Eine sonderbare Begegnung, echte Version

Nach einer äußerst erfolgreichen Dichterlesung schlenderte ich, fröhlich Jamben trällernd, durch die Straßen in Richtung Flohmarkt, da ich mir einen schicken güldenen Ordner für meine schönsten Poeme anschaffen wollte.

Dort sah ich auch Herrn Kritikus, der an einer alten Lampe rieb und dabei etwas von Zentimetern und Millionen murmelte, die Lampe lange Zeit mit irrem Blick anstarrte, immer wieder schüttelte und dann wütend auf den Tisch knallte, wobei er den Verkäufer beschimpfte und kritisierte. Dann trollte er sich griesgrämig zu den öffentlichen Telefonzellen, wo er wohl hoffte, ein paar Groschen zu finden, denn er war finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet, seit kein wichtiges Feuilleton mehr auf seine Dienste zurückgreifen wollte.

Ich hatte sein Schicksal nicht weiter verfolgt, da er ja schon lange nicht mehr in den führenden Gazetten schrieb, die meine Werke rezensierten. Mit ein Grund für seinen endgültigen Abstieg war sicherlich, daß man bei BRAVO, seinem letzten Arbeitgeber, seine Kritiken der "Teletubbies"-Sendungen als Kopien von Babyphonaufnahmen entlarvt hatte. Zudem war er spiel- und trunksüchtig und ließ sich ständig im Tequilarausch auf blödsinnige Wetten mit dem listigen Internetzfahnder Mißfelder ein, die er regelmäßig verlor. Zuletzt hatte der Detektiv ihm eine aufziehbare Sprechpuppe als Bimmelfeind-Homunkulus untergejubelt, Kritikus hatte es natürlich gefressen, da er inzwischen auch die Laute eines sprechenden Pupskissens nicht mehr von einem gelungenem Reim unterscheiden könnte.

Le Beau et la Bé`te: Das Genie im Gespräch mit dem Kritiker (nur echt mit der Mütze)

Er fand keine Münzen, trat mit seinen ausgelatschten Galoschen gegen die Telefonzelle und schimpfte auf diese "neumodischen Telefonkarten", dann, nach einem schmerzhaften Schrei, auf seinen Schuster. Er dauerte mich, so beschloss ich, ihm im Vorübergehen ein aufmunterndes Spontangedicht zuzurufen, doch er fiel mir ins Wort, umarmte mich, lud mich auf einen Schluck Tequila aus seiner "Hausapotheke" ein und hielt mir eine müffelnde kleine Schnapsflasche unter die Nase. Er erzählte mir unter Tränen, daß er zunehmend an Albträumen litt und deshalb oft nächtens seinem Heimrechner wirre Geschichten diktiere, die er inzwischen angeblich in Millionen Kopien ins Internetz stellen könne. Oft sähe er dabei tanzende Schweine in mehrfacher Ausfertigung mit Zitronenscheiben auf den Augen, oder so..

 

Ich mußte mir den Schmonz anhören, es war die einzige Möglichkeit, den Kerl wieder loszuwerden. Das einzig interessante an der Geschichte war, daß im Bekanntenkreis Herrn Kritikus männliche Geschlechtsteile von gut 20 Zentimetern als so wünschenswert wie 10 Millionen Mark empfunden werden, das gab mir zu denken, hielt ich so etwas doch für normal.

Hier können Sie den Albtraum nachlesen.

 

Kritikus - Lebenslauf eines Plagiators und Stoffhubers

1939

Zweitgeborener eineiiger Zwilling (Bruder war schneller) der Eheleute Brunhilde und Bruno Blaupause.

1939-1945

Kindheit, überschattet von Bruderzwist. Der Bruder, schon bei der Geburt (und seitdem immer) schneller als K. wird von K. ständig als "billige Kopie" beschimpft und kritisiert.

1945-1954

Volksschule. Der wenig begabte K. schreibt bei Prüfungen ganze Aufsätze vom Banknachbarn ab. Gibt's trotzdem schlechte Noten, beschimpft und kritisiert er diesen. Spaß macht ihm der Werkunterricht. Er experimentiert mit Kartoffelstempeln und lernt, damit Zensuren und Verweise gegenüber den Eltern zu fälschen und einfache Texte zu vervielfältigen.

1955-1957

Ausbildung zum Schriftsetzer und Abkupferer. K. fertigt erste Kopien umfangreicher Werke an. Erste Gallenschmerzen.

1960

K. schreibt die "Kritik der Kritik der reinen Vernunft". Großer Erfolg, obwohl abgeschrieben.

1965

K. versucht, den Flug eines Adlers nachzumachen. Schlimme Verletzungen. K. schießt mit Steinschleuder auf das Tier, kritisiert und beschimpft es. Danach Krankenhausaufenthalt, erfolgreiche Behandlung mit Placebos. Riesengroße Gallenblase diagnostiziert.

1966

K. fertigt mit Hilfe von Pauspapier 300 Kopien von Picassos "Friedenstaube" aus einem billigen Kunstkalender an. Der Kunstmarkt reagiert mit Entsetzen. Geldnot. K. schreibt Picasso einen bösen, kritischen Brief.

1968

K. fälscht Konrad Kujau.

1968-1975

Gefängnisaufenthalt. Böse, kritische Briefe in zweifacher Ausfertigung an Kujau. Schlimme Gallenkoliken.

1975

Nach dem Gefängnis kommen die ersten Kopierautomaten auf den Markt. K. eröffnet einen Kopierladen neben der Universität. Die Studenten schätzen, daß Herr K. die Dokumente höchstpersönlich kopiert. Es geht aufwärts.

1989

K. verbringt zwei Stunden grimassenschneidend und kritisierend vor einem Spiegel. Danach Nervenkrankenhaus.

1993

K. kauft sich einen Heimrechner, da er ungeahnte Möglichkeiten zum Duplizieren in dem Gerät vermutet. Er entdeckt die Strg. C-Tastenkombination und ist fasziniert, wie man in 5 Minuten 5000 Seiten Text fabrizieren kann. Kurz danach schickt er diesen Text an 5000 elektrische Briefkästen, erfindet somit den Spam und entdeckt gleichzeitig das Wesen des Internetzes.

1994

K. ahmt erfolgreich mit Zwitschern und Pfeifen das Geräusch eines Modems nach und kann sich seitdem ohne Modem ins Internetz einklinken. Wie man wieder rauskommt, hat er noch nicht herausgefunden.

1993-2001

K. arbeitet an einer eigenen Heimseite. Viele Vorbilder.

1995

K. erfindet den Teckno. Dieser "Musik"stil ist eine selbstreproduzierende Kopiermaschine, die alles, was jemals musikalisch erdacht wurde, kopiert, und wie ein Fleischwolf in Teckno verwandelt. Reichtum.

1997

Erste Klonversuche an Texten (K.: DIE Technik der Zukunft). Unterbrochen durch die harte Arbeit an der Heimseite.

2001

K.'s elektrische Heimseite geht ans Netz.

Erste Kommentare: "Drei der vier Texte kannte ich schon" (S. Mutznock)

 

Lieblingsspeise: Falscher Hase, Duplo.

Lieblingsfilm: Das doppelte Lottchen

Was er nicht mag: Das Lied "Das gibt's nur einmal, das kommt nie wieder"

Lebensmotto: "Doppelt gemoppelt hält besser".

Publikus' Enttarnungen

Dieses Bild von sich hat Herr Kritikus auf seine Plagiatenseite gestellt. Es ist eine Fälschung. Mit Hilfe eines unredlichen Bildbearbeitungsprogramms hat er sich halb so dick gemacht, die Tränensäcke retuschiert und seinen Blutdruck auf ein erträgliches Maß gesenkt. Klug und besonnen will er auf sein Publikum wirken, der Fälscher.
Das echte Bild. Aufgeblasen, aufgeschwemmt, die letzten Zahnstoppel von der Galle zerfressen. Die dicken Füßchen können den mächtigen Leib kaum mehr tragen. Ein erschütterndes Zeitdokument eines schütteren Möchtegern-Künstlers, der sein Leben lang durch die Bretter brach, die auch für ihn die Welt bedeuteten.

 

Dabei war der junge Kritikus durchaus ein ansehnlicher Bursche, wenn auch übergewichtig, und ein begabter Literat, bevor diese Gallenkoliken einsetzten. Hier sehen sie ihn bei einer Lesung im Kreise seiner Jünger*

© Jus copiae: Bimmelfeind, Publikus

*Anmerkung: Diese Aufnahme soll keinesfalls irgendwelche, wie auch immer geartete, geschlechtliche Vorlieben zum Ausdruck bringen, sondern belegen, daß man sich auch unbekleidet an guter Literatur erfreuen kann, solange man dabei nicht unredliche Körperteile betrachtet.