Hde.geocities.com/sonntagsgedanken/016.htmlde.geocities.com/sonntagsgedanken/016.htmlelayedxJ!OKtext/htmlw!b.HFri, 30 Apr 2004 18:21:51 GMT Mozilla/4.5 (compatible; HTTrack 3.0x; Windows 98)en, *J! Gottes Macht und Menschenmacht

Gottes Macht und Menschenmacht


Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden ! Und schlugen ihm ins Gesicht. Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, daß ich keine Schuld an ihm finde. Und Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch !
Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn ! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen ? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser. Da überantwortete er ihnen Jesus, daß er gekreuzigt würde.
Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben Jesus von Nazareth, der König der Juden (INRI). . Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, daß er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Seit Wochen wird inzwischen weltweit der Film "Passion" gezeigt. In unvorstellbar brutalen Szenen wird ein sadistisch gequälter Jesus dem Publikum vorgeführt.
Unter Christen wird über den Sinn dieser filmischen Darstellung der letzten zwölf Stunden im Leben Jesu ernsthaft gestritten. Letztlich wird jeder Zuschauer allein entscheiden müssen, was das Kunstwerk des Mel Gibson - so nennt es der Autor - ihm oder ihr bedeutet. Eine ganz andere Frage ist es, in wieweit diese Darstellung des Leidens Jesu dem Anliegen der biblischen Überlieferung gerecht wird. Bereits in den vier Evangelien weichen die Zeugnisse voneinander ab, je nachdem, an wen sich die Evangelisten richten. Es stimmt nachdenklich, daß das physische Leiden Jesu in keinem Fall besonders ausführlich erzählt wird - schließlich kannte man seinerzeit die römischen Foltermethoden. Ich konzentriere mich heute auf Jesu Begegnung mit dem römischen Statthalter Pilatus wie sie im Johannesevangelium bezeugt ist. Mit Pilatus steht der Bevollmächtigte des damaligen Weltherrschers, des römischen Kaisers Tiberius, dem Prediger aus Nazareth gegenüber. Zum Auftakt der Begegnung lässt Pilatus Jesus geißeln, d.h. er übergibt ihn römischen Soldaten zur äußerst schmerzhaften Auspeitschung. Dieser demütigenden Behandlung des Unschuldigen setzen die Soldaten buchstäblich die Krone auf: Sie krönen den Geschundenen mit einem Kranz aus Dornenzweigen und hüllen seinen gepeinigten Körper in einen "königlichen" Purpurmantel. In beißendem Hohn treiben sie mit diesem gemarterten Menschen ihren Spott "Gegrüßet seist du Judenkönig", bis Pilatus erscheint. Der Stellvertreter höchster irdischer Macht hat beim Anblick des Dornengekrönten nur noch verächtlichen Spott übrig: "Seht, welch ein Mensch !"
Erinnert uns Deutsche diese herablassende Geste nicht an jene Stellvertreter Hitlers, die beim Anblick gequälter Juden in den KZs sich demonstrativ mit der Reitgerte auf die Schenkel schlugen und die "Untermenschen" schmähten ?
Noch ist Pilatus im Zweifel, ob es zu einer Kreuzigung kommen soll. Aber schließlich muß er dem Drängen der einheimischen Führung nachgeben, sie hat die Massen hinter sich. Pilatus muß befürchten, daß es zu neuen Unruhen in dem ohnehin rebellischen Land kommt. Wie soll er das vor dem Kaiser verantworten ? Einmal schon hatte er das Volk in diesem Verfahren entscheiden lassen, und es hatte die Freigabe eines Verbrechers anstelle von Jesus gefordert. Jetzt geht es um Tod oder Leben ihres Königs. Noch immer zweifelnd wendet sich Pilatus an die Menge: "Seht, das ist euer König". Sie brüllen nur "Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!" Pilatus ist es letztlich egal, ob ein Jude mehr oder weniger gekreuzigt wird. Aber nun hat das Volk erneut entschieden und er kann sich seine Hände schließlich in Unschuld waschen . Als er am Ende die Aufschrift auf dem Kreuz in den drei Landessprachen anbringen lässt, dokumentiert er damit sein politisch kluges Handeln, und das soll jeder im Land lesen können. Er, Pilatus, Stellvertreter des Kaisers, hat dafür gesorgt, daß kein jüdischer König der römischen Weltmacht hätte gefährlich werden können. Trotz des "Volksentscheids" fühlt sich die jüdische Führung bei der Aufschrift "Jesus von Nazareth, der König der Juden", nicht wohl. Sie hätten es lieber, wenn es heißt, er habe gesagt, er sei der König der Juden. Ein feiner sprachlicher Unterschied, aber Hintergrund theologischer Differenzen zwischen Juden und Christen bis in die Gegenwart.
Während der Begegnung Jesu mit Pilatus hatte der Statthalter gefragt: "Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich loszugeben und Macht habe, dich zu kreuzigen?" Worauf Jesus erwidert: "Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre" (V.10/11)
In diesem kurzen Dialog offenbart sich mir der abgrundtiefe Gegensatz zwischen Jesus und Pilatus. Der vom lebendigen Gott Bevollmächtigte entmachtet durch sein Wort den kaiserlich bevollmächtigten irdischen Machthaber. Jesus lässt Pilatus zwar weiter agieren, dennoch weiß er, daß dessen ganze Machfülle dem Sohn Gottes letztlich nichts anhaben kann. Gottes Sohn wird nicht im Tode bleiben, er wird auferstehen. Und mit derselben Gewissheit begegnet die Christenheit seit 2000 Jahren Terror und Todesdrohung.
Brutalste Quälerei Jesu bis hin zur sadistischen Kreuzigung, wie El Gibson es in seinem Film vorführt, trifft nicht den Kern des Leidens Jesu. In der versuchten Ausschaltung des Sohnes Gottes durch seine Kreuzigung liegt die Erfüllung des irdischen Auftrags Jesu. Und dazu gab er im Gebet in Gethsemane noch vor seiner Verhaftung unter Schmerzen und Tränen sein Ja. "Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst".
Am Karfreitag erinnern sich erschütterte Christen in aller Welt des Leidens und Sterbens jenes Mannes, der in die Welt gekommen ist, um die Liebe und Barmherzigkeit seines Vaters im Himmel zu verwirklichen. Zugleich erinnern wir uns der unzähligen Menschen, die um der Wahrheit willen genauso ungerecht litten und umgebracht wurden. Wir beten für diejenigen, die heute leiden und getötet werden. Allen gilt die wunderbare Verheißung des Propheten Jesaja: "Aber deine Toten werden leben" (Jes. 26,l9)


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