SONNTAGSZEITUNG 02.08.98

Der Zürcher Drum'n'Bass-DJ Minus 8 produziert jetzt für den Plattenmulti Sony

VON LUKAS RÜTTIMANN

Robert Jan Meyer alias Minus 8 hat als erster Schweizer DJ einen Vertrag bei einem Plattenmulti erhalten - und das ausgerechnet in London, dem Mekka der Drum'n'Bass-Szene. Kein Wunder, gilt der Bruder von Technopapst Arnold Meyer als Shooting-Star der Schweizer Dance-Szene.

Nein, wie bei einem Techno-DJ sieht's bei Robert Jan Meyer zu Hause irgendwie nicht aus. Statt Unmengen von Platten stapeln sich Berge von frisch gewaschenen Kleidern in seiner Zürcher Wohnung. Der Plattenspieler könnte aus der Brockenstube stammen, und auch der Fernseher hat das Prädikat High-Tech-Gerät kaum verdient. Farbige Pillen oder andere Accessoires, die das Klischee des partyverrückten Dance-DJ bedienen würden, sucht man bei Meyer ebenfalls vergeblich - dafür streunt eine Katze umher und macht es sich auf einem der Kleiderhaufen gemütlich.

Robert Jan Meyer passt in dieses Szenario. Feingliedrig, ja fast zerbrechlich wirkt der hochgewachsene Zürcher DJ, der an der ETH in Zürich ein Architekturstudium abgeschlossen hat. Mit Bauplänen beschäftigt sich Meyer jedoch heute nicht mehr. Dafür jobbt er halbtags bei einem Techno-Label, kümmert sich dort um die Lizenzrechte für Sampler-CDs und legt unter dem Namen Minus 8 Platten auf. Mit Erfolg: Minus 8 ist der erste Schweizer DJ, der von einem internationalen Plattenmulti unter Vertraggenommen wurde.

Starallüren hat Meyer deshalb aber nicht. Er und seine Frau teilen die Wohnung nach wie vor mit einer dritten Person. Seine Frau, eine Russin, hat Meyer in Moskau bei Architekturarbeiten kennengelernt. "Ich habe sie also nicht per Annonce gefunden", scherzt er.

Solche Sprüche hört man von Robert Jan Meyer sonst eher selten. Normalerweise wählt der 31jährige seine Worte überaus bedächtig, stolpert gar manchmal über seine eigenen, komplexen Gedankengänge. In solchen Momenten erinnert er stark an seinen Bruder, der in der Techno-Szene längst kein Unbekannter mehr ist: Arnold Meyer, hinlänglich bekannt als Schweizer Technopapst.

Tatsächlich sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden verblüffend: Wie sein älterer Bruder ist auch Robert Jan Meyer im Gespräch stets darum bemüht, so analytisch wie möglich zu bleiben. Und dass ihm das nicht immer gelingt, macht ihn nicht minder sympathisch: Wie ein Star sei er sich vorgekommen, schwärmt er von seinem kürzlichen Auftritt am Paléo-Festival in Nyon, er habe dort sogar eine eigene Garderobe bekommen. "Das war schon etwas ungewöhnlich, ich bin ja kein Popstar", sagt er.

Weit davon entfernt ist er aber nicht mehr. Denn Minus 8 - den Namen hat er von der langsamsten Geschwindigkeit des Kultplattenspielers Technics - ist auf steilem Weg nach oben: Vor fünf Jahren hat Meyer damit begonnen, Soul, Funk und Jazz aufzulegen. 1995 wechselte er unter dem Namen Minus 8 auf die jazzige Drum'n'Bass-Schiene. Und nun, drei Jahre später, hat er bereits geschafft, wovon andere Schweizer DJs nur träumen: Der Branchenriese Sony, einer der grössten Musikkonzerne der Welt, hat ihn unter Vertrag genommen - und das nicht irgendwo, sondern gleich in London, dem Mekka der Dance-Musik-Szene.

Sein rasanter Aufstieg sei schon etwas ungewöhnlich, sagt Meyer. Den entscheidende Kick habe seiner Karriere wohl das Zusammentreffen mit dem französischen DJ Cam gegeben: Bei einem Auftritt des Star-DJ in Zürich drückte ihm Meyer einfach sein Tape in die Hand. Zu seiner Überraschung traf nur wenige Tage später ein Fax von DJ Cam in Zürich ein, und prompt erschien Meyers erstes Album "Beyond" auf dessen Label Inflammable. "Irgendwie sind wir wohl im musikalischen Geist verwandt", vermutet Meyer. DJ Cam war es auch, der die Kontakte zum Londoner Sony-Label Higher Ground herstellte. Anfang dieses Jahres war der Deal mit einem der grössten Musikkonzerne der Welt perfekt. "Wahrscheinlich war es einfach nur ein Mega-Zufall", gibt sich Meyer bescheiden.

Experten sehen das anders. Jason Rackham, der A&R-Manager von Sony Music London, der den Schweizer unter Vertrag genommen hat, bescheinigt Meyer einen eigenen Stil: "Minus 8 passt in keine musikalische Ecke, er ist frisch und originell." Minus 8 habe es geschafft, sich in der Ambient-Jungle-Szene ein eigenes Profil zu schaffen. "Und genau darauf steht die Drum'n'Bass-Szene", sagt der Talentspäher. Auch Arnold Meyer ist voll des Lobes für seinen Bruder. Er habe sicherlich mehr Talent als andere Schweizer DJs, urteilt der Technopapst.

Tatsächlich hat Minus 8 mit seiner morgen erscheinenden Platte "Beyond Beyond" überzeugende Arbeit abgeliefert. Innerhalb des Drum'n'Bass-Genres fährt Minus 8 eine sehr jazzige, weiche Linie. Dadurch sind seine Soundlandschaften im Gegensatz zu anderen Breakbeat-DJs sehr zugänglich, er bringt Ruhe in die Hektik. Nicht selten erinnert seine Musik deshalb an einen Filmsoundtrack. "Ich stelle mir immer einen Film vor, in dem jemand ganz allein durch die dunkle Nacht fährt. Keine Lichter, nur die Scheinwerfer des Autos auf einer endlosen Strasse - das wäre die Szene, zu der meine Musik am besten passen würde", bestätigt Meyer.

Auch wenn Filmsoundtracks derzeit in den Hitlisten an oberster Stelle stehen, weiss Meier, dass er mit seiner Musik dennoch kaum Millionär werden wird. Die Plattenfirma rechnet damit, in England nicht mehr als 15 000 Exemplare von "Beyond Beyond" absetzen zu können. "Jemanden wie Minus 8 muss man langfristig aufbauen", heisst es bei Sony in London. "Mit der ersten Platte wollen wir ihn zuerst einmal im Londoner Szenen-Untergrund etablieren."

Für Meyer hiesse das unter Umständen, dass er eines Tages seinen Wohnsitz von Zürich nach London verlegen müsste. "Wenn die Platte sehr gut läuft, könnte ich mir das durchaus vorstellen", sagt er. Allerdings macht ihm der Gedanke, aus Zürich wegzuziehen, auch gewisse Mühe: "Abgesehen von der Kulturszene ist London eben schon nicht gerade das Gelbe vom Ei", sagt er und streichelt dabei seine Katze.

Nein, wie zu Hause bei einem Techno-DJ fühlt man sich bei Robert Jan Meyer ganz bestimmt nicht.