Dort wo Du jetzt bist...


1. Teil: Gespräch mit deinen Stimmen


“Wehe mir! Ihr folgt mir?
Wehe mir!”

“Ja, wir folgen Dir!
Ja, ja, wir folgen Dir zu Dir -
und stammen noch von Ihr -
aus jenen fernen Zeiten;
aus jenem fernen Land.”

“Ich bin bereit, kommt her,
sprecht mit mir
und meiner Hand.”

“Wir folgen Dir.”


“Dein Kirschenmund:
Morellen unter dunklen Schatten.
Es gleisst die Sonne auf unschuldweisser Haut,
Schneeweisschen,
mein Rosenrot...
Und dunkle Felder laufen über den letzten Nachmittag...

Mich fröstelt; jetzt im August,
ziehe ich Efeuranken von den alten Rinden:
meine Hände schmerzen, ach...
und falten sich
wie ausgelesene alte Bücher.

Ich schreie es in den Wind:
Den Schmerz,
der mich gefangenhält,
einen Besiegten auf allen Wegen,
die Du einst gewandelt bist:
mit dem Hüpfen schneeweisser Falter.

Wer, wenn nicht ich selbst,
trachtet nach meiner Seele,
nach meiner armen Seele?
Welche Stimmen höre ich da?

Stimmen sprechen aus mir -
ein hölzerner Resonanzkörper
scharf geschnitzt
und doch so zart
wie junger Schnee
in den Dein Blut geritzt.


Rollen da nicht Steine bergan?
Blühen da nicht Blumen unter der Erde?
Wo kann ich sein?
Wo kann ich sein,
wenn ich leblos hänge
an den Ästen vor Deiner schmalen Tür?

Gibt es Gezeiten?
Wessen sind die tosenden Wogen?
Welche Herrin treibt sie an?”

“Folgen wir Dir -
wir -
die tanzenden Wogen
Deines ärmlichen Glücks.”


“Waren dort nicht Kohlweisslinge in Deinem schwarzen Haar?
Und ruhten nicht Mönchszikaden auf Deinen bleichen Wangen?
Ich kann Dich sehen:
ja, überall!
Ich kann Dich sehen!

Stimmt!
Es ist nur ein schreckliches Gebild.
Da sind Knochen -
und Aaskäfer laben sich
an Deinem Fleisch,
das so alt schmeckt
und so faulig riecht.


Skelett? Folgst Du mir noch?”

“Ja, ich folge Dir”
(...)

2. Teil: " Dort, wo Du jetzt bist...!

“Dort, nah bei Dir ruft mich die Nacht,
der Tod,
die Gruft:

Horch! -;

Nah bei Dir kann ich nicht sein,
nur fern
gleich meinem Fenster, in dem sich aus der Ferne
der Abendstern spiegelt...

Ich gelange nimmermehr
an Deine Wegekreuze:
Rechts der Jesus,
Links ein Barrabas
und gerade aus mein Kreuz: Ich...

Schau:
Ich lebe...
(schau mich nur an)

Begreifst von alldem nichts?


Dir fehlt eine Seele!
Du besitzest nichts derart..
Du kennst keine Seele.
Nichts ist Dir:

Kein Glück und kein Gefühl -
nur immerzu Dein Spiegelbild
vor dir herzerrend
wie eine jener Hexen:
Spieglein, Spieglein.

So sag ich Dir:
so wandelst Du:
gierig nach dem Leben,
das Du aus andren saugst,
gierig noch nach meiner Seele: noch.

Du wardst nie geboren.
Nie bist Du jenem kranken Schoss entwichen,
der Dich immer noch umgibt:
mit Bauchhöhlenwänden
und undendlichen Gedärmen.

Ja...Dich hungert nach meiner Seele.
Wenn ich mich Dir zur Beute gebe,
zerreisst Du mich in tausend Seelenstücke -
den Schakalen gleich
an den verendeten Gazellen -
Ha! Bist Du gar selbst Schakal?

Nein. Nicht mal das bist Du.
Nicht mal das..
Du kannst nichts sein.
Du frisst Dich durch
Deine blosse Hülle,
die schön anzusehen ist,
aber nicht begreifbar, denn
niemand kann Dich lieben:
Du kannst nicht lieben.

Nun, da ich fortgegangen bin,
kehrst Du zurück,
um mich zu töten,
da ich nicht länger Beute bin.
(ich soll Dich begleiten?)
Ha! Wohin?
Wohin denn?
Ich lache, sieh: ich lache.

Weder lebst Du,
noch stirbst Du eines Tages:

Sieh: -;
Deine Seele wandelt über den Ozeanen dahin,
mit jenen schweren Nebeln der Finsternis.

Dorthin aber folge ich Dir nicht. (Nie!)

Denn: sieh ich lebe
(sieh mich an).


Ich lebe gut.
Ich lebe ohne Deine hässliche Fratze,
die in Deinen Briefen nach Seele klingen.
Dabei verbirgst Du darin
Deine hässliche Fratze
unter einer geschmeiden Oberfläche...

Nun, da ich fortgegangen bin,
nun da ich schon weiterziehe,
zu einem anderen Mädchen hin,
es zu lieben
zu liebkosen, wie einst Dich.
Es wird nicht tot sein, sondern leben.
Es wird mich lieben und nicht fressen...

Dorthin bin ich gegangen!
Und Deine Ozeane, Deine Grüfte
werden in mir weichen,
so wie die Schatten weichen am grossen Mittag:

als wären sie nie dagewesen,
als wäre nichts geschehen...”