber noch gar nichts beweisen - und das ist gut so, wie ich auf meinen späteren Touren für mich persönlich feststellen kann.

Ein Morgen wie er schöner nicht sein kann. Vorbei an den Geislerspitzen geht es hinauf in die Schründe der Puezebene. Die alte Puezhütte ist ein wahres Kleinod; ganz so wie ich mir eine alte Berghütte vorstelle. Ich bewundere die junge Wirtin, die in all der Enge und Fülle eine quirlige Gelassenheit und aufmunternde Freundlichkeit ausstrahlt. Saukalt wird die Nacht, dick steht das Eis auf den Pfützen - na, frieren gehört zum Handwerk dazu. Nähe Grödnerjoch wird es dann recht hektisch, der Strom der Tagestouristen macht sich lauthals bemerkbar. Da schaue ich dann ganz "verächtlich" drüber hinweg - denen bin ich ja nun nicht mehr zugehörig. Ein wahrer Sturm umtost in der Nacht die Pisciaduhütte auf dem unteren Sellaplateau und unterstreicht die Ernsthaftigkeit des Hochgebirges. Nach und nach erheitert sich der folgende Tag. Ich überschreite die Sellahochebene, steige ab zum Pordoijoch und wandere hinein in die Wiesen des Bindelwegs. Mächtig und zum Greifen nahe: die Marmolada - eisige Königin. Die Sonne umschmeichelt die Haut und empfinde es als überaus erhaben, dieses Panorama als Begleiter zu haben. In der Marmoladahütte kann ich ein letztes Lager erwischen. Zu viele sind unterwegs, alle werden kein Ruhekissen mehr finden.

Ein Teil der Weitwanderer steigt über die Marmoladascharte zum Weiterweg. Das ist mir alles noch zu unbekannt, noch nicht ganz geheuer, um dort meinen Fuß hinzusetzen. An der Südseite, unter der riesigen Wandflucht der Marmolada finde ich endlich die ersehnte Ruhe, die ich für mein Wohlbefinden brauche. Nur wenige Wanderer stören die feierliche Pastorale. Blumenmeere und mächtiger Fels schaffen inneres Wohlbefinden. Dass die Hotelmanagerin am Pelegrinopass - ein wahres Biest - diese innere Harmonie jäh zerstört, werde ich ihr niemals verzeihen. Sie hasst geradezu Wanderer mit Rucksack, zudem diese auch noch deutscher Natur sind und sie ohnehin im Begriff ist, dass Hotel saisonhalber zu schließen.
Die Nacht geht vorüber, und als ich dann die Palagruppe in Sichtweite habe, ist das Biest schon wieder der Vergangenheit anheim gefallen. Dieses Panorama, wenn man von Norden kommt, ist wohl einer der absoluten Glanzpunkte im Dolomitenraum. Cimone della Pala - ein Zauberberg. Absolut! Schatten senken sich bereits über die Mulazhütte. Inmitten einer grandiosen Felsarena fröstelt diese vor sich hin. Das Ehepaar aus Erlangen findet sich ein. Die ursprüngliche Wandertruppe ist zu einer Dreiergruppe zusammen geschrumpft.
Der Sonntagmorgen bezaubert mit seinem Blau, welches er über dieses Stück Dolomiten verschwenderich ausbreitet. Erst auf der ausgedehnten Fläche des Palaplateaus setzt Nebel ein. In der Rosettahütte wird es dann auch bedrohlich eng, weil zu viele ihre Wanderungen bereits am frühen Nachmittag abbrechen. Der nächste Morgen strahlt ernste Erhabenheit aus. Dunkle Wolken schieben sich über die Felsen. Nebel wabbert durch die Schluchten und bildet mit dem gelblichen Fels der Pala großartige Gemälde der Bergnatur. Ich mag diese Stimmungen! Ein erster kleiner Klettersteig erfordert nun etwas Aufmerksamkeit. Jenseits der Ball-Scharte, die Pradidalhütte. Sie liegt in bevorzugter Lage; ein Gipfel schöner als der andere. Zur Trevisohütte ist es noch ein weites Stück Wegs. Irgendwie schaffe ich es dann doch noch über die Hüttenschwelle zu stolpern. Geschafft - und das im mehrdeutigen Sinne.
(Die folgenden Tage werden in meinem Bericht "Das Leuchten am Paß" beschrieben und klammere sie hier aus.)
Der letzte Teil des Weges findet Jahre später statt - vom Passo Cereda ausgehend durch die Feltriner Dolomiten bis nach Feltre. Jahre hindurch hatte ich keine großartigen Ambitionen, unbedingt dieses Teilstück gehen zu müssen, weil ich mir nicht zuviel versprach von jenem Stück Dolomiten, das in den Printmedien kaum erwähnt wird. Nun - ich war positiv enttäuscht, und das in jeglicher Hinsicht - um nicht zu sagen, ich fand es großartig.
Das Wetter ist ausgesprochen gehfreudig. In der Forcella Comedon pocht das Herz bereits schneller. Nicht nur des Anstieges wegen, sondern vor allen Dingen der schönen Aussicht. Das Biv. Walter Bodo, inmitten eines großen Kares gelegen, ist ein wunderschöner und lieblicher Rastplatz. Natur pur! Der letzte Höhepunkt des Tages bietet die anheimelnde Umgebung des Rif. Boz. Am Kamin lässt sich für den Tag ein guter Ausklang finden. Das junge englische Pärchen und ein ebenso junger Holländer gestalten den Abend bei ein paar Weinchen international. Wir sind die einzigen, die zur Zeit den Höhenweg 2 auf diesem Abschnitt begehen.
Am nächsten Morgen nach kurzer Wegesstrecke bietet sich ein völlig anderes Landschaftsbild: keine hohen Berge, keine tiefen Täler - die Natur gibt sich nun sehr karg. Jedoch keineswegs langweilig, sondern voller herber Schönheit, mit einer seltsam ausgeprägten Gesteinsformation. Die letzte Schutzhütte am Weg ist das Rif. Dal Piaz. Diese nebelt sich am Abend ein, so als wollte sie sich abschotten gegen das relativ flache Land, das sich südwärts auftut.
Der Abschied von meinen Weggenossen ist wie meist in den Bergen bei flüchtigen Begegnungen, recht kurz. Dass ich sie am Nachmittag in Feltre doch noch mal wiedersehe, ist dem Nebel zu verdanken. Ich hatte erwogen, mich westwärts aus den sanften Hügeln zurückzuziehen, um so das Städtchen Feltre ausklammern zu können. Gegen Mittag stecke ich jedoch hoffnungslos im dichten Nebel fest, der von der Adria her hochsteigt. Froh darüber überhaupt eine Spur zu finden, gelange ich so über Umwegen doch noch nach Feltre.


Wenn auch der Höhenweg 2 "nur" in zwei Teilstrecken geschafft wurde, und auch vielleicht nicht der Abenteuerlichste war, im Erlebniswert war er ein ganz, ganz großer.

 

 

Dolomitenhöhenweg Nr. 3
von Toblach nach Longarone

Wesentlich kürzer als der -2er-, "nur" 120 km, dafür aber weitaus abenteuerlicher und beschwerlicher - incl. Klettersteig.

Ein sehr schöner Sonntagmorgen überstrahlt die Dolomiten. Von Toblach ausgehend steige ich stetig zur Pätzwiese an. Alles nicht so schwierig. Doch da treten schon bald im erheblichen Maße Muskelkrämpfe auf. Das erreichen der Dürrensteinhütte wird zur Tortur. Es wird spät! 2 Ehepaare sind zum selben Zeitpunkt auf dem 3er unterwegs: Nicht ganz zufällig das Erlanger Paar vom 2er; dazu ein Schwabenduo. Immer schön, wenn man sich am Abend über die Geschehnisse des Tages bei einem Getränk auslassen kann.
Die Strapazen vom ersten Tag sind schon wieder weit weg geschoben. Pure Natur beim Abstieg Richtung Höhlensteintal. Gämsen zeigen sich hier und da - sonst Stille. Jenseits nun steil hoch zur Ebene des Monte Piano. Das sind satte 1000 Meter. Aus dem Osten lugen die 3 Zinnen herüber. Menschen drängen sich auf den Wegen. Mit dem Auto ist es leicht hoch zu kommen - von Süden, über eine schmale Straße. Auf dieser dann am nächsten Morgen runter. Wieder wird die Straße des Höhlensteintales gequert. (Etwas wirr angelegt dieser Höhenweg.) Ein schöner Weg führt durchs Val Popena in die Cristallogruppe. Das Wetter zeigt sich mäßig erheitert. Hoch zum Tre Crozzi Paß, und dann hinein in den riesigen Sorapiskessel. Die steil aufragenden Wände des 3000er machen schon mächtig Eindruck. Und sie strahlen eisige Kühle aus; und dies tut auch die Vandellihütte. Mehrmals war ich mittlerweile dort und jedes Mal habe ich gefroren.

Unaufhaltsam strebe ich meinem ersten Klettersteigabenteuer entgegen. Die Sonne meint es nun wieder recht gut und hellt die Wände der Croda Marcora aus. Und ich schaffe den Berti-Klettersteig ohne besondere Schwierigkeiten. Noch nicht mal den Sicherheitsgurt ausgepackt, denn für meine stetig einsatzbereite Filmkamera brauche ich beide Hände. Im Nachhinein sage ich mir zwar immer wieder, was wäre wenn…, doch das legt sich bald. Die Forc. Grande: 3 Höhenwege vereinigen sich hier. Gemeinsam leiten sie zur vielleicht schönsten Hütte der Dolomiten - Rif. San Marco. Diese harrt inmitten eines wunderschönen romantischen Fleckens. Zu dieser Zeit wird sie von einem einfühlsamen, stillen Paar bewirtschaft. Ich fühle mich wohl und geborgen hier. 800 Meter tiefer das Boitetal mit seinem quirligen Ort San Vito. Die üppig gefüllten Läden verlocken dazu, sich den Magen mit allerlei Genussreichem anzufüllen. Das rächt sich dann aber beim 1000 Meter Anstieg zur Venezziahütte am Fuße des Monte Pelmo. Der Magen rebelliert; und das auch noch am nächsten Morgen, als es durch die verzauberte Wildnis Richtung Passo Cibiana geht. Es nebelt zwischen den Felsen und der Nebel drückt sich auch durch die wilde Waldlandschaft. Der Pelmo versteckt sich weiterhin. Am Abend setzt starker, gewittriger Regen ein. Wir Fünfe sind immer noch zusammen - und die Wirtin hat uns gemeinsam in ein Lager gesteckt, wo wir die Nacht über mehrmals Lage und Plätze wechseln; es regnet eben überall durch. Die Nacht wird überstanden, der Regen bleibt. Und die nächsten Tage soll in Punkto Nässe keine Abwechslung folgen. Gemeinsam steigen wir die Passstrasse runter ins Boitetal. Per Bus zurück zum Ausgangspunkt, wo ich dann der Dinge harre. Das Harren dauert 3 Tage, ehe ich dann per Auto zum Passo Cibiana (bei schönstem Wetter) zurückkehre. Ich setze den Höhenweg fort. Nach 2 Stunden sitze ich bereits wieder im Wagen. Es gießt in Strömen - Abbruch. Endgültig!
Jahre später bin ich wieder in der Bosconerogruppe. Nun bei strahlendem Blau. Die Berge des "Schwarzen Waldes" sind von einer eigenwilligen Schönheit. Wie schon in den Feltriner Dolomiten habe ich auch hier nichts zu bereuen.

 

 

 


Dolomitenhöhenweg Nr. 4
von Innichen nach Pieve di Cadore

Zu den längsten Wegen zählt er nicht, der 4er, " nur" 80 km. Die können es aber in sich haben. Für pure Anfänger deshalb auch nicht der Einstandsweg.

Fährt man von Innichen ins Sextener Tal hinein, biegt schon bald eine Fahrstraße ins Innerfeldtal ab, Richtung Dreischusterhütte. Am besten beginnt man aber nicht am Wochenende, dann könnte der Trubel in der sonst recht ordentlichen Hütte groß sein.
Ich beginne an einem warmen Dienstagnachmittag. Übernachte in der Hütte und steige dann am Morgen Richtung Wildgrabenjoch an. Der Ausblick könnte nicht besser sein, und der Anblick auf die Drei Zinnen fast nicht größer. Doch die "Drei" sind soeben im Begriff, sich hinter Wolken zu verstecken. Also weiter zur namensgebenden Hütte. Dass ich mich nun in einem der bestbesuchtesten Gebiete im Alpenraum befinde, ist unschwer zu erkennen. Ist es das, was ich auf einem Weitwanderweg zu finden hoffe - Unruhe? Ganz sicher nein! Aber eingekehrt sein muss man wohl doch einmal; so wie man vielleicht das Hofbräuhaus in München besucht. Der Eintritt erweist sich aber als schwierig. "Der Rucksack, der bleibt aber draußen", weist die resolute Wirtin mich lautstark an. Ich ziehe dann auch bald von dannen. Die Wege erweisen sich manchmal als recht schmal für die Breitseiten die vom Parkplatz Auronzohütte Richtung Zinnenhütte in Form von Tagestouristen heranströmen. Die Auronzohütte ist dann auch Nächtigungsstation. Entschuldigung für den Ausdruck Hütte, aber so heißt sie nun mal. Döner Kebab gab es noch nicht, doch sonst hat man die Freiheit, sich alles vorstellen zu dürfen.
Der Morgen sieht recht düster aus - und Regen setzt bald ein. Also erst mal abwarten, bevor ich den Fuß in die Cadinigruppe setze. Schließlich starte ich mit einem jungen Mann und einem Berliner Paar Richtung Zsigmondyhütte. Dort soll bis morgen abgewartet werden. Entweder dann Abstieg ins nahe Sexten oder bei Besserung zurück zur Auronzohütte. Tatsächlich hört der Regen auf. Neue Hoffnung. Wieder geht es zur Auronzohütte, um zu Übernachten. So ein Pesch - es wird ein Touristenbus erwartet. Alpenvereinsausweis hin, Alpenvereinsausweis her, elender Rucksackträger, Hergelaufener, was bilde er sich ein - wurde nicht gesagt, aber so las ich es in den Augen des Wirtes. In der Lavaredohütte ist dann noch ein Plätzchen frei. Frost gibt es in der Nacht, und die Cadini sieht nicht gerade einladend aus. Doch wofür sind Höhenwege da? Richtig, zum Weitwandern. Bald fällt leichter Schneefall. Es ist dies ein eigenartiges Gebirge, diese Cadini; aber kein bisschen langweilig. Im Gegenteil, ausgesprochen interessante Felsformationen bieten dem Auge mehr als genügend Abwechslung. In der Fonda Savio Hütte gibt es den bestschmeckensten Apfelstrudel. Ehrlich! Die Sonne bricht erstmals seit Tagen wieder durch. Deshalb wähle ich auch nicht den Normalweg sondern steige durch die For. del Nevaio. Kaum habe ich die Einschartung gequert, ziehen dunkle Gewitterwolken auf. Ehe ich die Carpihütte erreicht habe, liegen gut und gerne 20 cm Neuschnee, und ich sehe wie der Weihnachtsmann persönlich aus. In der Hütte mache ich dann einen Wein-Schnellkursus. Und zwar, wie entsteht Eiswein? Ich beobachte im angrenzenden Schuppen den Hüttenjunior dabei, wie er den frischen Neuschnee auf Weinflaschen füllt. Ein neues Wunder von Kana etwa? Spät am Nachmittag bricht dann urplötzlich die Sonne durch. Ich erlebe eine Schau, wie ich sie kaum schöner in den Dolomiten sah. Die warmen, rötlichen Strahlen der Abendsonne verzaubern alles. Der weite Kessel des Sorapis gerade gegenüber wirkt wie ein riesiges Märchenschloss aus Sagenzeiten.

Nach einer kalten Nacht taut die weiße Pracht dann rasch wieder weg. Die Vandellihütte ist das Ziel. Hinab ins grüne Val d'Ansiei. Die Hebstzeitlosen blühen bereits in verschwenderischer Pracht auf den Wiesen. Ein Stück Straßenwanderung, dann der Anstieg zum Sorapiskessel. Natürlich ist die Hütte wieder saukalt und die Nacht auch. Der Sonntagmorgen meint es dann aber wieder recht gut. Ist auch besser so, die dunklen Felsfluchten der Sorapiswände wirken nicht eben einladend. Doch wenn ich den Vandelli-Klettersteig machen will, muss ich da schon durch. Und er ist ein Erlebnis, dieser Steig. Manchmal wirkt die Ausgesetztheit schon atemraubend. Doch oben angekommen bin ich schon recht zufrieden mit der Welt. Zum Biv. Comici abwärts ist es nicht allzu weit. Die grüne Lage ist ausgesprochen freundlich und lädt zum Verweilen ein. Oberhalb im Schotter, tummelt sich eine mächtige Anzahl Gämsen. Doch noch liegt ein anstrengendes Pensum vor mir - der Minazio-Klettersteig. Sehr hoch und luftig verläuft der Steig über die Bänder an der Südseite des Sorapis. Meist wird man durch die Latschen vor allzu viel dünner Luft gut geschützt. Die Anstrengung hält sich in Grenzen. Gegenüber streift das Auge immer wieder die einsame Marmarolegruppe. Irgendwann wird sie mein Ziel sein, auf dem 5er. Schon neigt sich der Tag, als ich wieder am Zusammenfluss dreier Höhenwege stehe, der Forc. Grande. Und wieder gelange ich zur vielleicht schönsten Hütte der Dolomiten - San Marco. Zufrieden mit der heutigen Leistung wende ich mich anderen schönen Dingen zu - Essen und Trinken.
Monday, Monday, du meinst es gar nicht gut. Und auch die nächsten Tage sollen die dunklen Regenwolken nicht verschwinden. Der Antelao gegenüber ist vereist. Abbruch! Zurück nach Sexten. Die Heimat ruft.

Der 4er ist ein recht abenteuerlicher, schöner und interessanter Weg; leider wurde er durch das oftmals unschöne und kühle Wetter getrübt. Die beiden letzten Etappen des Höhenweges mache ich in einem anderen Jahr, und zwar im Zuge der Antelao-Besteigung (beschrieben in meinen Erlebnisberichten).

 

Am Höhenweg 5 in der einsamen Marmarolegruppe hat man am Abend unweit des
Biv. Mussati diesen Blick auf die Cadiniberge und Drei Zinnen

 


Dolomitenhöhenweg Nr. 5
von Sexten nach Pieve di Cadore.

 

Dies ist der östlichste Höhenweg. Von der Länge her ist er nicht der weiteste. Vom Charakter her gesehen, der Abenteuerlichste und der Größte.

Der Sommer ist noch recht jung, als ich Sexten ansteuere. Den Höhenweg 5 wollte ich auf keinen Fall auslassen, wird er doch als Abenteuerlichster beschrieben. So steige ich also Richtung Zsigmondyhütte aufwärts. Ein reges Touristenvölkchen ist bereits unterwegs. Gottlob nimmt der größere Teil die Abzweigung Dreizinnenhütte. Der Tag ist noch lang, also ausreichend Zeit sich etwas Bergbräune zuzulegen. Das Ziel des direkten Weges wäre nur etwa eine Stunde entfernt - die Carduccihütte. Doch diese Strecke ist mir zu simpel. Dem abenteuerlichen Charakter des 5er ist sie nicht angemessen. Also lege ich etwas an Abenteuer hinzu, indem ich nächsten Tages über den Alpinisteig gehe. Viel Schnee hat die Nordseite noch genug, doch es macht Spaß. Ein dunkler Himmel verleiht dem Steig einen würdigen Nimbus. Aus der Sentinellascharte gegen Süden absteigend, wird die Bertihütte erreicht. Ein schmuckloser Bau in einer etwas ernsten Umgebung.
Weitere 2 Klettersteige folgen am nächsten Morgen. Zunächst über eine abdrängende Leiter zur Ferrata Roghel. Nicht sehr lang, aber trozdem von hochalpinem Charakter. Das dunkle Wetter bietet den entsprechenden Kontrast dazu. Es folgt der Steig der Cenga Gabriella. Ein schauriger, heftig pustender Wind hat eingesetzt. An dünnen, verrostenden Stahlseilchen wird der Mut immer wieder ausgelotet. Das Band wirkt endlos lang, auch wenn die in der Ferne leuchtende Carduccihütte schon recht nah erscheint. Zum Ende hin durch eine lange Schneerinne abwärts, dann recht eben weiter Richtung Unterkunft. Diese erreiche ich durchgefroren in einem ausgemachten Gewitter, das mit aller Vehemenz über mich hereingebrochen ist. Der Hüttenwirt kümmert sich in einer schon selten gewordenen Liebeswürdigkeit um seine Gäste.

Der Tag verspricht schön zu werden, und das hält er auch; und schön warm wird es obendrein. Ins Val d'Ansiei hinab sind es satte 1400 Meter. Die Knie haben eine wahre Freude an solchen Abstiegen. Jenseits dann, das Seitental Val da Rin. ImTalschluß steht die Primulahütte - leider ohne Nächtigungsmöglichkeit. Mein Höhenwegsbüchlein macht für den Weiterweg ein paar irreführende Angaben, und schon befinde ich mich im Anstieg des Val Baion. Den Irrtum bemerke ich aber erst geraume Zeit später und nach einer ordentlichen Portion Schweißbäder. 2 Stunden später dann auf richtigem Pfad aufwärts zur Forc. Paradiso - ermüdende 1000 Meter höher. Die letzten Meter - die Abendsonne sendet ihre letzten Strahlen über eine bezaubernde Landschaft - falle ich geradezu der Scharte entgegen. Ich denke, so restlos fertig war ich vielleicht noch niemals im Leben. Irgendwie schaffe ich es dann doch noch, fast schon in der Dunkelheit, über die Schwelle des Rif. Ciaredo zu fallen.
Der bezaubernde Sonntagmorgen ist schon etwas fortgeschritten, als ich zum Frühstück erscheine. Alle Gäste sind schon entschwunden. Das 2. Frühstück nehme ich dann 2 Stunden weiter im Rif. Baion ein, einer sonnigen Aussichtsterasse inmitten von Almwiesen an der Südseite der Marmarole. Nach wenigen Stunden weiterer Wanderung durch eine ausgesprochen liebliche Berglandschaft bin ich am Tagesziel, dem Rif. Chiggiato angelangt. Einsam bleibt es hier - keine deutschsprachigen Gäste.
Nun wird es ernst. Hinauf in die Einsamkeit der Marmarole. Ein schaurig scharfer Wind empfängt mich ein paar Stunden später in der Forc. Jau dela Tana. Die Wetterstimmung schaut an der Nordseite etwas ernster aus, was aber durchaus zum Charakter der Marmarole passt. Abwärts dann über große plattige Felsen bis zum Biv. Tiziano. Hier gibt es allerlei Köstlichkeiten von einigen wohl recht finanzstarken italienischen Wanderern. Diese steigen dann talwärts - die Marmarole wird einsam. Und wieder geht es aufwärts, fast weglos, bis ein steiler Abstieg endlich zum Biv. Mussati hinleitet. Kein Mensch weit und breit. Zur Wasserstelle nun ein langes Stück Wegs abwärts, um dann scheinbar viel länger wieder anzusteigen. Ich genieße den Abend auf dieser wundervollen Aussichtsplattform. Vor mir, durchs Tal getrennt, das wilde Zackengewirr der Cadinigruppe, und darüber erheben sich noch die Drei Zinnen.
Der Morgen ist schön. Doch nun ist etwas eingetreten, was mich die letzten Tage schon gequält hat. Meine Füße sind eine einzig große Wunde. Kunstoffschuhe ( sie waren mal Mode) lassen die Fußfeuchtigkeit nicht nach draußen, und irgendwann rächt sich das. Kurz - ich möchte in dieser Verfassung nicht riskieren, alleine weiter durch die Marmarole zu steigen. Doch was dann folgt, der direkte Abstieg ins Val d'Ansiei, ist das wahre Grauen. 1000 Meter sehr steil runter über einen überaus glitschigem Boden. Das war's dann!

Einige Jahre weiter. Wieder steige ich den selben Weg an. Rauf geht es besser. Die steilsten Stellen wurden mittlerweile per Stahlseil entschärft. Wieder eine Nacht im Biv. Mussati. Dann bin ich bereit, den einsamsten Teil der Marmarole zu queren. Wiederum ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Die Markierungen sind überaus spärlich, der Spürsinn ist gefragt. An einigen Steilstellen ist ein Sicherheitsgurt durchaus empfehlenswert. Dieses Teilstück bietet Berwandern in seiner ursprünglichsten Form. Wegen des sehr frühen Aufbrechens bin ich bereits gegen Mittag in der Nähe des Biv. Voltolina. Das ausgestzte Band des Cengia del Doge nehme ich noch mit, um dann durch das schöne Hochtal des Val di San Vito abzusteigen (den Weiterweg zur San Marco Hütte wollte ich nicht schon wieder machen).
Vor kurzem habe ich den gesamten Weg durch die Hochmarmarole nochmals wiederholt. Wiederum menschenleer. Dafür wurden zwichenzeitig Markierungen jeder Menge gepinselt. Das Dritte Mal schlafe ich nun im Biv. Mussati. Und wieder hat diese ursprüngliche Wanderung sehr, sehr gefallen.
Die Restetappe des Höhenwegs 4/5 hatte ich aber bereits viel früher unternommen, im Zuge meiner Antelao Besteigung. Dabei stieg ich nach der Übernachtung in der Galassihütte zum Antelao-Gletscher an. Der Weg dorthin hat klettersteigartigen Charakter. Genächtigt wird in der Antelaohütte. Diese schöne Unterkunft bietet einen ausgezeichneten Ausblick auf die Marmarole. Und im Rückblick: Der Dolomitenhöhenweg 5 ist in seiner Gänze der absolut Abenteuerlichste und Ursprünglichste. Dies aber nur Dank der Marmarole. Immer wieder habe ich gehört, dass Leute, die den 5er machten, die Marmarole ausklammerten. Der Höhenweg ist dann zwar noch immer sehr schön, hat aber mit dem tatsächlichen Höhenweg 5 nichts mehr gemein.

Fazit: Die Höhenwege der Dolomiten, gehörten vielleicht zu den schönsten Erfahrungen meines Lebens. Trotz manch' einsamer Stunden und Tage, vieler Schweißtropfen und auch Flüche, möchte ich keinen Tag missen. Eine Bürde war zugegebenermaßen der schwere Rucksack und zusätzlicher Filmkamera. Doch würde ich die Dolomiten noch Mal für mich neu entdecken, würde ich die Höhenwege wieder begehen wollen.

 

 

In der Cristallogruppe, oberhalb des Rif. Laurenzi, beginnt der Einstieg zum Klettersteig

 

 

9. Mythos Klettersteige

Eine Kurzschilderung der von mir begangenen Klettersteige

Wer an die Dolomiten denkt, denkt auch an Klettersteige. Wer erstmals unter den Wänden dieser Berge steht, dem erscheint es kaum glaubhaft, dass der "Normal-Wanderer" diese durchsteigen kann. Es geht! Kilometer von Stahlseilen haben dieses besondere Erlebnis wahr werden lassen. Über den Sinn dieser Anlagen möchte ich nicht mehr streiten, kontroverse Meinungen dazu gibt es zuhauf. Natürlich gibt es schlimme Auswüchse. Und wer sich an bestimmten Tagen des Sommers zu bestimmten Zeiten in bestimmten Anlagen befindet, ist schon recht zu bedauern. Das irgendwann der Kollaps kommt, scheint fast unabänderlich. Von allen Dingen, die gemacht werden, werden stets zuviele gemacht. Trifft man jetzt bereits dort Fahrradfahrer an, wo sich früher kaum Alpinisten hinwagten. Dabei sollten die Berge eigentlich mit dem besten Fortbewegungswerkzeug, das der Mensch besitzt, den Beinen, diese Welt "erobern".
Sei es drum, Klettersteige haben mir ein Wandervergnügen bereitet, welches ich ohne diese Steig- bzw. Sicherungshilfen nicht hätte machbar werden lassen können; eben weil ich meistens alleine unterwegs war.
Beschreiben möchte ich einen Teil dieser Steige - nicht alle. Alle habe ich sie auch nicht gemacht, denn irgendwann lässt auch dieser Reiz mal nach.
Wie immer möchte ich auch diese Erlebnisart aus subjektiver Sicht beschreiben. Wegbeschreibungen gibt es ja in Masse in den verschiedensten Publikationen. Klettersteige sind für mich einfach dazu da, den Wert einer Wanderung zu steigern. Sportliche Aspekte haben mich bei meinen Touren nie interessiert, sondern rein der sinnliche Erlebniswert steht und stand im Vordergrund.

 

Die Sorapissteige


Da stand ich nun am Anfang jener mächtigen Wand, die der Sorapis über dem Boitetal aufbaut, der Croda Marcora. Der Höhenweg 3 führt geradezu hierhin. Der Einstand in meine Klettersteig-Ära begann also hier. Berti-Steig wird er genannt, und dessen Einstufung hat das Merkmal "schwierig". Viel hatte ich gelesen und mich darauf vorbereitet. Die Filmkamera kam nicht in den Rucksack, und der Brustgurt kam nicht heraus. Ich fühlte mich so freier, um mein Abenteuer würdig zu filmen. Vor mir durchstieg eine kleine Gruppe die Wand, und hinter mir tauchten neue Wanderer auf. Also kein Grund, zu verzagen. Ich konzentrierte mich ganz auf den Weg, was nicht heißt, dass ich um das bewusste Schlucken herumkam. Die Sonne meinte es recht ordentlich, die Wand wirkt demnach nicht so düster. Im letzten Viertel dann jene trichterförmige Schlucht, wo mit grausigem Getöse die Brocken aus dem Fels in die Tiefe stürzen. Ein Felsaufschwung und eine letztes luftiges Ausstiegsband - Feuertaufe bestanden.
Zwei Jahre weiter. Der Höhenweg 4 führt mich wieder zur Vandellihütte. Düster - wie meist - steht die trostlos wirkende Nordwand wie ein Bollwerk dort. Zum Glück beginnt der Sonntagmorgen recht sonnig. Der Vandelli-Steig wirkt anders als der Berti-Steig, sehr ernst. Wieder bleibt der Brustgurt im Rucksack. Diesmal jedoch aus solidarischen Gründen. Ein junger Mann, den ich auf dem Höhenweg kennen lernte, wollte nur weitergehen, wenn er mich begleiten durfte. Eine Sicherung hatte er nicht mit; vielleicht etwas zu naiv von ihm. Im Ganzen gesehen ist die Wand aber gut begehbar, bis zu jener Stelle, wo die Luft ganz, ganz dünn wird. Ein kleiner Vorsprung lässt die Füße mal ordentlich in die Tiefe schauen - allerdings beschützt von einem sehr vertrauenswürdigen Stahlseil. Das war es dann auch schon. Auf einem sehr schönen Aussichtsbalkon dürfen die Beine dann über dem Sorapissee schweben. Nach einer schönen Strecke, von wo man das Gebirge der Marmarole stets vor Augen hat, folgt der Minazio-Steig. Schmal und luftig, im steten Auf und Ab durch die sehr steile Südwand des Sorapis. Allerdings wird man vor allzu nervigen Tiefblicken durch einen dichten Latschenbewuchs bewahrt. Es ist dies der leichteste der drei Sorapissteige. Zum guten Ende dann noch ein schlaffes Drahtseil an einer kleinen Schlucht. Die Tritte sind etwas abgewetzt, und prompt hängt mein junger Begleiter im Seil. Ein kräftiger Fluch beendet die Sorapisrunde.

Anmerkung: Der Sorapis bietet mit seinen Steiganlagen eine sehr schöne und abwechslungsreiche Runde. Im gesamten zwar als schwierig einstufbar, doch wirkliche Schwierigkeiten sind eher selten.

 

Die Schiara-Steige.


Die Gruppe der Schiara sehe ich immer noch als Zuckerstück der Dolomiten. Wenn man auf den Wiesen vor der Alpinihütte steht, jauchzt das Herz in stiller Freude. Betreten habe ich diesen Gebirgsstock jedoch quasi durch die Hintertür. Es war der Auftakt zum Finale auf dem Höhenweg 1. Müde und ermattet nach einem sehr heißen und langen Tag stehe ich an einem wunderschönen Samstagabend vor dem Biwak am oberen Beginn des Marmol-Steiges. Alleine bin ich nicht - der Höhenweg schleppt so einiges an. (das erste und einzige Mal, wo ich nicht alleine in einem Biwak schlief) Das Nebelspiel in der untergehenden Sonne lässt die Sinne aber noch mal beglückend aufleben. In der Kühle des frühen Sonntags steige ich abwärts. Die Stahlseilchen sehen nicht immer vertrauenserweckend aus, geben aber auch kein Anlass zu größerer Sorge. Noch liegt das riesige Schiara-Rund im Schatten. Dafür wird das rote Dach der Alpinihütte bereits öfters sichtbar. Und endlich hat auch die Sonne den Raum erobert. Eilig habe ich es zwar nicht direkt, doch nun treibt mich der Durst (an Wasser mangelt es in der Schiara) doch zu erhöhtem Tempo an. Zum Ende hin wird der Ausstieg dann noch recht bodenlos. Über ein paar Leiterchen wird der "feste" Boden wieder erreicht.
Einige Jahre weiter: Die Schiara hat auf mich zumindest soviel Eindruck hinterlassen, dass es mich noch einmal zu ihr hinzieht. Diesmal nähere ich mich der Gruppe auf dem vielleicht schönsten und ursprünglichsten Weg. Dieser führt von La Stanga im Cordevoletal ausgehend durch das wildromantische Val de Piero an. Ein würdiger Auftakt für meine dreitägige Klettersteigrunde. Der Zacchi-Steig ist dann Auftakt für die Schiararunde. Ein warmer, sonniger Julimorgen lädt zum Einstieg. Erste Schweißtropfen verlieren sich im Steilfels. So geht es höher - von Terrasse zu Terrasse, immer luftig aber auch immer aussichtsreich. Die Alpinihütte ist meist sichtbar und lässt so kein Gefühl von Einsamkeit aufkommen. Trotz schönstem Wetter und bereits beginnendem Hochsommer ist der Besucherandrang recht dürftig - wie schön! Am Biv. Bernardino ist des Steiges erster Teil dann geschafft. Ein wenig Verschnaufen, dann folgt Teil zwei. 200 Meter höher zum Monte Schiara. Da ich den Zacchi-Steig gut überwunden habe bedeutet der Berti-Steig kein Hindernis mehr. Die Aussicht vom höchsten Punkt ist der Klasse dieser Klettersteige durchaus angemessen. Doch schon schiebt sich von der Adria her die bekannte Dunstwalze behäbig der Schiara entgegen. Hier findet sie ihren Ankerpunkt, wo sie dann gerne ausharrt. Doch soweit ist es noch nicht, die Aussicht bleibt vorerst prächtig. Über den ostseitigen schlanken Grat abwärts Richtung Biv. Marmol. Es ist zwar noch nicht ganz Mittag, doch nun schiebt die Wolkenmasse zusehends die Sonne weg. Nach etwas nostalgischer Rückschau im Biwak mache ich mich dann hurtig auf die Beine, hinab auf dem Marmol-Steig. Eine etwas größere französische Gruppe erscheint zwischen den Felsen. Sie sind seit heute Morgen im Aufstieg. Ein jeder der Gruppe ist zusätzlich mit den anderen per Seil verbunden. So behindern sie sich gegenseitig im Vorankommen; und ich befürchte, dass es ein langer Tag für sie werden wird. Ohne weitere Schwierigkeiten habe ich den Ausstieg bald erreicht. Das Wetter hat nun endgültig dicht gemacht. In der Hütte ist der Regen recht gut auszuhalten und die Gedanken sind schon auf den vierten Schiara-Steig gerichtet.
Der nächste Morgen ist ebenso strahlend wie der vorhergehende. Offiziell gilt der Sperti-Steig derzeit als nicht begehbar - so mahnt ein Schild. Ich wage es trotzdem. Nun bin ich einmal hier, nun möchte ich auch alle Wege machen. Basta! (der Pelf-Steig ist zu dieser Zeit noch nicht erbaut) Der Steig durch die Pale del Balkon liegt etwas abseits der eigentlichen Schiaragruppe. Deshalb wird er wohl auch weniger begangen. Das Warnschild besteht nicht ganz zu unrecht, stelle ich fest: Fehlende oder beschädigte Sicherungen sind nicht eben eine Bereicherung. Dann heißt es eben doppelt vorsichtig durch das wildzerklüftete Kleinmassiv zu steigen. Langweilig wird es nicht. Ausgesetzte Bänder, dunkle Schluchten und Altschneefelder im rutschigen Schotter signalisieren: Obacht geben. Im ganzen wirkt der Steig aber weniger schwierig, als der Zacchi-Steig. Ausstiegspunkt ist das Biv. Bernardino unter der markanten Gusella del Vescova. Es ist vollbracht, kann ich nun sagen. Die Schiara hat Freude bereitet. Irgendwann werde ich sie wohl nochmals besuchen. Abstieg dann durch die mit eigenartigen Felsformationen durchsetzte aber auch blumenreichen nordseitigen Abflachung Richtung Rif. Bianchet.

Anmerkung: Der Zacchi-Steig ist recht schwierig, die anderen Steige mittelschwierig - bei optimalen Verhältnissen. Lohnend sind sie alle - der Schönheit wegen.


Die Gusella - Wächter der Schiaraberge.
Hier treffen 3 Klettersteige zusammen

 

Marmolada-Gebiet


Die Königin der Dolomiten zu besteigen ist durchaus nichts unehrenhaftes. Da die Marmolada nun mal die höchste Erhebung der Dolomiten aufweist, steht sie zwangsläufig auf dem Programm. Am Fedaiasee steige ich in den Gondellift, der mich schon ein beträchtliches Stück in die Höhe führt, bis zum Rand des Gletschers. Die einfachste Lösung wäre nun, über den Gletscher anzusteigen. Doch diese Route habe ich für den Abstieg vorgesehen. Also wieder ein Stück absteigen, um dann im weiten Bogen zur Marmoladascharte anzusteigen. Es liegt noch eine Menge Schnee auf dem leicht abschüssigen Anstiegsfeld. Ich schnalle die Steigeisen an. Sie sind dann mehrmals an diesem Tage eine gute Unterstützung. Das Wetter ist prima. Vier Tschechen haben das selbe Ziel. Auf dem Westgrat hat es während der Nacht knackig gefroren, und der nächtliche Gewitterregen hat für unangenehme Glätte gesorgt. An einigen Stellen geht es nur mit Pickel weiter. Da die Tschechen Seile mit haben, bin ich froh, an den heikelsten Stellen davon profitieren zu dürfen. Meist geht es scharf an der Abruchkante entlang. Eine überaus lohnende und prächtige Aussicht sorgt für Kurzweil und lässt die Anspannung etwas zurücktreten. Ein lokales Gewitter macht sich grollend bemerkbar. An der Marmolada nichts ungewöhnliches zu dieser Tageszeit. Doch es verschont uns. Dann stehe ich endlich auf dem höchsten Punkt, die Punta Penia ist erreicht. Über den Gletscher sind auch schon einige Leute hochgestiegen, die sich nun zusammen mit uns zu einem bunten Völkchen vermischen. Eine Stunde Schauen, Fotografieren und Sonnenbaden; dann abwärts über den Gletscher. Am unteren Ende eine gefährliche Situation: Das Eis ist dort bereits sehr dünn und das Wasser rauscht bedrohlich darunter hinweg. Hier helfen die Tschechen mal wieder mit einem 50-Meter Seil hilfreich aus.
Anmerkung: Eine überaus lohnende Tour. Normalerweise "nur" als schwierig einstufbar, bei Vereisung oder sogar Gewitter kann es allerdings sehr heikel werden.
Etwas abseits der Königin, in deren Abglanz, steht eine wunderschöne, formvollendete Berggestalt. Deren Name lautet Colac. Mit dem ersten Lift fahre ich hoch zum Skigebiet Ciampac. Jetzt im Sommer zeigen sich die Hässlichkeiten im überdeutlichen Ausmaße, die dort in den Wintern angerichtet werden. Also werden die Scheuklappen aufgesetzt und alle Konzentration auf den Colac ausgerichtet. Schon bald steigt man in den recht steilen, plattigen Trichter ein. Ein durchlaufendes Stahlseil ist hier auf jeden Fall vonnöten, um diese Schlucht durchsteigbar werden zu lassen. Die Füße werden etwas auf Reibung ausgerichtet und los geht es. Für Außenstehende mag die dabei eingenommene Haltung lustig wirken, doch ein Ausruhen gibt es nicht, man muss durch. Danach folgt eine Steilstufe, die etwas heikel per Steigklammern überwunden wird. Das Finale im zerklüfteten Gipfelaubau ist dann noch als sehr abwechslungsreich zu benennen. Rundum ist für das Auge mehr als genügend zu sehen. Dann wird es aber auch schon langsam eng am Gipfel. Ich steige auf den etwas holperigen Normalanstieg ab und wandere noch den ganzen Tag durch das angrenzende, weitläufige Gebiet.

 

Geisler/Peitler/Puezgruppe


Wo der Messner zuhause war, braucht man sich über fehlendes Publikum nicht zu beschweren. Zum Anstieg der Sas Rigais-Steige zu gelangen, ist es recht leicht. Die Col Raiser-Bahn schafft schon einiges hoch. Ich übernachte in der Regensburgerhütte. Diese ist zwar meistens auch gut gefüllt, doch deren Vorteil ist, man kommt früh am Morgen weg. Der Anstieg über den östlichen Steig ist nicht allzu schwierig. Erst im oberen Fels wird es etwas luftig. Und so stehe ich schon bald auf des Sas Rigais höchster Spitze und habe die Aussicht auf die recht zahlreichen Gipfel kurze Zeit für mich alleine. Dann wird es aber auch schon recht bald eng. Etwas vorsichtig über feingriesigen Schotter abwärts; ein paar wenige ausgesetzte Stellen - das war es dann auch schon, auf der westseitigen Steiganlage.
Der Sas Rigais hat von der Südseite her wenig Majestätisches zu bieten. Seine volle Schönheit erstrahlt erst aus der Tiefe des Villnößtales. Von dort führt nordwärts ein Steig zum Tullen hoch, jenes fast unscheinbare Gebirge, das sich westlich des Peitlerkofels über der Würzjochstraße erhebt. Der Klettersteig der über den Graten führt heißt Günther-Messner-Steig. Es ist kühl, dicke Wolken schieben sich über dunklem Fels. Ein scharfer Wind weht auf den Graten und treibt einige Schneeflocken in mein Gesicht. Allzu schwierig ist die Begehung nicht: eine Leiter, ein paar Seile an den abschüssigen Stellen - diese helfen den Füßen dann schon gut weiter. Insgesamt ist der Morgen aber recht ausgefüllt und kurzweilig. Eine süddeutsche Gruppe kommt mir entgegen. Das war es dann auch fast schon an Publikum. In der Schlüterhütte lässt es sich gut aufwärmen, um anschließend auf dem Normalweg gemächlich dem Villnößtal entgegen zu wandern.

Den Peitlerkofel kann man nicht als Klettersteig bezeichnen. Nur im Gipfelbereich ist eine leicht ausgesetzte Stelle, die sich gut per Sicherungseil überwinden lässt. Trotzdem ein sehr schöner Aussichtsberg. Einmal besuchte ich den Gipfel im Sommer, bei schönstem Himmelsblau, und später noch einmal mit meiner Frau Erika im Herbst, bei sehr düsterer Witterung.
Ebenso wenig ist der Sassongher ein Klettersteig. 20 Jahre habe ich ihn links liegen lassen, doch nun wurde es aber mal Zeit. Im Herbst 2001 habe ich ihn zusammen mit meiner Frau besucht. Im Gipfelanstieg befindet sich eine Steilstelle, wo es gut tut, sich per Stahlseil hoch zu hangeln. Ansonsten - prächtige Aussicht. Und noch ein Dritter Gipfel wird gerne als Klettesteig bezeichnet - die Große Cirspitze. Diese ist dann wohl auch am wenigsten als Steig zu bezeichnen. Über massigen Besuch braucht man sich nicht zu beklagen.
Etwas heikler ist die Westliche Cirspitze. Kurz vor meiner Heimreise - ich hatte ausgefüllte zwei Wochen in den Dolomiten verbracht - juckte es noch mal in den Füßen. Der Tag begann ausgesprochen sonnig, das Grödnerjoch döste noch im himmlischen Frieden vor sich hin, steige ich über die blumengesprenkelten Almwiesen an. An dünnen Stahlseilchen hangele ich mich hoch. Wenn auch die Cirspitze recht kurz geraten ist, unterschätzen sollte man sie nicht. Eine Selbstsicherung ist auf jeden Fall ratsam. Ein letzter Aufschwung noch und ich stehe auf dem winzigen Plateau. Friedlicher kann ein Bergmorgen kaum ausschauen, als von diesem erhöhten Balkon.

Anmerkung: Alle beschriebenen Anstiege sind lohnend, wenn auch nicht allzu schwierig. Sas Rigais, Westliche Cirspitze und auch der Messner-Steig verdienen dabei etwas größere Aufmerksamkeit und Umsicht.


Die Palagruppe

Wenn der Rollepaß erreicht ist tut sich eine märchenhafte Bergkulisse auf. Die Pala! Sie übt geradezu einen Zwang darauf hin aus, deren Reich zu besuchen. An Klettersteigen ist dieses wilde Felsland nicht eben arm. Beginnen möchte ich mit einem eher unbedeutenden, fast unbekannten Steig, dem Sentiero del Dottor. Erreicht wurde dieser Steig von mir im Zuge einer selbsterstellten Höhenwegesroute, die sich vom Fassatal über der Cima d'Aut zum Pelegrinopaß hinzog; von dort dann weiter zur südseitigen Marmolada samt Untergruppe und hinein in das noch ursprünliche Val Gares. Danach über wunderschöne Grasberge und durch eine blumenreichen Einsattelung jenseits an paradiesischen Kaskaden vorbei abwärts nach Col di Pra im Val di San Lucano. Dieses Tal gehört zweifelsohne zu den schönsten der Dolomiten. Einerseits der überaus steilen und jäh abstürzenden Berge der San Lucano-Gruppe wegen, anderseits die Riesentürme der Agner-Gruppe. Im leichten Anstieg erreiche ich das Biv. Dordei, das inmitten lichten Baumbestandes den Dornröschenschlaf hält. Von hier wirken die südöstlichen Palagipfel in wilder Schönheit. Oh weia - denke ich, als ich am nächsten Morgen die verrosteten, schlaffen Stahlseile in den Händen halte (ich denke, dass mittlerweile ein Austausch stattfand). Es geht gut! Das Absturzgelände ist dann auch recht bald überwunden. Der eigentliche Klettersteig endet damit aber auch bereits. Was folgt ist ein abenteuerlicher, reizvoller und steiler Anstieg in die Hochregion der Pala. Absolute Einsamkeit - aber eine schöne Einsamkeit - war mein Begleiter. Am Nachmittag erreiche ich die Trevisohütte. Es ist proppenvoll. Der Hüttenboden wird zum Nachtlager.


Der Bolver Lugli-Steig ist wohl der bekannteste im Palareich. Schon die erste Seilbahn ist übergut gefüllt. Die meisten drängen an der Mittelstation Richtung Klettersteig. Das hat man nun davon, wenn man zu dieser Morgenstunde einsteigt. Etwa 25 Leute quetschen sich mehr oder weniger über die ersten Aufstiegsfelsen. Da weiß so mancher Karabiner nicht mehr wo er hingehört. Irgendwie gelange ich dann doch nach vorne, um meinen Kopf dem dadurch entgangen Steinschlag wieder heil ins Tal zu bringen und zudem den Steig in einer genehmen Zeitspanne machen zu können. Der Bolver Lugli gehört zu der schärferen Sorte. An luftigen Passagen herrscht kein Mangel. Die Konzentration muss gegenwärtig bleiben. Aber ein schöner Klettersteig! Als ich dann am Bivacco unterhalb des Cimone stehe, bin ich schon recht zufrieden. Den Vezzana-Steig wollte ich zwar auch noch gleich mitnehmen, doch ein drohendes Gewitter riet zum Abstieg Richtung Rosettahütte.


Der Fiamme Gialle-Steig versteckt sich etwas abseits und nördlich der Trevisohütte. Ich steige erst am Nachmittag von der Hütte ausgehend an. Es ist schwül. Schon bald ziehen dunkle Wolken auf. Trotzdem steige ich weiter, weil ich ohnehin vorhabe, im Biv. Reali zu nächtigen. Zwei Wanderer im Abstieg begegne ich noch, dann ist Ruhe. Nicht ganz - es hat ein kalter, schneidiger Wind eingesetzt. Nach einem langen ansteigendem Schneefeld werden die ersten Stahlseile erreicht. Über ausgesetzte Felsstufen geht es stetig höher. Alleine der kalte Wind treibt zu einen zügigen Aufstieg. Viele der Seile sehen nicht vertrauenserweckend aus. So manche Klammer und Stift ist aus dem Fels herausgerissen. Dieser Steig scheint schon lange der Vergessenheit anheim gefallen sein - von Reparatur keine Spur. Die Forc. Marmor erreiche ich dann schon im Regen. Ein kurzes abfallendes Schneefeld noch, dann bin ich im Biwak. Unter sechs teils angefeuchteten Decken wird mir nach und nach etwas wärmer. Der Wind heult sein Lied, der Regen prasselt und irgendwann komme ich auf diesem trostlosen Flecken zum Schlafen. Die Besteigung der Croda Grande am folgenden Morgen wird umgehend gestrichen, wegen anhaltender Wolkenschwärze. Also die gleiche Prozedur wie Gestern, nun im Abwärtsgang. Ein riesiger Steinbrocken saust vor mir mit enormer Wucht talwärts. Ich kann nur hoffen, dass sich noch niemand im Aufstieg befindet.

 

Porton/Velo/Buzzati-Steige

Ferienzeit = Bergtourismus hoch²! Die Pradidalihütte ist ordentlich gefüllt an diesem Freitagmittag, als ich diese nun vom Cismontal hochsteigend erreiche. Nach einem guten Schluck Bier nehme ich unweit der Hütte den Einstig zum Porton-Steig. Sofort wird es merklich ruhiger. Drei Wanderer warte ich noch ab, bis sie den Einstieg nach unten verlassen haben. Dann geht es aber schon los. Scharfer Einstieg über Klammerreihen und sehr steil hoch. Scharf ist auch der nächste Aufschwung. Über ausgesetzte Steiglein geht es weiter bis zum Abstieg auf den Velo-Steig. Ein aussichtsreicher Weg führt Richtung Velohütte. Recht luftig unter dem Hosenboden wird es eigentlich erst zum Ende hin. Aber auch das wird gepackt und die prächtigen Gestalten der Cima della Madonna und des Sass Maor lenken ohnehin ab. In der geräumigen Velohütte lässt es sich gut verweilen. Der Normaltourist findet hier kaum hin und von der Terrasse aus lässt sich der Sonnenuntergang in vollen Zügen genießen. Man verweilt gerne an diesem bevorzugten Platz. Am Samstagmorgen leuchtet die Sonne über einem ausgedehnten Nebelmeer. Kurzer Aufstieg zur Cima Stanga. Danach immer nur abwärts über den südlichen Ausläufer der Palagruppe, den Buzatti-Steig. Mittels der eingelassenen Sicherungen hangele ich mich zu begehbarem Gelände hinunter. Ein Felsspalt scheidet in natürlicher Auslese Schlanke von weniger Schlanken. Ich schaffe es so gerade noch, den Rucksack kann ich nur noch mit Gewalt zwingen. Diese Prüfung findet zu dieser Morgenstunde auch nur einmal statt; wie sooft, bin ich mal wieder alleine unterwegs. Im kombinierten Fels/Waldgelände dann immer stetig abwärts. Keine weiteren Schwierigkeiten mehr außer, dass die Knie nicht gerne 1400 Meter Abstieg mögen.

Was fehlt, ist der Agner-Steig; der Normalweg zum Gipfel ist jedoch nicht viel weniger spannend; und Zeit zum Schauen bleibt auch. Überaus lohnend!

Anmerkung: Die Pala-Steige sind durchweg als schwierig anzusehen, dafür bewegt man sich in einer der großartigsten Landschaften des Dolomitenraumes.

 


Sextener Dolomiten

Ein riesiger Bergraum, diese Sextener. Auf vielen Wegen war ich dort unterwegs. An Kletterrsteigen fehlen mir noch einige Namen, zu oft hat das Wetter nicht mitgemacht. Beginnen möchte ich vielleicht mit dem bekanntesten - der Rotwand. Geplant war eigentlich ein Aufstieg über den Zadonella-Steig, um dann über den Rotwand-Steig wieder hinunter zu steigen. Doch unweit der Bertihütte, nahe beim Einstieg, überrascht mich ein frühes Gewitter. Nächster Tag: Bis zur Rudihütte lässt es sich gut schweben. Danach setzt fröhliches Wetter ein. 1000 Meter sind kein Pappenstiel, doch die Schwierigkeiten halten sich auch in Grenzen. Unterhaltsam führt der Weg über die Rotwandköpfe. An vielen Stellen wirkt der Steig wie ein Freilichtmuseum des 1. Weltkiegs; hat der Krieg doch hier mächtig gewütet. An einer bevorzugten Stelle habe ich einen informativen Blick auf den Alpinisteig. Ein "Wegbereiter" schaufelt den Steig wegen der anstehenden Saison vom Schnee frei. Erst am Gipfelaufbau gewinnt der Rotwand-Steig an Schärfe; die aber durch Sicherungsseile gut entspannend wirkt. Auf dem kleinen Gipfelplateau wird es rasch eng. Nach Entschlackung der Futtertasche mache ich dann bereitwillig Platz für die Nachzügler.
Den Alpinisteig, Roghelsteig und Cenga Gabriella hatte ich mir im Zuge des Höhenwegs 5 ausgesucht. Der erste Teil des Alpinisteiges bis zur Elferscharte ist leichter zu gehen, als es aus Sicht der Zsigmondy scheint. Zwar immer schön ausgesetzt doch auf gut gangbarem Weg. Das dunkle Loch, dem Busento, betrachte ich dann auch nur als willkommende Abwechslung. An der Elferscharte wird es dann gleich schärfer. Steinschlag hallt durch den wenig erhellten großen Kessel. Tief ausgetretene Spuren im Altschnee führen zwangsläufig in Richtung Sentinellascharte. Einige Stellen quere ich dann auch mit viel Respekt vor der Tiefe. Der Steig ist nicht ganz unbelebt und gibt so der Einsamkeit keine Chance. Das düstere Wetter setzt in der Scharte noch einen drauf, indem es im scharfen Wind ein paar Schneeflocken aufwirbeln lässt. Und so richtig warm wird mir in der etwas schmucklosen Bertihütte auch nicht. Der umgebende Bergraum wirkt ernst.
Nebel am nächsten Morgen. Verflixt, wo ist nur der Anstieg zum Roghel-Steig? Doch dann klart es ein wenig auf und finde den Weg zur Einstiegsleiter. Mit dieser habe ich dann so meine Schwierigkeiten. Ein großer, schwerer Rucksack auf dem Rücken, eine Kameratasche vor dem Bauch und dann auch noch eine abdrängende Leiter? Irgendwie schaffe ich die 30 Meter dann doch, wenn auch mit vereinter Armkraft. Hochalpin geht es zwar weiter, doch in erträglichem Maße. Das dunkle Wetter lässt den Steig etwas bedrohlich erscheinen, und in der Stallatascharte kommt noch ein scharfer und kalter, stürmischer Wind hinzu. In der Südwand des Monte Giralba findet sich die Fortsetzung in Form des Gabriella-Steiges. Dünne, rostige und aufgesplissene Stahlseilchen lassen zunächst den Mut sinken, als der Steig über abdrängende Felsen seinen Lauf nimmt. Immer schön ausgesetzt geht es weiter. Und als das Dach der Carduccihütte sichtbar wird, mag ich bereits glauben, bald im Warmen zu sitzen. Weit gefehlt. Leider eine Täuschung. Vorher kommt noch ein strammer, ausgesetzter Abstieg sowie eine weitläufige, schneegefüllte Rinne, ehe dann wieder langsam an Hüttenaufstieg zu denken ist. Doch vorher hat bereits ein recht kühler Gewitterregen eingesetzt. Ein langer anstrengender Tag neigt sich in der Hütte bei ansteigender Wärme dem Ende. Der Sturm fegt den Himmel blank und alle Felsen leuchten im warmen Abendlicht. Der Hüttenwirt (zu der Zeit ein Südtiroler) widmet sich in selten erlebter Freundlichkeit seinen Gästen.

Anmerkung: Auch die Sextener Steige gehören durchweg der schärferen Art an. Doch irgendwie mögen sie mich wohl nicht so richtig. Meist wenn ich dort verweile hat das Wetter schlechte Laune.

 

Rosengarten/Schlern/Latemar

Der Schlern war Auftakt eines selbstgeplanten Höhenwegs über Rosengarten, Latemar, Lagorai und Palagruppe. Der Maximilian-Steig über die Rosszähne drängte sich so geradezu auf. Es sind die letzten Stunden des Juni, der Himmel wolkenlos und letzte Schneefelder auf dem Schlernplateau gleißen in der Sonne. Und die Sonne verspricht, den Tag heiß werden zu lassen. Der Gang über den Maximiliansteig ist ein Himmelstanz. Immer schön über den schmalen Gratrücken. Links grüßt die Seiseralm und dahinter die Geisler, von rechts grüßt der Rosengarten herüber. Nein, schwierig ist er nicht, nur etwas luftig, der Maximilian. Schon lange leuchtet das rote Dach der Tierser Alpl Hütte. Dort hin führt dann zum Schluß eine 200 Meter tiefe, etwas holprige Schlucht. Eine Maß löscht den Durst, und ein beginnendes Brennen signalisiert für die kommenden Tage einen leuchtenden Sonnenbrand. Der Kesselkogel lag am Weg und sollte am nächsten Tag bestiegen werden. Doch dann hatte ich keine Lust mehr darauf. (dabei blieb es bis heute)
An einem schönen Tag im Oktober stand der Santnerpaß-Steig dann endlich auf dem Programm. Die Nacht vorher war es recht knackig bezüglich der Minusgrade. Dafür war der Himmel nun knackig Blau. Meine Frau war mit; sie sollte auch mal in den Genuss des Extremwanderns kommen. Das Klettern hianauf auf dem Santner ist unterhaltsam, die Schwierigkeiten eher minimal und am Paß belohnt die großartige Sicht. Meine Frau war recht stolz als Debütantin. Der anschließende Weg wurde aber noch schöner: Vajolettürme, Vajoletthütte und über das Tschajerjoch zurück. Prächtig!
Der Klettersteig über Masarespitzen und Rotwand ist sicherlich kein Spitzenerlebnis, doch unterhaltsam in der Wegführung ist er allemal. Beim Einstieg unweit der Rotwandhütte hat man genügend Beobachter. So versucht man auch möglichst elegant über die Einstiegsseile zu kommen. Mal links mal rechts, mal hoch mal tief und mal mehr mal weniger ausgesetzt erreicht man bald das etwas luftige Ende. Die Fortsetzung ist der Weg hinauf zur Rotwandspitze. Der Ostanstieg ist recht einfach. Hinunter zur westlichen Aufstiegsscharte verunziert ein durchgehendes Drahtseil unnötigerweise den Berg. Was das soll, weiß ich nicht. Auf jeden Fall nehme ich die Beine in die Hand, als plötzlich ein Gewitter andröhnt. Nur weg vom Eisen.
Den Scaletteweg sollte man nicht als Klettersteig bezeichnen wollen. Es sind lediglich ein paar Sicherungsseile an den wenigen etwas ausgesetzten Stellen angebracht. Nichtsdestotrotz sollte der Weg gemacht werden. Leitet er doch hinauf zu einem wunderschönen Flecken des Rosengartens. Würden hier die Gärten König Laurins angelegt sein, wäre zu dessen Wahl zu gratulieren. Im weitläufigen Gelände der Larsecgruppe fühle ich mich ungemein wohl, inmitten einer friedlichen Stille, an einem wundervollen Septembersonntag.

Der Laurenzi-Steig war derzeit eher noch ein Geheimtipp. Deshalb reizte er mich schon, weil hochgelobt, kennen zu lernen. Vom Fassatal ausgehend stieg ich über einen einsamen Weg, der mich Richtung Antermoiahütte bringen sollte an. In den östlichen Larsecabstürzen hatte tags zuvor ein riesiger Wandausbruch stattgefunden. Doch in Unkenntnis dessen war ich nun in seiner direkten Falllinie geraten. Immer wieder donnerten mit unheimlichem Getöse, verbunden mit riesigen Staublawinen, Massen von Felsbrocken aus der Wand. Es gab nur einen Weg und der führte mitten durch das Gewusel aus Felsbrocken. Ich spurtete während einer Ausbruchspause durch das 200 Meter breite Chaos. Und ich schaffte es - ehe es dahinter schon wieder kräftig donnerte. Der Krach der Ausbrüche war auch während der Nacht in der Antermoiahütte weiter zu hören.
Doch nun der Einstieg in den Laurenzisteig über den Molignon. Das heißt zunächst: nimm alle Kraft zusammen die du hast und hangele dich, fast trittlos, an einem Steilaufschwung hoch. Nachdem hier die erste Auslese getroffen wird, läuft es sich danach aber schon wieder besser. Ich bin alleine hier droben und die Sonne meint es wieder gut. Aussichtsreich geht es weiter bis zum schärferen Teil des Steiges. Nun heißt es, mal links mal rechts das Gleichgewicht und auch die Seele ausloten lassen. Die Almwiesen im tiefen Grund leuchten im schönsten Sommergrün und geben dem Steig so ein entspannendes Ambiente. Teils hat der Weg etwas vom Charakter des "Olivieri" an der Punta Anna über Cortina. (dazu später mehr). Es wird nicht langweilig. Immer wieder ist die Lust zum Schauen da. Solche Wege mag ich und nicht jene, die ein stures Klettern erfordern. Später, in der Tierser Alpl Hütte, bin ich schon recht zufrieden mit dem, was der zurückliegende Morgen an kleinem Glück auf dem Laurenzi-Steig hinterlassen hat.
Zu erwähnen sei aber noch der Campanili del Latemar. Um dieses nicht sehr stark frequentierte Gebirge kennen zu lernen, erschließt man es sich durch eine Rundtour über die weite Fläche der Latemar-Hochebene. Aus welcher Richtung man den Steig beginnt, spielt keine Rolle. Er ist eher wenig schwierig. Und wo es etwas luftig wird, ist er gut gesichert. So steige ich durch die Felsen, die sich unten aus dem Sichtfenster der Touristen-Busse ach so malerisch im Karersee spiegeln. Am Ende, im Biv. Rigatti, mache ich es mir dann zwangsläufig einige Stunden unter Decken bequem, weil das Gewitter, das derweil hereingebrochen ist sehr ausgiebig seine Kraft austobt. So wird aus dem Tag noch ein recht ausgefüllter.

 

Die Sellatürme glühen kurz vor Tagesende noch einaml auf.
Am linken Rand zieht der Pößnecker Klettersteig hoch.

 

Sella/Plattkofel-Steige

Der sanfte Bruder des Langkofels ist der Plattkofel. Allerdings hat er auch eine raue Seite, und dort hinein hat man den Oskar Schuster-Steig gebaut. Ich quere die weite Arena des Langkofelmassivs, dessen Inneres sich mit einer fast heiligen Stille umgibt. Vor dem Einstieg ein Altschneefeld, wo sich eine kleine italienische Gruppe recht lautstark über die Möglichkeiten des Aufstieges auslässt. Dessen ungeachtet komme ich recht gut voran. Der Steig bietet recht kurzweilige Abwechslung und ist weitgehend Naturbelassen. Hier und da schon mal recht luftig, doch nirgendwo braucht man zu resignieren. Das Gipfelkreuz teile ich dann mit der zahlreichen Schar derer, die über die sanfte Seite hoch kommen. Die Seiseralm liegt in voller Größe und Pracht zu meinen Füßen.
Der Pößnecker Steig, unweit des Sellajochs, ist bereits uralt. Doch hier wird das Alter noch geehrt, denn wie sonst ließe sich der rege Besuch erklären. Es ist Sonntagmorgen, bin spät aufgestanden, und nun bereits 9.00 Uhr - und überlege noch. Gestern am Abend war ich in den Dolomiten angekommen und hatte schon so einige Touren im Kopf, die ich unbedingt machen wollte. Während ich noch unschlüssig die umgebenden Wände anschaue, füllt sich das Sellajoch mit beängstigender Schnelle. Dann gebe ich mir einen Ruck und strebe dorthin, wo so viele hinwollen. Es knubbelt sich bereits am Einstieg. Schreie, Juchzer und wilde Flüche begrüßen die Hinzukommenden. Da wird überholt, man verfängt sich in den Selbstsicherungen und einige Karabiner wissen selbst nicht mehr, wo sie hingehören. Warum nur am späteren Sonntagmorgen hier rein, stelle ich mir die Frage? Manche lassen einem mit freundlicher Mine den Überholvorgang vollenden. Andere verteidigen mit verbissener Willkür ihr Territorium. Doch irgendwann schaffe ich es doch, in der etwa 50-köpfigen Schar unter den ersten 10 zu sein. Mit lustig ist es nun auch aus - der Pößnecker zeigt seine scharfe Seite. Ich strebe von Stahlseil zu Stahlseil höher, und irgendwann steht man plötzlich sehr, sehr luftig in der freien Wand. Ich weiß nicht wie - der falsche Fuß war wohl schuld - habe ich das Gefühl, zu kippen. Das war mir bisher noch nicht passiert. Sofort schießen die Gedanken durch den Kopf: wird mich die Eigensicherung halten…? Nun, um diesen Test kam ich herum, weil im letzten Moment der Körper den Schwerpunkt wieder ausloten konnte. Da pocht es schon gewaltig in der Brust. Alle Schwierigkeiten wurden gemeistert bis zum ersten Plateau. Dort schien die Sonne dann mit der Stimmung erhellender Intensität. Der weitere Weg wurde dann eher beschaulich. Ohne große Probleme wandere ich den Steig zu Ende.
Welch ein Erlebnis dann auf der gegenüberliegenden Seite, beim Pisciadu-Steig. Er wird vielleicht noch mehr bestiegen, als sein altehrwürdiger Bruder. Am Vorabend ergoss sich ein Riesengewitter über die Sella; doch nun am frühen Morgen bietet sich ein Traumbild dem früherwachenden Bergsteiger. Corvara liegt versteckt unter einem Nebelmeer. Darüber nimmt die Sonne ihren Lauf, beginnend mit rosarotem Geblende. Raureif auf den Wiesen, Eiszapfen an den Felsen, der Himmel klar. Mit klammen Fingern hinauf über die Klammerreihe des ersten Aufschwungs. Dann die Wanderung zum Wasserfall. Dort Einstieg in den kalten Fels. Es ist erst kurz nach 7.00 Uhr früh, und was Wunder, ich bin absolut alleine auf diesem Klettersteig. Luftig die Wegführung, wärmend die Morgensonne. Doch immer bleibt ausreichende Muße zum Schauen und Fotografieren. Der Motive gibt es genügend, als die Sonne nun den Nebel nach und nach zwischen dem dunklem Nadelgehölz auflöst und ergreifend schöne Naturzenarien darbietet. Noch mal volle Konzentration am letzten und schwierigsten Stück, dem Externturm. Die Hängebrücke glitzert mit Eisdiamanten besetzt und führt endgültig hinaus in die Sonnenlandschaft des Sellaplateaus. Eine himmlische Ruhe umgibt den Eissee. Einzig in der leeren Pisciaduhütte werkelt der Wirt in Erwartung der kommenden Unruhe. Diese erscheint bereits auf dem Plan, dort zu Beginn der Sicherungsseile des Normalweges aus dem Val Setus. Die Horde der Aufsteigenden wird immer größer und an einem geregelten Abstieg ist nicht zu denken. Ich versuche auszuweichen, gehe etwas abseits der glattpolierten Aufstiegsfelsen. Doch wie sagt Volkes Mund: die meisten Unfälle passieren beim Abstieg. Eine kleingriffige 4-Meter Abstufung wird mir dann zum schmerzenden Andenken. Ich rutsche ab - Aufschlag genau auf den Teil, den man Steiß nennt. Nun wusste ich was Höllenqualen sind. Und diese musste ich noch gut 900 km aushalten, denn der Heimweg war geplant, nur eben nicht unter diesen Umständen. Es dauerte Wochen, bis die hinteren Verfärbungen wieder natürlich aussahen.

Anmerkung: Die Sella bietet vielerlei Abwechslung, die Klettersteige gehören einfach dazu; zwar eher recht schwierig, doch auch schön abenteuerlich.

 


Im Reich der Tofane und im Fanesgebiet

Lange hatte ich mich nicht so recht rangetraut, hatte die Tofane auf Höhenwegen und von den Passstraßen aus bewundert. Doch nun schien mir die Zeit reif. Als Auftakt hierzu und quasi als Eingehroute hatte ich mir einen eher unscheinbaren Berg ausgesucht, der in der Wucht der Tofane fast untergeht. Col Rosa ist sein Name und der Steig zu dessen höchste Spitze heißt Ferrata Bovero. Nur zu, sage ich mir, der Urlaub hat gerade erst begonnen und der Kräfte sind noch genug vorhanden. Und es geht steil an. Luftig wird es, manchmal sogar sehr luftig, doch die Sicherungen schaffen Vertrauen. Flache Stellen zum Ausruhen sind eher rar, dafür ist der Steig nicht sehr lang. Ein letzter Aufschwung noch und ich stehe am Gipfelkreuz. Kurzer Schwatz mit einem Italiener, der auf die Schnelle etwas für seine Gesundheit tun wolle, gibt er mir zu verstehen - und schon entschwand er über den Steig wieder nach unten. Ich war wieder alleine mit meinen Gedanken, träumte etwas vor mich hin in der warmen Sonne, die den Fels erwärmte. Beim Abstieg auf dem Normalweg war keine Menschenseele auszumachen. So genoss ich die Natur an diesem abgeschiedenen Ort in vollen Zügen.

Tofana di Rozes heißt die mächtige Felsbastion, die sich so grandios über der Falzarego-Passstraße erhebt. Ein Rudel Gämsen kreuzt den Weg, als ich kurz nach Sonnenaufgang Richtung Einstiegsloch strebe. Ja der Lipella-Steig beginnt mit äußerster Dunkelheit. 500 Meter ist der ehemalige Kriegstollen lang. Und schaurig hallen die einzigen Schritte, nämlich meine, von den Wandungen wider. So gelange ich zum schattigen Teil der Tofana di Rozzes. Eis steht auf den Pfützen vom Gewitterregen der letzten Nacht. Kraft kostet es, den steilen Fels bis zur jeweils nächsten Stufung zu überwinden. Ausruhen gilt nicht, ich möchte zur Sonne. Doch das dauert. Als ich dann den Gipfelaufbau erreiche und die Hände nicht mehr zum Steigen benötigt werden, atme ich erst mal kräftig durch und finde nun endlich die Muße, das prächtige Panorama zu genießen. Der letzte Aufschwung ist noch gut von Schnee bedeckt und suche so etwas mühsam nach einer Spur durch den schotterigen Fels zum Gipfel. Das Gipfelglück halte ich kurz. Ein kalter Wind treibt Wolken vor die Sonne. Adieu Tofana.
Schwatzende italienische Geselligkeit dann später auf der Giussanihütte. Von dort ist bereits die Punta Anna gut einzusehen. Dorthin zieht der Olivieri-Steig empor.
Nun am folgenden Morgen befinde ich mich bereits im Anstieg dorthin. Knackig wäre die treffende Bezeichnung für das Steigen über die sehr luftigen Grate. Stramme Stahlseile geben mir aber das nötige Vertrauen, nicht zu zweifeln. Ausruhen gilt hier auch nicht, denn ich weiß um die Länge des Gesamtweges. Bin ich auch richtig, stehe ich fragend an einer Stelle, wo der Steig scheinbar in die freie Luft hinausführt. Niemand unterwegs, der mir diese Frage beantworten könnte. Etwas tiefer bemerke ich ein Stahlseil. Und als ich vorsichtig um die Kante lauere, finde ich mich bestätigt, dass ich die schaurigste Stelle des Klettersteiges erreicht habe. Blutleer greifen bzw. umklammern meine Finger das Sicherungsseil. Das Atmen vergesse ich beinahe beim Übersteigen dieses Querganges. Danach fühle ich mich leicht - sehr, sehr leicht. Was soll jetzt noch Schlimmes kommen und gebe mir selber den Befehl, umgehend weiter zu Steigen. Im dunkelsten Winkel der Tofana di Mezzo nun steil weiter über den altschneebedeckten Gipfelaufbau. Dabei gilt es so manches verrostete Schneegatter zu überwinden, die man zum Schutz vor Lawinen nicht gerade umweltschön hier anlegte. Eine Stufe folgt der nächsten, und endlich stehe ich auf dem Gipfel. 3243 Meter, so die amtliche Höhenangabe. Nur wenige Gäste gaffen aus dem im Nebel eingetauchten Gipfel. Nach der Mittagspause besteige ich die Seilbahn und werde sogar kostenlos bis zur Mittelstation abgefahren. Auf einem holperigen Felsweg erreiche ich irgendwann wieder die Dibonahütte.
Etwas versteckt hinter den Tofane recken sich die Fanistürme hoch in den blauen Himmel des fortgeschrittenen Septembers. Auf dessen südlichsten führt der Tomaselli-Steig. Als Paradesteig ist er ja gerne verschrien; und eben deshalb gehörte es zur Pflicht, ihn machen zu müssen. Viel Gedanken über den Aufstieg mache ich mir nicht, ist doch all mein Handeln auf die Schlüsselstelle am Beginn des Einstieges gerichtet. Nun - ich bin enttäuscht! Zwar sind die Tritte abgewetzt, und die Zehen krallen sich um etwas, was nicht vorhanden ist - doch die Passage ist kurz und nicht so sehr der Rede wert. Es folgt das übliche Übersteigen von Felsmasse, jedoch alles in gemäßigtem Rahmen. Doch dann stehe ich vor dem eigentlichen Turm. Und dann wird es nur noch schwierig. Dabei haben die Arme die meiste Arbeit zu verrichten. Nachlassen gilt nicht - scharf und sehr luftig stetig immer höher. In punkto Kraftanstrengung ist dieser möglicherweise mein schwierigster Steig gewesen. Wozu brauche ich hier eine Kamera? Zum Fotografieren und zum Genießen der Landschaft fehlt es hier wahrlich an allen Ecken und Kanten (der Ausgesetztheit wegen); obwohl die Umgebung reichliches zum Schauen anböte. Ein letztes Abdrücken der Füße am Fels, dann bin ich entlassen auf einem winzigen Plateau oberhalb aller Luftigkeit. Selbst der Abstieg wird zur Tortur. Auch dieser zeigt sich wenig gastfreundlich.

Anmerkung: wer sich auf diese Berge einlässt, muss wissen, dass es recht schwierig werden kann. Doch zum Schauen und Genießen in dieser großartigen Landschaft bleibt eigentlich immer noch Zeit und Muße. Den "Tomaselli" schließe ich aber davon aus. Er hat mir nicht gefallen. Wie schon mal gesagt, ich gehe nicht aus sportlichen Gründen in die Berge, sondern betrachte Klettersteige als abenteuerliche Einlage innerhalb von Wanderwegen.

 

Die Steige des Cristallo-Massivs

Jenseits über dem Boitefluß hinweg im Osten, erhebt sich ein nicht minder schönes Gebirge, das Cristallo-Massiv. Davor erstreckt sich noch der Pomagagnonzug. Der Westpfeiler trägt den Namen Punta Fiames. Dort hinauf geht es zum Beispiel über den M.-Strobel-Steig. Es ist noch allerfrühster Morgen, als ich über eine ehemalige Bahntrasse zum Einstieg strebe. Erst gestern hatte ich den Col Rosa als Einstieg in den Urlaub gewählt, heute sollte es dann schon etwas würziger werden. Auch hier am Strobel-Steig geht es recht senkrecht an. Viele Klammern, viele Seile, doch es macht Spaß an diesem terrassenartigen Fels hoch zu steigen. Langweilig wird es nicht und übermäßig schwierig auch nicht. Das Schwitzen hält sich im Rahmen dessen, was eine schattige Wand so abverlangt. So luge ich auch schon recht bald über den Rand des Gipfelaufbaus. Fast gleichzeitig mit den Köpfen zweier Kletterer, die aus der südseitigen Wand hochgestiegen kommen. Auf einem kleinen Vorbau genieße ich nun mehrere Stunden lang die Sonne, die nach und nach Cortina ausleuchtet, welches in voller Ausdehnung zu meinen Füßen liegt. Zahlreiche Bergdohlen freuen sich auf den Inhalt meines Rucksacks.

Die Spitzen des Cristallo-Massivs leuchten aus dem Oktoberhimmel

 


Zu den Gipfeln des Cristallo führen mehrer Wege. Die einfachste Fahrt wäre jene mit der Seilbahn vom Süden aus. Ich habe es nicht eilig und nehme so den beschwerlichen Anstieg aus dem Norden. Vom Gasthof in Ospitale steige ich durch den zunächst noch dichten, dann aber immer sonniger werdenden Bergwald an, bis dann der eigentliche Klettersteig beginnt. Klettersteig ist dabei eigentlich zu viel gesagt, es ist ein ehemaliger Stellungsweg. Die Sicherungen sind durchweg in Ordnung und geben so das gewisse Gefühl an Sicherheit, welches man zur psychischen Balance braucht. Dieser Weg wirkt aber im Ganzen gesehen düster; und er belastet auch irgendwie. In Gedanken versuche ich nachzuvollziehen, wie es damals, fast zu Beginn des Jahrhunderts, hier zugegangen sein mag. Und eigentlich bin ich dann auch recht froh, aus den einsamen, dunklen Schluchten hinaus zum Licht steigen dürfen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die Einsamkeit geradezu anziehe. Auch hier, schon weit oberhalb des Klettersteiges, begegne ich erstmals 2
Wanderern. Dabei bleibt es dann auch bis zum Cristallo. Dort hingegen, wenn auch noch sehr weit weg, kann ich bereits das ameisenhafte Völkchen sehen, welches die berühmte Hängebrücke quert. Es wird heiß, es wird strapaziös auf dem langen Anstiegsfeld. Später sogar sehr kräftezehrend durch Altschneefelder und Geröll. Es ist noch recht früh am Nachmittag, als ich die Lorenzihütte erreiche. Die Hüttenterrasse ist der einzige ebene Platz hier droben. Und was tun Italiener am liebsten auf ebenen Plätzen? Richtig, die Nase geradeaus in die Sonne halten. Irgendwie schaffe ich es dann doch noch, eine Lücke aufzuspüren. Und als die Seilbahn dann endlich die letzten Tagesgäste aufgeschaufelt hat, wird es sehr schön hier oben. Die wenig verbliebenen Gäste wollen hier übernachten. Eine fast feierliche Stille legt sich über diesen wunderbaren Ort.
Als die Sonne sich dann bereits weit im Westen befindet, lege ich meine Selbstsicherung an und steige über den Bianchi-Steig Richtung Mittelgipfel. Der Fels leuchtet in vielen satten Rot- und braunschattierungen. Und fast vergesse ich vor lauter Schauen, dass der Steig auch seine Schwierigkeiten hat. Einige sehr luftige Stellen fordern schon die Konzentration. Eine letzte Mutprobe noch, dann liegt die Gipfelebene vor mir. Der Monte Popena leuchtet verschwenderisch in der Abendsonne. Und die vielen anderen Gipfel werden bereits von langen Schatten überzogen. Zwischen den Felsen bilden sich skurrile Figuren heraus, hervorgerufen durch die wechselnde Beleuchtung. So müssen wohl einst Sagen entstanden sein. Endlich löse ich mich und erreiche nun schon in der Dämmerung die Schutzhütte.
Am Morgen stehe ich schon früh auf der hölzernen Hüttenterrasse. Die beginnende Ausleuchtung der Berge ist schon recht betörend von diesem Hort der Stille. Doch nun befinde ich mich bereits auf dem Dibona-Steig. In einem langen Marsch wird mich dieser Weg wieder nach Ospitale zurückführen. Der Weg zur Hängebrücke über den Abgrund gehört mir nun bei Tagesbeginn noch ganz alleine. Alte Kommandostände des Gebirgskrieges säumen zunächst die schmalen Felswege. Im seltsam geformten, schräg aufgesteilten Fels wird es dann richtig interessant. Und irgendwie schafft der Steig es immer sich durch diese Formationen durchzuwurschteln. Fast möchte man vergessen, dass auch dieser Weg ein Klettersteig ist, mit teils luftigen Stellen. Es gibt einfach zu viel zum Schauen, die Natur ist großartig. Weitere Stellungen, die an ehemalige Kampfhandlungen erinnern, folgen. Der Frühe wegen bleibe ich auch auf dem weiteren Weg alleine. Erst viel später wird die Landschaft bescheidener in ihrer Ausstrahlung. Doch da bin ich bereits fast in Ospitale.

Anmerkung: Die Steige des Cristallogebietes sind nicht das Schärfste, was Klettersteige bieten können; eher etwas zum Schauen, zum Wohlfühlen und nicht zuletzt, zum Nachdenken.

 

Ausruhen an den ehemaligen Kommandoständen des 1. Weltkrieges an der Ferr. A. Dibona

 


Civetta/Moiazza-Gruppe

 

Es ist noch fast dunkel, als ich vom Parkplatz unterhalb der Coldaihütte Richtung Civetta ansteige. Über dem Monte Pelmo putzt sich der Himmel in den schönsten Farben heraus. Bald wird die Sonne erscheinen. Den frühen Zeitpunkt habe ich gewählt, weil der Allghesi-Steig recht beliebt sein soll. Tatsächlich vernehme ich aus der Coldaihütte allgemeine Aufbruchstimmung. Zum Einstieg ist es noch ein gutes Stück zu marschieren. Im Steilfels des ersten Aufschwungs, zwischen Klammern und Stiften hängend, eine 3-köpfige italienische Gruppe. Lautstark fachsimpeln sie darüber, wie sie es wohl am besten angehen, dieses schwierige Stück zu überwinden - so glaube ich die Situation zu verstehen. Und das dauert. Weitere Aspiranten erscheinen auf der Fläche und sind in Erwartung darauf, einsteigen zu dürfen. Es hilft alles nichts, der Kampf um die Klammern und Stifte beginnt. Also über Füße steigen, unter Selbstsicherungen hindurch, um dann endlich freien Anstieg zu erheischen. Der weitere Aufstieg verläuft ziemlich direkt und ist nicht so überaus sehr abwechslungsreich. Zwar ist der Weg recht stramm, doch als schwierig empfinde ich ihn nicht. Am Übergang zur Nordseite fällt der Blick erstmals in das Riesenbollwerk der Nordwand. Ich bin schon etwas ergriffen von der Mächtigkeit dieses Berges. An dieser vortrefflichen Aussichtsstellung mache ich dann ausgiebig Frühstückspause. Ich brauche nicht unbedingt erster Gipfelgast des Tages zu sein, das überlasse ich der nun nachfolgenden Gruppe. Im abwechslungsreichen Gipfelfels erreiche ich dann bald den Hauptgipfel auf 3220 Metern Höhe. Ein Klettersteig führt ja nicht alle Tage auf einen 3000er - und das will ich genießen. Der Blick ist frei auf alle großen Gestalten der Dolomiten. Der Himmel zieht sich nun etwas zu und denke deshalb bald an Aufbruch. Der Normalweg ist recht lang und strapaziös - auch im Abstieg. Teils ist er sogar ein wenig klettersteigartig angelegt. Später am Wandsockel wird das Wetter dann doch wieder angenehm und habe sodann genügend Muße, über einen großartigen Tag nachzudenken.

Den Moiazzabergen dort im Süden der Civetta wird immer wieder nachgesagt, dass sie eine Klettersteiganlage der besonders harten Sorte beheimate, nämlich die Ferrata Costantini! Es hat denn auch einige Jahre gedauert, ehe ich meinte, nun wäre ich aber endlich reif dafür, dieses Wagnis einzugehen. Mittlerweile wusste ich aber auch, dass eine Berg-Gazette von der anderen abschreibt; und deshalb sollte man dem ganzen Rummel nicht so viel Wichtigkeit zukommen lassen. So stieg ich dann an einem eher diesigen Morgen vom Passo Duran kommend zum Rif. Carestiato an. Auf dem Vorplatz der Hütte machte sich soeben eine siebenköpfige italienische Gruppe steigbereit. Soll ich es wagen - als ich fragend in die nun etwas düster wirkende Moiazza hochschaue? Ich wage es! Schon bald hinter der Hütte dann die ersten Prüfungen. Sehr ausgesetzt im Quergang führt der Steig zur berühmtesten Stelle des gesamten Weges. Der Übergang jener Schlüsselstelle ist mittlerweile so glatt, dass ich glauben mag, die Falten des Felsens sind als Sorgenfalten in die Gesichter der Klettersteigaspiranten übergegangen. So schlimm wurde es dann aber doch nicht. Zunächst musste jedoch die Gruppe der Siebenköpfigen hinüber; und das dauerte. Alles wurde nämlich zusätzlich mit einer großen Videokamera genaustens dokumentiert. Dann war auch ich an der Reihe. Da der Felsen so glatt war hatte ich meine Füße mangels der wenigen Aufsetzpunkte fast schon auf Seilhöhe auf Gegendruck gesetzt. Elegant sah es vielleicht nicht aus - doch ich war hinüber. Die eigentlichen Schwierigkeiten folgten nach meinem Empfinden erst danach. Klammern leiten höher durch steilen Fels, wo ich mich so manchmal recht verwinde. Das war eigentlich meine persönliche Schlüsselstelle. Es folgt eine ebener Platz, wo man sich erstmals ausruhen darf. Das Wetter hat sich derweil noch mehr zugezogen und Nebel setzt ein. Im Glauben, das hinter mir ja noch die Gruppe der Siebenköpfigen kommt, setze ich den Weg fort. Recht stramm werde ich durch die Aufschwünge weitergeleitet. Sehen tue ich ohnehin nicht viel. Und da der Weg recht lang ist, gönne ich mir auch keine weiteren Pausen. Ab und an kann ich aber doch einen Blick auf die weite Fläche Richtung Civetta werfen. Fernsicht gibt immer Auftrieb. Der Höhepunkt folgt dann an der Cenga Angelini, dem "Engelsband". Das Wetter klart hier nun auf, und der Blick folgt dem Fels hinunter in die scheinbar unergründlichen Tiefen. Hier wünsche ich mir dann die Flügel eines Engels. Durch eine riesige Felseinbuchtung leitet der dürftig schmale Pfad horizontal hinaus in gangbares Gelände. Ein gutes Stück tiefer und weiter dann die Rast am Biv. Ghedini. Der Abstieg ist dann noch mal 800 Meter weiter runter. Sehr strapaziös alles, und die Kniegelenke freuen sich kein bisschen. Zur Hütte zurück noch ein längerer Querweg. Dann endlich freut sich ein großes Bier darauf, getrunken zu werden. Was mich irritiert: die Italiener sind schon da? Ich werde dann aufgeklärt, dass sie schon bald nach der Schlüsselstelle wieder umgekehrt sind. Also war ich doch die ganze Zeit alleine auf dem Costantini unterwegs.

Anmerkung: Da wegen des recht trüben Wetters eine Einschränkung in meiner objektiven Beurteilung liegt, kann ich auch nicht behaupten, dass der "Costantini" der Größte sei. Vielleicht ist er es ja doch! Irgendwann (vielleicht) - bei schönerem Wetter, werde ich ihn noch Mal besuchen. Und da es in der Civettagruppe noch zwei weitere Steige gibt, die recht interessant sein sollen, wäre schon ein guter Grund vorhanden, noch mal wiederzukommen.

 

Geschafft! Das Ende des Costantinisteiges ist da.
Nur noch der lange Abstieg liegt vor mir

 

Hier und dort habe ich noch ein paar Steige gemacht, die eigentlich so gar keine echten Klettersteige waren; oder es waren welche und habe nur den Versuch unternommen einzusteigen, um dann wieder abzubrechen. Spielt auch keine Rolle. Wichtig ist für mich nur der Weg. Wenn dieser in mir Harmonie schuf, war es stets der richtige Weg.

 


Für
meinen Sohn

T h o r s t e n

Thorsten London
* 19. Febr.1968
† 11. Sept.1995

 

E N D E


2003 © Günter London

 

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