VI. 4.1 Einzelne Legenden und Lügen über die Vorgänge im Juni 1953

* Der 17. Juni war ein "faschistischer Putsch".

Zu einem "faschistischen Putsch" paßt nichts besser als faschistischer Terror, Nazi-Parolen oder SA-Lieder. Von alledem ist aber nichts bekannt. Was war an den Forderungen der Arbeiter "faschistisch"? Und wenn von Anfang an klar war, daß es sich um einen "faschistischen Putsch" handelte, warum versuchten dann führende SED-Funktionäre wie Minister Selbmann mit den "Putschisten", mit den "Konterrevolutionären" zu diskutieren? Warum nahm die SED die Normen zurück und gab den "unerhörten" und "unverschämten" Forderungen z.B. nach Preissenkungen der Arbeiter nach? Oder warum gab es z.B. in Halberstadt Verhandlungen der Streikenden mit dem Vorsitzenden des Kreisrates (Warum wurden Zugeständnisse gemacht, wenn doch die "Generallinie der Partei" richtig war?)? Die stereotype Erklärung in SED-Manier dürfte nicht schwer fallen: sie sind dem Opportunismus erlegen ...

Es entsprach der Logik der SED, daß wer sich gegen die "Arbeiter- und Bauernmacht", die sich selbst als "antifaschistisch" sah, stellte, folglich ein "Faschist" sein mußte. Vor allem aber rechtfertigte die Klassifizierung des Arbeiterprotestes als "faschistisch" das Eingreifen der russischen Besatzungsmacht und ersparte der SED die Auseinandersetzung mit Kritik und Forderungen, die sich nicht "systemkonform" äußerten.

Das für Leninisten übliche Lavieren und Taktieren war auch hier anzutreffen. War zuvor noch von "irregeleiteten Arbeitern" die Rede, so war nun nachdem die SED wieder fest an der Macht war, von "faschistischen Zellen" die Rede. Diese neue Bewertung war Ergebnis der internen Auseinandersetzungen innerhalb der SED, der auch Fechner und Zaisser zum Opfer fielen und dem Fakt geschuldet, daß die SED nun wieder an Boden und infolgedessen an Selbstsicherheit gewann.

* Der 17. Juni war "antisowjetisch".

Gegen die Sowjets richtete sich der Haß erst als ihre Panzer auffuhren und ihre Soldaten auf Arbeiter schossen. Dennoch gab es viele Gespräche zwischen Arbeitern und Russen, die sehr oft gar nicht wußten, warum die Arbeiter demonstrierten und streikten und oft unter dem Vorwand gegen amerikanische Panzer und westdeutsche Faschisten zu kämpfen herbeigerufen worden waren. Viele örtliche Komitees riefen - z.T. aus der Illusion heraus, daß sich die Russen neutral verhalten würden - zur Besonnenheit gegenüber der Besatzungsmacht auf.

* Der 17. Juni war "gewalttätig".

In den meisten Fällen wehrten sich die Arbeiter mit Fäusten und Steinen gegen die kasernierte Volkspolizei und die russischen Panzer. Erst wenn Volkspolizisten von Waffen Gebrauch machten, erhielten sie die verdiente Antwort und den angestauten Haß der Arbeiter zu spüren. Die Anzahl der Opfer beweist das Gegenteil von dem Vorwurf, der 17. Juni sei großartig "gewalttätig" gewesen. Im Gegensatz zu den Auseinandersetzungen 1956 in Ungarn oder 1970/1971 in Polen.

* Der 17. Juni war "konterrevolutionär".

Die Beantwortung der Frage, ob der 17. Juni nun "konterrevolutionär" war oder nicht, hängt ab von der Grundfrage, was denn Sozialismus für einen bedeutet. Für wen Sozialismus gleichbedeutend mit der Herrschaft der Partei in Staat und Wirtschaft ist, für den wird der 17. Juni klar "konterrevolutionäre" Züge aufweisen, weil sich die Aktionen gegen die Partei, ihre Ordnung und ihren Staat richtete. Für wen Sozialismus ohne die Selbstorganisation der Massen nicht denkbar und keine Sache von staatlichen Dekreten ist, der wird sicher wie wir zu einer anderen Deutung des 17. Juni kommen. Wo war die "Konterrevolution", wo war der "faschistische" Terror? Eine verhältnismäßig geringe Anzahl von reaktionären Erscheinungen und Forderungen wurde aufgebauscht, um die gesamte Bewegung der Arbeiterklasse in Verruf zu bringen. Überhaupt: Ist es "konterrevolutionär" für die eigenen Rechte zu kämpfen - gegen Ausbeutung, Entfremdung, etc. ?

Der von der SED als "Konterrevolution" dargestellte Protest eines entscheidenden Teils der Klasse, der das jahrelange Schweigen brach, war in Wirklichkeit nicht das Ergebnis irgendwelcher Wühlarbeit "ausländischer Mächte", "Provokateure" oder bürgerlichen Denkens, sondern das Produkt der neuen gesellschaftlichen Stellung der (ost-)deutschen Arbeiterklasse (mit all ihren Kontinuitäten), d.h. ihrer (Arbeits- und Lebens-)Bedingungen als Lohnarbeiter, als Mehrwegproduzenten. Hätte sich ähnliches wie am 17. Juni in der DDR irgendwo anders im Westen ereignet, so wäre die Partei sicher voll des Lobes für die "klassenbewußten" und "mutigen" Arbeiter gewesen - diese Bewegung bedrohte allerdings ihre eigene Macht.

Um nur mal einige Beispiele dafür zu nennen, wie leicht die SED das Prädikat "konterrevolutionär" verteilte, verdeutlichen folgende Fälle: Ein Arzt wurde zu fünf Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt, weil er für seine Patienten in Westberlin Medikamente beschafft hatte oder eine Frau wurde eingesperrt, weil sie Butter in Westberlin gekauft hatte. So schnell konnte man zum "Konterrevolutionär" avancieren.

* Der 17. Juni war von langer Hand "geplant" und "organisiert".

"Welche Formen diese Spekulationen annahmen, geht aus einem Bericht der Deutschen Zeitung und Wirtschaftszeitung vom 24. Juni hervor, wo es heißt: ‚Die Nachfrage nach reinen Ostwerten, die im Bundesgebiet gegenwärtig nur im Telefonverkehr der Banken untereinander gehandelt werden, war besonders um die Monatsmitte so lebhaft, daß längst nicht alle Aufträge realisiert werden konnten ...' Die vielfältigen Beweise, wonach deutsche kapitalistische Monopole an der aktiven Vorbereitung des faschistischen Putschversuchs vom 17. Juni teilnahmen, werden durch diese unzweideutigen Vorgänge an der Westberliner und den westdeutschen Börsen nachhaltig erhärtet." Was beweist dies, denn die "Nachfrage nach Ostwerten" war bereits kurz nach Stalins Tod im März 1953 angewachsen? Und wenn alles geplant und von langer Hand organisiert worden war, warum hatte die Stasi davon nichts mitbekommen oder warum ließ sich dieser Aufstand so ganz ohne große Gegenwehr mittels Waffen niederschlagen? Wo und wann ist die "faschistische Konterrevolution" mit nahezu gewaltlosen Methoden zur Durchsetzung ihrer Ziele angetreten?

Als ein weiterer Beweis sollen Artikel in der Westberliner Zeitung "Telegraf" und in anderen Blättern herhalten, in denen zum "Sturz der DDR-Regierung und zur Auflösung des ZK der SED und der Vorstände der Blockparteien" am 14./ 15. Juni aufgefordert worden sei (76). In der Zeit des Kalten Krieges war solche Polemik und Propaganda an der Tagesordnung, also nicht besonderes. Wenn ein solcher Aufruf nach Ansicht der SED der "Auslöser" des Aufstandes gewesen sein soll, ist es doch sehr fraglich, für wie manipulierbar die Regierung ihr Volk hielt bzw. blendet die SED aus, daß es dann auch einen fruchtbaren Boden für solche Forderungen gegeben haben muß. Weiter heißt es in der "Chronik des kalten Krieges gegen die DDR" (76): "17. Juni: Imperialistische Kreise propagieren über ihre Agenturen den Generalstreik in der DDR und lösen einen konterrevolutionären Putsch aus; der Umsturzversuch scheitert nach wenigen Stunden." Es ist die alte leninistische Verfahrensweise: die Arbeiterklasse wird verführt und die Agenten kommen aus dem Westen. Daß die Klasse zu selbständigem Denken und Handeln fähig ist, liegt außerhalb der Vorstellungswelt der Funktionäre. Es wäre wohl auch das erste Mal in der Geschichte gewesen, daß Geheimdienste eine Revolution hervorrufen.

* Die Arbeiter streiken "gegen sich selbst".

"Arbeiter, die streiken, sind nicht die Eigentümer ihres Betriebes. Wären sie es wirklich, so kämen sie nie auf die Idee eines Streiks. Sie würden selbst über ihren Lohn entscheiden, und zwar aufgrund ihrer Rechte als Eigentümer." (77) Aber in diesem Falle setzten die Normen und Pläne andere fest und gegen diesen Lohnraub und diese Fremdbestimmung wehrten sich die Arbeiter in ihren Aktionen im Juni 1953, genauso wie in den Aktionen davor und danach. Wenn sie selbst auf ihre Arbeits- und Lebensbedingungen hätten Einfluß nehmen können, hätten sie nicht streiken müssen. Dies widerlegt auch schon die Mär von der "Diktatur des Proletariats", die laut Ulbricht 1953 in der DDR bestanden hätte. Statt einer "Diktatur des Proletariats" konnte man eher von einer Diktatur über das Proletariat sprechen. Auch nach dem 17. Juni wurden alle Beschlüsse weiterhin vom ZK oder dem Politbüro gefaßt, ohne Einbindung, geschweigedenn Selbstbestimmung der Arbeiterklasse oder der kleinen Parteigenossen. Wer die damaligen Texte und Artikel in den Zeitungen und Verlautbarungen liest, wird viel von "Überzeugungsarbeit", "Beschlüssen", "Interessenvertretung für die Arbeiterklasse", etc. lesen. Der Arbeiterklasse wurde eine Statistenrolle zugewiesen und sie war gut genug als Objekt der Partei für diese die Kohlen aus dem Feuer zu holen und ihren Kurs und ihre weisen Entscheidungen zu beklatschen.

Daß die Arbeiter gegen sich und ihre eigenen Interessen streiken würden, mußten ihnen ausgerechnet solche Leute wie der Dichter Kuba oder der "Tischler" Ulbricht, der doch einer der ihren sei, sagen.

Die Erklärung von den "Agenten" und "Provokateuren" unterschlägt die materiellen Gründe, die Forderungen der Arbeiter und die soziale Realität der Arbeiterklasse und betont in idealistischer Art die Schuld, die von außen kam. Der Grund, daß die Arbeiter gegen Ausbeutung streiken könnten, ist der, daß nach "marxistisch-leninistischer" Auffassung, also nach mechanischer Anwendung und Verkürzung des Marxismus, der längst zur Staatsideologie verkommen war, die Abwesenheit von privaten Kapitalisten gleichgesetzt wurde mit der Abwesenheit der Ausbeutung. Die grundlegende Frage: "Wer hat die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und den gesellschaftlichen Reichtum, wer stellt die Pläne auf?" wurde nicht gestellt und wenn dann stereotypisch beantwortet mit dem Fakt, daß die "Partei der Arbeiterklasse" und somit doch die Arbeiterklasse selbst die Macht inne habe.

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