Der folgende Beitrag erschien in der sehr lesenswerten Zeitung "Aufheben" Nr. 2/ 2007 (Thema Proletariat - "Humankapital oder Subjekt"). Bestellungen sind möglich unter: aufheben AT online.de.

Klasse, Klassenkampf, klassenlose Gesellschaft

I. „Klasse selbst ist kein Ding, sondern ein Geschehen.“
„Soziologen, die die Zeitmaschine angehalten haben und – unter beträchtlichem Aufwand an begrifflichem Geächze und Gestöhne – in den Motorraum hinabgestiegen sind, erzählen uns, daß sie nicht in der Lage waren, irgendwo eine Klasse zu lokalisieren oder zu klassifizieren. Sie können nur eine Vielzahl von Menschen mit verschiedenen Beschäftigungen , Einkommen, Status-Hierarchien und was es sonst so gibt, finden. Sie haben natürlich recht, 'Klasse' ist ja nicht dieser oder jener Teil der Maschine, sondern die Art und Weise, wie die Maschine funktioniert, wenn sie einmal in Gang gesetzt ist – nicht dieses oder jenes Interesse, sondern die Reibung von Interessen – die Bewegung selbst, die Hitze, das donnernde Getöse. Eine Klasse ist eine soziale und kulturelle Formation (oft mit institutionellem Ausdruck), die nicht abstrakt oder isoliert definiert werden kann, sondern nur über die Beziehungen zu anderen Klassen; und im Grunde kann diese Definition nur im Medium der Zeit vorgenommen werden – Aktion und Reaktion, Veränderung und Kampf. Wenn wir von einer Klasse sprechen, dann denken wir an einen sehr lose definierten Zusammenhang von Menschen, die dieselbe Anhäufung aus Interessen, sozialen Erfahrungen, Traditionen und Wertsystemen teilen, die dazu neigen, wie eine Klasse zu handeln, sich selbst in ihren Handlungen und ihrem Bewußtsein im Verhältnis zu anderen Gruppen klasssenmäßig zu bestimmen. Aber Klasse selbst ist kein Ding, sondern ein Geschehen.“ Edward P. Thompson (1)

„Das Kapital setzt also die Lohnarbeit, die Lohnarbeit das Kapital voraus. Sie bedingen sich wechselseitig, sie bringen sich wechselseitig hervor.“ Karl Marx (2)

Die ArbeiterInnenklasse ist eine der beiden großen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft. Sie ist ebenso vielseitig und vor allem widersprüchlich wie die kapitalistische Gesellschaft als ganze und existiert, unabhängig davon, ob sich ihre Mitglieder dessen bewußt sind oder ob sie es wollen oder nicht. Diejenigen, die heute in Zeitungen vom Verschwinden der ArbeiterInnenklasse schwadronieren, können schon morgen von streikenden ArbeiterInnen in den Druckereien und Verlagen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Die angebliche heutige Aufspaltung und Differenziertheit der Klasse hält den historischen Fakten nicht stand: Die ArbeiterInnenklasse war nie ein einheitlicher Block, bestand immer aus verschiedenen Schichten. So war die ArbeiterInnenklasse des 19. Jahrhunderts mit ihren landwirtschaftlichen KontraktarbeiterInnen, Facharbeitern, industriellen TagelöhnerInnen und Hausangestellten nicht weniger aufgespalten und widersprüchlich als die heutige mit den staatlich Bediensteten, den InhaberInnen von „Normalarbeitsverhältnissen“, den ZeitarbeiterInnen, den Scheinselbständigen, etc. (3) Sie unterliegt ständigem Wandel, einige ihrer Schichten vergehen, neue entstehen, ... Von daher war der Begriff der ArbeiterInnenklasse damals nicht besser als heute, aber dennoch ist er nützlich, um all diejenigen begrifflich zusammenzufassen, welche einer Lohnarbeit nachgehen und ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um im Kapitalismus überleben zu können, weil sie sich nicht im Besitz von Produktionsmittel befinden und auch über keinen anderen Zugang zu Lebensmitteln verfügen.

Das Dasein als LohnarbeiterInnen bringt nicht automatisch ein sozial-revolutionäres Bewußtsein hervor. So ist die ArbeiterInnenklasse notwendigerweise in ihrem Handeln und Denken, in ihrem gesamten Sein mit den Eierschalen und Muttermalen dieser bürgerlichen Gesellschaft behaftet, ihr Denken und Handeln ist von den gesellschaftlichen Zwängen bestimmt (4). Das vorherrschende ArbeiterInnenbewußtsein ist notgedrungen ein reformistisches: da die ArbeiterInnen zum jetzigen Zeitpunkt einer Lohnarbeit nachgehen müssen, um unter kapitalistischen Verhältnissen überleben zu können („stummer Zwang der Verhältnisse“). Zu diesen Verhältnissen gehört auch der Zwang die eigene Arbeitskraft zu einem möglichst hohen Preis zu verkaufen. (5) Von daher: Gewerkschaften und ArbeiterInnenparteien. Die Geschichte ist aber auch voll von Beispielen, daß sich das ArbeiterInnenbewußtsein von Zeit zu Zeit revolutioniert und revolutionieren kann (dabei existiert kein Automatismus zwischen dem Verlauf von Krisen und zunehmender Verelendung auf der einen und der Revolutionierung des Bewußtseins auf der anderen Seite; (6). Dabei ist die Entwicklung des Klassenbewußtseins ein dialektischer Prozeß (7), der sich aus den Komponenten der eigenen Erfahrung, der eigenen (Re-)Aktion und der Reflexion all dessen sowie den gegenseitigen befruchtenden Wechselwirkungen speist. Auf der ArbeiterInnenklasse lastet außerdem jede Menge bürgerliche Ideologie und Reaktion in Form von Ideen, Vorurteilen, Weltbildern und Werten (z.B. Antisemitismus, Arbeitsethos, Konkurrenzdenken, Leistungsideologie, Rassismus, Religion, etc.).

Die ArbeiterInnenklasse ist zugleich Produkt und Produzent der gesellschaftlichen Verhältnisse; sie ist Produkt des Kapitals, dessen Macht sie in den Betrieben produziert und dessen Teil sie zugleich ist. Marx hat dies in „Lohnarbeit und Kapital“ klar analysiert: „Das Kapital setzt also die Lohnarbeit, die Lohnarbeit das Kapital voraus. Sie bedingen sich wechselseitig, sie bringen sich wechselseitig hervor.“ Die von den LohnarbeiterInnen produzierte Macht des Kapitals wendet sich gegen sie: sie produzieren zugleich ihre eigene Ohnmacht (8). Ihre Aktivität wird in Passivität verwandelt, ihre Subjektivität in Objektivität. Ihre Aktivität, ihre Arbeit wendet sich in Form der entfremdeten Lohnarbeit gegen sie selbst. Die LohnarbeiterInnen bestimmen nicht die Bedingungen unter denen die Produktion stattfindet und nicht ihren Zweck: die Befriedigung einiger menschlicher Bedürfnisse, gewandelt in Konsum, ist dabei ein zufälliges Nebenprodukt, geht es doch um die Verwertung, die Realisierung des Werts. Indem die LohnarbeiterInnen Werte produzieren, dienen diese von neuem dazu, ihre Arbeit zu kommandieren und neue Werte zu schaffen. Und dennoch könnten die LohnarbeiterInnen die kapitalistische Maschinerie stoppen: Da nur ihr Funktionieren als Teil des Kapitals, als LohnarbeiterInnen, die ihre Arbeitskraft verkaufen und, während ihre Arbeitskraft verwertet und ihre Gesundheit und ihr Leben entwertet wird, Wert schaffen den Betriebsablauf gewährleistet. Insofern hat das Kapital die „Totengräber“ (Marx) seiner eigenen Ordnung produziert und produziert sie mit jeder neuen Fabrik und jedem neuen Büro, ob in Indonesien, Mexico oder wo auch immer. Das Verhalten der LohnarbeiterInnen beeinflußt die Verhältnisse und selbst in den gesellschaftlichen Rollen hat jede/r einen gewissen Handlungsspielraum (z.B. muß niemand Rassist, etc. sein, auch wenn dies gesellschaftlich von Staat und Kapital als Teil der Herrschaft von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit forciert und praktiziert wird). Das Lohnarbeits-/ Kapitalverhältnis ist ein soziales, ist ein Gewaltverhältnis, das zugleich auf Zwang, Aus-/ Einschluß und Trennung beruht. Es bringt somit notwendigerweise Gewalt und Trennung unter den proletarisierten/ kapitalisierten Menschen hervor: was sich in Mobbing, Rassismus, Sexismus, etc. äußert und was allesamt Folgen der allgegenwärtig herrschenden Konkurrenz sind.

Das Bild der ArbeiterInnenklasse hat(te) oft eher etwas mit einer gewissen Mystik und einer ideologischen Sicht der Klasse zu tun als mit einer Sicht, welche die gesellschaftliche Realität berücksichtigt. Dies kommt daher, daß die Klasse stets auch das Objekt der Begierden anderer war. „Jede Menge linker Kleinbürger (von den rechten ganz zu schweigen) haben sich die Arbeiterklasse zurechtgestutzt, wie sie in ihr ideologisches Konstrukt und politisches Konzept paßte. Ob als heroische 'revolutionäre' Klasse, als 'rassistischen Mob' oder als der Erziehung und der Hilfe der Partei bedürftige Masse. Dabei gehen sie nicht von den wirklich vorhandenen Widersprüchen aus, sondern konstruieren sich ihr Objekt, ihre Klasse so, daß sie ihrer Vermittlung bedarf und ihre Ideologie legitimieren. So sehen die politischen Gruppen die Klasse als beliebig zu manipulierendes und mobilisierendes politisches Objekt, um dessen Beherrschung sie mit anderen politischen Gruppen und Ideologien (links bis rechts, Gewerkschaften) konkurrieren (...) wollen. Für sie besteht die Klasse nach 'politischen Kriterien'; würden diese Gruppen die Klasse als soziales Subjekt sehen, würden sie ihre Existenzberechtigung aufgeben. Von daher ist es im eigensten Interesse (...) aller politischen Avantgardisten die Klasse nach politischen Kriterien als politisches Objekt, das der Vermittlung der Partei bedarf, zu behandeln.

Dabei ist die Arbeiterklasse revolutionärer und reaktionärer als es die parteioffiziöse Arbeitergeschichtsschreibung darstellt. Die Geschichte der Klassenkämpfe beweist: Die Arbeiter sind auch ohne revolutionäre Avantgarde fähig zu kämpfen. Die Arbeiterklasse ist aber nicht eine makellose Klasse, nicht ein monolithischer Block, nicht als ganzes und dauerhaft revolutionäre Klasse. Ebenso wie sie nicht der rassistische Mob oder die dumpfe Masse ist, für welche die konkurrierenden Eliten sie erklären wollen. Wer die Arbeiterklasse entweder zum kollektiven Helden verklärt oder sie verdammt, sitzt den Mythen der kleinbürgerlichen Linken auf, die entweder von den guten alten Zeiten der Arbeiterbewegung träumen oder die Grautöne zwischen dem eintönigen Schwarz-Weiß-Wesen der Klasse nicht wahrnehmen. Die einen überhöhen die Klasse, kennen nur das Kollektiv und nicht die Individuen, aus welcher die Klasse besteht. Die anderen kennen nur eine Masse zusammenhangloser Individuen und sehen nicht die kollektiven Arbeits- und Lebensbedingungen, Erfahrungen und Kämpfe.“ (9)

Die ArbeiterInnenklasse ist also keine revolutionäre Klasse schlechthin, auch wenn sie ihr Potential als revolutionäre Klasse oft genug unter Beweis gestellt hat (1905, 1917, 1921, 1956,1968, etc.): sie hat als Klasse das objektive und subjektive Interesse an einer Überwindung des Kapitalismus und sie hat aufgrund ihrer Stellung im gesellschaftlichen (Re-)Produktionsprozeß die Möglichkeit dazu. Hierin unterscheidet sie sich im Vergleich zu allen anderen revolutionären Ersatz-Subjekten der „revolutionären“ Grüppchen der letzten Jahrzehnte wie den Bauern und Bäuerinnen, den BefreiungsnationalistInnen, den bewaffneten KämpferInnen und Stadtguerilleros, den Frauen, den Massen der 3. Welt, dem Prekariat, den StudentInnen, etc. Der Großteil dieser Ersatz-Subjekte wurde von diesen Grüppchen sobald fallengelassen, wie die in sie projizierten Hoffnungen und Vorstellungen nicht erfüllt wurden. Ebenso haben viele Gruppen das Proletariat fallen lassen und andere nun das Prekariat als potentielles neues revolutionäres Subjekt entdeckt. Zum Prekariat haben Gilles Dauve und Karl Nesic treffend geschrieben: „Wir hören viel über das Auftauchen eines Prekariats. (...) die proletarische Stellung ist von Natur aus prekär. (...) [Es] gibt es keine Notwendigkeit, einen neuen Begriff zu erfinden, der nur eines der Elemente in Betracht zieht, die das Proletariat ausmachen, und läßt das andere gleichmäßig wichtige Element aus: das Proletariat wertet Kapital auf.“ (10)

II. Der Klassenkampf
Wie wir bereits festgestellt haben, ist das vorherrschende ArbeiterInnenbewußtsein aufgrund der Lebensumstände im Kapitalismus notgedrungen ein reformistisches. Der Klassenkampf ist der materielle bzw. praktische Ausfluß dieses Bewußtseins, dessen institutionalisierte Formen Gewerkschaften und ArbeiterInnenparteien sind. Der Klassenkampf ist weder eine Erfindung der Sozial-Revolutionäre noch des Kapitalismus, er ist so alt wie die Klassengesellschaft; er hat viele Formen und existiert nicht nur in Form des proletarischen Klassenkampfes für die soziale Revolution, d.h. Der Beherrschten gegen die Herrschenden und die Grundlagen der Herrschaft. Er existiert auch als Kampf der Herrschenden gegen die Beherrschten (z.B. Politik in Krieg und Frieden, Krise und Aufschwung, Einführung neuer Technologie/ Rationalisierung, Senkung des „Lebensstandards“, etc.), als Kampf der Beherrschten untereinander (z.B. zwischen verschiedenen Schichten, Abteilungen, Betrieben, Regionen) oder auch als Kampf der Herrschenden untereinander (z.B. als Konkurrenzkampf zwischen Privat- und Staatskapital oder zwischen weiteren Fraktionen). Er hat zwei Tendenzen: die erste ist diejenige marginale, aus welcher die soziale Revolution erwachsen kann, es ist der solidarische, gegen die Lohnarbeit und ihre Bedingungen gerichtete (hierzu muß sich der Klassenkampf in einen klassenaufhebenden Kampf verwandeln, in dem es nicht mehr „nur“ um bessere Verhältnisse und eine bessere LohnarbeiterInnenexistenz geht, sondern um die Aufhebung der kapitalistischen Verhältnisse und der elenden Existenz als LohnarbeiterInnen insgesamt); die zweite ist diejenige vorherrschende, die in Form des Kampfes als Teil der Klasse z.B. um mehr Lohn oder um Jobs, also um die Fortexistenz der ArbeiterInnen als ArbeiterInnen geführt wird und dessen vernachlässigte Aspekte sich in der Klasse selbst abspielen, als asozialer Konkurrenzkampf der ArbeiterInnen verschiedener Abteilungen, Betrieben, KollegInnen, Regionen, etc. gegeneinander. Der Konkurrenzkampf der ArbeiterInnen gegeneinander äußert sich zumeist reaktionär in Form der Verteidigung der eigenen Situation und Privilegien gegen andere Gruppen und Schichten von ArbeiterInnen: z.B. in Form von Feindschaft gegen KollegInnen, in Form des Rassismus gegen ausländische KollegInnen oder des Regionalismus gegen „Ossis“ oder „Wessis“ oder gegen andere Belegschaften, Berufsgruppen und Standorte, etc. Diese zweite und vorherrschende (und oftmals institutionalisierte) Tendenz des Klassenkampfs ist notwendig Teil des Kapitalismus: Hier zeigt sich der ArbeiterInnenkampf als Teil des Kapitals, denn es geht nicht um die Aufhebung des Kapital-/Lohnarbeitsverhältnisses, sondern um seine Aufrechterhaltung (diese bedeutet immer Trennung und findet immer auf Kosten der ArbeiterInnen selbst statt, egal ob in Krieg oder Frieden, in Krise oder Aufschwung, etc.). Diese Form des ArbeiterInnenkampfes wird geführt um die notwendige Reproduktion der ArbeiterInnenklasse und erhält als Antwort des Kapitals die Rationalisierung, Umstrukturierung und verstärkten Einsatz von kapitalistischer Maschinerie und Technologie, um den Unsicherheits- und Unruhefaktor der LohnarbeiterInnen zu bändigen und zu reduzieren.

„In verschiedenen Formen taucht der Klassenkampf auf: am bekanntesten in seiner idealisierten und ideologisierten, von Gewerkschaft oder Partei institutionalisierten und organisierten Form als gewerkschaftlicher oder revolutionärer Kampf. Diese Organisationen wähnen sich ein Monopol auf den Klassenkampf zu haben und diffamieren andere, als die von ihnen repräsentierten, Formen des Klassenkampfes als 'anarchistisch', 'individualistisch' oder 'kleinbürgerlich': Bummeln, Krankfeiern, Sabotage, Vortäuschen von Arbeit, wilde Streiks, ... weil sie der Organisationen, welche meinen für den Klassenkampf und seine Organisation zuständig zu sein, nicht bedürfen. Diese verschiedenen Formen verdeutlichen, daß es zweierlei Art von Klassenkämpfen der Arbeiter gibt: die selbst organisierten Kämpfe der Arbeiter und der institutionalisierte Klassenkampf der Spezialistenorganisationen mit seinen meist berechenbaren Aktionen, die meist mehr politischen als sozialen Charakter haben. Dabei sind die Grenzen zwischen den Formen fließend: so werden gewerkschaftliche Aktionen oder offizielle Streiks oft von Arbeitern aus ganz anderen Gründen unterstützt und mitgetragen und mache anfangs 'wilde' erlangen aufgrund des Drucks der Gewerkschaftsbasis Unterstützung der Gewerkschaften.

Der Klassenkampf in Form von Lohnforderungen hat eine systemerhaltende Funktion: die Reproduktion der Ware Arbeitskraft wird gesichert (auch wenn das Lohnniveau nicht unbedingt erhalten bleibt), das Kapital zu Rationalisierung und Anwendung und Entwicklung neuer Technik im Interesse einer kostengünstigeren Produktion. Der einzelne Kapitalist mag über Lohnerhöhungen stöhnen, das Gesamtkapital hat an ihnen zeitweise und unter gewissen Umständen durchaus ein Interesse und umgekehrt.

Der Klassenkampf ist als dialektischer Prozeß zu sehen: Teile der Klasse sind gezwungen zu kämpfen, gegen die Bedingungen des Überlebens und der Lohnarbeit; die in diesen Kämpfen gewonnenen Erfahrungen, welche von Teilen der Klasse, darunter sozialrevolutionären Arbeiterinnen und Arbeitern, reflektiert werden, dienen erneut dazu laufende und sich entwickelnde Kämpfe zu befruchten. Klassenbewußtsein ist keine metaphysische oder steril-statische Größe, sondern materialisiert sich in Kämpfen, entsteht in ihnen und befruchtet diese von neuem, d.h., Klassenkämpfe sind Ausdruck von Klassenbewußtsein und bringen zugleich neues hervor. Die Kämpfenden ändern (zeitweise oder dauerhaft) die Bedingungen, ihre Beziehungen untereinander und zu den Verhältnissen und verändern sich gleichzeitig; sie lernen sozusagen während sie kämpfen; sie lernen zu gehen, indem sie gehen. Die bürokratische Organisation raubt diesem Kampf seine Dynamik, seine Energie, Entwicklungsfähigkeit, Sprengkraft und Unberechenbarkeit. Indem die Gewerkschafts- und Parteifetischisten uns den künstlichen Gegensatz zwischen Spontaneität und Bewußtsein aufbauen, zerstören sie die Kreativität der Klasse und begründen gleichzeitig ihren Machtanspruch.

Jeder Klassenkampf (auch der von Spezialisten organisierte und überwachte) beinhaltet zumindest die Möglichkeit aus seinem begrenzten Rahmen in einen alles in Frage stellenden Kampf zu münden. So beteiligen sich Kollegen an Streiks, nicht unbedingt, um die Forderungen der Gewerkschaftsbürokratie zu unterstützen, sondern auch um z.B. der Lohnarbeit fern bleiben zu können oder um im 'Schutz' des offiziellen Streiks ihre eher nicht so offiziellen Bedürfnisse, Forderungen und Kritik zu artikulieren, wozu sonst vielleicht nicht die Möglichkeit bestehen würde. In jedem Streik steckt die Möglichkeit für Teile der Streikenden, ihre gemeinsamen Interessen ebenso wie ihre gemeinsame Lage als Lohnarbeiter wahrzunehmen, aber auch ihre eigene Stärke und die der Kollektivität zu spüren und daraus Mut und Kraft zu schöpfen. Diese Kollektivität bleibt zwar die des Zwangskollektivs, der wahllos zusammengewürfelten Menschen, die scheinbar interesselos in den Arbeitsstätten als Kollegen zusammengepfercht sind, deren gemeinsames Interesse im kapitalistischen Betrieb zuallererst der ökonomische Zwang ist, einer Lohnarbeit nachgehen zu müssen, um überleben zu können. Aber in dem Streik steckt mehr: die Kollegen streiken gemeinsam, weil sie dazu gezwungen sind, aber es vereint sie auch dieses gemeinsame Interesse. Darüber hinaus führen sie alle tagaus und tagein denselben Kampf, ob 'bewußt' oder 'unbewußt', ob 'erfolgreicher' und eher auf verlorenem Posten: den Kampf gegen die [Ordnung – R.D.] Lohnarbeit als Menschen, die in ihr, gegen sie und über sie hinaus existieren bzw. existieren wollen. Die Arbeiter kämpfen also nicht, weil sie dazu aufgerufen werden, sondern weil es für sie keine andere Möglichkeit gibt. Es sind Kämpfe gegen den Arbeitsrhythmus, gegen die Degradierung zur Maschine, gegen neue und alte Techniken und Normen, gegen Umstrukturierungen und Neuorganisation, für Freiräume und Pausen, ...

Wenn Arbeiter kämpfen, ihre Erfahrungen machen und daraus lernen, ist es das eine. So manche schmerzliche Erfahrung ist dabei. Diese Art von Kampf ist notwendig, die in ihnen entstehenden Organe und die Formen, die sie annehmen, sind ein Quell neuer Beziehungen und neuer Erfahrungen. Die linken Gruppen hingegen, welche Kämpfe ideologisieren und meinen sie könnten kluge Ratschläge geben und gewisse Kampfformen als Vorbilder geben, fixieren die Arbeiter auf ausgelutschte, den jeweiligen Organisationsinteressen und früheren Kämpfen, aber nicht den Bedürfnissen des Kampfes entsprechende Formen und Vorbilder (Gründung von Betriebsgruppen, Aktionen, ...). Die lohnabhängigen Menschen führen Kämpfe nicht weil sie es wollen, sondern weil sie dazu gezwungen sind. Etwas anderes ist es allerdings, wenn dieselben Menschen im Rahmen von Kämpfen organisiert werden – im Wissen um deren Nutz- und Perspektivlosigkeit. Dies bedeutet dann, Illusionen in politische Bewegungen und den Staat zu schüren, die beteiligten Menschen zu manipulieren usw. usf.. Diese Gruppen stehen außerhalb der Betriebe, wissen meist nicht, unter welchen Bedingungen heute gearbeitet, kritisiert und gekämpft wird und hängen klischeehaften und romantischen Vorstellungen über den heroischen Kampf einer ihnen fremden Klasse an. Im Kampf der Arbeiter und in ihrer Stellung liegt der Schlüssel zur Lösung des proletarischen Dilemmas, der Aufhebung der Lohnarbeit. In den Kämpfen der Arbeiter sind Keime einer möglichen zukünftigen sozialen Revolution und menschlichen Gesellschaft vorhanden. An diesen gilt es theoretisch und praktisch anzuknüpfen, nicht sie zu ideologisieren und zum Fetisch zu erklären.“ (11)

Wichtig ist auf jeden Fall die Grenzen des gewöhnlichen und gerade des derzeitigen betrieblichen und des Klassenkampfes zu verstehen. Aber auch zu verstehen, daß selbst wenn es noch so ruhig in diesem Land scheint, mehr „läuft“, als wir uns oft bewußt sind (und es gab in den letzten zwei, drei Jahren mehr - auch „wilde“ - ArbeiterInnenkämpfe als noch vor einigen Jahren). Was Peter Birke für die Jahre nach 1969 schreibt, könnte auch auf künftige Tage zutreffen: „In der 'Streikwelle' nach 1969 öffneten die Akteure sozusagen nur ihr Visier, die bereits zuvor vorhandenen sozialen Ansprüche und Forderungen wurden auf den Tisch gelegt und öffentlich verhandelt.“ (12) Derzeit dominieren defensive Abwehrkämpfe, welche aber auch Perspektiven (?) und Beispiele des Widerstands aufzeigen. So hat z.B. der wilde Streik bei Opel im Sommer 2004 gezeigt, wie sich soziale Organisation im Betrieb im Rahmen eines ArbeiterInnenkampfes entwickelt kann und jede/r seine Aufgabe darin findet und wahrnimmt (13). Natürlich haben Klassenkampf und soziale Revolution auch nichts mit der von der Linken oftmals neu entdeckten „sozialen Frage“ und ihren diesbezüglichen Kampagnen (z.B. im Fahrwasser der Gewerkschaften) zu tun.

III. Eigene Erfahrungen
Um die widersprüchlichen Tendenzen in der Klasse, ihre widersprüchliche Existenz zu verstehen, gibt bereits ein einfacher Streik interessante Einblicke. Oft ist es ein gewerkschaftlicher Streik, in dem allerdings bereits verschiedene Einflüsse, Tendenzen und Fraktionen sichtbar und wirksam werden. Es ist interessant wie ein Streik oder ein sei es nur ein Warnstreik das Verhalten und das Verhältnis der KollegInnen zu- und untereinander verändert. Menschen, die bisher als KollegInnen nebeneinander hergearbeitet, also einfach nur funktioniert haben, beginnen (oft unter Kontrolle der Gewerkschaft) eigene Schritte zu gehen, widerständig zu werden, die Grenzen des in der Arbeitswelt erwünschten Engagements zu überschreiten. Der Gegensatz zwischen den KollegInnen auf der einen Seite und der kleinen und großen Chefs auf der anderen Seite wird vom Großteil deutlich als solcher empfunden und sichtbar. Und auch hier scheint nichts so wie es ist: ein Teil der Belegschaft ist dabei, weil es andere auch sind; ein Teil steht hinter den üblichen ökonomistischen Forderungen der Gewerkschaft; doch ein Teil steht dem Treiben kritisch gegenüber, macht vielleicht mit, um nicht arbeiten zu müssen, hat seine Kritik an den lausigen Forderungen und dem Vorgehen der Gewerkschaft, hat eventuell weitergehende Kritik und empfindet Unbehagen gegenüber der eigenen Statistenrolle, für deren Erfüllung („diszipliniertes Verhalten“) ihm von den Gewerkschaftsoffiziellen gedankt wird, ahnt die faulen Kompromisse. Nach außen erscheint es als gewerkschaftliche Aktion, in sich hat aber jede/r ihre/seine eigenen Beweggründe und wenn andere Tendenzen nicht für alle sichtbar werden, dann oft nur aufgrund von Schwäche, Isolation und falscher Bescheidenheit. Aber Unmut äußert sich nicht nur über die offizielle Gewerkschaftspolitik, über die lausigen Prozentforderungen der Gewerkschaft, so daß Forderungen nach „Euroausgleich“ oder mehr Urlaub und Freizeit und weitergehende Forderungen die offizielle Gewerkschaftsposition konterkarieren (können). Nach dem Streik bleibt neben der Gewißheit selbst und geschlossen handeln zu können auch die wichtige Erfahrung KollegInnen einmal anders kennengelernt zu haben, Gemeinsamkeiten erkannt und gefühlt zu haben und über den Streik hinaus miteinander auf einer anderen Ebene sprechen zu können, sich auch füreinander zu interessieren (z.B. auch über Berufsgruppen oder Kategorien wie „Angestellte/r“ und „Arbeiter/in“ hinweg) ... So kann ein Streik Vorgeschmack sein auf andere Zeiten: Zeiten der Solidarität, des gemeinsamen Kampfes, aber auch der Repression von Seiten der kleinen und großen Chefs. Bereits in solch einem gewerkschaftlichen Streik stecken weitergehende Tendenzen, verschiedene Motivationen, die Grenze zwischen Objekt und Subjekt wird fließend (aber nur dort, wo die gewerkschaftliche Dominanz gebrochen wird).

IV. Die klassenlose Gesellschaft hat als Voraussetzung die Selbstaufhebung des Proletariats
Die Geschichte der institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung hat eines deutlich gezeigt: Die Befreiung der ArbeiterInnen kann nur das Werk der ArbeiterInnen selbst sein. Denn: „Die Arbeiterbewegung in Form der 'Arbeiterparteien' und der Gewerkschaften waren von Anfang an Organisationen nicht zur Emanzipation des Proletariats von der Lohnarbeit, sondern Organisationen zur Emanzipation des Proletariats zur Lohnarbeit und Integration in die kapitalistische Produktionsweise. Die Arbeiterbewegung war von Anfang an nichts anderes als eine kleinbürgerliche Reform- und Oppositionsbewegung, welche zeitweise von Arbeitern und Kleinbürgern unterstützt wurde, aus jeweils klassenspezifischen Interessen: beide suchten ihre Integration, ihren Platz. Das Kleinbürgertum hat ihn gefunden, die Arbeiter nutzten die Arbeiterbewegung, kämpften mit, ohne oder gegen sie. Im Endeffekt haben die Führer der Arbeiterbewegung mittels der Arbeiterbewegung ihre individuelle Befreiung von der Lohnarbeit verwirklicht; dabei konnten sie sich auf die auch in der Arbeiterschaft vorhandene kleinbürgerliche Ideologie und deren kleinbürgerlichen Praxis-Ausfluß stützen. Sie forderten die Verbürgerlichung der Arbeiter ein, ihren 'gerechten' Anteil am Reichtum, an der Anerkennung, an politischer Vertretung, an Rechten und Freiheiten. Ein Ausdruck dessen waren die Arbeiterparteien, die Gewerkschaften, die Konsumvereine, die Genossenschaften, etc. Die Arbeiter hatten und haben als Verkäufer der Ware Arbeitskraft Anteil am kapitalistischen Produktionsprozeß, als solche waren sie Verkäufer und handel(te)n als solche, in Konkurrenz untereinander. Die Arbeiterführer forderten genauso ihren Platz in der Gesellschaft ein wie die Studenten 1968 und sie fanden ihn genauso wie diese. Der Traum von der 'Gegenmacht' ist zum Alptraum des Staatskapitalismus und der Realpolitik geworden; er ist verendet in den Parlamenten, in den Parteien, in den Gewerkschaften, in ihr Gegenteil verkehrt, selbst Teil der materiellen Macht geworden, vom Beginn seiner materiellen Verwirklichung an gewesen.“ (14)

Die institutionalisierte ArbeiterInnenbewegung in Form der Gewerkschaften und Parteien hat die Klasse in das System integriert und war gleichzeitig die Institution des vorherrschenden reformistischen ArbeiterInnenbewußtseins, der Ideologie des Überlebens. Sie hat für die ArbeiterInnen als ArbeiterInnen gekämpft und dafür gesorgt, daß alle geblieben sind, was sie waren: die ArbeiterInnen ArbeiterInnen, nur daß sie nun auch wählen dürfen, das Recht auf Meinungs- oder Versammlungsfreiheit besitzen ... Die rechtliche Gleichheit sozial Ungleicher ist mit dem Segen der alten ArbeiterInnenbewegung verwirklicht.

Weil das ArbeiterInnendasein nicht etwas an sich Gutes ist, das in die Klassengesellschaft gerettet werden müßte und weil – wie wir weiter oben ausgeführt haben – Kapital und Lohnarbeit zwei Seiten eines gesellschaftlichen Verhältnisses sind, kann der Kampf für die klassenlose Gesellschaft nur sowohl anti-bürgerlich als auch anti-proletarisch sein, weil es keine proletarische Identität zu verwirklichen oder zu verteidigen gibt, sondern allein die menschliche Gemeinschaft. Die Kraft für den Kampf gegen den Kapitalismus speist sich aus dem Haß auf die kapitalistischen Verhältnisse, daraus, nicht mehr länger nur Arbeiter/in sein zu wollen, d.h. nicht mehr länger auf das ArbeiterInnendasein reduziert zu sein. Der Haß auf die kapitalistischen Verhältnisse speist sich aus der Ablehnung der tagtäglichen Erniedrigung und Reduzierung und aus der Ablehnung der tagtäglichen Demütigung und Vergewaltigung der Menschen, welche die Despotie der Lohnarbeit und ihre Folgen für die Mehrzahl der Menschen bedeutet. Das tagtägliche Gewaltverhältnis der Lohnarbeit läßt den Wunsch entstehen, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ ( Karl Marx) ist. (15) Die ArbeiterInnen können nicht die „politische Macht“ übernehmen, sondern müssen sie zerschlagen, um nicht länger ArbeiterInnen – und sei es in einem „Arbeiterstaat“ -bleiben zu müssen. (16) Da die soziale Revolution schließlich, wie die Bezeichnung schon sagt, eine s o z i a l e R e v o l u t i o n ist, kann ihr Ziel deshalb auch nicht in der Ergreifung der politischen Macht, sondern einzig und allein nur in ihrer völligen Zerstörung liegen. U. a. die russische Erfahrung von 1917ff. (17) und die spanische von 1936ff. haben uns dies gelehrt.

Die soziale Revolution besteht nicht im Sieg der ArbeiterInnenklasse über das Kapital, sondern in der Selbstaufhebung des Proletariats und der Aufhebung aller Klassen. Von daher gibt es keine „Diktatur des Proletariats“ zu verwirklichen und keinen „Arbeiterstaat“ aufzubauen. Mit dem Klassenkampf werden gleichzeitig die gesellschaftlichen Verhältnisse überwunden, welche ihn immer wieder aufs neue hervorgebracht haben. Diese Aufgabe kann dem Proletariat keine/r abnehmen und es gibt keine Abkürzungen zur sozialen Revolution.

Die ArbeiterInnenklasse war und ist stets beides: potentielles revolutionäres Subjekt und Humankapital. Zum einen muß(te) es sich und seine Arbeitskraft stets verkaufen, um überleben zu können. Zum anderen muß(te) es sich aber stets selbst behaupten, um nicht unterzugehen und sich gänzlich im Kapital und seiner Funktion zu verlieren. Das Überleben im Kapitalismus ist stets verbunden mit einem Ringen um Menschlichkeit und Menschsein, einem Kampf gegen die Lohnarbeit, gegen die eigene Reduktion auf eine ökonomische Funktion des Kapitals und eggen die Negation des Menschseins. An diesem jahrhundertealten Kampf knüpfen wir mit unseren heutigen Kämpfen an.

Was bedeutet all das für Sozialrevolutionäre? Sozialrevolutionäre ArbeiterInnen sollten ihre eigene Rolle weder über- noch unterschätzen. Weder intervenieren sie in Kämpfe („intervenieren“ tun politische Gruppen, die in für sie fremdes Terrain vorstoßen) noch dürfen sie sich mit einem reinen Beobachterstatus zufriedengeben: sozialrevolutionäre ArbeiterInnen kämpfen als Teil der Klasse. Aufgabe von SozialrevolutionärInnen sollte es sein, Selbstorganisierungs-, Selbstverständigungs- und Bewußtwerdungsprozesse von LohnarbeiterInnen zu unterstützen und die oft vorherrschende Isolation und Resignation zu bekämpfen (und sei es durch Dokumentationen von ArbeiterInnenkämpfen, Unterstützung von außergewerkschaftlichen und überbetrieblichen Netzwerken, Unterstützung von kämpfenden KollegInnen, etc.) zu organisieren, Diskussionen wie diese zu führen, etc. und natürlich als sozialrevolutionäre LohnarbeiterInnen im Betrieb zu wirken (wobei die Wirkungsmöglichkeiten wie überall von den Kräfteverhältnissen abhängen und niemand „Märtyrer“ braucht). Dabei muß die Selbsttätigkeit der Menschen stets im Mittelpunkt stehen, soll der Kampf nicht als Farce oder Alptraum enden. Die ArbeiterInnen produzieren die Macht, sie können und müssen sie vernichten, wenn sie ihr Überleben beenden wollen. Das kann ihnen keine/r abnehmen. „Kommunisten organisieren sich, d. h. sie organisieren sich selbst: sie organisieren nicht andere. Richtig auf den Punkt bringen es die Ausführungen von Dauve und Nesic: „Eine der schlimmsten Illusionen ist der Glaube, daß alle Bedingungen für eine Revolution vorhanden sein würden, alle, außer einer: der Organisation ... oder den Informationen, die notwendig für die Proletarier sind, um sich selbst zu organisieren. Wenn die Renault-Arbeiter weiter arbeiten, während die Peugeot-Arbeiter streiken, geschieht dies nicht, weil sie nicht wissen, was in den Peugeot-Fabriken vor sich geht, sondern weil der Peugeot-Konflikt innerhalb der Grenzen eines 'Arbeitskampfes' bleibt und weil er nicht etwas ins Spiel bringt, was für beide Unternehmen und was vielen anderen gemeinsam ist, etwas, das die Renault-Arbeiter drängen würde ebenfalls ihre Werkzeuge niederzulegen. Die Verbreitung von Informationen ist notwendig: es ist nicht eine Bedingung des Kampfes oder seiner Ausdehnung. Sogar in einem solchen unangreifbaren Platz wie einem Gefängnis, läßt jeder konsequente Streik oder Aufstand Kommunikationskanäle entstehen und verbreitet sich von einem Gefängnis zum anderen. Dennoch glaubt der Propagandist immer, daß er die Arbeiter anregt, indem er sie mit den unentbehrlichen Gegen-Informationen versorgt.“ (18) Dabei ist klar, daß unsere Theorie nur Widerspiegelung und Verallgemeinerung der Praxis der bestehenden und vergangenen Kämpfe sein kann, aber anderen sozialrevolutionären Arbeiterinnen und Arbeiter keinen Leitfaden für ihr eigenes Handeln an die Hand geben oder Parolen vorgeben kann. Konkrete Fragen, Probleme und Situationen erfordern konkrete Antworten, Lösungen und Organe des Kampfes (z.B. Räte), die nur von den betroffenen konkreten Menschen und KollegInnen gefunden werden können und müssen. Dabei können und sozialrevolutionäre ArbeiterInnen für mehr theoretische Klarheit sorgen.

Die soziale Revolution ist zwar unter den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen subjektive und objektive Notwendigkeit, sie besitzt allerdings keine Zwangsläufigkeit oder einer Gesetzmäßigkeit, sondern stellt eine Möglichkeit unter vielen neben der kapitalistischen Barbarei dar. Natürlich sind wir heute noch von der sozialen Revolution weit entfernt, das Niveau des Klassenkampfes ist niedrig und oftmals herrschen Angst, Bescheidenheit und Illusionen ebenso vor wie Frustration, Isolation und Resignation, aber es gibt auch schwache Ansätze einer gewissen Neuorientierung und „Radikalisierung“ von Teilen der ArbeiterInnenklasse. Ausdruck von all dem sind die wachsende Zahl an Arbeitskämpfen in den letzten Jahren und z.B. Streiks wie bei Opel, Gate Gourmet oder bei BSH, aber ebenso die allgemeine Stimmungslage und Unzufriedenheit im Land und in den Betrieben. Die Wahlergebnise für Die Linke in Bremen oder die WASG sind auch ein Indiz für eine – da geben wir uns keinen Illusionen hin und wissen um die Widersprüchlichkeit - sicher gemäßigte „Radikalisierung“. Auch solche Diskussionen, Projekte wie Aufheben und die beteiligten Gruppen und Diskussionszirkel, die es vor einigen Jahren so nicht gab, sind ein Indiz für eine gewisse „Radikalisierung“.

An die Stelle der Praxis und Theorie der alten ArbeiterInnenbewegung, ihrer Patentrezepte, Ideologie und Politik muß ein materialistisches Verständnis der eigenen Situation und der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie ein leidenschaftliches Interesse am Kommunismus treten. Im Mittelpunkt der Orientierung sozialrevolutionärer Arbeiterinnen und Arbeiter müssen die Selbsttätigkeit der Klasse sowie die Bedürfnisse, Sehnsüchte und Träume der einzelnen Menschen stehen, welche zusammen die Klasse bilden. Nicht die Einsicht in irgendeine nicht existente geschichtliche Notwendigkeit oder historische Mission, sondern die Einsicht in die eigene Lage und das brennende, leidenschaftliche Interesse am Kommunismus, am Leben, das Schluß macht mit dem ökonomisch verwerteten, im Zustand des Überlebens existierenden Daseins, kann die Triebfeder für eine mögliche soziale Revolution und eine kommunistische Gesellschaft sein.

Red Devil, August-September 2007

www.oocities.com/raetekommunismus www.oocities.com/revolutiontimes

Fußnoten

(1) in Edward P. Thompson in , „Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse“, 1987, S. 963
(2) in Karl Marx, „Lohnarbeit und Kapital“, S. 39
(3) Derzeit dominiert das Trennende in den Arbeitskämpfen und es gibt einige privilegierte Schichten, die für sich im Gegensatz zum Rest der Belegschaften „Erfolge“ sichern können und die Vielseitigkeit der Klasse widerspiegeln: z.B. IT-Kräfte, KlinikärztInnen, LokführerInnen oder PilotInnen.
(4) zu den notwendigerweise mit dem Leben im Kapitalismus und der Kapitalisierung unserer Leben verbundenen Folgen siehe u.a. auch den Beitrag „Kapitalisierung unserer Leben“ in Red Devil, „Widerworte. Gegen die kapitalistische Verfaßtheit der Gesellschaft (2006-2007)“, 2007.
(5) Auch wir arbeiten lieber weniger für mehr Geld, wenn wir denn schon einer Lohnarbeit nachgehen und Geld für unser Überleben unter kapitalistischen Verhältnissen verdienen müssen. Aus einem Kampf für Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen, also aus einem systemimmanenten und zumeist gewerkschaftlich institutionalisierten Kampf, dann aber eine revolutionäre Perspektive zu machen, sich hiermit zufrieden zu geben oder wie es der Anarchosyndikalismus macht, das ganze zu einem revolutionären Kampf zu erklären und dies dann zu institutionalisieren, ist etwas völlig anderes. „Die Organisationsform und die Praxis der Gewerkschaft war nie, ist nicht und kann nie 'revolutionär' sein, egal wie sehr es ihre Gründer und Mitglieder auch wollen mögen. Gewerkschaften haben sich immer um den Verkauf der Ware Arbeitskraft gekümmert. Daran ist nichts 'revolutionär', es ist eine systemimmanente und systemerhaltende Funktion. Die Anarchosyndikalisten der FAU wollen (...) einen Ersatz für die Gewerkschaften; sie wollen ihre einstigen positiven Züge verbinden, die negativen jedoch ausklammern, kurz: sie wollen eine Organisation schaffen, welche eine Gewerkschaft wäre – ohne 'wirklich' eine zu sein – und trotzdem eine bliebe. Es regiert das Prinzip, die Geschichtlichkeit der Gewerkschaftsbewegung wird ignoriert, ihre Wirklichkeit ausgeklammert. (...) Auch die 'revolutionäre' Gewerkschaft bleibt eine Gewerkschaft wie auch die 'revolutionäre' Partei eine Partei bleibt. Die Form bedingt in diesem Fall den Inhalt und die Funktionsweise. Der Emanzipation der Arbeiter stehen alle bürgerlichen Organisationen entgegen, auch die Gewerkschaften.“ in Red Devil, „Zur Kritik der Arbeiterbewegung, des Marxismus und der Linken“, 2004, S. 59-62
(6) siehe hierzu u.a. die in der Bibliothek des Widerstandes erschienenen Broschüren; die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen das Proletariat von „bewußten“ Avantgarden und ihrer Politik ausgebremst wurde. Die Geschichte ist voll von Beispielen, in den das Proletariat ohne künstliche Führer gekämpft hat und sich selbst eigene Organe seines Kampfes gegeben hat: Räte, Streikkomitees, ... ob in 1905, 1917, 1921, 1953, 1956, 1968 ...
(7) siehe hierzu unsere bereits in Aufheben # 1 gemachten Ausführungen, die hier noch einmal angeführt sein sollen: „Die eigenständige Aktivität der Klasse ist dabei nicht ein Produkt einer wie auch immer gearteten 'Spontaneitätstheorie', sondern Ergebnis und Antwort auf sich konkret stellende Fragen und Probleme. Theorie und Praxis lassen sich nicht schematisch gegenüberstellen. Beide leben voneinander, bedingen einander. Theorie ist reflektierte Praxis (Räte gab es bevor jemand überhaupt die Forderung 'Alle Macht den Räten!' aufstellen konnte!) und kann erneut befruchtend auf diese wirken und umgekehrt. ArbeiterInnen haben stets gekämpft; der Alltag der kapitalistischen Lohnarbeit sowie der Existenz als Lohnarbeiter/in bringt Kämpfe hervor. Dabei hat die Selbstorganisation der ArbeiterInnen für uns einen hohen Stellenwert: die ArbeiterInnen können sich nur selbst befreien, indem sie eigenständig handeln und denken, statt auf 'Patentrezepte' zurückzugreifen, welche sie zu Statisten/innen degradieren bzw. in dieser Rolle belassen. In unserer o. g. Broschüre haben wir u. a. zum Verhältnis von Theorie und Praxis ausgeführt: 'Sicher entwickeln Lohnarbeiter eine solche Perspektive [gemeint ist eine sozialrevolutionäre Perspektive – R.D.] nicht wie Angehörige der Intelligenz: sie haben gar nicht die Zeit und die Möglichkeiten dazu. Andererseits gibt es aber unzählige Beispiele, daß Lohnarbeiter eine solche Perspektive entwickelt haben: nicht im jahrelangen theoretischen Studium irgendwelcher 'Klassiker', sondern aufgrund eigener und kollektiver Erfahrungen und Diskussionen. Bei der Entwicklung einer solchen Perspektive ist der Einfluß kommunistischer Ideen und Literatur sicherlich nicht zu leugnen, dennoch stellt sich dieser Einfluß anders dar als es einige 'Revolutionäre' meinen und ihre eigene Rolle überschätzen. Sie verstehen nicht, daß Klassenbewußtsein kein fester Zustand und kein vermittelbares Wissenskompendium ist [schließlich war auch die Bürokratie in Partei und Gewerkschaft dazu fähig aufgrund ihrer eigenen sozialen Lage ein eigenes Bewußtsein ihrer Klasseninteressen herauszubilden, das sie nicht nur in Kronstadt oder in Ungarn verteidigte und dies bis heute in Kuba oder den Gewerkschaften verteidigt – R.D.], sondern sich mit den eigenen Erfahrungen – nicht nur gradlinig und stets vorwärtsschreitend – entwickelt, d. h. sich in den kleinen und großen alltäglichen Kämpfen entwickelt und sich beide (Kampf und Bewußtsein) gegenseitig befruchten und auseinander Kraft und Kreativität schöpfen.'“ in Red Devil, „Auf dass wir das irdische Jammertal des Kapitalismus beenden und diese Verhältnisse, die der Illusion bedürfen, beseitigen“, in Aufheben # 1, 2007, S. 25 Es steckt oftmals auch in „unbewußtem“ Verhalten mehr Bewußtsein als in angeblich „bewußtem“ Verhalten: siehe hierzu u.a. unsere Ausführungen in Aufheben # 1 zu den englischen Riots im Toxteth der 1980er Jahre, als Jugendliche ihre Kritik an der von linken PolitikerInnen geforderten Sozialpolitik knallhart auf den Punkt brachten: „Größere Käfige, längere Ketten!“.
(8) siehe hierzu Karl Marx' anregende Ausführungen über die entfremdete Arbeit in seinen Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844, in MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, S. 510-522
(9) in Red Devil, „Zur Kritik der Arbeiterbewegung ...“, S. 6
(10) in Red Devil (Hg.), „Worum geht es? Fragen an die Genossen vom Kollektiv Troploin (Gilles Dauve, Karl Nesic)“, 2007, S. 40
(11) in Red Devil, Zur Kritik der Arbeiterbewegung ...“, S. 7-9
(12) in Bernd Gehrke/ Gerd-Rainer Horn (Hg.), „1968 und die Arbeiter. Studien zum 'proletarischen Mai' in Europa“, 2007, S. 58
(13) siehe hierzu Wildcat Nr. 73, S. 6-9; außerdem von Interesse sind die Streiks bei Gate Gourmet und bei Bosch-Siemens-Hausgerätetechnik und die hierüber erschienenen Bücher und Broschüren.
(14) in Red Devil, „Zur Kritik der Arbeiterbewegung...“, S. 11; diese Beispiele zeigen wie viele andere (z.B. auch die Politik der „revolutionären“ Parteien und Gewerkschaften), daß es keine Abkürzungen zur sozialen Revolution und zur klassenlosen Gesellschaft gibt.
(15) in Karl Marx, Kritik des Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 385
(16) vergleiche hierzu Karl Marx' 1844er Artikel „Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen“ (MEW, Bd. 1, S. 392-409), wo es u.a. heißt: „Wo es politische Parteien gibt, findet jede den Grund eines jeden Übels darin, daß statt ihrer ihr Widerpart sich am Staatsruder befindet. Selbst die radikalen und revolutionären Politiker suchen den Grund des Übels nicht im Wesen des Staates, sondern in einer bestimmten Staatsform, an deren Stelle sie eine andere Staatsform setzen wollen.“
(17) Zur russischen Revolution von 1917 und zur Rolle der Bolschewiki sei auf den Text der Unabhängigen Rätekommunisten, "Der bürgerliche Charkter des Bolschewismus" hingewiesen, der auf der Seite von „Leftwing communism – an infantile disorder?“ http://www.left-dis.nl zu finden ist. Gleichzeitig zeigt Maurice Brintons „Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle. Der Staat und die Konterrevolution“ die konterrevolutionäre Rolle der Bolschewiki bei der Zerstörung der Räte ab 1917 auf. Sein Buch „Paris Mai 1968“ sowie Rene Vientes „Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen“ zeigen wieviel Kreativität die ArbeiterInnenklasse in ihren Kämpfen zu zeigen vermag.
(18) in Red Devil (Hg.), „Worum geht es? ...“, S. 21f.

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