Kapitel V. 1 Die Ereignisse

"Das Wesen der sozialistischen Gesellschaft besteht darin, daß die große arbeitende Masse aufhört, eine regierte Masse zu sein, vielmehr das ganze politische und wirtschaftliche Leben selbst lebt und in bewußter freier Selbstbestimmung lenkt." "Was will der Spartakusbund?", Rosa Luxemburg 1918

Schon am 5. Juni wurden auf den Baustellen der Berliner Stalinallee die Lohnzahlungen nach den neuen Normenverordnungen vorgenommen.

Die Arbeiter der Stahlwerke Hennigsdorf führten am 10. Juni eine stürmisch verlaufende Betriebsversammlung durch. Gegen den Widerstand der Betriebsleitung und der BGL verabschiedeten die Stahlarbeiter eine "Bittschrift" für Normabbau an das ZK der SED und an den Ministerrat. In vielen Betrieben gab es Diskussionen, daß zunächst einmal der Arbeitsprozeß und die Versorgungslage verbessert werden sollten, bevor die Normen erhöht würden.

Zur gleichen Zeit wurde der "Neue Kurs" von den Parteiagitatoren in den Betrieben mit Superlativen gepriesen und weil die Normenerhöhung verteidigt wurde, spitzte sich die Diskussion und Lage in den Betrieben zu. Am 12. Juni wurde auf den Bauplätzen in Berlin-Friedrichshain die Lohnzahlung nach den gleichen Richtlinien wie auf den Baustellen der Stalinallee durchgeführt. Die Normerhöhung bedeutete so "für einen Facharbeiter die Schrumpfung seines wöchentlichen Prämienlohnes von 168 DM Ost auf 72 DM Ost. Der Wochenlohn weiblicher Bauhilfsarbeiter verringerte sich von 52,80 DM Ost auf 46,- DM Ost." (41) Die Arbeiter waren empört. Sie verfaßten eine Resolution an DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl und an SED-Generalsekretär Walter Ulbricht. Diese Resolution stellte keine revolutionären Forderungen auf; sie war eine Petition für die Aufhebung der Normen. Eine Antwort bekamen die Arbeiter nicht. (42) Dieses Vorgehen zeigt die Illusionen, die viele noch in die "Arbeiterregierung" des "Arbeiterstaates" hatten.

"Erst besser arbeiten, dann besser leben."
Leithäuser schildert in seinem Bericht, wie am 12. Juni ein Bauleiter den Arbeitern auf der Baustelle C Süd in der Stalinallee ein Schreiben vorlas, das für diese zum Stein des Anstoßes wurde: "Nach reichlich geführten Diskussionen und Besprechungen auf den Baustellen erklären sich die Kollegen bereit, ihre Normen im Durchschnitt um 10 Prozent zu erhöhen. Die Berechnung erfolgt rückwirkend ab 1. Juni." Auf diese drohende Lohnkürzung gab es verständlichen Widerspruch. "Wer hat das veranlaßt?" fragten 250 empörte Bauarbeiter. Daraufhin weigerten sich die Arbeiter die Arbeit fortzusetzen. "Etwa um 14.30 Uhr erschienen 15 Funktionäre der Partei, des FDGB und der Betriebsleitung. Sie verteilten sich geschickt unter uns, versuchten, uns zu beschwichtigen und in einzelne Diskussionsgruppen aufzuspalten. Was sie sagten, waren die ollen Kamellen: ‚Ihr müßt weiter sehen! Wenn ihr mehr arbeitet, wird mehr produziert. Dann könnt ihr auch besser leben. Durch die Normenerhöhung geht euch nichts verloren. Das bekommt ihr ja wieder herein durch die billigere Ware.' - Den Quatsch hören wir schon seit fünf Jahren, aber wir haben immer weniger zu essen' sagte einer. Euer Bauch ist dick genug!' sagte ein anderer, schaut uns an! Ihr geht nicht mit 144 Mark nach Hause! Ihr habt eure 1200 Mark!" (43) Ein Vertreter des FDGB sagte: "Kollegen, hört mal zu: Streiken, so etwas gibt es in einem volkseigenen Betrieb nicht mehr. Wenn ihr streikt, streikt ihr gegen euch selbst." Darauf erwiderte ein Arbeiter: "Wir streiken ja nicht zum Vergnügen. Wir wissen genau, warum. Ihr wollt von der Kuh die Milch und das Fleisch, aber solche Kühe sind wir doch nicht!" Der FDGB-Funktionär versuchte einen Einwand: "Wenn ihr streiken wollt, müßt ihr es zumindest beim FDGB anmelden." (andernorts hieß es sogar dreist: "Wer hat euch denn überhaupt das streiken erlaubt?"). Einer der Bauarbeiter erwiderte darauf: "Der FDGB hat nichts mit unserem Streik zu tun. Das könnte euch so passen!" Das verdeutlicht auch die Unabhängigkeit der Aktionen der Arbeiterklasse.

Am 15. Juni wurden, nachdem es auf die Bitte nach Rücknahme der Normerhöhungen noch immer keine Reaktion von Partei und Regierung gekommen war, Punktstreiks auf den Baustellen in Friedrichshain durchgeführt. Daraufhin verhaftete das MfS zwei sogenannte "Rädelsführer". Die Reaktion der Bauarbeiter war der Beschluß eines Solidaritätsstreiks für die Freilassung der inhaftierten Kollegen für den folgenden Tag. Im ND vom 15. Juni war zu lesen, daß die Normenerhöhung ein Unfug sei, was sich natürlich wie ein Lauffeuer verbreitete. Am frühen Morgen des 16. Juni kursierte die Gewerkschaftszeitung "Tribüne" unter den Bauarbeitern der Stalinallee. Zu den Normen hieß es in einem Artikel: "Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Kommuniques des Politbüros und des Ministerrates vom 9. bzw. 11. Juni [gemeint sind die Beschlüsse über den "Neuen Kurs" - Anm. d. Autors] wird in einigen Fällen die Frage gestellt, inwieweit die Beschlüsse über die Erhöhung der Arbeitsnormen noch richtig sind und aufrechterhalten bleiben. Jawohl, die Beschlüsse über die Erhöhung der Normen sind in vollem Umfang richtig. Es gilt, den Beschluß des Ministerrates über die Erhöhung der Arbeitsnormen um durchschnittlich 10 Prozent bis zum 30. Juni mit aller Kraft durchzuführen." In den Tagen zuvor war im ND der eine oder andere Artikel erschienen, der auf der Titelseite Beispiele "freiwilliger" Normenerhöhung teilweise um 20 bis 40 Prozent anpries.

Nach eingehenden Diskussionen verließen die Bauarbeiter von Block 40, unter denen ein großer Anteil SED-Mitglieder war, die Baustelle. Ohne besondere Aufforderung schlossen sich die Bauarbeiter der anderen Blocks an. In kurzer Zeit füllte sich die Stalinallee mit streikenden Arbeitern.

Streikbeschlüsse einiger Baustellen machten unter den Arbeitern die Runde. Ein typischer Stimmungsausdruck ist folgender Streikbeschluß einer Baustelle der Stalinallee: "Der Streik ist das gewerkschaftliche Kampfmittel zur Durchsetzung berechtigter Forderungen. Wir fordern: 1. Volle Sicherheit für die Sprecher des Streiks. 2. Freie Rede und Pressefreiheit. 3.Weg mit den Normen. 4. Einen Lohn, der den Preisen in der DDR entspricht, Revidierung des gesamten Preisniveaus für Lebensmittel und Gebrauchsgüter. 5. Freie Wahlen für ganz Deutschland. 6. Weg mit den Zonengrenzen. 7. Abzug der Besatzungstruppen. 8. Weg mit der kasernierten Volkspolizei. 9. Sofortige Wiedereinführung der 75%igen Ermäßigung bei Arbeiterrückfahrten. 10. Freilassung aller politischen Häftlinge, auch die zu Strafen über drei Jahren verurteilt worden sind. 11. Rückführung sämtlicher Kriegsgefangenen. 12. Fortfall der Volkskontrollen."

Einige Bauarbeiter schlugen ihren Kollegen vor, zum Haus der Ministerien in die Leipziger Straße zu ziehen und ihre Forderungen der Regierung höchstpersönlich vorzutragen. Die Bauarbeiter setzten sich in Bewegung und auf dem ungefähr 8 Kilometer langen Weg dorthin schlossen sich andere Arbeiter, Bauarbeiter und Passanten an. Angeführt wurde der Zug von einem Transparent mit der Aufschrift "Wir fordern Herabsetzung der Normen!". Dieses Transparent stammte von der 1. Mai-Demonstration und so stand auf der Rückseite "Aus Anlaß des 1. Mai hat Block 40 freiwillig die Normen um 10 Prozent erhöht!" zu lesen. Dieser Schriftzug war allerdings durchgestrichen.

Nachdem zuerst die Forderung nach Rücknahme der Normerhöhung im Mittelpunkt gestanden hatte, rückten mit der Zeit (allgemein-)politische Forderungen und Parolen in den Mittelpunkt. Es gab Sprechchöre wie "Kollegen, reiht euch ein! Wir wollen freie Menschen sein!" oder vor der FDGB-Zentrale "Nieder mit den Steuer-Fressern!". Als die Menge an den HO-Läden vorbeizog, ertönte es: "HO macht uns K.O.!", vor dem Polizeipräsidium "Wir wollen keine Volksarmee, wir wollen Butter!" (Manche privilegierte Schichten hatten es durchaus nicht nötig solche Forderungen aufzustellen.). Später kommt noch ein anderer Spruch hinzu: "Berliner, kommt und reiht euch ein! Wir wollen keine Sklaven sein! Wir wollen Freiheit, Recht und Brot, sonst schlagen wir die Bonzen tot!". Einige andere, auch später und andernorts verwendete Parolen waren "Wir sind Arbeiter und keine Sklaven", "Wir sind Arbeiter, ihr seid Arbeitersöhne. Heute sind wir alle gleich.", "Die Verteidigung des Arbeiters muß der Arbeiter selbst in die Hand nehmen.", "Weg mit den Normen", "Weg mit der Vopo", "Wir fordern den Rücktritt der Regierung Ulbricht-Grotewohl", "Wir fordern Normen- und Preissenkung", "Der Spitzbart muß weg!", "Weg mit der SED-Knechtschaft", usw. Aus den anfänglichen Forderungen für die Rücknahme der Normen entwickelten sich aufgrund der Eigendynamik der Bewegung und dem Desinteresse von staatlicher Seite her recht bald weitergehende Forderungen.

Als der Demonstrationszug den Sitz der DDR-Ministerrats erreichte, war er auf über 6.000 Menschen angewachsen. Rufe nach Grotewohl und Ulbricht wurden laut. Stattdessen erschien der Minister für Erzbergbau und Hüttenwesen, Fritz Selbmann, der die Demonstranten beschwichtigen wollte. Selbmann begann seine Rede mit der Anrede "Kollegen" und erntete ein wütendes "Wir sind nicht deine Kollegen!". Er erklärte, daß er sich im Ministerrat gegen die Erhöhung der Normen ausgesprochen habe und sich auch weiterhin für deren Rücknahme einsetzen werde. Außerdem versprach er die Überprüfung aller Beschlüsse des Ministerrats, die eine Mehrleistung der Lohnabhängigen ohne gleichzeitige Lohnerhöhung zur Folge hätten. Zuguterletzt berief sich Selbmann auf seine Vergangenheit und betonte, daß er ja früher auch Arbeiter gewesen sei und deshalb den Unmut der Arbeiter verstünde. Daraufhin gab es Zwischenrufe, wie: "Das hast du aber vergessen (...) Du bist kein Arbeiter, du bist ein Arbeiterverräter!" oder: "Die wahren Kommunisten seid nicht ihr, sondern das sind wir!".

Während Selbmann auf dem Tisch inmitten der Demonstranten stand, ergriff ein Arbeiter das Wort und faßte die Forderungen der Demonstranten wie folgt zusammen: "1. Verringerung der TA-Normen um mindestens 10 Prozent. 2. Herabsetzung der HO-Preise für lebenswichtige Gebrauchsgüter und Lebensmittel um 40 Prozent. 3. Die Verantwortlichen für die falsche Politik von Regierung und Partei müssen unverzüglich zurücktreten; Demokratisierung von Staat und Partei. 4. Einheit Deutschlands. Die DDR-Regierung soll hier die Initiative ergreifen, alle Beschränkungen zwischen den beiden deutschen Staaten aufheben, den freien Verkehr zwischen diesen ermöglichen."

Der Arbeiter äußerte weiter, daß die Ausführungen von Selbmann bewiesen hätten, daß die Regierung statt verbindlicher Erklärungen nur Versprechungen und Phrasen von sich gebe und daß deshalb der Generalstreik aller Arbeiter in "Groß-Berlin" ausgerufen werden müsse. Damals gab es noch keine Mauer und an der Sektorengrenze standen bewaffnete britische Polizisten, die mit dem Erschießen drohten, falls die Demonstranten den "freien" Sektor betreten würden. (44)

Während der Demonstrationszug weiterzog und Lautsprecherwagen, die zuvor noch Propagandalosungen der SED verkündet hatten und nun von ihren Fahrern befreit worden waren, durch die Straßen Berlins fuhren und den Aufruf zum Generalstreik verkündeten, gab die SED bekannt, daß die Normenerhöhung zurückgenommen sei. Trotz dieser Mitteilung, die trotz ihrer Unverbindlichkeit beschwichtigen und der Bewegung der Arbeiter die Motivation nehmen sollte, ging die Bewegung weiter. Die Nachricht von den Ereignissen in Berlin und die Aufforderung zum Generalstreik wurden von Reisenden, per Fahrrad- und Motorradkurier, mit Hilfe der Fernschreiber und Telefone der Reichsbahn und anderer Betriebe, etc. in alle Teile des Landes verbreitet. Der Westberliner Radiosender RIAS, NWDR und andere westdeutsche Sender brachten auch die Nachricht von den Demonstrationen in Ostberlin, vermieden es aber zum Generalstreik aufzurufen. "Eine Delegation gerade von unserem Block 40 und von anderen Baustellen in der Stalin-Allee ist abends rüber in den Westen zum RIAS und hat verlangt, man solle einen Aufruf zum Generalstreik durchgeben. Wir sind bis zum Direktor vorgedrungen. Der hat uns ausdrücklich versichert, er habe Anweisungen vom amerikanischen Hauptquartier, keinen Aufruf dieser Art durchzulassen." (45) So erfuhren Arbeiter in anderen Regionen der DDR von den Ereignissen in Berlin. Hätte es nicht überall ähnliche Verhältnisse und Mißstände im Lande und eine eben solche Mißstimmung gegeben und wären es nicht auch die gleichen Forderungen gewesen, hätten solche Meldungen nicht dazu führen können, daß der Aufstand und die Streikbewegung auf den Rest der Republik übergriffen. Denn es hatte seit Monaten in vielen Betrieben bereits Arbeitsniederlegungen und Proteste gegen die Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, die Normerhöhungen eingeschlossen gegeben. Dies hatte in einigen Betrieben zu Diskussionen in der Belegschaft geführt. Wie im Elektroapparatewerk Berlin-Treptow war es in vielen Betrieben nur ein "Funken", dessen es bei "so viel Groll über nicht erfüllte Forderungen, über jahrelang mißlungene Versuche, Unzulänglichkeiten ... zu ändern", nur bedurfte, "um den Zündstoff zur Explosion zu bringen" (46). Dies sei am Rande all denen gesagt, die vom Aufwiegeln der DDR-Bevölkerung durch den RIAS reden.

Vopos wurden mit Aussprüchen wie "Schämt ihr euch nicht, diese Strolche auch noch zu verteidigen? Das will eine Arbeiterregierung sein, die sich vor uns verschanzt? Werft die Russenuniform weg und macht mit uns mit!" bedacht. (47)

Die Demonstranten beschlossen, daß die Streikversammlung am Morgen des 17. Juni um 7 Uhr auf dem Strausberger Platz an der Stalinallee stattfinden sollte. Nach diesem Beschluß löste sich die Demonstration auf. Allerdings bestimmten Diskussionsgruppen noch mehrere Stunden das Bild der Stadt.

Am Abend des 16. Juni fand eine Parteiaktivtagung statt, auf der Ulbricht und Grotewohl redeten, als hätte sich nichts ereignet. "Durch die Ereignisse eingeschüchtert und sowohl ihre Fiktionen als auch ihre soziale Existenz in Frage gestellt sehend, wagten die Parteifunktionäre weniger als je, offen zu diskutieren." (48) Viele Funktionäre wie Baum oder Schmidt dachten in rein militärischen Kategorien. (48)

Am Morgen des 17. Juni brachen 12.000 Hennigsdorfer Stahlarbeiter und 16.000 Arbeiter der Reichsbahnunion Velten auf und marschierten - trotz strömenden Regens - stundenlang von Hennigsdorf durch die Westberliner Arbeiterbezirke Wedding und Reinickendorf bis in die Ostberliner Innenstadt. Die Hennigsdorfer marschierten in strömendem Regen 27 km von ihrem Stahlwerk nach Berlin, viele davon in Arbeitskluft oder mit schlechtem oder ohne Schuhwerk. Eine ihrer Parolen war: "Wir sind so sehr verbittert, daß uns der Regen nicht erschüttert!". Auf ihrem Weg rissen sie die Sektorenschilder nieder und stellten die Forderung "Weg mit den Zonengrenzen!" auf.

Trotz Absperrungen durch die Volkspolzei versammelten sich am Strausberger Platz rund 20.000 streikende Bauarbeiter. Im Verlauf des Vormittags traten weitere Arbeiter wichtiger Produktionsbetriebe in den Ausstand: die der (Ost-) Berliner AEG, Kabelwerk Oberspree, Bergmann-Borsig-Werke, Stalin Werk Treptow, Osram Glühlampenwerk, der Schlachthof, Kraftwerk Klingenberg u.a. Selbst die Setzer und Metteure des Dietz-Verlages streikten und marschierten. Ab 10 Uhr streikte das größte Ausbesserungswerk der Reichsbahn in der Revaler Straße. Die S-Bahn wurde um 11 Uhr stillgelegt. Die Reichsbahner schlossen sich in ihrer Mehrheit den Aufständischen an. Ab 12 Uhr stellte auch die BVG (Ost-)Berlins ihren gesamten Verkehr ein. Die Demonstrationen der Arbeiter (es sollen an diesem Tag allein in Berlin rund 100.000 Arbeiter auf die Straße gegangen sein; nach einer Analyse des ZK beteiligten sich Teile der Belegschaften aller großen Berliner Betriebe) bestimmten vollkommen das Bild der Berliner Straßen am 17. Juni.

Ein Beobachter der Ereignisse am Vormittag des 17. Juni berichtete: "Aus den Betrieben ergossen sich mit dem gewaltigen Strom der Streikenden aus Velten und Hennigsdorf zu einem großen brodelnden Meer. Der Höhepunkt der Ostberliner Erhebung wurde mit einer gewaltigen Massenkundgebung von 15.000 Hennigsdorfer und Ostberliner Metallarbeitern im Walter-Ulbricht-Stadion erreicht. Eine überdimensionale Statue des SED-Generalsekretärs wurde gliedweise zerrupft. Sprechchöre deklamierten Pankow pleite - neue Leute - noch heute!'" (49)

Auf der Kundgebung im Walter-Ulbricht-Stadion wurde die Konstituierung von Arbeiter-Organen diskutiert. Das Streikkomitee sollte auch mit politischen Funktionen betreut werden. Aber ehe organisatorische und selbstorganisatorische Fragen ausdiskutiert werden konnten, wurde der Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten Generalmajor Dibrowa bekannt, der den Ausnahmezustand für (Ost-) Berlin verkündete (Die Russen riefen den "Ausnahmezustand" aus - so wie es alle Herrschenden tun - darin unterschieden sie sich kein Stück von anderen). Bis zur Erteilung dieses Befehls um 13 Uhr waren seit Beginn des Generalstreiks 6 Stunden vergangen. Selbst nach dem verhängten Ausnahmezustand demonstrierten rund 150.000 Arbeiter durch (Ost-)Berlin.

In (Ost-)Berlin war die VP zu keinem Zeitpunkt Herr der Lage. Der Staats- und Parteiapparat war sozusagen paralysiert und die Stadt stand unter sowjetischem Kriegsrecht. Erst mit Verhängung des Ausnahmezustandes durch die Russen gewann die Staatsmacht die Initiative zurück, da die aufständischen Arbeiter es nicht geschafft hatten eine wirkliche organisierte Gegenmacht, welche der VP und auch den russischen Soldaten hätte effektiven Widerstand leisten können, zu schaffen. "Die ganzen Aktionen hatten ständig den Eindruck des Spontanen; alles war improvisiert, sonst hätte auch alles besser geklappt. (...) Es ist die Katastrophe, daß keine Organisation und nichts da war." (50)

Bis zur Bekanntgabe des Ausnahmezustandes verliefen die Demonstrationen weitgehend diszipliniert. Es waren bis dahin nur Transparente mit SED-Parolen "entsorgt" worden und einige Kioske und Pavillons der Nationalen Front waren in Flammen aufgegangen. Und die rote Fahne, die für viele das Symbol des SED-Regimes und der russischen Fremdherrschaft war, war vom Brandenburger Tor geholt worden.

Um 12.15 Uhr fielen im Regierungsviertel Schüsse. Auf dem Potsdamer Platz traten gegen 13 Uhr massiv russische Panzer auf; mit MG-Salven schossen sie in die Menge der Demonstranten. Dagegen setzten sich Demonstranten mit Steinen zur Wehr. Um etwa 14 Uhr gingen 3.000 sowjetische Soldaten und 10.000 Vopos im Gefolge von Panzern gegen die Aufständischen vor (Die russischen Truppen, die 1945 von vielen als Befreier empfunden worden waren, handelten nun als Unterdrücker und Vernichter der Eigeninitiative der Arbeiterklasse.). Aus den Panzern und von den Vopos wurde immer wieder geschossen (Es wird allerdings auch berichtet, daß die russischen Soldaten oft zögerten auf deutsche Arbeiter zu schießen. In Gesprächen mit russischen Soldaten und Offizieren kam auch heraus, daß diese meist unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingesetzt wurden. Der Polier Alfred berichtet von dem Erstaunen russischer Soldaten: "Aber uns hat man gesagt, hier seien amerikanische Agenten mit starkem Waffenschutz von drüben, obendrein Faschisten und Provokateure. Wo sind die?" (Haasis, S. 20) ). Es gelang Demonstranten einige Panzer lahmzulegen, indem sie Balken zwischen die Kettenglieder der Panzer schoben. Aufgrund des Ausnahmezustandes herrschte in Ost-Berlin von 21 bis 5 Uhr des 18. Juni Ausgehverbot. In diesem Zeitraum herrschte in der Stadt allmählich Ruhe.

Abends wurde im Rundfunk eine Erklärung von Grotewohl verlesen, welche nicht unbedingt zur Beendigung des Protestes führte und die auch davon zeugte, daß die Partei die Situation und die Kritik der Arbeiter nicht verstanden hatte: "Der Anlaß für die Arbeitsniederlegungen der Bauarbeiter ist durch den gestrigen Beschluß in der Normenfrage fortgefallen. Die Unruhen, zu denen es danach gekommen ist, sind das Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte und ihrer Helfershelfer aus den deutschen kapitalistischen Monopolen". Dieser Appell denunzierte die streikenden und demonstrierenden Arbeiter als "Provokateure" und Werkzeuge "ausländischer Mächte" (ähnliche nationalistische Untertöne waren stets bei der Propaganda gegen "Konterrevolutionäre", ob nun in Kronstadt 1921 oder 1956 in Ungarn dabei) und empörte viele Arbeiter und veranlaßte, daß viele weiterstreikten oder gar erst zu streiken begannen.

*

In den meisten Städten und Kreisen der DDR liefen die Ereignisse ähnlich ab. So gab es schon Wochen vor dem 17. Juni in vielen Betrieben Streiks und Arbeitsniederlegungen, die auf die Rücknahme der erhöhten Arbeitsnormen abzielten und bessere Lebensbedingungen forderten. Im Mittelpunkt der Forderungen standen die Senkung der Arbeitsnormen, freie Wahlen und der Rücktritt der Regierung. Die Arbeiter legten die Arbeit nieder und im Verlauf der anschließenden Demonstrationen wurden die Arbeiter anderer Betriebe mobilisiert und man zog durch die Innenstädte, solidarisierte sich in Wort und Tat mit den Berliner Arbeitern, befreite die politischen Gefangenen aus den Gefängnissen, stattete den Gebäuden von SED, FDGB, FDJ, Stasi und anderen staatlichen Institutionen Besuche ab und vernichtete die Akten der Polizei und Stasi sowie Propagandamaterial in großem Maße. Wo sich den Arbeitern "Volkspolizisten" in den Weg stellten, wurden diese entweder entwaffnet oder entkleidet, wenn nötig auch mit Gewalt, da sich einige Vopos mit gezogenen Waffen den Arbeitern entgegenstellten. Die Vopos, Funktionäre und Mitarbeiter der Stasi flüchteten meist vor den Arbeitermassen und erst russische Panzer konnten die Arbeiter zurückdrängen. Nachdem der Ausnahmezustand über weite Teile des Landes verhängt worden war, trauten sich viele Vopos und Partei- und Staatsfunktionäre wieder zurück in ihre Wohnungen und Büros. Am Ende waren rund 500.000 Arbeiter in etwa 560 Orten im Streik (auf die damals etwa 5,5 Millionen Arbeiter gerechnet waren das fast 10 Prozent) und an anderen Aktionen beteiligt. So gab es in über 560 Orten Demonstrationen, Kundgebungen, Streiks oder Ausschreitungen gegen Vertreter des Staates. In 167 von 217 Kreisen war der Ausnahmezustand seit nachmittags oder abends verhängt worden (lediglich in einigen Teilen Mecklenburgs, Sachsen-Anhalts, Sachsens und Thüringens, also eher ländlich geprägten Regionen, wurde der Ausnahmezustand nicht verhängt; am 12. Juli 1953 wurde der von Moskau befohlene Ausnahmezustand aufgehoben; genaue Zahlen im Kapitel VIII. 2 Die Arbeiterklasse als Trägerin der Ereignisse). Oftmals wurde die Arbeitsaufnahme mit Waffengewalt erzwungen und russische Soldaten standen mit Maschinenpistolen im Anschlag hinter den Arbeitern und belagerten regelrecht ganze Fabriken und Werke. Hinter den Aktionen standen zum größten Teil die Arbeiter der großen Industriebetriebe wie z.B. Zeiss Jena, der Waggonfabrik VEB Lowa, Leuna- und Bunawerke oder des Stahlwerkes Hennigsdorf. Zentren der Aktionen und der Bewegung waren neben Berlin vor allem Magdeburg, Leipzig und das mitteldeutsche Industriegebiet (Halle, Bitterfeld, Merseburg).

Über die Bewußtseinslage und die Zielsetzung der Streikenden und Demonstrierenden geben einige Parolen und Sprüche Aufschluß, die wir für sehr interessant halten. So war die Losung einiger Magdeburger Eisenbahnarbeiter "Weder Ulbricht, noch Adenauer, sondern Ollenhauer" und die Parole eines anderen Transparentes lautete "Kehrt Euern Mist in Bonn jetzt aus, in Pankow säubern wir das Haus". An einigen Interzonenzügen war die Aufschrift "Fort mit Ulbricht und Adenauer" zu lesen. Diese Forderungen waren nur einige von vielen, aber sie zeigen, daß viele Arbeiter keineswegs die westlichen Verhältnisse übernehmen wollten. Einige von ihnen sahen sehr wohl die gesamtdeutsche Dimension, die ihre Bewegung hätte annehmen können. Es ist müßig sich auszumalen, wie sich die Ereignisse entwickelt hätten, wenn die Russen nicht eingegriffen hätten. Eines ist aber klar: die Entwicklung der Ereignisse wäre eine andere gewesen.

Vielerorts sangen die Arbeiter "Brüder zur Sonne, zur Freiheit!". Aber es wurden auch rote Fahnen verbrannt, Deutschland-Fahnen geschwenkt und das Deutschland-Lied "Einigkeit, Recht und Freiheit" gesungen.

Auch die Arbeiter der Uran-Minen an der tschechischen Grenze waren im Streik. 110.000 demonstrierten und streikten. Nicht weniger als 65 Schächte wurden unter Wasser gesetzt und auch sonst war Sabotage an der Tagesordnung. Es gab Hunderte Verhaftete und das Interesse der Russen war groß wegen der Bedeutung des Uran-Abbaus. Das russische Militär mußte in diesem Gebiet mehr Truppen einsetzen als 1945 bei der Eroberung Berlins, was auch der definitiv vorhandenen Sympathie mancher russischer Soldaten und Mannschaften zuzuschreiben war. Einige verweigerten- ebenso wie deutsche Vopos (wie z.B. in Mecklenburg und im Harz) - den Schießbefehl auf deutsche Arbeiter. In der Nacht vom 19. zum 20. Juni kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in Rostock und Warnemünde.

Nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Orten wie in Merseburg herrschte Disziplin und aus Lautsprecherwagen wurden die Demonstrierenden aufgefordert, alles Privateigentum zu schonen, kein HO-Geschäft, keinen Konsumladen zu zerstören und die Besatzungsmacht nicht anzugreifen (51). In Jena setzten sich Frauen auf die Straße, um russische Panzer aufzuhalten und Demonstranten schoben Straßenbahnwagen vor die Panzer auf die Straße.

In vielen Städten zeugten die Taten der Arbeiter von einem hohen Klassenbewußtsein: Sie blieben solange friedlich wie es ihnen möglich war. Als willkürliche Verhaftungen erfolgten, sich Vopos mit Waffen in der Hand entgegenstellten oder wie auch die russischen Soldaten und Panzer in die Menge schossen, wehrten sich die Arbeiter, die sonst die Vopos lediglich verprügelt oder noch viel öfter entwaffnet und die Waffen zerstört hatten. Die Streikenden vernichteten die übliche SED-Propaganda, ließen aber Karl-Marx-Bilder und Aussprüche von Marx unbeschädigt. Es gab keine Plünderungen. Als die Arbeiter jemanden bemerkten, der stehlen wollte, verprügelten sie ihn. Nur entlang der Grenze zu Westberlin ist es wohl zu Übergriffen rechtsgerichteter Jugendlicher gekommen, die aus dem Westen in den Osten gekommen waren. Insgesamt war es aber ein disziplinierter Streik (52). In Berlin traten demonstrierende Arbeiter Plünderern entgegen und verhinderten die Zerstörung von Ladeneinrichtungen, so z.B. in der Leipziger Straße.

Daß viele Arbeiter ein hohes Klassenbewußtsein hatten, davon zeugt auch die kurze Rede des Arbeiters Walter aus dem Hydrierwerk Zeitz auf einer Betriebsversammlung vom 16. April 1953: "Der Arbeiter Walter erhob sich und sagte: ‚Kollegen, was sich jetzt bei uns tut, ist für uns als Arbeiter beschämend. Siebzig Jahre nach dem Tode von Karl Marx müssen wir noch über die elementarsten Lebensbedürfnisse debattieren. Wenn Karl Marx das ahnte, würde er sich im Grabe umdrehen.' Ein anderer Angestellter mit Namen Engelhardt erhob sich und rief in die Versammlung: ‚Wir wollen leben wie die Menschen, weiter wollen wir nichts.' Der Arbeiter Meyer fragte, ‚ wieviel Prämie hat der Funktionär Kahnt erhalten und was hat er produziert?'" (53)

In Görlitz sprach am 18.6.53 ein Arbeiter vom Lowa-Werk I: "Gestern haben wir zum ersten Mal erlebt, daß wir nicht allein sind. Wir haben immer geglaubt, daß es zwar viele Unzufriedene und Gegner dieses Staates gibt. Wir haben aber nicht gewußt, daß achtzehn Millionen Menschen so denken wie wir. Wir haben auch niemals geglaubt, daß wir mit leeren Händen, ohne Waffen und ohne Plan, etwas gegen die Gewalt dieses Staates erreichen können. Seit dem 17. Juni 1953 wissen wir, daß wir sehr stark sind, ja, daß wir unüberwindlich sind, wenn wir zusammenhalten und einig sind gegen dieses System der Gewalt, des Terrors, der Unterdrükkung und der Ausbeutung. Das ist der Sinn und das ist der Gewinn des 17. Juni 1953."

Ebenfalls in Görlitz sprach ein alter Sozialdemokrat zu den Demonstranten: " Görlitzer, ich bin der alte Latt. Seit 1904 habe ich der Sozialdemokratischen Partei angehört. Drei Revolutionen habe ich nun in meinem Leben mitgemacht. Die von 1918, die von 1945 und heute die Revolution vom 17. Juni 1953. Görlitzer, ich muß offen bekennen, das ist die größte Freude meines Lebens, daß ich diesen Tag erleben durfte. Acht Jahre lang durften wir nicht so sprechen, wie wir dachten. Nun ist das alles vorbei. Die Stunde der Wahrheit hat geschlagen. Wir brauchen keine Wahl mehr, denn wer Augen hat zu sehen und wer Ohren hat zu hören, der weiß, wie die Bevölkerung der Zone denkt und sich entschieden hat. Die Wahl ist einstimmig ausgefallen, und die SED und ihre Funktionäre sollen sich aus dem Staube machen, bevor sie der gerechte Zorn der 18 Millionen trifft. Görlitzer, es lebe die Juni-Revolution von 1953!" (54)

Noch Tage nach dem 17. Juni streikten Arbeiter in vielen Betrieben und Städten für die Freilassung ihrer gefangenen Kollegen, für die sie auch Geld sammelten und ihnen andere Unterstützung gaben. Noch auf der Sitzung des ZK in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni berichtete Erich Mielke, der damalige Staatssekretär im Ministerium für Staatssicherheit: "Überall streikt die Bauunion noch. Die Arbeiter kommen nicht zur Arbeit. Vielleicht kommen sie am Montag zur Arbeit. Genossen! Die Lage ist nicht nur auf diesem Gebiet so. Es gibt beispielsweise Betriebe, wo erst 5 Prozent der Arbeiter wieder eingerückt sind." Bereits am 17. Juni patroullierten den ganzen Tag schwer bewaffnete russische Soldaten durch die Straßen und nachts war vielerorts das Scheppern der Panzerketten und das Pfeifen der Kugeln das einzige, was an Geräuschen zu vernehmen war.

In folgenden Städten kam es zu Aktionen wie Demonstrationen und Streiks der Arbeiter: Altenburg, Ammendorf, Annaberg-Buchholz, Apolda, Artern, Aue, Auerbach, Babelsberg, Bautzen, Beeskow, Belzig, Berlin (Ost), Bernau, Bernburg, Bitterfeld, Brandenburg, Bützow, Calbe, Cottbus, Delitzsch, Dessau, Dresden, Eibenstock, Eisleben, Erfurt, Falkensee, Falkenstein, Finsterwalde, Frankfurt (Oder), Fürstenberg, Fürstenwalde, Geising, Genthin, Gera, Gernrode, Görlitz, Gotha, Grabow, Greifswald, Grimma, Großbeeren, Groß Kreutz, Güstrow, Halberstadt, Halle, Heidenau, Hennickendorf, Hennigsdorf, Insel Rügen, Jena, Johanngeorgenstadt, Kade, Karl-Marx-Stadt (jetzt Chemnitz), Karow, Kirchmöser, Königs-Wusterhausen, Köthen, Lauchhammer, Laussigk, Leipzig, Leuna, Luckau, Ludwigsfelde, Magdeburg, Mansfeld, Marienberg, Merseburg, Naumburg, Neustadt, Neustadt (Dosse), Neustrelitz, Niemegk, Niesky, Oberschlema (jetzt Schlema), Oelsnitz, Olbernhau, Pasewalk, Plauen, Potsdam, Premnitz, Prenzlau, Quedlinburg, Rathenow, Riesa, Rostock, Roßlau, Roßwein, Rottleben, Rüdersdorf, Saalfeld, Sangershausen, Schkopau, Schwarzenberg, Schwerin, Sömmerda, Sonneberg, Staßfurt, Stralsund, Suhl, Tangerhütte, Teltow, Teterow, Torgau, Velten, Vieritz, Waldheim, Waren, Warnemünde, Weimar, Weißenfels, Wernigerode, Wismar, Wünsdorf, Zeitz, Zossen, Zwickau. Diese Liste ist selbstverständlich nicht vollständig.

Nach der erfolgreichen Niederschlagung des Aufstandes gab es eine Welle von Repression und Festnahmen. Schon am 17. Juni wurden einzelne Betriebe von der Roten Armee umstellt und die Arbeiter zur Rückkehr an ihren Arbeitsplatz und zur Wiederaufnahme der Arbeit gezwungen. Vielerorts wurde entweder weiter gestreikt oder es wurde nur langsam gearbeitet und es kam zu Sabotageakten und Brandstiftungen.

Die russischen Kommandeure interessierten sich sehr für die Ursachen und Forderungen der Arbeiter und fragten nach ihren Beweggründen und nach den "Zentralen des Aufstandes", den "geheimen Organisatoren" des Streiks und den Zielen der Arbeiter. Dafür daß die Streiks auch außerhalb von Berlin auftraten, hieß es seien "Provokateure aus Berlin" verantwortlich.

Zur gleichen Zeit gab es auch in anderen Ländern Osteuropas Widerstand der Arbeiterklasse, was den internationalen Charakter verdeutlicht. So vermeldete TASS am 25. Juni eine "Resolution" der ungarischen Arbeiter der Csepel-Werke, in der es hieß, daß bei ihnen nicht gestreikt worden sei. Am 30. Juni ging eine weitere Meldung durch die russische Presse: Flugzeuge "unbekannter Nationalität" hätten über Ungarn Flugblätter abgeworfen. Am 3. Juli war von einer weiteren "Protestresolution" der Arbeiter des Eisenbahnwerkes Grivitsa Rosie in Bukarest zu lesen, in der Unruhen dementiert wurden.

Die SED und ihre Medien stellten die Ereignisse etwa wie folgt dar: "Faschistische Provokateure drangen in das Gebiet der DDR ein, unterstützt von amerikanischen Dienststellen und von diesen mit Waffen, Sprengmaterial, Flugblättern usw. versehen. Sie nahmen die berechtigte Mißstimmung der Arbeiter über die administrative Normenerhöhung zum Anlaß, um gutwillige Arbeiter zu Demonstrationen gegen die Regierung und die SED zu bewegen. Es kam dabei zu teilweise erheblichen Ausschreitungen, und die Werktätigen wandten sich von den Provokateuren ab, meldeten diese den staatlichen Sicherheitsorganen und bekundeten in machtvollen Demonstrationen ihr Vertrauen zur Regierung und Partei. Ruhe und Ordnung wurden wiederhergestellt, die Betriebe arbeiten weiter, die neuen Maßnahmen der Regierung werden ohne Unterbrechung verwirklicht." (55)

Nach Zahlen des Historikers Diedrich befanden sich am 17. Juni 8.133 und in den Folgetagen bis zu 16.000 Mann pro Tag aus den Dienststellen der KVP im Einsatz (56). 9 Gefängnisse waren geöffnet und 1.317 Häftlinge befreit worden (57). Aufgrund der heutigen Aktenlage ist davon auszugehen, daß mindestens 140 Gebäude der Volkspolizei, der SED, des MfS, des FDGB, anderer staatlicher Institutionen sowie Haftanstalten gestürmt worden sind (58).

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