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Wo Blumen unter den Hammer kommen

Jeden Tag werden im niederländischen Aalsmeer 21 Millionen Blumen und Pflanzen versteigert. Schon 15 Minuten nach dem Kauf sind sie auf dem Weg nach New York oder Tokio. Ein Bericht über das rasante und harte Geschäft im grössten Blumen-Auktionshaus der Welt.

Die Halle ist so gross wie 200 Fussballfelder. Von der Besuchergalerie aus gleicht sie einem Ozean aus Blumen: Millionen Rosen, Freesien, Chrysanthemen, Lilien, Tulpen - Dieser gigantische Blumenstrauss wurde am Vortag angeliefert, von 2000 LKWs aus dem In- und Ausland. Dazu kamen noch die Ladungen vom nahen Flughafen Schipohl, wo die "Blumenbomber" mit Produkten aus Übersee landen: kenianische Nelken, südafrikanische Proteen, australische Seerosen, thailändische Orchideen. Nun warten sie alle einträchtig in diesem riesigen Betonbau der Auktionsgenossenschaft "Bloemenveiling Aalsmeer" (BVA) bei Amsterdam auf neue Besitzer.

Die Auktionssäle - sie sind die Nervenzentren dieses grössten Blumenmarktes der Welt. Seit 6.30 Uhr kommen und gehen hier Hunderte von Käufern: Exporteure, Grosshändler, Besitzer grosser Läden und Strassenhändler. Sie sitzen wie Studenten im Hörsaal auf einer Tribüne mit Holzbänken; jedes Pult ist mit Mikrofon und Telefon ausgestattet. Wenn ein Käufer Platz nimmt, zieht er zunächst seine codierte Kundenkarte durch den Schlitz der elektronischen Registratur am Pult; damit meldet er sich als Teilnehmer der Auktion an. Spannung liegt in der Luft; von einer fröhlichen Valentinstagsstimmung ist hier nichts zu spüren. Es geht um Geld. Um Hunderttausende von harten Gulden, die auf eigenes Risiko oder im Auftrag eines Kunden investiert werden.
Die Käufer überprüfen immer wieder die Wünsche ihrer Kunden, die auf Bestellscheinen oder im Laptop vor ihnen notiert sind; dabei verlieren sie keinen Augenblick die Ware aus den Augen, auch nicht die anderen Händler. Und schon gar nicht die Auktionsuhren, die ihnen gegenüber an der Wand hängen. Ihre rot blinkenden Lämpchen und surrenden Zifferntafeln geben den jeweiligen Namen der Blume an, den Gärtner, die Einheit, Menge, ermittelte Qualität, Mindestabnahme, Währungseinheit und Registriernummer.

Über den Saallautsprecher leiert der Auktionator die Spezifikation herunter: "Rose First Red, 70 Zentimeter lang, Güte Eins, fünf Container zu je 100 Stielen." Er drückt auf einen Knopf, der Countdown beginnt. Alle starren auf das rote Blinklicht, das jetzt anfängt, langsam rund um die Uhr zu laufen.
Im Gegensatz zu Auktionen mit steigenden Preisen verkauft die BVA nach dem Abschlagsystem, was bedeutet: Es gibt einen für jeden Posten festgesetzten Mindestbetrag (um Schleuderpreise auszuschliessen), aber auch einen festgelegten Höchstpreis.
Beträgt der Höchstpreis beispielsweise 100 holländische Cent, dann beginnt das Licht bei 100 zu blinken - und wander weiter: auf 95, 90, 85 ... "Wer als Erster drückt, unterbricht den Countdown. Seine Kundennummer erscheint auf der Uhr, dann ist er Käufer der Ware" erklärt BVA-Mitarbeiterin Josie Hougée. "Alles hängt vom richtigen Moment ab Wer zu früh drückt, kauft zu teuer. Wer zu spät drückt, geht leer aus."

Bei 85 drückt ein Bieter des Exporteurs "Blumex" mit der rechten Hand blitzartig auf die Taste, die er mit seiner Linken verdeckt; eine übliche Taktik, die verhindern soll, dass eine verräterische Bewegung der hand die Konkurrenten dazu bringt, schneller zu sein Er ruft "drei" ins Mikrofon, womit Blumex 300 "First Red" - Rosen zum Preis von 85 Cent pro Stück erworben hat. Was geschieht, wenn ein Pechvogel die Taste irrtümlich drückt? "Das kommt selten vor, aber er müsste zahlen. Natürlich reduziert er dann umgehend seine Order auf dei Mindestmenge, um den Schaden möglichst klein zu halten", erklärt Frau Hogée.

Kurz darauf läuft auch die rechte Uhr, wo es um eine Partie Freesien geht. Insgesamt sind es 13 Uhren, über die täglich bis zu 50'000 Transaktionen abgewickelt werden. Gezahlt wird noch am selben Tag, entweder bar an der Kasse oder über eine der im Haus vertretenen Banken. Auswärtige Käufer können anhand der Informationen des "elektronischen Anlieferbriefs" online bieten.
Es geht Schlag auf Schlag weiter. Nur manchmal gerät die Auktion ins Stocken, wenn ein Kunde den Inhalt eines vom "Vorzeiger" präsentierten Blumenkübels mustern will. Dennoch können die Auktionatoren etwa alle 2 bis 3 Sekunden eine  Partie absetzen, stündlich pro Uhr ca. 1200.
Rund um die Auktionssäle geht es in dem insgesamt 750'000 Quadratmeter grossen Gebäudekomplex zu wie in einem Bienenstock. Ausser den 1800 Mitarbeitern der BVA arbeiten rund 10'000 Voll- und Teilzeitkräfte in weiteren Betrieben: Exportfirmen und Speditionen, Buchhaltungskontore, im Grosshandelszentrum CULTURA mit "cash & carry"-Produkten für Floristen, in mehreren Restaurants, beim Zoll, bei KLM-Cargo und beim Besucherdienst, der 1999 rund 135'000 Gäste durch die Halle schleuste.
1999 versteigerte die BVA insgesamt 4,8 Milliarden Blumen und 500 Millionen Pflanzen; insgesamt erzielten die 3500 Blumenzüchter, die Mitglieder der BVA sind, einen Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Mark. Da die 1912 aus der Verschmelzung zweier konkurrierender Vereine hervorgegangene BVA als Genossenschaft nicht gewinnorientiert arbeitet, deckt sie ihre Kosten durch pro Partie und Stapelwagen erhobene Gebühren und einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von knapp 16'000 Mark.

Die Liebe zum Exotischen hat hier Tradition. Die Tulpe, die für die Niederländer schon ein Teil ihrer Identität geworden ist, kam ursprünglich aus Zentralasien. Mit ihr begann im 17. Jahrhundert in Holland die Blumenzucht.
Die im "Goldenen Zeitalter" der Niederlande zu Wohlstand gelangten Kaufleute lehnten als strenge Calvinisten weltliche Vergnügungen zwar ab, machten bei den Tulpen aber eine Ausnahme. Für sie bezahlten die sonst eher auf Sparsamkeit bedachten Handelsherren bald jeden Preis.
Grund: Zum einen konnten sie mit den Tulpen im Vorgarten (je mehr, desto besser) auf "natürliche Weise" ihren Neid erregenden Reichtum demonstrieren, zum anderen war es möglich, mit den noch unter der Erde verborgenen braunen Zwiebeln das grosse Geld zu machen.
Die Spekulanten trafen sich in den Hinterzimmern von Schänken, wo sie seltene Zwiebeln und schöne Blütenstiele für Tausende von Gulden kauften und mit satten Gewinnspannen veräusserten.
Professionelle und Amateurgärtner überboten sich mit neu gezüchteten Sorten, darunter die begehrte "Semper Augustus" eine weisse Blüte mit roten Flammen. Die "Immer Glückliche" gehörte einem anonymen Tulpenliebhaber, der sie aber nicht verkaufen wollte; und es war bekannt, dass nur rund ein Dutzend Zwiebeln existierten.
1636 gelang es einem Händler, eine dieser Zwiebeln zu erwerben - für 5500 Gulden, eine irrsinnige Summe, aber ein Schnäppchen im Vergleich zu den 10'000 Gulden, zu denen sich ein Spekulant 1637 hinreissen liess. Für dieses Geld hätte er damals ein ganzes Haus in Amsterdam kaufen können. Was niemand ahnte: "Semper Augustus" war unheilbar mit dem Mosaikvirus infiziert und starb aus.

Heute bemühen sich unabhängige Labors und das BVA-Testzentrum um die Gesundheit der Pflanzen, ihre Qualitätssicherung und die Marktführung neuer Sorten. Pflanzenpathologen beobachten das "Vasenleben" der Testobjekte unter simulierten Transportbedingungen: Sie giessen die Blumen unterschiedlich und messen, um die Haltbarkeit zu ermitteln, den Bakteriengehalt am Stiel.
Während heutige Gärtner Produkte für den Massenmarkt züchten, suchten die Floristen in den Jahren des "Tulpenwahns" nach exklusiven Novitäten, darunter die einzigartig schöne "Schwarze Tulpe". Sie inspirierte den Franzosen Alexandre Dumas zu seinem gleichnamigen Roman.
Allerdings: Es gab und gibt - biologisch bedingt - keine schwarzen Tulpen, die wenigen existierenden Exemplare sind in Wirklichkeit dunkellila. Ein Trost: Dafür gibt es inzwischen gut 5000 andere Sorten, von denen über 700 in sechs Millionen Exemplaren in jedem April im niederländischen Mekka der Blumenfreunde zu bewundern sind: Auf der 32 Hektar grossen Ausstellungsfläche der Blumenschau in Keukenhof zwischen Amsterdam und Den Haag. Wenn in Aalsmeer um die Mittagszeit die letzte Partie verkauf ist, stehen die Auktionsuhren Still. Die letzten Käufer verlassen hastig den Saal, für sie ist der Arbeitstag aber noch lange nicht zu Ende: In der Halle übernehmen sie von den "Verteilern" ihre Einkäufe. Ein Teil der Ware geht jetzt in eine Spezialabteilung, wo die Blumen (normalerweise in der Standardeinheit von 20 Stielen) zu kleineren Stäussen mit 12, 10 oder 7 Stielen gebunden werden. Ein anderer Teil wird zu Bouquets arrangiert und in Zellophan verpackt, um den Floristen und Supermärkten den Verkauf zu erleichtern.
Zuletzt überwacht der Käufer an einer der 400 Rampen das Verladen der Blumen auf LKW's; manche Wagen starten bereits 15 Minuten nach dem Zuschlag in Richtung Flughafen oder Autobahn. 80 Prozent der Blumen erreichen noch am selben Tag ihren Empfänger. Dank der ausgefeilten Logistik und unterschiedlicher Zeitzonen sind die Blumen mitunter früher in New York als in Bremen.

Während die Blumen in alle Himmelsrichtungen entschwinden, geht die Arbeit in der BVA weiter: Putzteams durchkämmen die Halle und entsorgen täglich bis zu 37 Tonnen Müll: Grünabfall zum Kompostieren und zum Recycling geeignetes Verpackungsmaterial. Die ausschwärmenden "Verteiler" sammeln die Flotte der 120'000 verstreuten Stapelwagen ein, denn am Nachmittag ab 16 Uhr überfluten neue Blumen die Halle und machen sie wieder zu einem Blumenmeer - bis zum nächsten Morgen, wenn der Kreislauf erneut beginnt. Dann starren alle wieder auf die Uhren und pokern.