MUSIC SCENE

Minus 8

In ruhigeren Gewässern

Mit seiner dritten Platte «Elysian Fields» ist der Zürcher DJ und Produzent Minus 8 wieder beinahe dort angelangt, womit er vor sieben Jahren angefangen hat: bei Latin-Beats und entspannter Atmosphäre.

von Raphael Zehnder

«Elysian Fields» heisst die neue CD des 33-jährigen Architekten Robert Jan Meyer alias Minus 8. Die elysischen Felder, im Gegensatz zum unterirdischen Schattenreich des Hades ein paradiesischer Ort am Westrand der Welt (jenseits des Ozeans, wohin die Lieblinge der Götter entrückt wurden, ohne zu sterben, um beim Totenrichter Rhadamanthys mühelos ewig zu leben), sind für den DJ «Synonym für einen paradiesischen Ort, wo es schön, angenehm und aussergewöhnlich ist und man aussergewöhnliche Dinge erfährt». Er verweist auf ein altgriechisches Symposienritual, an dem die Teilnehmenden mittels eines Mutterkorns-enthaltenden Tranks Halluzinationen sahen. Der Bezug auf die antike Psychedelik soll nicht zu falschen Schlüssen verleiten: «Ich bin uninteressiert an Drogen. Eine Drogentrip-ähnliche Wirkung entsteht eben gerade durch Musik oder Film selbst und durch die intensive Beschäftigung damit.» Mit dem Elysium habe seine Musik gemeinsam, dass sie «ein Feld mit einem Offenbarungsaspekt und ein unglaublicher Ort» sei. «Das Gegenteil davon wäre das Büro 317 des städtischen Arbeitsamts, das für mich Langeweile symbolisiert.»

Viel geändert

Auf den elysischen Feldern ist Minus 8 also gelandet, er nennt sie «einen mysteriösen Raum, welcher der Imagination freien Raum lässt.» Noch immer arbeitet er bei der Zürcher Plattenfirma Energetic Records. Es handle sich um eine «100-%-Stelle, auf 60 % komprimiert», so der Bruder des Rave-Promoters Arnold Meyer. Und noch immer gibt Minus 8 CD-Compilations heraus: «Science Fiction Jazz» ist bei der fünften Ausgabe angelangt, und «Batucada» fasst Latin-Tanzstücke zusammen. Sonst aber hat sich einiges geändert. Der Stil: Latin-beeinflusste melodiöse Downbeat- und Tanzbodenjazz-Stücke, aber auch Funk («Badman & Throbin»), haben den Drum'n'Bass von «Beyond Beyond» (1998) – ausser etwa im Stück «Breathe» – weitgehend abgelöst. Die Plattenfirma: Nach dem Inflammable-Label des französischen DJ Cam (für «Beyond», 1997) und der kleinen Sensation des vorletzten Jahres, nämlich dass der international kaum bekannte Zürcher beim Sony-Ableger Higher Ground in London unterkam, ist die Reihe bei «Elysian Fields» am Münchner Haus Compost.

Viel gepröbelt

Im Inland verkaufte sich der Vorgänger über 3000-mal. Sind mässige Verkaufszahlen der Grund der Trennung von Sony? «Es war ja super, dass die Platte bei Higher Ground erschien. In der Schweiz lief es relativ gut, die Platte war in den Top Fifty. Für Drum'n'Bass ist das schwierig zu erreichen. Vom Ausland erhielt ich bisher noch keine richtige Abrechnung. Im Programm der Grossfirma ist 'Beyond Beyond' sicher etwas untergegangen. Ein Nischenprodukt braucht einen Experten, der es mit seinem Namen pushen kann.» Ein weiterer Grund für den Labelwechsel liegt in Minus 8s Arbeitsweise: «Ich habe letztes Jahr herumgepröbelt. Erste Lieder, die noch völlig schlecht waren, schickte ich vor einem Jahr als Vorab-Demos an Sony, um zu zeigen, wie eine neue Platte ungefähr aussehen könnte. Die waren recht Latin- und Bossa-Nova-beeinflusst, weicher, melodischer Chill-Out. Das letzte Album bei Higher Ground war aber mehr Drum'n'Bass, denn das Label ist relativ hart: Grooverider, DJ Rap und Leftfield machen eher pushenden, harten Sound. Dieses Demo hat Sony nicht gefallen. Als ich zufällig Michael Reinboth von Compost traf, gab ich ihm ein weiterentwickeltes Demo. Er hat gleich Interesse gezeigt.»

Viel gelernt

Trotz einem 80-seitigen Vertrag, der zum Beispiel festhielt, dass Minus 8 noch ein halbes Jahr nach Ablehnung der Option warten müsste, bevor er einen neuen Vertrag eingehen kann, liess ihn Sony kulant ziehen. «Ich habe musikalisch einen Wechsel vollzogen, den Sony nicht erwartete, und zu einem Stil, auf den sie nicht spezialisiert sind. Die Underground-Bewegung wie Drum'n'Bass hat selber die ganze Vertriebskette aufgebaut, und das funktioniert in einem Independentnetz sehr gut. Als das die Majors sahen, kauften sie ein paar Künstler ein, z. B. Alex Reece, Roni Size, und das lief nicht immer ideal. Vielleicht ist diese Underground-Euphorie bei den Majors wieder etwas verblasst.» Diese strategische Bereinigung sei wohl der dritte Grund für die Vertragsauflösung gewesen. Eine Enttäuschung aus diesem missglückten England-Abenteuer blieb «vielleicht schon punkto Vorschuss. Bei einem Major zu sein, ist manchmal schon lässig. Man wird nach London eingeflogen und am Flughafen von einem schönen Auto abgeholt. Ich habe nun aber gelernt, nie ein unausgereiftes erstes Demo zu zeigen. Man darf keine Vorschläge präsentieren, sondern nur beinahe fertige Resultate.»

Minus 8 schlägt den Bogen zum neuen geschäftlichen Zuhause: «Compost ist ein sehr angesagtes Label mit guten Produkten. Durch seine guten Gruppen als Zugpferde, wie z. B. Rainer Trüby und Jazzanova, erhalten die neuen Releases grosse Aufmerksamkeit.» In diese Gesellschaft und in die des Wiener G-Stone-Labels (Kruder & Dorfmeister, Tosca, Peace Orchestra) passt die neue Platte von Minus 8 bestens: weitgehend instrumentale, entspannte Grooves mit Latin-Rhythmen. Er ist fast wieder dort angelangt, wo er 1993 als DJ Jazzy Boo begann: bei Acid Jazz, Funk und HipHop – und bei seinen frühen Vorlieben TripHop und Jungle. Nur heisst das alles heute Downbeat, Nu Jazz und Breakbeats.