Autor: Isa
Titel: If Tomorrow Never Comes
Spoiler: eigentlich alles up to Season 6
E-Mail: isa1013@gmx.net
Rating: PG-13
Keywords: Buffy/Giles, Character Death
Disclaimer: Gott, wenn die nur mir gehören würden. Was die beiden alles machen könnte... *schmutzige Gedanken hab*
Zusammenfassung: Giles will nach England zurückkehren. Kann Buffy ihn davon abbringen?

Autorenbemerkung: Großes Danke an Karin für die Beta! Ohne dich... nein, ich sag jetzt nicht, was ohne dich wäre, denn du weißt das ja sowieso, gell? ;)

Widmung: Da dies meine erste B/G-Story ist muss die rein aus Tradition jemandem gewidmet werden. Und mir fällt da eigentlich nur eine Person ein: Yasi! Ich weiß, Hasilein, du hältst nicht viel von dem Buffy/Giles- Pairing aber.. die Story ist für dich! *liebhab*

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Gewiss
ich werde traurig sein
wenn du gehst.

Es wird Stille sein.

Ich werde dich am Horizont
kleiner werden sehen
bis dich die untergehende Sonne
weggeleuchtet
und ohne die Nacht zu brauchen
wieder aufgeht.

Die Stille wird sich
mit Leben füllen
das wieder einmal anders ist
und ich werde dankbar sein
dass es dich gab

- "Stille" von Jörn Pfennig -

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If Tomorrow Never Comes


Prolog

Im Land ringsum erscholl das Lob des herrlichen Sängers Orpheus. Er war der Sohn des Königs von Thrakien und hatte von seiner Mutter Kalliope, der Muse der Dichtkunst, die Sangeskunst geerbt, mit der er alle Menschen entzückte. Apollo selbst schenkte ihm ein Saitenspiel, und wenn Orpheus seinen Gesang erhob, so konnte niemand der göttlichen Macht wiederstehen. Alles Getier der Natur, die Vögel wie die Fische, folgten ihm willig, ja auch die Bäume, selbst die gefühllosen Steine bewegte der unvergleichliche Sänger mit der Zaubergewalt seiner Stimme und seines Saitenspiels. Ohne Grenzen schien sein Glück, als er Eurydike, die schönste der Najaden, als Gattin heimführte. Und doch, wie kurz war dieses Glück, das ihnen vergönnt war! Als die holdselige Nymphe mit den Gespielinnen auf grüner Aue zum Tanze schritt, wurde sie von einer giftigen Natter gebissen. Eine winzige Wunde an der Ferse nur war es, doch sie brachte Eurydike den Tod. Fassungslos stand der Sänger an der Leiche der geliebten Gattin. Ein Leben ohne Eurydike, wie sollte er solchen Gedanken ertragen können? Da griff er zur Leier, schlug sie und ließ seinen namenlosen Schmerz zum Himmel dringen. Es war, als stünde die Natur still, seine Wehklagen nicht zu stören. Zahm und fügsam umdrängten die wilden Tiere des Waldes den klagenden Sänger und die Bäume hörten auf zu rauschen. Doch weder Klagen noch Bitten brachten die Tote zurück...

*~*~*~*~*~*~*

"Buffy, es gibt keinen anderen Weg..."
"Nein! Giles, nein! Es gibt immer einen anderen Weg!"
"Es ist schon alles arrangiert. Ich werde nach England zurück fliegen."
"Giles, Sie waren immer für mich da! Und jetzt, wo ich Sie am meisten brauche, wollen Sie mich verlassen?"
"Ich verlasse dich nicht, Buffy! Ich werde dich niemals verlassen! Es ist nur..."
"... so, dass Sie es einfach nicht mehr erwaten können, so schnell wie möglich weg zu kommen!"

Immer und immer wieder tauchen die selben Bruchstücke einer Konversation vor meinem inneren Auge auf, die ich vor scheinbar unzähligen Jahren mit ihr geführt habe. Immer wieder kann ich ihre Worte hören; wie sie mich anklagen, wie sie mich beschuldigen. Und immer wieder droht mein Herz unter der Last des Gesagten zu zerbrechen. Ich bezweifle, dass sie weiß, wie weh sie mir mit ihren Worten tun kann. Sie hat es in der Vergangenheit nicht gewusst und ich bin mir sicher, dass sie es auch jetzt nicht weiß. Nur ein Wort aus ihrem Mund kann mich dem Himmel hunderte von Metern näher bringen oder mich in einen bodenlosen Abgrund stürzen lassen. Noch nie in meinem Leben hatte ein Mensch solch eine Macht über mich. Doch sie besitzt sie. Ich weiß nicht, wie viele Male ich schon meine Brille von imaginären Schmutzpartikeln befreit habe- wie ich es in den vergangenen Jahren schon so oft getan habe. Ich weiß nicht, wie lange ich jetzt schon hier in meinem dunklen Appartement vor den noch dunkleren Kartons sitze. Es ist alles gepackt und meiner Abreise steht nichts mehr im Weg. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wann ich die Entscheidung, Sunnydale zu verlassen, getroffen habe. Aber ich weiß, dass es die einzig richtige ist. Buffy muss lernen, dass sie nicht wegen jeder Kleinigkeit zu mir gerannt kommen kann. Sie kann sich nicht darauf verlassen, dass ich immer da sein werde, um ihr zu helfen. Ich kann ihr dies nicht anders zeigen, als das ich nach England zurück kehre. Sie ist jetzt erwachsen. Sie hat ihr eigenes Leben und in eben diesem Leben ist einfach kein Platz mehr für mich. Buffy sieht dies noch nicht ein. Doch früher oder später wird sie mich vergessen haben. Sie wird mich zwar nicht ganz aus ihrer Erinnerung streichen- so hoffe ich- aber mehr auch nicht. Irgendwann, in einer ruhigen Stunde, wird sie vielleicht einmal an "alte Zeiten" zurückdenken und sich eventuell mit einem Lächeln an ihren Wächter erinnern. Vielleicht erinnert sie sich dann auch an die unzähligen Abenteuer, die wir gemeinsam bestanden haben und an all die Dämonen und Ungeheuer, die wir gemeinsam vernichtet haben.
Mein Blick wendet sich hin zum Fenster und ich kann das leise Klopfen der Regentropfen wahrnehmen. Scheinbar Tonnen schwere Tropfen prasseln auf den harten Untergrund. Sogar der Himmel scheint mit mir zu trauern. Ja, ich trauere um all das, was ich hier zurück lassen muss. Am schwersten aber fällt mir der Abschied von meiner Jägerin. Der Abschied von dem Menschen, den ich mehr liebe als alles andere auf der Welt. Gewiss, ich würde ihr dies niemals offen gestehen. Sie weiß zwar, dass ich alles für sie geben würde- sogar mein Leben. Doch von meiner tiefen und aufopferungsvollen Liebe weiß sie nichts. Und es ist vielleicht auch besser so. Immerhin weiß ich, dass sie niemals das Selbe für mich empfinden könnte und Gott weiß wie weh es mir tun würde, dies aus ihrem Mund zu hören. Ich kann mir nahezu ihren Gesichtsausdruck vorstellen. Ich kann mir vorstellen, wie sie mich abschätzig ansieht. Dennoch kann ich an meinen Gefühlen für sie nichts ändern. Schon vor langer Zeit habe ich dies aufgegeben. Als ich zum ersten Mal bemerkte, dass selbst die dunkelste Wolke in ihrer Gegenwart verschwindet, habe ich versucht meine Gefühle zu verdrängen. Ich wollte mir selbst nicht eingestehen, was ich für sie empfand. Die Unterdrückung aber war es, die mir noch schmerzlicher bewusst machte, wie ich für sie empfand- und immer noch für sie empfinde. Vielleicht ist es diese tiefe Verbindung zu ihr, die ihr eine eigenartige Macht über mich gibt. Immer wenn ich in ihre Augen sehe, könnte ich mich darin verlieren. Dieses Blau, welches an manchen Tagen dem Blau des Ozeans gleicht und an anderen Tagen dunkel wie die Nacht scheint, zieht mich immer wieder von Neuem in seinen Bann. Jedes mal von Neuem zieht es mich an sich, scheint nach mir zu rufen und mich zu bitten, mich in ihm zu verlieren. Doch ich gebe nicht nach. Wie könnte ich auch... Immer wenn ich ihre Stimme höre beginnt mein Herz unmerklich ein wenig schneller zu schlagen. Ein Außenstehender würde dies gar nicht bemerken. Mir allerdings scheint es, als würde mein Herz in jenen Momenten wie ein Hammer gegen meinen Brustkasten schlagen und somit drohen, diesen zu zerbrechen. Aber er hält der unbändigen Kraft stand.

Manchmal liege ich Nachts wach und frage mich, wie es wohl wäre, sie in meinen Armen zu halten. Natürlich haben wir uns schon oft umarmt oder einander Trost gespendet. Doch das war etwas anderes. Ich denke daran, wie es wohl wäre, sie aus keinem besonderen Grund zu halten. Ihre Nähe zu spüren, ohne das sie zuvor beinahe getötet wurde. Ihre Hände auf meinem Rücken zu wissen, ohne das einer von uns einen schrecklichen Verlust erlitten hat. Diese Erfahrung wird mir wohl für immer verwehrt bleiben. Dennoch bin ich dankbar dafür, dass sie in mein Leben getreten ist. Und ich bin dankbar dafür, dass sie nicht weiß, wie einsam ich ohne sie sein werde. Wie einsam mein Leben ohne meine Jägerin sein wird.

Trotzdem bleibt ein Gedanke weiterhin bestehen. Wenn sie doch nur wüsste...

Trotz der Geräusche der fallenden Wassertropfen umhüllt mich eine eigenartige Stille. Mit jedem Atemzug werde ich tiefer in eine Dunkelheit gezogen, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Zwar will ich den Kampf gegen diese nicht aufgeben, aber eigentlich weiß ich, dass ich ihn schon lange verloren habe. Und zwar in jenem Moment, in dem ich beschlossen habe, nach England zurück zu kehren.

Allein bei dem Gedanken daran wird mein Herz schwer. Ich fühle mich verloren. Fühle mich, als hätte ich den Himmel gesehen, welcher mir im nächsten Moment wieder entrissen wurde. All meine Träume, all meine Wünsche haben sich mit einem Mal ins Nichts aufgelöst und haben mich in einer kalten Welt zurück gelassen. So gerne ich früher an Träume glaubte, so scheine ich jetzt doch all meinen Glauben in meine Träume verloren zu haben. Es war ihnen nicht bestimmt zu existieren. Es war ihnen nicht bestimmt jemals Realität zu werden. Ihr Schicksal wurde schon vor langer Zeit besiegelt, doch ich wollte es nicht wahr haben. Immer und immer wieder klammerte ich mich an sie. Doch jetzt, da die Einsicht eingekehrt ist, bin ich gewillt dazu, sie sterben zu lassen.

So viele Seelen verlieren auf dem Pfad der Zeit ihren Weg. Ich habe stets gedacht, dass ich meine davor bewahren könnte. Ich habe gedacht, ich könnte meine Seele davor bewahren, einen Irrweg einzuschlagen. Es ist mir nicht gelungen. Genau so wenig wie es mir gelungen ist, auf meine Jägerin acht zu geben. Ich hätte schon viel früher erkennen müssen, dass ich ihr im Weg stehe. Was für ein Wächter bin ich, wenn ich das nicht erkenne? Jetzt, da ich es endlich eingesehen habe, ist es zu spät. Hätte ich mich früher von ihr distanziert, wäre uns beiden so viel Kummer erspart geblieben. Sie hätte mich vielleicht niemals als Freund angesehen und ihr wäre der Abschied leichter gefallen. Doch jetzt? Mit meinem Verhalten habe ich alles nur noch schlimmer gemacht. Die Bindung, die ich zu ihr aufgebaut habe, diese unsichtbare Verbundenheit,... Noch nie zuvor hab ich eine solche Bindung zu jemandem verspürt. Vielleicht ist so etwas zwischen Wächter und Jägerin ja normal. Oder es ist einfach nur dieses stille Verständnis welches mein Herz mit dem ihren verbindet.

Ich muss nach vorne sehen. Ich kann nicht den Rest meines Lebens alten Erinnerungen nachhängen. Oder kann ich doch? Wenn ich in meine Zukunft sehe, sehe ich nichts. Ich sehe weder Licht noch Schatten. Weder Tag noch Nacht. Alles was ich erkennen kann ist eine namenlose Einsamkeit.

Jeder Mensch muss in seinem Leben einer bestimmten Richtung folgen- einer Prophezeiung, einer Bestimmung. Vielleicht ist eben diese Einsamkeit ein weiterer Teil meiner Bestimmung. Es mag sein, dass all das, was in meinem Leben passiert ist, aus einem bestimmten Grund geschehen ist. Mein Verstand möchte dies gerne glauben. Mein Herz jedoch erzählt mir von etwas anderem. Es erzählt mir von ungenützten Augenblicken und von entschwundenen Chancen...

Ein leises Klopfen an der Tür lässt mich aufschrecken. Ich stehe auf, den Blick immer noch gesenkt, und gehe zur Tür. Langsam lege ich meine Hand an den Türknauf, atme noch einmal tief durch und setze ein gespieltes Lächeln auf. Ich versuche all die Gedanken an etwas zu verdrängen, das ich schon längst verloren glaube. Es soll nicht jeder sehen, wie schwer es mir fällt, Abschied zu nehmen. Aber wenigstens gibt es eine Person die glücklich darüber ist, dass ich zurück nach England fliege. Anya. Es würde mich eigentlich auch nicht wundern, wenn sie es wäre, die vor meiner Tür steht um mich zu fragen, ob ich denn jetzt wirklich endlich gehen würde. Das zuvor gespielte Lächeln wird zu einem von Herzen kommenden. Trotz ihrer sehr direkten Art werde ich sie vermissen.

Das Lächeln verschwindet als ich die Tür endlich öffne und in zwei mir wohl bekannte Augen sehe. "Buffy..." Es scheint, als würde mir jeden Moment der Atem stocken. Sie hätte ich als letztes hier erwatet. Ich war der Meinung, dass wir im Streit auseinander gegangen wären und das ich niemals mehr die Möglichkeit erhalten würde, sie vor meiner Abreise noch einmal zu sehen. Ich habe es nicht gewagt an ihrer Haustüre zu klopfen. Und jetzt.. Jetzt steht sie vor mir. Die nassen blonden Haare kleben an ihrer Haut ebenso wie ihre Kleidung. Der Regen hat dafür gesorgt, dass der dünne Stoff ihres Rockes beinahe durchsichtig ist. Ihre Arme hängen kraftlos an ihren Seiten, ihr Blick jedoch ist stark und unbeugsam.

"Ich will eine Erklärung, Giles." Buffys Stimme ist ruhig, lässt nichts von der Wut erahnen, die ich in ihren Augen sehe.

Nur für einen Augenblick breche ich den Blickkontakt nur um ihn im nächsten Moment wieder aufzunehmen. "Ich- Ich habe dir gesagt, warum..."

Ihr Blick verfinstert sich und ich kann hören, wie sie einen Schwall Luft in ihre Lungen saugt. "Verdammt noch mal!" Ihre Stimme droht beinahe zu brechen als sie all ihre Kraft in diese drei Worte setzt. "Warum? Warum, Giles? Warum jetzt? Weil Ihnen auf einmal klar geworden ist, dass es Ihnen in England besser gefällt?"

Gott, was tut sie mir an. Ich versuche all die Gefühle, die in diesem Moment in mir hochsteigen zu unterdrücken, sie zu bändigen. "Das stimmt nicht. Du weißt, dass das nicht wahr ist."

"Weiß ich das? Dann erklären Sie mir, warum Sie mich verlassen!" Noch immer schreit sie mich an, versucht mit ihrer Stimme das immer stärker werdende Getose des Regens zu übertönen. Selbst dieser scheint auf ihrer Seite zu stehen. Selbst der Regen scheint mit jedem Wort von ihr wütender zu werden.

"Buffy, du brauchst mich nicht mehr."

"Nein? Kann ich etwas ändern, wenn ich sage, dass ich Sie brauche, Giles?"

Ich schüttle meinen Kopf und blicke auf den Boden. Wenn ich nur noch einen Moment länger in ihre bittenden Augen sehe... Ich weiß genau, ich würde ihr diese Bitte nicht abschlagen können. Ich kann ihr niemals einen Bitte abschlagen. Und sie weiß es. Deswegen muss ich gehen. Ich habe keine andere Wahl.

Buffy tritt an mir vorbei in die Wohnung, verschränkt ihre Arme vor ihrer Brust. Sie bleibt nur wenige Schritte von der Tür entfernt stehen, dreht sich allerdings nicht zu mir um. Als sie erneut spricht ist ihre Stimme fast nicht mehr als ein Flüstern. "Ich weiß nicht, was ich ohne Sie machen soll..."

Ich lasse die schwere Tür ins Schloss fallen und versuche somit auf eine gewisse Art und Weise all den Schmerz und all die Trauer auszusperren. Als ich höre, wie sich die Tür mit einem leisen Klicken schließt, scheint mir dies sogar für einen kleinen Moment gelungen zu sein. Alles stürzt aber wieder auf mich ein als ich mich zu ihr umdrehe. Ihr Blick ruht wieder auf mir. All die Wut scheint aus ihr entwichen und ich kann nur noch Schmerz erkennen. Ich mache einen Schritt auf sie zu nur um zu sehen, wie sie einen von mir weg tut- eine Distanz zwischen uns bringt, die schon seit einiger Zeit zu existieren scheint. "Ich war da um dich auf das Leben einer Jägerin vorzubereiten, dir zu helfen, dich mit deinem Schicksal abzufinden. Ich war da wenn du mich gebraucht hast. Egal ob Tag oder Nacht. Und ich habe gesehen wie du vor meinen Augen zu einer jungen Frau herangewachsen bist. Aber jetzt ist es an der Zeit für mich zu gehen. Es ist an der Zeit für mich dich gehen zu lassen, damit du die Welt auf deinen eigenen Beinen erkunden kannst. Wenn ich bleibe stehe ich dir dabei nur im Weg. Ich hindere dich daran erwachsen zu werden..."

"Ich glaube das alles nicht!"

"Buff..." Sie lässt mich nicht ausreden. Ihre Stimme hat wieder den selben Tonfall wie zuvor angenommen.

"Nein! Wissen Sie was? Wissen Sie, was sie tun? Sie lassen mich nicht gehen... Sie lassen mich fallen wie ein altes Buch, dass Sie nicht mehr interessiert! Bin ich Ihnen denn wirklich nichts mehr wert?"

Instinktiv versuche ich sie zu erreichen, stoppe mich dann aber selbst in dieser Bewegung. "Buffy, du bedeutest mir mehr als alles andere auf der Welt und du weißt das!"

"Es sieht aber ganz und gar nicht so aus." Ihre anklagenden Augen ruhen für einen Moment auf dem Boden. Als sie wieder zu mir aufsieht spricht sie weiter. "Ich wäre gerne noch ein wenig Kind geblieben, wissen Sie? Aber in dem Moment, als ich erkannt habe, dass die ganze Welt sich auf mich verlässt, blieb mir nichts anderes übrig, als erwachsen zu werden..."

"Du musst den Rest des Weges alleine gehen, Buffy. Du musst."

Für einige Minuten herrscht Stille. Die Worte, welche aus meinem Mund kamen, hallen noch immer durch den Raum und nur die Geräusche des Regens bringen sie endlich zum verklingen. "Ich habe es zugelassen, dass meine Mutter gestorben ist. Aber ich werde es nicht zulassen, dass Sie mich auch noch verlassen."

"Ich verlasse dich nicht, Buffy. Ich bin nur einen Anruf weit entfernt."

"Doch, dass tun Sie. Sie verlassen mich! Genau wie all die anderen!"

"Es ist das einzige richtige! Buffy, versteh das doch bitte!" Langsam aber sicher scheint auch der letzte Wiederstand zu schwinden. Ich kann es nicht zulassen. Ich kann einfach nicht. Ich wende mich von ihr ab und gehe zurück zur Couch.

"Richtig... richtig..." Sie spricht das Wort so aus, als wäre es für sie nicht mehr von Bedeutung. "Warum muss alles immer nur richtig oder falsch sein?"

Ich kann ihr diese Frage nicht beantworten. Es gibt so viele Fragen, die ich ihr einfach nicht beantworten kann. Und doch gibt es so viele Antworten, die ich ihr nicht geben kann. Vielleicht sogar gar nicht geben will. Dennoch sind sie da.

"Was ist aus dem ‚halb richtig' oder ‚es könnte sein, dass es richtig ist- ich bin mir aber nicht sicher' geworden?"

Das ist meine Buffy. Nur sie vermag es, in solch einer Situation einen Witz zu machen. Oder war es gar keiner? Doch nach all den Jahren weiß ich, dass sie dies nur tut, um den Schmerz zu verdrängen. Sie versucht alles in eine andere Richtung zu wenden. Manchmal gelingt es ihr, manchmal nicht. Ich sehe auf und bemerke, dass sie vor mir steht. Ich lächle sie kurz an, hole tief Luft. "Weil es diese Welt nun mal so verlangt. Sie fragt nicht nach einem ‚Vielleicht' oder einem ‚Eventuell'. Für sie ist nur richtig und falsch von Bedeutung. Gut und Böse. Schwarz und Weiß."

Plump lässt sie sich neben mich auf die Couch fallen und ich kann förmlich hören, wie der durstige Stoff den Rest des Regens von ihrer Haut saugt. "Ich finde Grau eigentlich ganz okay. Ist zwar nicht die neue Frühlingsfarbe, aber... Es ist okay."

Für einen Augenblick scheint die Spannung aus dem Raum verschwunden zu sein. Leise lachend lasse ich mich zurückfallen und sie tut es mir gleich. Wie sehr habe ich solche Momente in den letzen Wochen vermisst. Diese Ausgeglichenheit, diese Ruhe, die ich in ihnen empfinde(n). Wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde so scheint die Welt um mich herum doch stehen zu bleiben.

"Ja", gebe ich zurück, und drehe meinen Kopf auf die Seite um sie ansehen zu können. "Trotzdem muss ich mich zwischen Schwarz oder Weiß entscheiden..."

Sie dreht ihren Kopf ebenfalls zur Seite. "Und Sie entscheiden sich für das böse Schwarz, huh?"

Gleichzeitig stimmen wir in lautes Gelächter ein. Als ich jedoch sehe, wie sich die kleinen Härchen auf ihren Armen aufstellen, springe ich auf. "Mein Gott, Buffy! Dir muss fürchterlich kalt sein."

Gespielt überlegt sie für einen Moment. "Naja. Eine Decke wäre vielleicht gar nicht so schlecht." Sie streicht sich eine wiederspänstige Haarsträhne aus dem Gesicht und grinst mich dann an.

"Natürlich. M- möchtest du vielleicht Tee?"

Buffy schüttelt den Kopf. Kein Tee also. Ich mache mich auf den Weg eine Decke zu holen als ich von ihrer Stimme plötzlich zurückgehalten werde. "Und es gibt keinen Weg Sie zu überzeugen, doch zu bleiben?"

Tausende von Antworten schießen mir durch den Kopf. Tausenden von Möglichkeiten. Doch ich wage es nicht, auch nur eine von ihnen auszusprechen. Sag mir, dass du mich liebst und ich bleibe bis ans Ende aller Tage... Im Grunde hören sich alle ungefähr so an. Aber ich weiß mit Sicherheit, dass sie mich niemals als Mann lieben wird. Als Vater, ja, denn ich war für sie immer eine Art Vaterfigur. Vielleicht hat sie mich in manchen Momenten auch als ihren Vater gesehen. Ich glaube, dies ist der Grund, warum ich es nicht wagen würde, ihr meine Liebe zu gestehen. Ich habe viel zuviel Angst davor, dass sie mich nicht mehr als das akzeptiert, was ich bin, sondern nur noch als einen alten, abartigen Kerl. Das ist das Leben. Niemals würde ein Fisch einen Fischer lieben können...

Als ich endlich eine blau karrierte Wolldecke finde kehre ich zu ihr zurück. Sie sieht so zerbrechlich aus, so verlorene. Ihre Arme sind um ihren Körper geschlungen um die Kälte, welche sie bereits zu durchdringen scheint, auszuschließen. Ihr Körper zittert leicht und so kann ich erkennen, dass sie den Kampf gegen die Kälte nun endgültig verloren hat. Ich schließe die Distanz zwischen uns, setze mich wieder neben Buffy auf die Couch und beginne ihr die Decke umzulegen. Als meine Hände auf ihren Schultern zu ruhen kommen sieht sie zu mir auf. So viele Fragen. So viele Fragen auf einmal. Und ich kann nichtmal eine von ihnen beantworten.

Plötzlich spüre ich, wie etwas warmes auf meiner Hand zu ruhen kommt. "Wer wird mir eine Decke bringen, wenn Sie nicht mehr da sind?" Ihre Stimme ist leise, beinahe nicht zu hören. Doch ich höre sie. Ich höre sie immer. Egal wie leise Buffy auch spricht, ich kann ihre Worte in meinem Herzen wahrnehmen. Manchmal ist es wie ein Fluch. Ein Fluch, den ich nicht los werden kann. Aber manchmal ist es wie ein Segen. Wie etwas, das mein Herz zur Ruhe kommen lässt in einer Welt in der Ruhe etwas Seltenes ist.

Buffy rückt ein Stückchen näher an mich heran und ich kann die Kälte des Regens auf meiner eigenen Haut spüren. Instinktiv lege ich einen Arm um sie und im nächsten Moment bin ich überrascht darüber, dass sie diese Einladung dankend annimmt. In den vergangenen Jahren war es mir nicht oft vergönnt, sie so zu halten. Viel zu selten gab sie mir die Gelegenheit dazu. Besonders in der schweren Zeit mit Angel hätte ich sie so gerne gehalten. Ich hätte sie so gerne getröstet. Doch ich konnte nicht. Sie wollte stark sein. Sie wollte kämpfen. Und ich habe es akzeptiert. Genauso, wie ich immer alles akzeptiert habe. Genauso, wie ich immer all ihre Entscheidungen akzeptieren werde. Jetzt aber, in diesem kostbaren Augenblick, gestattet sie es mir, sie in meine Arme zu schließen. Und ich tue es. Sie lässt es zu, dass sie für einige Zeit nicht die Jägerin ist. Sie lässt es zu, dass sie für einige Zeit nur ein ganz normales Mädchen ist. Frau. Immer wieder scheine ich dies zu vergessen. Für mich ist Buffy immer noch das Mädchen, welches vor fünf Jahren in die Bibliothek gestürmt kam und mich mit großen Augen ansah, als ich ihr von Vampiren und Dämonen erzählte. Das ist sie allerdings schon lange nicht mehr. Sie ist nicht mehr das kleine Mädchen im Cheerleaderkostüm. Das Schicksal und die Mächte der Dunkelheit haben ihr all das genommen. Sie hat in den vergangen Jahren so viel erlebt. So viel schreckliches ist ihr wiederfahren. Ab und zu wünsche ich mir, ich hätte ihr dies auf irgend eine Art und Weise ersparen können. Ab und zu wünsche ich mir, ich hätte sie vor ihrer Bestimmung bewahren können.

Der kleine Körper schmiegt sich näher an mich und mein Herzschlag verdoppelt sich. Gott, ich weiß, wie falsch meine Gedanken sind. Ich weiß, wie falsch es ist so für jemanden zu empfinden, den man beschützen soll. Auf den man acht geben soll. Doch ich kann nicht anders. Ich ziehe sie näher an mich, bette mein Kinn auf ihrem Kopf. Schnell bereue ich diesen Schritt als ich ihren Warmen Atem auf meiner Haut spüre. Wie kleinen Nadeln dringt er in jeden Zentimeter meiner Haut vor. Als ich meine Augen schließe spüre ich, wie sie sich aus meinen Armen löst. "Tee wäre vielleicht doch nicht so schlecht..."

Ich räuspere mich. "Natürlich." Sie zieht die Decke an sich und sieht auf den Boden. Sie erscheint mir plötzlich ängstlich und scheu. Schnell stehe ich auf und renne nahezu in Richtung der kleinen Küche.

Was habe ich mir nur dabei gedacht? Es war zwar nur eine simple Umarmung, doch tief in sich verborgen hatte sie eine tiefere Bedeutung. Ich befürchte fast, Buffy hat diese erkannt. Und sie hat sie erschreckt.

Während ich weiter meinen Gedanken nachhänge, greifen meine Hände nahezu automatisch nach den Utensilien die ich für den Tee brauche. Diesmal scheinen die Vorbereitungen aber länger zu dauern als jemals zuvor, denn zu viele Gedanken halten mich von den eigentlichen Handlungen ab. Endlich aber steht der Kessel mit dem Wasser auf den Herd und ich lasse meinen Körper kraftlos gegen die Wand fallen. Ich nehme meine Brille ab, putze deren Gläser und lasse eine Hand kurz über meine geschlossenen Augenlieder streichen.

"Giles?"

Buffys Stimme scheint so nah, doch ich öffne meine Augen nicht gleich. Nein. Viel zu gedankenverloren bin ich in diesem Augenblick. Als ich schließlich wieder all meine Gefühle und Emotionen unter Kontrolle zu haben scheine öffne ich die Augen wieder. Alles um mich herum hat seltsame Formen angenommen. Erst als ich meine Brille wieder zurück an ihren angestammten Platz bringe, kann ich eine Form ganz genau erkennen. Buffy. Sie steht vor mir und sieht fragend zu mir auf. Sie hält die Decke mit beiden Händen fest umklammert und verhindert so, dass sie zu Boden fällt. Meine Lungen verlangen nach einem tiefen Atemzug und ich gebe ihrem Verlangen nach.

Eine ihrer Hände reicht zu mir nach oben, will meine Wange berühren. Doch noch bevor sie ihr Ziel erreicht weiche ich einen Schritt zurück und versuche zu lächeln. "Zucker oder Milch?" Als ob ich die Antwort nicht schon längst wissen würde. Wie oft haben wir schon gemeinsam Tee getrunken? Und wie oft habe ich ihr schon die gleiche Frage gestellt. Und dennoch scheint mir diese wohl vertraute Frage jetzt die einzige Möglichkeit um die Situation zu entschärfen. All meine Sinne sind nur auf sie konzentriert und ich weiß nicht, was geschehen würde, würde ich ihre Berührung jetzt zulassen. Vielleicht würde alles in mir zusammenbrechen nur um dann von neuem wieder errichtet zu werden. Vielleicht würde mein Herz in tausend kleine Stücke zerspringen nur um dann von ihren liebevollen Händen wieder zusammengesetzt zu werden.

Ich schlucke, wage es nicht ihr in die Augen zu sehen. "Zucker", gibt sie mir als Antwort. Natürlich.

Ich nicke leicht und nach einer kleinen Unendlichkeit scheint mich das Pfeifen des Teekessels endlich zu retten. Ich nehme den silbernen Gegenstand von der Herdplatte und erst jetzt fällt mir auf, dass ich noch keine Tassen vorbereitet habe. Ich will in einem Schrank nach ihnen greifen doch etwas hält mich davon ab.

"Giles?"

Ich halte in meiner Bewegung inne und sehe auf sie hinab. "Ja?" Ich habe Angst, dass sie das Zittern in meiner Stimme gehört hat. Doch all meine Willenskraft reicht nicht mehr aus, um diese unter Kontrolle zu halten.

Sie atmet hörbar aus und sieht mich, nachdem sie für einen Augenblick auf den Boden gesehen hat, fragend an. "Glauben Sie eigentlich an die Liebe?"

"Bitte?" Ungläubig erwidere ich ihren Blick. Habe ich sie gerade richtig verstanden?

"Ich habe gefragt, ob Sie an die Liebe glauben..."

"Tust du es denn?", will ich von ihr wissen.

Sie zieht ihre Schultern nach oben. "Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob ich wirklich noch daran glauben sollte.. Nach allem, was passiert ist..."

"Du solltest niemals aufhören, an sie zu glauben, Buffy." Oh, welch Ratschlag. Dies mag zwar nicht das sinnvollste sein, was ich jemals in meinem Leben gesagt habe, aber immerhin ist es mir gelungen irgend etwas zu antworten.

Es sieht so als, als hätte sie mich gar nicht gehört, denn sie spricht weiter, als hätte sie niemals damit aufgehört. "Ich meine nur... Das mit Angel war... war... Ich weiß nicht, wie man beschreibt was wir hatten, ohne Ihren Wortschatz zu haben. Angel war meine erste große Liebe und ich will nicht bestreiten, dass ich ihn immer lieben werde. Irgendwie. Natürlich ohne das ganze mit dem... Sie wissen schon..." Sie beginnt zu stottern. "Wenn ich Parker überspringe, kommen wir zu Riley- der perfekte Schwiegersohn. Für einen Moment habe ich gedacht, ich würde ihn lieben. Zwar war mir immer klar, dass ich ihn niemals so sehr lieben würde, wie er mich... Aber ich habe niemals daran gedacht, dass mir irgendwann klar werden würde, dass ich ihn nicht wirklich liebe." Sie stoppt für einen Moment und ich überlege, ob ich darauf etwas antworten soll. Ob ich ihr sagen soll, wie gerne ich Angel damals... Nein, ich werde diese Gefühle nicht wieder die Oberhand gewinnen lassen. "Wenn ich genau darüber nachdenke... Jeder Mensch, den ich mit ‚Liebe' verbinde, verlässt mich irgendwann. Angel, Riley, Parker, meine Mutter... Sie."

Ich stocke einen Augenblick, mein Herzschlag setzt aus. Schnell aber wird mir klar, wie sie das gemeint hat. Es gibt nur eine sinnvolle Erklärung dafür. Sie liebt mich wie einen Vater. Natürlich... Ich sollte stolz darauf sein. Und ja, ich bin es irgendwie. Doch gerade jetzt erfüllt mich diese Gewissheit mit einer Traurigkeit die mir nur allzu gut bekannt ist. "Du weißt, dass ich immer für dich da sein werde. Auch wenn ich nicht hier in Sunnydale bin."

Ihre nächsten Worte überraschen mich. "Ich weiß. Aber du wirst nicht hier sein um mich in die Arme zu nehmen, wenn ich... von jemandem umarmt werden will. Und du wirst auch nicht hier sein wenn..."

"Wenn...?" Irgendetwas in mir schreit nach einer Antwort von ihr. Etwas anderes aber kennt diese schon längst.
Als mir mein Vater zum ersten Mal von einer Jägerin erzählte, erzählte er mir von ihrem Schicksal, von ihrer Bestimmung. Und ihre Bestimmung war es zu sterben. Für die Welt, für das Gute. Ich kam mit dieser Gewissheit nach Sunnydale. Doch mit jedem Tag, den ich an Buffys Seite verbrachte, wollte ich diese Gewissheit verdrängen. Ich wollte nicht wahr haben, dass ich sie irgendwann einmal gehen lassen müsste. Und ich kann es mir noch heute nicht vorstellen. Besonders jetzt, da ich sie nicht mehr jeden Tag sehen werde. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass ich eines Tages einen Anruf von Xander oder Willow erhalten werde und schon bevor sie etwas sagen werden weiß, worum es geht. Ich habe Angst vor diesem Tag. Ich hatte schon immer Angst vor ihm. Heute jedoch mehr als je zuvor. Vielleicht nur Einbildung.
Vielleicht kommen all diese Ängste nur jetzt in mir hoch, da ich weiß, dass ich gehen werde. Da ich weiß, dass mich nichts davon abhalten wird, nach England zurück zu kehren.

Plötzlich aber scheint all dies in Vergessenheit zu geraten. All meine Pläne werden bei Seite geschoben als ich erneut in ihre Augen blicke. Das Grau, welches mir nun entgegenblickt, ist voller Emotionen. Ihre Augen sind voller Kummer, zugleich aber auch voller Verlangen und... Liebe.

Ich schüttle meinen Kopf. Ich weigere mich daran zu glauben. Es kann nichts weiter sein als eine weitere Einbildung. Ich schließe meine Augen um das Bild, welches sich mir bietet, auszublenden; um meine Gedanken neu zu ordnen und Buffy mit klarem Kopf wieder entgegen blicken zu können.

Doch so weit kommt es nicht. Ich bekomme nicht die Gelegenheit dazu, meine Augen wieder zu öffnen, denn ehe ich dies tun kann, spüre ich etwas warmes auf meinen Lippen. Dies müsste eigentlich der Moment sein, in dem ich aufwache. Für den Bruchteil einer Sekunde warte ich darauf, mich in meinem Bett wieder zu finden- einen neuen Tag vorzufinden, der angebrochen ist. Vergeblich warte ich darauf.

Mit einem mal ist die Wärme verschwunden und bereits jetzt vermisse ich diese schmerzlich. Erst jetzt wage ich es, meine Augen wieder zu öffnen. Buffy sieht nicht zu mir auf sondern scheint einen Punkt in weiter Ferne zu fixieren. Ihre Haare beginnen langsam zu trocknen und sich zu kleinen Locken aufzuwinden. Dieser Anblick ist atemberaubend und ich kann an kein existierendes Wort denken, welches ihre Schönheit nur annähernd beschreiben könnte.

Rasch weicht sie einen Schritt von mir und ich meine so etwas ähnliches wie Angst in ihrer Bewegung zu erkennen. Aber immer noch bin ich so überwältig, dass ich es nicht vermag, auch nur ein einziges Wort zu formen. Ich sehe sie einfach nur an. Ihr Atem beschleunigt sich. Sie blickt auf den Boden und wieder zurück in mein Gesicht.

"Okay... Wow.. Uhm..." Sie unterbricht sich selbst und zieht die Decke, obwohl dies unmöglich erscheint, noch ein Stück näher an sich. Die Hände halten den Stoff fest umklammert. "Ich... Es tut mir leid."

Sie dreht sich um und es hat für mich den Anschein als wollte sie gehen. "Buffy!" Als ihr Name über meine Lippen kommt, bleibt sie ruckartig stehen und wendet sich wieder mir zu. Obwohl sie versucht den Tränen nicht die Oberhand zu überlassen kann ich doch erkennen, dass sie mit diesen Kämpft.

"Womit deine Reaktion bewiesen hätte, dass ich recht hatte. Go Buffy!" Ein gequältes Lächeln huscht über ihre Lippe und etwas in mir zerbricht bei dieser Geste.

"Mit was?" Noch während ich diese Worte spreche, mache ich einen Schritt in ihre Richtung.

"Damit das..." Sie atmet hörbar aus und beginnt von Neuem. "Nun, sagen wir mal es gäbe da so ein Mädchen. Und dieses Mädchen hat sich in einen Jungen verliebt. Einen viel älteren Jungen. Aber er ist nicht so alt wie ihr Ex- Ex -Ex... Freund. Und sie weiß nicht, ob er genauso für sie empfindet wie sie für ihn. Und... irgendwann entschließt sie sich dazu, es ihm zu sagen. Ihm zu sagen, dass sie ihn liebt und das er sie nicht verlassen darf und das sie nicht weiß, was sie ohne ihn machen soll und... jetzt hab ich den Faden verloren."

Sie schließt ihre Augen, scheint darüber nachzudenken, wie sie diese Geschichte zu einem Ende bringen kann. Ich halte meinen Atem an. Ich kann soeben unmöglich gehört haben, was ich meine gehört zu haben. Denn es ist schier unmöglich, dass sie... Alleine die Möglichkeit das sie so etwas ähnliches wie Liebe für mich empfinden könnte macht es mir unmöglich einen klaren Gedanken zu fassen. All die Ordnung in meinem Kopf scheint in ein unübersichtliches Chaos verwandelt worden zu sein. Plötzlich finde ich mich wieder, wie ich einen weiteren Schritt auf sie zutue, den Abstand zwischen uns fast verschwinden lasse. Ich strecke eine Hand nach ihr aus, lege diese zart auf ihre Wange. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, welches mich gerade durchströmt. Bei dieser Berührung sieht sie mich an und nun sind die Tränen in ihren Augen deutlich zu erkennen.

"Und was wäre, wenn dieser... dieser Junge sich auch in das Mädchen verliebt hätte? Schon vor langer Zeit?" Mit meinem Daumen streiche ich zart über die weiche Haut ihrer Wange.

"Dann würde wohl plötzlich ein weißes Ross erscheinen und die beiden würden in den Sonnenuntergang reiten. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende..."

Gelächter erfüllt plötzlich den Raum. Ich weiß nicht warum, aber allein die Vorstellung veranlasst mich dazu zu lachen. Wie sich wohl ein weißes Pferd in meiner Küche machen würde?

Schnell kehrt allerdings wieder Ruhe ein als wir uns der Spannung, die sich in den vergangenen Minuten zwischen uns aufgebaut hat, bewusst werden. "Du weißt, dass ich dir die Sterne vom Himmel holen würde, wenn ich könnte..." Diese Worte sind kaum lauter als ein Flüstern. Aber dennoch versuche ich in sie all die Liebe zu legen welche ich für sie empfinde.

Ich weiß nicht wie, doch im nächsten Moment finde ich sie in meinen Armen wieder. Sie hat ihre Wange auf meinen Brustkorb gebettet und ihre kleinen Hände um mich geschlungen. Es scheint, als wolle sie mich nie mehr loslasse. Mir ergeht es allerdings nicht anders. Nach einer viel zu kurzen Zeit löst sie sich ein Stück von mir um mir in die Augen sehen zu können. Eine ihrer Hände wandert an die Stelle, an der mein Herz schlägt. "Und du weißt, dass ich dich liebe, oder?"

Ich weiß nicht mehr, wo ich mich befinde geschweige denn wie ich heiße. Alles um mich herum scheint verschwommen und ich konzentriere mich nur noch auf die kleine Gestalt vor mir. Es scheint auf einmal alles aufzuhören zu existieren. Ja selbst die Welt scheint stehen zu bleiben. Ich schlucke schwer, suche in ihren Augen nach einer Bestätigung für ihre Worte. Und ich finde sie. Langsam beuge ich mich zu ihr nach unten, suche nach der Wärme ihrer Lippen, die ich zuvor so zaghaft auf den meinen gespürt habe. Noch bevor ich diese endlich finde, vernehme ich noch einmal ihre Stimme. "Bitte geh nicht..."

Ich halte weniger Zentimeter vor ihren Lippen inne. "Bitte geh nicht...", wiederholt sie ihre zuvor gesagten Worte noch einmal.

"Wie könnte ich", entgegne ich ihr, als ich mit meinem Daumen die zarten Konturen ihre Lippen nachzeichne.

"Giles?"

"Mmmhm?"

Abermals kehrt Stille ein. Diesmal ist sie jedoch keineswegs beängstigend sondern mehr wie eine Wohltat. Und es ist auch nicht diese beunruhigende Stille welche ich zuvor empfand - denn sie wird durch das leise Knistern zwischen uns unterbrochen, welches von Sekund zu Sekunde lauter wird. Und doch wage ich es nicht, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen.

"Was wäre, wenn es kein Morgen mehr gebe? Wenn alles heute Nacht aufhören würde zu existieren?"

Verlangt sie nun eine Antwort von mir? Soll ich ihr sagen, dass es nicht so sein wird? Soll ich ihr sagen, dass dies nicht das Ende sondern ein neuer Anfang ist? Doch ich kann es nicht. Worte sind mir angesichts dieser Nähe fremd und ohne weiter über ihre Frage nachzudenken schließe ich die Distanz zwischen uns. Als sich unsere Lippen endlich berühren scheint der Himmel einzustürzen nur um im nächsten Augenblick wieder erbaut zu werden. Ich fühle mich endlich vollkommen. Ich habe endlich das gefunden, wo nach ich schon so lange scheinbar vergeblich gesucht habe. Ja, ich fühle mich sogar zum ersten Mal in meinem Leben wirklich glücklich. Und das nur durch einen Kuss von der Frau, für die ich alles geben würde nur um sie für einen Augenblick lieben zu können. Dieser Augenblick ist jetzt und ich werde alles daran setzen ihn für die Ewigkeit zu erhalten.

*~*~*~*~*~*~*

Wie aus einer unüberwindbaren Entfernung dringt das leise Grollen des Donners an mein Ohr. Der Sturm scheint sich endlich seinem Ende zu neigen und selbst die Regentropfen haben endlich Ruhe gefunden. Genau wie ich. Doch trotz dieser scheinbaren Ruhe ist alles in mir aufgewühlt. So viele neue Eindrücke, so viele neue Gefühle. Ich kann noch immer ihre Haut auf der meinen spüren. Noch immer ist meine Haut durch die Wärme ihrer Lippen in heller Aufruhe. Es wird wohl noch einige Zeit brauchen, bis ich mich an all das gewöhnt habe. Und es wird wohl auch noch einige Zeit dauern, bis ich mich an den Anblick gewöhnt habe, der sich mir nun bietet. Ich weiß nicht, wie lange ich jetzt schon wach liege nur um sie zu betrachten. Um mir jeden Millimeter ihrer Haut einzuprägen. Gerade so als ob ich nichts von alle dem jemals wieder zu Gesicht bekommen würde. Schlaf. Ich denke, dass ich diesen heute Nacht nicht mehr finden werde. Alleine der Gedanke daran, nun meine Augen schließen zu müssen, ist undenkbar.

Die weibliche Form ihres Körpers wird zur Hälfte von einer Decke verhüllt. Wenn ich nicht wüsste, dass sie real ist, würde ich denken, dass ich träume. Doch ich träume nicht. Und auch die vergangenen Stunden waren kein Traum. Dessen bin ich mir jetzt sicher. Erst vor einiger Zeit hat sie sich auf ihre Seite gerollt- sich aus meiner Umarmung befreit. Normalerweise würde ich diesen Verlust nicht so einfach hinnehmen. Dieses mal aber bin ich irgendwie dankbar dafür. So kann ich diese Gelegenheit nutzen und sie einfach nur ansehen. Ihr dabei zusehen, wie sie schläft. Ihr dabei zusehen, wie sich ihre Lippen von Zeit zu Zeit zu einem kleinen Lächeln verziehen. Jedes mal wenn ich meine Augen nur für den Bruchteil einer Sekunde schließe und sie dann wieder ansehe, meinen schlafenden Engel, entdecke ich etwas neues. Etwas Unbekanntes.

Meine Gedanken schweifen zurück. Zurück in die Vergangenheit. Verblichene Bilder werden immer farbkräftiger und plötzlich kann ich erkennen, was sie mir zeigen wollen. Sie erzählen mir von meinem ersten Treffen mit Buffy. Sie erzählen mit von all den Fehlern die ich begangen habe, von all den Erinnerungen. Obwohl ich meinen Vater früher dafür verachtete, dass er mich in die Rolle eines Wächter dränge, bin ich ihm jetzt dankbar. Ohne ihn währe es mir niemals vergönnt gewesen diese außergewöhnliche Frau kennen zu lernen. Es wäre mir nicht möglich gewesen ihr in schweren Zeit beizustehen, sie zu trösten. Und es wäre mir auch nicht möglich gewesen sie zu halten wie ich es vor wenigen Stunden getan habe. Ohne meinen Vater wäre sie niemals in mein Leben getreten. Gewiss, zu beginn hatte ich Mühe damit zu ihr durchzudringen. Wie wütend sie mich machen konnte, wenn sie mir nicht zuhörte. Wie schnell sie mich mit ihrem Humor zur Verzweiflung bringen konnte. Erst jetzt scheint mir so richtig bewusst zu werden, dass alles im Leben aus einem bestimmten Grund geschieht. Ich habe bis jetzt nie wirklich an das Schicksal geglaubt. Ich denke, diese Einstellung werde ich ändern müssen. Ich sollte dem dankbar sein, der für dieses.. Schicksal verantwortlich ist. Ich kann mir nicht vorstellen wie ein Leben ohne sie wäre. Ich kann mir nicht vorstellen wie mein Leben verlaufen währe, hätte ich Buffy Summers niemals getroffen. Eigentlich will ich mir dies auch gar nicht vorstellen. Denn ich bin glücklich mit dem was ich habe. Um genau zu sein bin ich der glücklichste Mann auf der Welt. Und das alles nur wegen ihr. Vielleicht ist ihr jetzt ja sogar bewusst, dass sie mein Leben ist.

Unruhig beginnt sich Buffy plötzlich hin und her zu drehen. Etwas scheint sie in ihrem Schlaf zu verfolgen. Hastig versuche ich die scheinbar immer größer werdende Entfernung zwischen uns zu verkleinern. Nach einer endlos langen Zeit gelingt mir dies endlich und ich kann sie wieder in meine Arme schließen- ihre kalte Haut mit meiner wärmen. "Shhh.. Es ist alles in Ordnung", versuche ich sie zu trösten. Als ob sie meine Worte gehört hat entspannt sich ihr Körper plötzlich wieder. Ihre Hände kommen auf meiner Brust zu ruhen und ich kann ihren warmen Atem auf meiner Haut spüren. Ihre Atemzüge werden immer gleichmäßiger und schließlich bin ich mir sicher, dass sie wieder eingeschlafen ist- dass sie wieder in ihren vorherigen Traum zurückgekehrt ist. Ein Seufzer der Erleichterung dringt aus meiner Kehle. Ich kann es nicht fassen wie viel Angst ich doch um sie habe. Selbst ein simpler Traum erschreckt mich. Ich sollte wissen, dass sie mit solchen Problemen auch alleine fertig werden könnte. Denn immerhin ist sie ja die Jägerin. Dennoch ist sie in diesem Moment nichts weiter als eine normale Frau. Eine sterbliche, schutzlose Frau.

Vorsichtig lasse ich mein Kinn auf ihrem Kopf zur Ruhe kommen. Der Duft ihres Haares steigt in meine Nase und ein Gefühl der absoluten Zufriedenheit kehrt zu mir zurück. Noch immer kann ich all das hier nicht fassen. Ich muss in meinem Leben doch irgendetwas richtig gemacht haben um solch eine Belohnung zu erhalten. Und ich bin nicht gewillt dazu diesen Preis jemals wieder her zu geben.

Ich will nicht schlafen, denn träumen wäre nur eine Zeitverschwendung. Und doch kann ich nicht mehr länger gegen das überwältigende Gefühl der Müdigkeit ankämpfen. Noch einmal nehme ich ihren Duft tief in mich auf, schlinge meine Arme noch etwas fester um ihren kleinen Körper. Viel zu schnell legt sich der Schleier des Schlafes über mich. Wie gerne wäre ich noch ein wenig wach geblieben. Wie gerne hätte ich noch einige Zeit damit verbracht sie anzusehen. Doch ich kann nicht. Mir immer noch ihrer Nähe bewusst gleite ich langsam in einen entspannenden und traumlosen Schlaf. Meine letzen Gedanken gelten ihr und bereits jetzt freue ich mich auf den Zeitpunkt, an dem ich am Morgen neben ihr aufwachen werde. Ich freue mich schon darauf am Morgen von der Sonne geweckt zu werden. Das Erste was ich sehen werde, wird sie sein. Ihr goldenes Haar, die Liebe in ihren Augen. Ein letztes Mal kann ich ein leises Donnern hören bevor ich meinen Kampf gegen den Schlaf endlich aufgebe.

*~*~*~*~*~*~*

Ich werde von einem Eigenartigen Gefühl geweckt. Noch nie zuvor habe ich so empfunden. Es ist beunruhigend, beängstigend und es verweigert mir noch ein paar weitere Minuten Schlaf. Langsam öffne ich meine Augen nur um von der selben Dunkelheit begrüßt zu werden, die mich in den Schlaf begleitet hat. Mein Blick wendet sich zur Seite und ich kann die roten Ziffern des Radioweckers deutlich erkennen. Halb vier. Erst jetzt fällt mir auf, wie leer sich meine Bett anfühlt. Gerade so, als wäre ich alleine... Ich drehe mich zu Buffy um, will sie wieder in meine Arme schließen. Doch sie ist nicht mehr da. Nur noch die zurückgeschlagene Decke erinnert daran, dass sie hier war. Für einen Moment stockt mein Atem. Sie bereut es. Sie bereut es überhaupt hergekommen zu sein. Wie konnte ich nur so naiv sein zu denke, dass sie mich wirklich liebt?

Ich kann nicht mehr atmen. Die Kehle scheint sich mir zuzuschnüren. Meine gesamte Welt, die sich nur um sie gedreht hat, bricht zusammen. All meine Hoffnungen werden unter dem einstürzenden Himmelszelt begraben. Wie konnte ich nur daran glauben? Mein Herz wird schwer und ich will mich in das Kissen zurückfallen lassen. Noch bevor ich mich aber zurücklehne, fällt mein Blick auf ein Stück Papier, welches fein säuberlich gefaltet auf dem Kissen liegt, auf dem zuvor ihr Kopf ruhte. Mit zitternden Händen greife ich danach. Ich weiß nicht, wie die Brille auf meine Nase gekommen ist, aber sogleich kann ich Buffys Handschrift erkennen. Ja, ich habe Angst davor ein "leb wohl" oder ein "danke für alles, aber..." zu lesen. Trotzdem öffne ich es.

Die erste Zeile lässt mich all die vorherigen Zweifel wieder vergessen. Und doch wandern meine Augen ängstlich über die nächsten Worte.


Liebster Giles,
bitte denk jetzt nichts, dass ich irgendetwas bereue, oder das dies hier ein Abschied sein soll. Ganz im Gegenteil. Ich freue mich schon darauf, dich wieder zu sehen. Hoffentlich. Bitte erschreck jetzt nicht, Giles. Dieses hoffentlich war eigentlich mehr als kleiner Zusatz gedacht. Oder doch mehr als Ergänzung? Gott, du weißt, dass ich mit Grammatik nicht so viel am Hut habe... Aber was ich eigentlich sagen wollte ist, dass ich hoffe, dich bald wieder zu sehen. Und es fällt mir immer noch nicht leichter, dir zu sagen, was ich dir schon vor Stunden sagen wollte... Ich überlege schon seit einiger Zeit, wie ich es dir am besten sagen soll ohne das du wütend auf mich wirst. Ja, du sagst jetzt sicherlich, dass du niemals wütend auf mich sein könntest. Aber glaub mir... Das hier ist so eine Sache, bei der man relativ leicht wütend werden kann. Trotzdem muss ich mich ihr alleine Stellen. Als ich vorhin aufwachte habe ich dir eine Zeit lang zugesehen, wie du geschlafen hast. Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht dich aufzuwecken. Dein Gesicht hat so friedlich ausgesehen. So zufrieden. Allein bei dem Gedanken daran, dass ich diese Zufriedenheit dort hingezaubert habe, muss ich Lächeln. Es ist ein schönes Gefühl. Und ich möchte das du weißt, dass ich das niemals wieder missen möchte. Ich habe aber trotzdem lange überlegt, ob es nicht vielleicht doch besser wäre, wenn ich dich aufwecken würde... Und dir alles erzählen würde. Dann habe ich mich aber wieder daran erinnert, wie du auf Prophezeiungen reagierst. Du erinnerst dich doch noch an den Meister, oder? Und es tut mir immer noch leid, dass ich dich damals... Naja. Außer Gefecht gesetzt habe. Aber es gab keinen anderen Weg. Das wusste ich damals und das weiß ich heute. Prophezeiungen sind dazu da, dass man sie vernichtet. Das man ihr Wiederkommen verhindert. Genau das werde ich auch dieses Mal machen. Und ich könnte es einfach nicht übers Herz bringen, dich wieder mit irgendetwas K.O. zu schlagen.

Willow hat vor einigen Tagen etwas gefunden. Eine, wie du sicherlich schon erraten hast, Prophezeiung. Die mich inkludiert (Memo an selbst: Wortschatz vergrößert sich!). Sie beschreibt einen Dämon der auferstehen wird um die Jägerin zu töten. Tja, die Jägerin wäre ich. Und den Dämon gilt es zu finden. Es hat einige Zeit gedauert bis Willow herausgefunden hat, wann genau dieser Dämon erscheinen wird. Aber du kennst ja unsere Will. Natürlich hat sie es herausgefunden. Das war eigentlich einer der Gründe, warum ich vor deiner Tür stand. Ich wollte dir davon erzählen- obwohl du mich zuvor so sehr verletzt hast. Ich wollte, dass du mir sagst, dass ich nicht gehen muss. Ich wollte, dass du mir sagst, dass du auf mich aufpassen wirst. Plötzlich ist mir dann aber bewusst geworden, dass genau das der Grund ist, warum du nach England zurückkehren wolltest. (Ich hoffe, ich habe dich von diesem Vorhaben abgebracht!) Im gleichen Moment aber kam wieder diese Wut in mir hoch. Weißt du? Diese Wut mit der ich dir entgegengetreten bin. Mit einem mal konnte ich nur noch daran denken, dass du mich wirklich verlassen wolltest. Du hattest wirklich vor aus meinem Leben zu verschwinden, Giles. Du weißt, dass ich das nicht ertragen könnte. Und jetzt, da ich mit Sicherheit weiß, wie du für mich empfindest, erst recht nicht. Deswegen ist der Dämon schnell in Vergessenheit geraten. Im Grunde habe ich alles um mich herum vergessen- bis auf dich. Und das ist auch so geblieben. Bis jetzt. Jetzt kehrt die Realität wieder zu mir zurück. Noch einmal lasse ich meine Blicke über deinen schlafenden Körper wandern. Wenn du nur wüsstest, wie sehr ich dich liebe... Warum haben wir diese Gefühle eigentlich nicht eher zugelassen, Rupert? Warum haben wir uns beide davor versteckt? Uns hätte so viel Leid erspart werden können. Aber ich höre schon auf, mich zu beklagen. Denn immerhin haben wir uns jetzt gefunden. Und ich werde dich auf keinen Fall so schnell wieder gehen lassen. Tja, Mister Giles. Es sieht so aus, als würden Sie mich noch eine Zeit lang aushalten müssen! Und doch muss ich dich jetzt verlassen. Du ahnst gar nicht, wie schwer es mir fällt. Am liebsten würde ich diese ganze Prophezeiung vergessen und mich wieder in deine Arme schmiegen. Aber hey! Ich haben einen Job zu erledigen. Trotzdem will ich das du dir darüber im klaren bist, dass du der Grund bist, dass meine Träume in Erfüllung gegangen sind. Selbst Helden haben ein Recht auf Träume- und du bist mein Traum. Und doch weiß ich zugleich, dass Helden nicht nur träumen sondern auch bluten können. Doch ich weiß, durch dich werde ich weiter träumen können. Du und der Rest der Welt können heute Nacht ruhig schlafen; denn ich werde da sein um euch zu beschützen. Dazu sind Helden doch da, oder? Ich will mich jetzt nicht so anhören, als ob ich aufgeben würde. Aber dennoch habe ich Angst, Rupert. Ich habe Angst davor, was auf mich wartet. Was, wenn es wirklich kein Morgen geben würde? Aber ich werde mich ihm stellen. Ich will, dass du siehst, dass ich auch mit dir in meinem Leben auf eigenen Beinen stehen kann. Ich will, dass du stolz auf mich sein kannst! Nein, ich gebe nicht auf. Noch nicht. Ich halte immer noch an dem Gedanken fest, dass ich einen weiteren Dämon besiegt haben werde, wenn die Sonne aufgeht. Und das werde ich. Ich habe den Meister zu Fall gebracht und ich habe den Tod besiegt! Da wird so ein möchte gern Dämon doch kein Problem sein.

Ach, bevor ich es vergesse: zum Frühstück hätte ich gerne zwei Scheiben Toast mit Marmelade und einen Kaffe. Schwarz. Ich glaube nach dieser Nacht brauche ich wirklich etwas starkes. Naja, und zum Dessert... da lass ich mir noch etwas einfallen!

Selbst in der dunkelsten Stunde wirst du immer bei mir sein und mir die Kraft geben, die ich brauche. Ich liebe dich Buffy

P.S.: Ich werde diesem Dämon zeigen mit wem er sich angelegt hat!


Trotz der Brille beginnt mein Umfeld zu verschwimmen. Tausende von Tränen beginnen sich in meinen Augen zu bilden. Warum hat sie mir nichts davon erzählt? Oh Gott, Buffy. Du bist so stark und gleichzeitig doch so dumm!

Ich lasse den Brief aus meinen Händen gleiten und ehe ich mich versehe bin ich angezogen und überlege, welche Waffen ich mitnehmen soll. Ich werde es nicht zulassen, dass sie sich einer weiteren Prophezeiung alleine stellt. Ich konnte ihr nicht gegen den Meister helfen. Aber dieses mal wird mich nichts davon abhalten! Intuitiv greife ich zum Telefon und wähle Willows Nummer. Ich sage nur ein Wort und lege den Hörer dann wieder auf die Gabel zurück. "Buffy"

Mit immer größer werdenden Schritten gehe ich durch die Nacht. Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll nach ihr zu suchen. Sie hat mir weder verraten, wo sie hingeht noch wie dieser Dämon heißt. Hätte ich seinen Namen gewusst, hätte ich mit Sicherheit den Platz anstreben können, wo er sich aufhält. Doch so... Buffy ist schon so oft alleine losgezogen um sich den Mächten der Dunkelheit zu stellen. Und immer ist sie als Siegerin hervorgegangen. Doch Prophezeiungen verheißen niemals etwas Gutes. Selbst der Meister... Er hat sie, wie es die Prophezeiung verlangt, in den Tod geschickt. Plötzlich schießen so viele Dinge durch meinen Kopf. Was ist, wenn sie diesmal den Kampf verliert? Was ist, wenn ich sie nicht mehr rechtzeitig finde? Was wenn... Mein Herz beginnt noch schneller zu schlagen, beginnt schmerzhaft gegen meine Brust zu pochen.

Nach Luft ringend bleibe ich einen Moment stehen. Ich werde sie finden! Ich schließe meine Augen; erinnere mich mit einem Schlag wieder an die Bindung zwischen uns. In den vergangenen Jahren hat sich diese von Tag zu Tag verstärkt und sogar wenn sie sich nicht im selben Raum mit mir befand, konnte ich sie spüren. Ich konzentriere mich, versuche sie in dieser dunkelsten aller Nächte auszumachen. Ohne ihnen den Befehl dazu zu geben, setzten sich meine Beine wieder in Bewegung und ich renne in eine Richtung, die ich nicht angegeben habe. Wie von Geisterhand gesteuert bewege ich mich an Bäumen, Straßen und Lichtern vorbei. Obwohl ich schon renne scheine ich von Sekunde zu Sekunde schneller zu werden. Ich weiß weder, wohin mich dieser Weg führen wird, noch weiß ich, ob ich sie am Ende wirklich finden werde. Die Straßen, die noch vom nächtlichen Regen gezeichnet sind, scheinen zu schreien und das nasse Gras scheint mir einen Weg zu weisen, der mich zu ihr führen soll. Die Sterne über mir, welche mit zunehmendem Erfolg die Wolken verdrängen, halten mich dazu, nicht aufzugeben. Und der leichte Wind, der nun aufkommt, scheint mir seine Kraft geben zu wollen. Er scheint mich noch schneller voran zu treiben. Wie in Trance folge ich dem Rufen, welches nun immer stärker wird. Ich folge etwas, was mein Blut scheinbar gefrieren lässt. Es ist das Rufen des Todes. Eisige Kälte breitet sich in mir aus, als ich der Quelle immer näher komme. Ich kann seinen modrigen Atem schon förmlich riechen. Das Schwarz, welches er auf die Welt gelegt hat, scheint immer dunkler zu werden. Angst. Furcht. All dies beginnt von meinem Körper Besitzt zu ergreifen. Nein, ich kann einfach nicht zu spät sein! Ich darf nicht zu spät sein.

Prompt halte ich an als ich eine Figur in der Dunkelheit erkenne. Ein Schatten der heller ist als alles andere. Ich kann nur wage Umrisse erkennen. Langes Haar, kraftlose Arme und obwohl ich die Augen nicht sehe so weiß ich doch, wie leer sie sind. Das Schwert, welches dieses Schattenwesen mit einer Hand umschlungen hält, blitzt für einen kurzen Augenblick auf und ich lasse die Tasche mit den Waffen zu Boden fallen. Langsam bewege ich mich auf die Gestalt zu und in dem Moment, in dem sie mich bemerkt, fällt das Schwert in Richtung Erde. Wie in Zeitlupe fällt es immer weiter bis es mit einem unbeschreiblichen Geräusch zur Ruhe kommt. Kraftlos, genau wie seine Trägerin. Das Geräusch des aufprallenden Schwertes zerreißt die Stille, die sich ausgebreitet hat, und ich finde endlich den Mut auf sie zuzurennen. Bereits in dem Augenblick, als ich die Umrisse wahrgenommen hatte, wusste ich, dass es Buffy ist. Sie hat den Kampf gewonnen. Wieder einmal steht sie als Siegerin da. Glück. Unbeschreibliches Glück überkommt mich und ich will sie in meine Arme schließen.

Wenige Zentimeter von ihr entfernt wird dieses Glück jedoch zerstört. Sie sinkt in sich zusammen und ich kann sie gerade noch vor dem Fall auf den kalten Boden bewahren.

Erst jetzt kann ich ihr Gesicht deutlich erkennen. Eine große Wunde, welche von einer Klaue her zu rühren stammt, erstreckt sich über ihre Stirn und das Blut, welches aus ihr tritt, droht ihre nun fast schwarzen Augen dunkelrot zu verfärben. Ich sinke zu Boden, beachte das stechende Gefühl in meinem Herzen nicht, als ich versuche den Blutfluss zu stoppen. Es gelingt mir schließlich. Dann aber entdecke ich die klaffende Wunde quer über ihren Bauch. Ich spüre wie all meine Kraft zu schwinden droht, doch ich kann sie jetzt nicht alleine lassen. Ich muss stark sein. Für sie. Ich presse meine flache Hand auf ihren Bauch. Die Wärme, welche von dieser Stelle ausgeht, sendet kalte Schauer über meinen Rücken und schon im nächsten Moment ist meine Hand mit ihrem Blut bedeckt.

"Komm schon Buffy..." Ich will ihr Mut zureden. Bei dem Klang meiner Stimme öffnet sie ihre Augen und sieht mich an. "Halte noch ein wenig durch!"

Sie lächelt mich an. Sie lässt mir eines dieser Lachen zu Teil werden, welches einen dunklen Raum erhellen könnten. Bittere Tränen laufen meine Wangen hinab und als sie diese bemerkt streckt sie eine Hand nach mir aus. Ich drehe mein Gesicht so, dass ich ihre Handfläche küssen kann. "Ich habe doch gesagt, ich werde diesem Dämon zeigen, mit wem er sich anlegt." Sie hat ihn also tatsächlich besiegt. Meine Jägerin. Meine Buffy. Mein Engel. Ich lächle zurück und spreche ihr weiterhin Worte des Mutes zu.

Plötzlich schüttelt sie den Kopf. "Nein..."

"Buffy?" Ich weiß nicht recht, was ich mit diesem Wort anfangen soll. Früher hatte es eine eindeutige Bedeutung für mich. Jetzt aber will ich diese Bedeutung nicht wahr haben. Ich suche nach so vielen anderen Möglichkeiten dieses Wort zu deuten. Immer und immer wieder aber komme ich auf die eigentliche zurück.

"Ich habe gewusst, dass ich mir in meinem Leben niemals sicher sein kann, ob es ein Morgen gibt." Ihre Stimme klingt so weit weg.

"Nein, sag so etwas nicht!" Ich empfinde nichts mehr außer Verzweiflung. Sie hat meinen Körper taub gemacht- gegen alle anderen Empfindungen abgeschirmt. Plötzlich erinnere ich mich an ihre Worte des Vorabends.. and die Worte, welche sie in ihrem Brief verwendet hat. Was, wenn es kein Morgen mehr gibt? Hat sie es gewusst? Hat sie gewusst, dass sie aus diesem Kampf nicht als Siegerin zurückkehren würde?

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, wie ich ihr helfen könnte. Und so bleibe ich einfach bei ihr, versuche sie mit meinem Körper zu wärmen. Ich darf es nicht zulassen, dass das hier das Ende sein soll. Gerade als ein neues Leben für mich begonnen hat.

"Du weißt..." Sie unterbricht sich selbst, verzieht ihr Gesicht im Schmerz. "Du weißt, dass es kein Morgen mehr für mich gibt. Du weißt, dass ich niemals wieder die Sonne sehen werde. Ich werde mir niemals wieder einen Sonnenaufgang ansehen können- gemeinsam mit dir..."

Ich drohe gemeinsam mit ihr in einen Tiefen Abgrund zu stürzen. "Buffy, nein... Wir werden uns noch viele Sonnenaufgänge gemeinsam ansehen. Und es wird noch unzählige Tage geben, die wir gemeinsam verbringen werden! Aber dazu darfst du jetzt nicht aufgeben!"

Ein wissendes Lächeln zeichnet sich auf ihren Lippen ab, bevor sie ihre Augen schließt. Nur ihr leises unbeständiges Atmen ist zu hören. "Ich bin dazu auserwählt worden in der Dunkelheit zu jagen und ich wurde dazu auserwählt in der Dunkelheit zu sterben- durch die Hand einer der Kreaturen die ich bekämpfen soll. Diese Prophezeiung hat sich nun auch endlich erfüllt..."

"Du hast dich noch niemals von diesen Prophezeiungen beeindrucken oder unterkriegen lassen. Du kannst mich nicht einfach verlassen!" Meine Stimme wird ungewollt lauter. In der Verzweiflung weiß ich nicht mehr, wir ich diese kontrollieren kann.

"Ironie", flüstert sie mir zu.

"Was?"

"Ironie. Du wolltest mich zuerst verlassen."

"Aber ich werde es nicht tun. Ich werde dich niemals verlassen. Jetzt musst du mir versprechen, dass du mich auch nicht verlässt!"

Sie sieht mich wieder an. In dem Moment in dem sich unsere Blicke treffen setzt mein Herz für einen Schlag aus. Ich sehe Endgültigkeit in ihren Augen. Angst, Liebe, Vertrauen. "Das kann ich dir nicht versprechen." Das Atmen scheint ihr immer schwerer zu fallen und nun muss auch ich akzeptieren, was sie schon so viel früher akzeptiert hat. Diese Nacht wird sie nicht mehr hergeben- das Licht des Tages wird sie nicht mehr erreichen. "Aber du kannst mir noch etwas versprechen."

"Alles, mein Liebling. Alles." Meine Augen entlassen unzählige Tränen in die traurige Freiheit. Ich kann spüren wie sie heiße Spuren auf meinem Gesicht hinterlassen die drohen meine Haut zu verbrennen.

"Versprich mir, dass du auf Xander und Willow und die anderen aufpasst."

"Wie soll ich dir das versprechen, wenn ich nicht weiß, wie ich ohne dich weiter leben soll?" Und das weiß ich in der Tat nicht. Welchen Sinn hat mein Leben noch, wenn sie nicht mehr ein Teil davon ist? Wie soll ich Tagein Tagaus mit der Gewissheit leben, dass sie nicht mehr hier ist, um die glücklichen Momente mit mir zu teilen?

"Du musst weiterleben. Du musst sie beschützen. Bitte?" Sie legt ihre Hand auf meine Brust, über mein Herz. "Ich werde immer hier sein. Und ich werde auf dich warten."

Ich nehme meine Hand von ihrer Wunde und lass diese auf ihrer zur Ruhe kommen. Ja, sie hat recht. Sie wird für immer in meinem Herzen sein. Nur weiß ich nicht, wie lang mein Herz ohne sie bestehen kann. "Ich verspreche es." Mein Hals ist trocken. Ich weiß nicht, wie viele Worte ich noch sprechen kann, bevor mir meine Stimme den Dienst versagt.

"Ich liebe.. Ich..." Sie kann diese Worte nicht zuende sprechen. Ihr kleiner Körper wird von Sekunde zu Sekunde kälter und ein letztes mal blicke ich in ihre Augen- bevor sich in diesen eine Leere ausbreitet welche der Unendlichkeit gleicht. In diesem Moment hört meine Welt auf zu existieren. Kraftlos bricht mein Körper über ihr zusammen und all die Tränen des Schmerzes strömen auf meinen leblosen Engel nieder. Nichts scheint mehr einen Sinn zu ergeben. Nichts auf dieser Welt scheint mehr gerecht zu sein. Es ist nicht fair. Es ist einfach nicht fair.

Plötzlich habe ich nur noch das Bedürfnis zu schreien. Ich will, dass die ganze Welt an meinem Schmerz teil hat. Ich will, dass die ganze Welt um sie trauert.

"Giles?!!" Im ersten Moment kann ich die Stimme nicht zuordnen. Doch eigentlich weiß ich schon, zu wem sie gehört. Ich sehe nicht zu Willow auf. Ich habe nicht die Kraft dazu. Habe nicht den Mut dazu sie anzusehen. Ihre vorwurfsvollen Augen zu sehen. Wie konnte ich Buffy nur gehen lassen? Wie konnte ich sie nur gehen lassen?

Jemand sinkt neben mir zu Boden und ich kann zwei kleine Arme spüren, die sich um meinen Hals winden. "Ich habe sie gehen lassen... Ich habe sie gehen lassen..." Wie ein Mantra wiederhole ich dies immer wieder.

Eine weitere Person taucht hinter mir auf. Diese aber wendet sich Buffy zu, nimmt ihre leblose Hand in die ihre. Xander. Auch er weint, wie Willow und ich, bittere Tränen des Verlustes.
Niemals wieder wird die Welt so sein, wie sie einmal war.
Niemals wieder werde ich die gleiche Freude empfinden, die nur wenige Stunden zuvor mein Herz erfüllte.
Niemals wieder werde ich jemanden so lieben können, wie ich Buffy liebte.

Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, bis ein Rettungswagen eingetroffen ist. Und ich weiß auch nicht mehr, wann genau ich Buffys Seite verlassen habe. Ich weiß nur noch, dass ich wie gelähmt zugesehen habe, wie sie mit ihr davon gefahren sind. Ich habe nicht die Kraft dazu gehabt, sie auf dieser Reise zu begleiten. Stattdessen verharre ich an jener Stelle, an der sie aus der Dunkelheit auf mich zugetreten war. Ich warte. Ich weiß nicht, auf was ich warte und doch warte ich.

Ich weiß nicht, wann Willow und Xander mich dort zurückgelassen haben. Ich weiß nur noch, dass ich mich alleine wiederfinde, als die Sonne einen neuen Tag ankündigt. Ihre Strahlen beginnen die kalte Nacht zu verdrängen und ihre Wärme scheint allem wieder neues Leben einzuhauchen. Es scheint so, als wolle sie mit ihrer Wärme all die Bilder, das Geschehene der letzen Nacht in Vergessenheit geraten lassen.

*~*~*~*~*~*~*

So schwer es mir auch manchmal gefallen ist, ich habe mein Versprechen gehalten. Ich habe ein Leben weitergelebt, welches für mich keinen Sinn mehr machte. Doch ich habe es ihr versprochen. Eine neue Jägerin kam nach Sunnydale, doch ich wurde nicht zu ihrem Wächter. Ich konnte nicht. Ich wollte nicht.

Doch ich habe auf Xander, Anya, Willow und Tara achtgegeben. Ich habe sie beschützt und habe sie auf ihrem Weg begleitet. Es war mir sogar vergönnt für Xander und Anyas Kinder eine Art Großvater zu sein. Und ich habe diese Augenblicke genossen. An manchen Tagen schien die Welt für den Bruchteil einer Sekunde wieder in Ordnung. Nichts von all dem Erlebten war geschehen. An anderen Tagen aber schien mich so vieles an sie zu erinnern. Der Sonnenaufgang, die Sterne. In manchen Nächten, wenn ich alleine in meinem Bett lag, erzählte mir der Mond unsere Geschichte. Eine Geschichte, welche ich den anderen erst so viele Jahre nach Buffys Tod preis gegeben habe. Ich hatte es nicht gewagt ihnen von unserer ersten und einzigen Nacht zu erzählen. Irgendwann jedoch wollte ich, dass sie erfahren, wie viel sie mir bedeutet hat.

Doch das ist jetzt alles vorüber. Ich bin der einzige der alten Scooby Gang, der hier in Sunnydale verblieben ist. Menschen ändern sich. Aber meine Liebe zu ihr wird immer bestehen bleiben. Ich würde es nicht übers Herz bringen diese Stadt und somit Buffy zu verlassen. Xander und Anya sind nach Florida gezogen um den Kindern eine unbeschwerte Kindheit zu geben. Ich kann sie verstehen. Ich würde auch nicht wollen, dass meine Kinder am Höllenschlund aufwachsen. Und Willow und Tara sind nach L.A. gezogen um Angel unter die Arme zu greifen. Es sind zwar nur zwei Autostunden bis dorthin, dennoch sehe ich die beiden nur noch recht selten. Sie haben mir vor ihr Abreise angeboten, dass ich mit ihnen mitkommen soll. Aber ich habe abgelehnt. Willow schien meine Antwort bereits zu kennen, bevor sie die Frage gestellt hatte. Und doch bin ich ihr dankbar, dass sie es wenigstens versucht hat...

Jeder scheint nun endlich sein Glück gefunden zu haben. Außer mir. Ich warte noch immer darauf, dass ein Versprechen wahr wird, welches sie mir vor langer Zeit gegeben hat. Die Tage werden immer länger und es fällt mir von mal zu mal schwerer nicht jede Sekunde an sie zu denken. Früher konnte ich mich wenigstens für einige Stunden von der tiefen Trauer, die sich in meine Seele gebrannt hat, abwenden. Doch jetzt, da niemand mehr da ist, geht dies nicht mehr. Wenn ich morgens von einem wunderbaren Traum aufwache und sie nicht neben mir finde, zerbricht mein Herz immer wieder von neuem. Wenn ich ein Buch öffne um darin zu lesen erscheinen Zeilen ihres Abschiedsbriefes darin.
Ihr Brief...
Ich halte diesen gerade, wie schon so unzählige Male zuvor, in meinen Händen. Das Papier ist bereits der Zeit zum Opfer gefallen und so droht es schon nahezu auseinander zu fallen. Das strahlende weiß, an welches ich mich noch so gut erinnern kann, gleicht nun mehr einem Gelbton und die Kanten sind schon ganz verschlissen. Ihre Zeilen sind aber immer noch deutlich zu erkennen- trotz der unzähligen Tränen, die ich schon auf diese vergossen habe. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie viele Nächte ich damit verbracht habe, mich in den Schlaf zu weinen; wie viele Nächte ich damit verbracht habe ihren immer schwächer werdenden Duft in mich aufzunehmen.

Die ersten Jahre nach ihrem Tod waren schlimm. Ich hatte jeglichen Lebensmut verloren. Nur noch das Versprechen, welches ich ihr gegeben habe, hielt mich am Leben. Ich hatte das Gefühl das ich sie, wenn ich dieses nicht einhalten würde, verraten würden. Ich habe nur für sie weitergekämpft.

Aber trotz all der Jahre ohne sie war die Beerdigung am schlimmsten. Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern. Es scheint schon so lange her. 37 Jahre sind eine lange Zeit... Doch ich kann mich an Angel erinnern, der mir ohne ein Wort des Trostes auszusprechen entgegen trat. Und an den Schmerz. An diesen kann ich mich noch bis heute erinnern. Und daran, dass ich nicht weinen konnte, als man ihren Sarg in das Grab lies. Es war einfach unmöglich. Die Nächte zuvor hatte ich fast ununterbrochen Tränen vergossen, sodass es mir von diesem Tage an unmöglich war. Ich fühlte mich schuldig, dass ich nicht mehr um sie weinen konnte. Doch mit den Jahren wurde mir bewusst, dass ich mein Leben lang um sie trauern würde. Und so verschwanden die Schuldgefühle. Oft lag ich nachts wach und frage mich, wann ich sie wohl endlich wieder sehen würde.

Endlich soll mir diese Frage beantwortet werden.
Mein Körper ist nun endgültig allen Kräften beraubt worden und ich lasse ihn kraftlos auf die alte Couch zurückfallen- den Brief noch immer in Händen. Ich habe alles getan, was von mir verlangt wurde. Nun verlang mein Körper nach Ruhe. Nach Ruhe, die er schon so lange braucht. Meine Augen sind im laufe der Jahre an den Rand der Erschöpfung getrieben worden. Nun soll ihnen endlich etwas Rast vergönnt sein. Gerade aber als ich ihnen diese Rast gewähren will, werde ich von einer Stimme davon abgehalten.

"Hallo, Rupert."

Ich blicke auf, behalte aber meine Position auf der Couch bei. Sie kommt auf mich zu, setzt sich neben mich und ich streiche mit einer Hand zart über ihre Wange. Wieder einmal erkenne ich welchen Tribut das Alter gefordert hat. Meine Hand ist nun die eines alten Mannes. Doch ihre Haut ist noch immer so weich und wunderschön wie ich sie in Erinnerung hatte. Ihr goldenes Haar fällt lockig über ihre Schultern und Tränen beginnen sich in meinen Augen abzuzeichnen. So lange...

"Ich habe dir doch versprochen, dass ich auf dich warten werde." Sie beginnt meine Tränen mit ihrer Hand zu trocknen.

"Buffy..." Sie streicht mir zart über das Gesicht. Mein altes Herz macht noch einmal, so wie früher, einen kleinen Sprung.

Schließlich legt sie ihre Hand auf meine Brust. "Schließ die Augen, Liebling." Ich tue, was sie mir befiehlt. Ohne Widerworte. Plötzlich aber spüre ich, wie sich ihre Wärme immer weiter von mir entfernt und ich will ihr folgen. Für einen Moment verharre ich- es scheint unmöglich. Doch plötzlich gelingt es mir. Ich stehe von der Couch auf und gehe auf sie zu. Als ich diesmal aber meine Hand auf ihre Wange lege ist sie nicht mehr die eines alten Mannes. Es ist die Hand, welche sie in unserer ersten und einzigen Nacht liebkoste.

Sie lächelt mich an und ich tue es ihr gleich. "Ich habe dich vermisst." Ihre Worte sprechen von all der verlorenen Zeit, die nun aufzuholen ist.

"Ich habe dich auch so sehr vermisst, mein Engel..." Nach all den langen Jahren darf ich nun endlich wieder meine Lippen auf die ihren legen. Und es hat sich nichts verändert. Alles ist noch immer genauso, wie ich es in Erinnerung hatte.

Alles im Leben geschieht aus einem bestimmten Grund.
Und so ist mein Tod erst der Anfang von etwas viel Größerem...




Epilog

...In entfesselter Wut folgten die anderen dem Beispiel, Steine flogen auf den Hügel, auf dem Orpheus saß, doch keiner erreichte das Opfer. Demütig legte sich alles im Wurf Geschleuderte dem Sänger zu Füßen, demütig, als wollte es um Verzeihung bitten; so übermächtig war die Gewalt von Orpheus' Gesang, so übermächtig war die Wunderkraft der schützenden Gottheit. Und doch, die wahnsinnige Verzückung hatte in den tobenden Weibern jede fromme Scheu erstickt: Schreiend, heulend, mit gellenden bakchantischen Flötenlauten übertönten sie das göttliche Saitenspiel. Die Tiere von Walt und Feld stellten sich schützend vor den Sänger, doch gar bald büßten sie ihre Treue mit dem Tod, als das Wutgeheul der Weiber über den bezwingenden Gesang gesiegt hatte. Von allen Seiten drangen sie nun auf den Sänger ein, und was sich ihren Händen bot, schleuderten sie auf den Unglücklichen. Vergeblich streckte er die Hände zur Abwehr vor, da traf ein Stein den Wehrlosen. Tod lag der herrliche Orpheus, der mit dem Wohllaut seiner stimme die Tiere und Bäume und Steine gerührt hatte, für immer geschlossen war der liederliche Mund. Da kamen mit traurigem Wehlaut der Vögel und Wild aus dem Walde herbei, lebloses Gestein näherte sich. Die ganze Natur klagte um den Götterliebling. Nymphen der Quellen und Bäume, die Najaden und Dryaden, eilten herbei, in Trauergewänder gehüllt. Sie sammelten die verstümmelten Glieder um sie zu bestatten; das Haupt aber und die Leier nahm die Flut des Hebrosstormes auf, und da plötzlich erbebte die Leier wie im süßen Wehlaut, Lieder klangen über die Wellen hin, dass die Ufer in leisem Widerhall die Klage zurückgaben. So trug der Strom das Haupt und die Leier aufs Meer hinaus und die Wellen trugen sie weiter bis an den Strand von Lesbos. Dort endlich wurde auch das Haupt zur Ruhe gebettet.

Orpheus' Seele aber schwebte hinab ins Reich der Schatten. Er erkannte die Stätten wieder, die er einst auf der Suche nach der Geliebten zu betreten gewagt hatte. Nun durfte er sie wiedersehen; mit inniger Liebe umfing er Eurydike. Selig umschlungen schritten sie durch die Gefilde der Unterwelt, und wenn Orpheus je auf engem Pfad voranging, so durfte er sich ungestraft nach der Geliebten umsehen, die von nun an auf ewig mit ihm verbunden blieb.

The End
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