Hde.geocities.com/sonntagsgedanken/008.htmlde.geocities.com/sonntagsgedanken/008.htmlelayedxJOKtext/htmlwb.HFri, 30 Apr 2004 18:21:51 GMT Mozilla/4.5 (compatible; HTTrack 3.0x; Windows 98)en, *J Gott hat keine Enkelkinder

Gott hat keine Enkelkinder


Und seine (Jesu) Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wußten's nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.
Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan ? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht ? Wißt ihr nicht, daß ich sein muß in dem, was meines Vaters ist ? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Wenn heute eine Person öffentlich von sich reden macht, stellt sich fast immer die Frage nach ihrem Werdegang. Jesus von Nazareth, auf dessen Wort hin sich Wasser zu Wein wandelt, was ist das eigentlich für ein Mensch ? Was sagt die Bibel von ihm ? Lediglich Lukas, ein griechischer Christ und wahrscheinlich Arzt, bringt etwas Licht in Jesu Werden und Wachsen.
Er schrieb die Geburtsgeschichte und auch die heutige Erzählung. Stellen wir uns doch einmal vor, aus Anlaß des Osterfestes gäbe es im Vatikan einen Tag der offenen Tür. Die Pilger könnten scharenweise alle offiziellen Räume besuchen. Da fällt es im allgemeinen Gedränge nicht auf, wenn ein findiger Zwölfjähriger durch eine Seitentür in die päpstlichen Arbeitsräume gelangt. Der Junge gerät mitten in eine Besprechung des Papstes mit Professoren und Kardinälen der Kirchenleitung. Eine Weile hört der Junge den Herren aufmerksam zu. Sie sind so sehr in ihre Unterredung vertieft, daß sie den Lauschenden gar nicht bemerken. Als sie ihn endlich entdecken, winkt der Papst ihn heran und fragt, was er hier wolle. Der Junge zögert keinen Augenblick und stellt nun den ehrwürdigen Herren eine Gewissensfrage nach der anderen. Sie müssen sich mächtig anstrengen, um den klugen Argumenten des Zwölfjährigen überhaupt gerecht werden zu können. Manche Fragen bleiben offen. Der Junge kennt sich in der biblischen Überlieferung bestens aus, hat offenbar darüber nachgedacht und stellt nun höchst eigenwillige Fragen zur Textauslegung. Dieser frische Wind in seinem Amtssitz tut dem alten Papst so gut, daß der Junge trotz Murren der Glaubenswächter auch an den darauffolgenden Tagen wiederkommen darf. Endlich, am dritten Tag, erscheinen die entsetzten Eltern, nehmen den verlorenen Sohn unter ihre Fittiche und treten eiligst die Heimreise an.
So ähnlich könnte man sich den Aufenthalt des zwölfjährigen Jesus vor 2000 Jahren im Jerusalemer Tempel vorstellen. Als die entsetzten Eltern ihren verzweifelt gesuchten Sohn im Kreis angesehener theologischer Lehrer endlich entdecken und ihm sein ungehöriges Verhalten vorhalten, äußert sich der Zwölfjährige höchst erstaunlich: "Wißt ihr nicht, daß ich sein muß in dem, was meines Vaters ist ?" Der Tempel, das Haus seines Vaters ? Bis heute wird im Judentum zwölf- bis dreizehnjährigen Jugendlichen die religiöse Mündigkeit feierlich zugesprochen, im Protestantismus ist es die Konfirmation. Von nun an sind die jungen Menschen selbst verantwortlich für die Einhaltung der religiösen Gebote, der Mitzwot. Obwohl Jesus sich seinen Eltern beugt und mit ihnen wieder nach Nazareth wandert, hat er sich mit dem eigenständigen Dialog im Tempel "in dem, was meines Vaters ist", als Kind (Sohn) Gottes erklärt. Einerseits relativiert er damit das Hausrecht aller, die im Tempel regieren, und andererseits deutet er damit sein ganz persönliches Gottesverhältnis an. Von nun an will er die volle Verantwortung für sein Leben als Jude tragen. Mit den Lehrern im Tempel sind dem Zwölfjährigen führende Vertreter des Pharisäismus begegnet, Lehrern, die darum bemüht sind, dem Volk überall im Land die religiösen Gesetze zu vermitteln und darum auch landesweit Schulen unterhalten, wo zumindest die Jungen lesen und schreiben lernen. Es ist anzunehmen, daß auch Jesus in Nazareth eine dieser Schulen besuchte. Vielleicht lassen sich diese Schulen mit den heute unterhaltenen Koranschulen vergleichen. Den mitunter heftigen Dialog mit Vertretern des Pharisäismus wird Jesus bis an sein Lebensende führen.
Es ist gut zu wissen, daß Jesus nicht als souveräner Sohn Gottes vom Himmel gefallen ist. Sein Werdegang unterscheidet sich gar nicht wesentlich von dem anderer Kinder und Jugendlicher seiner Zeit. Er wuchs in der liebevollen, frommen Atmosphäre einer antiken jüdischen Großfamilie auf und irgendwann wurde ihm bewusst, daß er Kind Gottes ist. In orthodoxen, d.h. gesetzestreuen, jüdischen Familien geht es auch heute noch recht ähnlich zu. Aber sieht es in einer frommen christlichen Großfamilie so viel anders aus ? Die religiösen Feste mögen sich unterscheiden, aber das liebevolle Geborgensein in gelebter biblischer Tradition schenkt den Heranwachsenden heute wie einst das charakterliche Rüstzeug, um sich irgendwann angemessen mit der Tradition auseinanderzusetzen, sofern es ihnen gestattet wird. Wie die zunächst verständnislosen Eltern Jesu müssen es auch heute Eltern und Gemeindeleiter immer wieder neu lernen, daß religionsmündig gewordene Heranwachsende in Glaubensfragen ihren eigenen Weg gehen wollen und müssen, denn "Gott hat keine Enkelkinder".





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