Hde.geocities.com/sonntagsgedanken/018.htmlde.geocities.com/sonntagsgedanken/018.htmlelayedxJOKtext/htmlwb.HFri, 30 Apr 2004 18:21:51 GMT Mozilla/4.5 (compatible; HTTrack 3.0x; Windows 98)en, *J Gesucht und gefunden

Gesucht und gefunden


Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg war. . Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und sie sprachen zu ihr: Frau, was weinst du ? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du ? Wen suchst du ? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm : Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria ! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni! Das heißt: Meister ! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

In meiner Kindheit lag der Reiz des Osterfestes im lang ausgedehnten Suchen. Ich wusste dabei recht genau, wonach ich zu suchen hatte: Kleine, bunte Zuckereier oder die größeren Schokoladeneier in glitzernder Verpackung. Oft waren die Verstecke so raffiniert, dass es ohne mütterliche Nachhilfe nicht ging. Ein gefülltes Eimerchen mit den begehrten Süßigkeiten war dann der Höhepunkt des kindlichen Ostervergnügens.
In der oben zitierten Ostergeschichte des Evangelisten Johannes geht es auch ums Suchen. Maria aus Magdala, eine Frau, die Jesus besonders nahe gestanden haben muß, kehrt im Morgengrauen des ersten Wochentages nach der Kreuzigung zum Grab zurück und stellt entsetzt fest, dass es geöffnet worden ist. Der schwere Rollstein vor dem landesüblichen Felsengrab ist fortgeschoben worden, das bedeutet Leichenraub. Maria bricht in Tränen aus und wagt es kaum, in die leere Gruft hineinzuschauen. Als sie es endlich doch tut, erscheinen ihr zwei Engel und fragen nach dem Grund ihrer Tränen. In der Überzeugung, dass der Leichnam gestohlen worden ist, klagt sie ihr Leid Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Kaum hat sie ihre Klage vorgebracht, da erblickt sie eine menschliche Gestalt. Nun fragt sie der Mensch nach dem Grund ihrer Trauer. Blind vor Kummer hält sie den Fragenden für den Gärtner, der den Leichnam fortgeschafft haben könnte. Fest entschlossen, ihn wiederzuholen, bittet sie den Fremden: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. Kaum hat sie ihre Bitte geäußert, da nennt der Unbekannte sie bei ihrem Namen. Das geht ihr durch und durch, diese Stimme kennt sie nur zu gut. Augenblicklich erkennt sie ihren geliebten, auferstandenen Lehrer "Rabbuni !" Im vertrauten heimatlichen Dialekt grüßt sie ihn "Geliebter Meister ! ".
Die Suche nach dem toten Jesus hatte Maria aus Magdala für den Auferstandenen blind werden lassen. Erst der sehr persönliche Anruf hat ihr Augen und Ohren geöffnet für den geliebten Meister, für den Lebenden am Ort des Todes. Vielleicht war es auch diese Frau, die Jesus wenige Tage vor seiner Kreuzigung mit teurem Duftöl gesalbt hatte und dennoch war auch ihre Hoffnung auf seine Auferstehung am dritten Tag mit ihm begraben worden. Nun aber empfängt sie einen für Frauen in der Zeit einmaligen Auftrag: Der Auferstandene schickt sie zu den Jüngern, um ihnen das Wunder seiner Auferstehung zu bezeugen. Jesus spricht von seinen Brüdern und Gott, dem gemeinsamen Vater, der ihn erwartet. Maria hätte Jesus so gern festgehalten, doch es wird ihr verwehrt, und im Kreis der Jünger wird ihre Botschaft nicht geglaubt, denn das Zeugnis von Frauen wird nicht anerkannt. Maria Magdalena blieb für den Auferstandenen so lange blind, wie sie nach dem Leichnam Jesu suchte, und ihre Botschaft im Kreis der Jünger weckt keinen Glauben. Hat sich daran im Laufe von 2000 Jahren Wesentliches geändert ? Je gründlicher nach dem Schicksal des historischen Jesus geforscht wird, umso fragwürdiger wirken die Zeugnisse von seinen Erscheinungen als Auferstandener. Doch ohne die ursprünglichen Osterzeugnisse wären Geschichten aus dem irdischen Leben Jesu nie überliefert worden. Seinerzeit wurden viele Menschen gekreuzigt, aber nur einer ist von den Toten auferstanden. Solange sich die Menschheit nur mit dem Gekreuzigten beschäftigt, bleibt sie ebenso blind für den Auferstandenen wie Maria am geöffneten Grab. Jesus hat s i e gesucht und gerufen. So ist es bis heute, der Auferstandene sucht und ruft seine Brüder und Schwestern in aller Welt, um sie mit der frohen Botschaft von seiner Auferstehung zu beauftragen. Er ruft sie bei ihrem unverwechselbaren Namen. Anders gesagt: Im persönlichen Anruf wird die Kraft spürbar, die nicht nur Gottes Sohn, Jesus, neu geschaffen hat, sondern auch die Geschwister Jesu aus dem alten zu neuem Leben auferwecken will.
Meine kindliche Freude am Suchen und Finden der Ostereier war im Grunde doch schon ein kleiner Vorgeschmack auf das Suchen und Entdecken der tröstlichen Tatsache, dass Jesus von Nazareth aus dem Tod zum Leben erweckt worden ist. Und dieses österliche Erwachen ist an kein kalendarisches Datum gebunden, im Leben des Einzelnen kann es zu jeder Zeit geschehen.


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