Kapitel VI. 2. Die Kritik der Trotzkisten

Die Kritik der Trotzkisten an dem System des Ostblocks und dem Stalinismus ist sehr begrenzt und halbherzig. Für einen Teil der Trotzkisten war der 17. Juni und die Politik der SED das repressive Merkmal dieser Politik der Ausfluß der Deformation einer grundsätzlich gesunden Struktur. Eine Art gesunder Körper würde lediglich durch Warzen oder ein Krebsgeschwülst, das man operativ entfernen müßte, beeinträchtigt - das ist ihre Ansicht. Für sie bedarf es - wie für Lenin - nur einer richtigen (idealen) Führung und die SED war nun eben nicht die richtige. Außerdem betrachten viele Trotzkisten die DDR als "degenerierten" oder "entarteten Arbeiterstaat". Was allerdings dieser Staat mit der Arbeiterklasse zu tun hatte - außer in den Reden seiner Bürokratie und in der Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiterklasse - darauf bleiben uns die Trotzkisten die Antwort schuldig. Ganz davon abgesehen, daß Trotzki und viele "alte Bolschewiki" selbst mit Lenin zusammen die Sowjetunion aufgebaut und Trotzki die Grundlagen der repressiven Politik Stalins mit seiner "Militarisierung der Arbeit" (man lese nur einmal aufmerksam Trotzkis Ausführungen in "Kommunismus und Terrorismus"; eine Widerlegung des Trotzkismus geht hier über unseren Rahmen hinaus) gelegt hat.

Ein anderer Teil der Trotzkisten wird unserer Einschätzung der DDR und der anderen Ostblockstaaten als Staatskapitalismus zustimmen, allerdings halten sie am Führungsanspruch der Partei fest. Dabei vergessen sie ebenso wie der andere Teil der Trotzkisten und der Kritiker des Ostblocks, daß Lenin und Trotzki das Fundament legten, auf dem Stalin aufbauen konnte. Es gleicht einer Geschichtsfälschung, wenn z.B. behauptet wird, daß sich 1929 "plötzlich" ein "dramatischer Umschwung" (66) in der Politik der russischen Führung vollzog, was offenbart, daß sie entweder die von Beginn an auf die Entmachtung des Proletariats angelegte Politik der Bolschewiki nicht genau analysieren können oder wollen. Denn vom ersten Tag an, traten die Vorbilder dieser Leninisten die Forderungen der Arbeiter mit Füßen und unterdrückten ihre Eigeninitiative. Sie entmachteten die Fabrikkomitees und Sowjets (erinnert sei an die Auflösung der ersten Sowjets kurz nach der "erfolgreichen" Revolution oder an die zunehmende Zentralisierung), was nicht erst Mitte bis Ende der 20er Jahre stattfand. Von Anfang an hatte die Arbeiterklasse nicht die Möglichkeit Einfluß auf die Pläne und ihr Leben zu nehmen. Diese Machtlosigkeit offenbarte sich nicht erst mit der Stalinschen Kollektivierung und Industrialisierung und die Repression trat auch nicht erst mit dem Sieg Stalins gegen Trotzki und Bucharin hervor (erinnert sei auch an das Fraktionsverbot von 1921). Es sei nur an das Wüten der Tscheka erinnert, die mit ihrem "roten Terror" nicht zögerte die Macht der Partei zu sichern (u.a. erschoß die Tscheka im September 1920 in Kasan 60 Arbeiter, weil sie den Achtstundentag gefordert hatten!). Lenin und Trotzki gehörten genauso zur Bürokratie wie Stalin oder Bucharin und handelten ebenso. Ohne Grund hat Stalin Trotzki sicherlich nicht "Koriphäe der Bürokraten" genannt!

Auch Trotzki war zu den Zeiten, als er noch an der Macht war, keineswegs ein Vertreter der wirklichen Arbeitermacht, sondern ein Teil der neuen herrschenden Klasse, ein Teil der Bürokratie, deren Herrschaftsanspruch er auch klar formulierte: "Die Diktatur des Proletariats bedeutet ihrem innersten Wesen nach die unmittelbare Herrschaft des revolutionären Vortrupps, der sich auf die schweren Massen stützt und erforderlichenfalls das zurückliegende Ende zwingt, sich nach der Spitze zu richten."(67) und er definierte auch die Rolle der Gewerkschaften: "Die Gewerkschaften werden zu Vollstreckern der Arbeitsdisziplin." (67). Auch Trotzki sprach sich nicht gegen die Entmachtung der Räte aus, setzte eigenmächtig im August 1920 eine unliebsame Führung der Bahnarbeitergewerkschaft ab usw. Die Trotzkisten sehen die Kollision der Arbeiterklasse mit der stalinistischen Bürokratie am Beispiel der DDR oder Ungarn und vereinnahmen den Kampf der Arbeiterklasse für ihre Ideologie und Argumentation, übersehen allerdings (bewußt?) den antiautoritären, antileninistischen und spontanen Charakter dieser Erhebungen, die sich teilweise nicht nur gegen einige Führer der Partei, sondern gegen die Partei als solches und den Führungsanspruch schlechthin gerichtet hatte.

Die Trotzkisten versuchen wie die Maoisten und andere DDR-kritische Leninisten den Kampf der Arbeiterklasse in ihr Ideologie-Gebäude einzubauen und sie so für sich zu nutzen. Sie zweifeln die grundlegende Notwendigkeit der Partei nicht an, sie sehen nicht die Anfänge der Methoden des "Stalinismus" bereits in den ersten Tagen nach der "siegreichen Oktoberrevolution" (eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Trotzkismus und dem Maoismus, die sich ebenfalls in verschiedene Richtungen gliedern, ist an dieser Stelle nicht möglich). Es sei nur erinnert an die Auflösung und Machtbeschränkung der Sowjets von den ersten Tagen an (und somit die Substituierung und Ersetzung der Macht der Klasse durch die der Partei), an die stetige Zentralisierung der Wirtschaft und Macht, an die Entmachtung der Gewerkschaften, an die Aufhebung der Errungenschaften des Oktober (wie z.B. die Wahl der Offiziere durch die Mannschaften oder die Abschaffung der Rangabzeichen in der Armee), an den Personenkult (schon zu Lenins Lebzeiten gab es Straßen, die seinen Namen trugen und Standbilder von ihm), an die blutige Niederschlagung von Kronstadt und an das Fraktionsverbot von 1921 (solange die Bolschewiki die Matrosen und Arbeiter gebraucht hatten, um an die Macht zu kommen, galten sie selbst Trotzki als der "Stolz und Ruhm der russischen Revolution", als sie jedoch einen eigenen Weg gehen wollten, zeigten die neuen Herren ihr wahres Gesicht), um einiges zu nennen (68).

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