Ich breche mein Schweigen


Ich breche mein Schweigen:

Jahre waren’s, Jahre.
Du konntest leben - ich schwieg.
Du konntest lachen - ich schwieg.
Du gefielst Dir in dem Spiegel - wie eh und je.
Ich aber schwieg.
Du wolltest mich töten und ich schrie lautlos.
Du wolltest mich vergessen und ich fand keine Worte.
Niemand aber kann mein Wort töten.
Niemand bricht mir die Knochen der Sätze.
Niemand wird je meine Verse zerstören.
Dies aber ist meine Waffe,
nicht der Degen, nicht die Axt.
Dich zu verletzen,
Vers um Vers
Stich um Stich...
ich reisse Dir alle Narben auf
und verätze Dir Dein Gesicht:
mit meiner Klinge aus Träumen,
mit meinem Mut aus Tränen,
mit den lodernden Feuern in mir.

Ich will Dich nicht.
Ich habe Dich dereinst gerichtet
und hinabgestossen in den Abgrund.
Und hob Dich noch aus dem Graben,
damit Dich keiner finden könnte,
hinauf in den dunklen Wald.
Dich wird niemand mehr finden.
Du verendest wie jenes Schaf.
Mit Schmeissfliegen in den Augen
Und Würmern im Antlitz.


Und ich werde Dich nicht begraben -
auch sonst wird es keiner tun.


Mögen Dich die Raben finden
und Dir Dein Hirn raushacken.
Mögen Dich die Käfer durchbohren,
mögen tausende Fische Dich berühren in dem See,
in dem Du einst mit mir schliefst...

Schneewitwe Du, Schneeweiße.
Spinnenhaar
und Blutsaugerin.
Würgeschlange.
Bewahrerin der giftigen Früchte.

Dir sollen Ameisen durch die Ohren wandern,
Deine Gruft soll schäumen mit ätzendem Schleim
und Deine Arme sollen platzen
und grünes Blut soll aus Deinen Beinchen hervorquellen.

Ich breche mein Schweigen und meine Pfeile, die ich
fleissig in meinem Köcher sammle,
werden Dich treffen:

Weil Du Dich erinnern wirst.
Weil Du mir nicht entweichen kannst.
Weil ich - nach all den Jahren - weiss, wie und wo ich Dich finde.
Jeden Tag kann ich Dich finden
und jeden Tag werde ich Dich heimsuchen.

Ich breche mein Schweigen.
Ich breche mein Schweigen.


Mein Wort wird Dich töten.