Mega-Star und Menschenfreund

Charlton Heston wird 75



Wenn man davon ausgeht, daß schlechte Publicity besser ist als gar keine, dann kann Charlton Heston mit der Berichterstattung in den letzten Monaten zufrieden sein. Tatsächlich dürfte er sich aber über viele Berichte in den Zeitungen und Frotzeleien im Fernsehen  (z.B. in der "Tonight Show" von Jay Leno) ärgern. Denn sein Anliegen wird oft verzerrt dargestellt. Seitdem er im Frühjahr 1998 zum Präsidenten der National Rifle Association (NRA) gewählt wurde, macht man ihn verantwortlich für alle möglichen Verbrechen, die in der Tat jeder vernünftige Mensch nur verurteilen kann. Hestons Engagement für die NRA ist wohl durchdacht, und er hat oft genug öffentlich erklärt, daß er nur ein in der amerikanischen Verfassung verankertes Recht bewahrt haben will. Er hält es für eine Illusion, ein Waffenverbot könnte Verbrecher "entwaffnen". Welchen Standpunkt man in dieser Diskussion auch einnehmen mag, es steht fest, daß die Reden über den neuen Präsidenten der NRA sein Amt viel zu sehr betonen und den Schauspieler hingegen in den Hintergrund rücken. Dabei verdankt er seinen weltweiten Ruhm den Filmen, die er gemacht hat. Der Mega-Star arbeitet weiterhin in Hollywood, auch wenn er jetzt nicht mehr so viel dreht wie früher. Seine zahlreichen Fans dürfen sich schon bald auf ein neues Werk freuen.
Es mag ein Zufall sein, aber es ist eine Tatsache, daß Charlton Heston im Alter von 75 Jahren gerade seinen 75. Film gedreht hat. Happy Birthday, CH!Einige seiner Werke sind sehr berühmt und werden regelmäßig im Fernsehen gezeigt. Die populärsten und bekanntesten unter ihnen sind ohne Zweifel „Die zehn Gebote" und „Ben Hur". Durch die Rollen, die er in diesen Streifen spielt, hat er das Image eines positiven Helden gewonnen. Gerade deshalb nimmt man ihm heute seinen Einsatz für die NRA übel. Als Schauspieler hat er sich nicht gescheut, auch Bösewichter darzustellen wie den Long John Silver im Film „Die Schatzinsel" oder den Paten Louis Mancini im Film „Der Sohn des Paten". Er hat die unterschiedlichsten Charaktere verkörpert, und man kann ihn nicht auf ein Genre festlegen. Im Gegenteil, es gibt kaum eine Filmgattung, die er nicht ausprobiert hat. Von gewichtigen Shakespeare-Verfilmungen über Western und Katastrophenfilmen bis zu leichten Komödien reicht die Palette der Filme, in denen er mitwirkte.  Einige seiner Werke sind bereits in Vergessenheit geraten (nicht unbedingt die schlechtesten!), aber andere Streifen werden sich bestimmt noch lange in der Erinnerung der Kinogänger halten können (wobei man darüber streiten kann, ob es wirklich die besten sind). Hervorzuheben ist noch, daß Charlton Heston gelegentlich als Regisseur tätig war, meistens in Filmen, in denen er selbst eine Rolle hatte. Ursprünglich war er Bühnenschauspieler, und diese Liebe zum Theater hat ihn immer wieder auf die Bühne zurückgebracht. Auch im Theater hat er Regie geführt, mit großem Erfolg am Londoner West End und sogar in Peking (und das obwohl er kein Chinesisch spricht).
Reisen haben ihn in die ganze Welt geführt - und nicht nur für Dreharbeiten. Im Rahmen der Betreuung amerikanischer Soldaten, die im Ausland dienen mußten, war er u.a. mehrfach in Vietnam und auch im Libanon. Dies geschah natürlich auf freiwilliger Basis : der Menschenfreund sah es als seine patriotische Pflicht an, einen Beitrag zur moralischen Aufrüstung der kämpfenden Truppe zu leisten. Im Dienst der Allgemeinheit zu wirken, war ihm stets ein Herzensanliegen. Nur so kann man verstehen, daß er sechsmal als Präsident der amerikanischen Schauspielergewerkschaft („Screen Actors Guild") amtierte - länger als irgendeiner seiner Kollegen. Daß ein solches Ehrenamt viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt, braucht nicht betont zu werden. Auch in anderen Organisationen hat er an führender Stelle mitgearbeitet, z.B. als Vorsitzender und später als Präsident des American Film Institute (AFI), das u.a. die begehrten Life Achievement Awards vergibt. Diese Tätigkeiten als Funktionär beweisen nicht nur die soziale Ader des vielbeschäftigten Schauspielers, sondern auch seine Beliebtheit unter den Kollegen. Daß er hin und wieder auch in Auseinandersetzungen mit Vertretern einer anderen Linie verwickelt war und ist, versteht sich bei einem politisch engagierten Menschen von selbst. In den vielen Reden, die er gehalten hat, kann man sachliche Argumente, Witz und Ansporn zu guten Taten erkennen. Viele Manuskripte seiner Ansprachen befinden sich in einem Archiv in Los Angeles, das Forschern seit einigen Jahren zugänglich ist.
 Die Tatsache, daß Charlton Heston Zeitungsberichte und Dokumente, die mit seiner Karriere zusammenhängen, in der Margaret Herrick Library hinterlegt und damit der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat, zeugt von einem guten Verhältnis  zur Öffentlichkeit. Nicht jeder Künstler läßt sich gerne in die Karten blicken. Charlton Heston hat jedoch schon sehr früh verstanden, daß so lästig die Medien und die Fans auch manchmal sein können, ein Entgegenkommen von beiderseitigem Interesse ist. Was viele seiner jüngeren Fans gar nicht wissen : von 1956-1971 hat Charlton Heston regelmäßig „Newsletters" an seine Fans verschickt, die neben den neuesten Nachrichten auch jeweils einige Photos enthielten. Ein solcher „Kundendienst" ist als vorbildlich zu bezeichnen (und im Internet-Zeitalter viel leichter zu realisieren als früher). In anderer Form bedient er seine Bewunderer bis zum heutigen Tag, nämlich durch zahlreiche Interviews in den Medien. An dieser Stelle seien auch die  Bücher  erwähnt, die er verfaßt hat und die alle Bestseller geworden sind. Zunächst hat er seine Tagebücher veröffentlicht, die vor allem Impressionen aus seinem Arbeitsleben enthalten. Wie viele andere Hollywood-Stars hat auch Charlton Heston eine umfangreiche Autobiographie geschrieben und kurze Zeit danach ein Bändchen mit Briefen an seinen Enkelsohn Jack nachgereicht ("To Be a Man"). In allen seinen Büchern findet man schöne Photos, die zum größten Teil aus der Kamera seiner Ehefrau Lydia stammen, die schon seit mehr als 50 Jahren an seiner Seite steht. Eigentlich unverständlich, daß nicht einmal seine Autobiographie aus dem Jahre 1995 ins Deutsche übersetzt worden ist. Über den Schauspieler Charlton Heston sind bereits etliche Bücher veröffentlicht worden, die Werkanalyse und Biographie miteinander verbinden. Auf Deutsch liegt nur ein einziger Band vor, der 1993 erschienen ist und leider als nicht besonders gelungen bezeichnet werden muß. (Bibliographie)
Das jüngere Kinopublikum ist heute mit dem Gesamtwerk von Charlton Heston nicht vertraut. Die Klischees, die in den Medien verbreitet werden, behindern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Werk. Charlton Heston, der am 4. Oktober 1998 seinen 75. Geburtstag feiert, hat jedoch noch zahlreiche Fans in der mittleren Generation, die sich über jede neue Arbeit von ihm freuen. Sie hoffen, ihn nach zahlreichen kleineren Rollen bald wieder im Mittelpunkt eines Kinofilms sehen zu können. Mögen ihm noch viele schaffensreiche und glückliche Jahre vergönnt sein, die nicht durch politisch-ideologische Anfeindungen getrübt werden. Ad multos annos!