Es gibt keine 'richtige' Seite in einem imperialistischen Krieg!

Im März 2002 jährt sich zum 60. Mal die Bombardierung Lübecks. Mit dem britischen Bombenangriff auf Lübeck in der Nacht vom 28./ 29. März 1942 wurde von den Alliierten zum ersten Mal der Flächenangriff auf Wohnviertel einer Stadt erprobt. Damals gab es 301 Tote und 15.000 Obdachlose. 6,7 % aller Häuser wurden zerstört, 51,3 % der Häuser schwer oder zumindest leicht beschädigt; 1/5 der Lübecker Altstadt wurde in dieser Bombennacht zerstört. Im Jahre 2002 wollen nun Nazis der NPD und der "Freien Nationalisten" daran erinnern und rufen zu einem "Trauermarsch" für die Opfer des "alliierten Bombenterrors" auf. Auf einigen Plakaten reden sie auch vom "Massenmord am deutschen Volk". Dabei verlieren sie kein Wort über den Terror der Nazis in den Jahren 1933 - 1945. Ihre Haltung ist mehr als heuchlerisch, brachten doch die deutsche Wehrmacht (ihrer Ideologie zufolge "die besten Soldaten der Welt"), die deutsche Luftwaffe und die deutsche SS Tod und Zerstörung in viele andere Länder. Über die Verantwortung und die Verbrechen Nazi-Deutschlands und der Nazis und ihrer Verbündeten gibt es keine Zweifel. Ein Teil der "Linken" plappert allerdings das alliierte Märchen vom 2. Weltkrieg als einem "gerechten", weil "antifaschistischen" Krieg der Alliierten gegen das faschistische Deutschland und seine Verbündeten nach. An dieser Sichtweise ist berechtigter Zweifel angebracht.

War der 2. Weltkrieg ein "antifaschistischer" Krieg?
Der 2. Weltkrieg wird uns als ein Kampf zwischen "Demokratie" und "Diktatur" beschrieben. Die historischen Fakten beweisen jedoch das eindeutige Gegenteil: Der Nationalismus und Rassismus feierte auf allen Seiten Orgien und war ebenso wie der "Antifaschismus" und der "Faschismus" ein Instrument zur Mobilisierung der Massen für das große Gemetzel. In Frankreich, Kanada, der Sowjetunion oder den USA wurden Zehntausende Antifaschisten und Kommunisten inhaftiert und interniert. Ebenso erging es Zehntausenden Deutschen, Italienern und Japanern. In den USA wurden allein Zehntausende Amerikaner japanischer Herkunft umgesiedelt und 120.000 Männer, Frauen und Kinder interniert. Der "Antifaschismus" der USA und ihr Kreuzzug für "Demokratie" und "Freiheit" sind unglaubhaft vor der Realität dieses "Kreuzzuges": So war es bei US-amerikanischen Soldaten geläufige Praxis die Ohren von japanischen Opfern einzusammeln oder Skalps, Knochen und Schädel als Trophäen auszustellen. Ranghohe US-Militärs wie der Admiral Halsey äußerten u.a. öffentlich: "Wir ertränken und verbrennen die bestialischen Affen [gemeint sind japanische Soldaten] überall im Pazifik, und es bereitet ebenso viel Vergnügen, sie zu verbrennen wie sie zu ertränken." Und gegenüber Journalisten: "Ich hasse Japaner. Ich erzähle Euch, Leute, wenn ich eine schwangere Frau treffe, ich würde ihr in den Bauch treten." Allein diese Beispiele sind deutliche Belege für die nationalistische und rassistische Stimmung in der US-Armee und die "Zivilisiertheit" der amerikanischen Gesellschaft. Während die USA im Pazifik und in Europa offiziell für die "westlichen Werte" einstand, war die afroamerikanische Bevölkerung daheim und an der Front weiter rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt. So wurde z.B. das Blutplasma für weiße und schwarze Bürger getrennt aufgehoben, in Tennessee hatte sich ein Einberufungsbüro mit der Äußerung "Wir sind ein Land des weißen Mannes!" gegen den Dienst von Farbigen in der Armee ausgesprochen und auch das Wahlrecht für alle Schwarzen in den USA wurde erst 1965 (!) eingeführt (vergessen sei auch nicht die Rassentrennung). 1940 wurde die "Kommunistische Partei" in Kanada verboten. In Rußland galt der Krieg als "Großer Vaterländischer Krieg" und Ilja Ehrenburg (das Sprachrohr Stalins) sprach davon, daß "Nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher." und rief zur Vergewaltigung deutscher Frauen auf ("Zerbrecht mit Gewalt den Hochmut der germanischen Frauen. Nehmt sie wie eine legitime Beute."). Bezeichnend ist die Äußerung Ehrenburgs (stellvertretend für die vieler "Antifaschisten"): "Die Deutschen haben mit uns diesen Krieg begonnen, sie wollten diesen Krieg! Wir wollen die Deutschen nicht länger warten lassen, wir haben Haß genug! Die Deutschen haben unsere jungen Mädchen, Frauen und Kinder getötet, wir wollen uns rächen! Wir werden nicht Halt machen, bis wir in Berlin sind! Zwischen uns und ihnen ist ein tiefer Graben!". Dies bedeutete die Gleichsetzung der jeweils anderen Bevölkerung (der "Feinde") mit der Politik "ihrer" Regierung und "ihres" Staates. Diese Gleichsetzung stellte die Voraussetzung und die Legitimation zum Führen des Krieges und für die Verbrechen auf beiden Seiten dar. Im Falle des Afghanistan-Krieges wurde dieser Haß auf die Afghanen gelenkt, um den Krieg zu legitimieren. Nach dem Krieg wurde die deutsche Bevölkerung in Form der Vertreibungen und Internierungen erneut kollektiv Opfer imperialistischer Politik. Diese unterschiedslose Behandlung von Millionen Deutschen - unabhängig von ihrer Klasse, ihrer Weltanschauung, ihrer eigenen Verantwortung und Schuld - war ebenfalls nationalistisch begründet und traf auch deutsche Antifaschisten und Juden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Begebenheit, die Amadeo Bordiga in seinem Text "Auschwitz oder das große Alibi" schildert: 1944 hätten die Alliierten die Möglichkeit gehabt, das Leben von einer (!) Million Juden im Tausch gegen 10.000 Lastwagen zu retten. Die Nazis boten den Alliierten an ihnen nach der Zustimmung als Beweis der Ernsthaftigkeit 100.000 Juden zu übergeben. Die Alliierten reagierten allerdings auf dieses Angebot nicht. Ein ähnlicher Fall ist der des Aufstandes im Warschauer Getto 1944, dem die russischen Truppen nicht zur Hilfe kamen. Stattdessen hielt die russische Armee inne und ließ die Nazis den Aufstand niederschlagen und den Widerstand im Blut ertränken. 1942 weigerte sich Churchill, Stalin zu Hilfe zu kommen, obwohl eine Million britischer Soldaten im Nordiran gleich hinter der sowjetischen Grenze konzentriert waren. Stalin forderte sie auf, sich gemeinsam mit der Roten Armee an der Ostfront gegen die Nazitruppen zu stellen. Churchill lehnte ab. Sein Hintergedanke: abwarten, bis Stalin besiegt wird, und dann die sowjetischen Ölquellen in Baku und die fruchtbare Ukraine besetzen. Die deutsche Armee erhielt nach dem Einmarsch der Alliierten von diesen den Befehl, in Italien an Ort und Stelle zu bleiben, "alle öffentlichen Einrichtungen und die wesentlichen Zivilverwaltungen weiter funktionieren zu lassen" und mit der Hilfe CI.NAI "Ruhe und Ordnung" aufrechtzuerhalten. Ähnlich sah es in Indochina aus, wo die japanischen Truppen auch die Waffen wieder erhielten, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Wie paßt solches Verhalten zum vorher praktizierten Freund-Feind-Denken und dem angeblichen "antifaschistischen" Selbstverständnis?

Obwohl die Alliierten die menschenverachtenden und grausamen Menschenversuche der Nazis offiziell und gerade im Gefolge der Nürnberger Prozesse lautstark verurteilten, hielt dies weder die Sowjetunion noch die USA davon ab, sich des wissenschaftlichen Personals aus der Konkursmasse des 3. Reiches und Japans zu bedienen (mit ihrer Hilfe entwickelten die USA die Atombombe und andere z.T. biologische und chemische Waffen).

Der 2. Weltkrieg war wie der 1. ein weiterer imperialistischer Krieg, ein Konkurrenzkampf der imperialistischen Mächte und ein Massenmorden auf Kosten der Arbeiterklasse. Der "Antifaschismus" der Alliierten rechtfertigte die Verbrechen dieses imperialistischen Krieges zwischen imperialistischen Ländern, die sich als Kontrahenten (diese Konkurrenten unterschieden sich zwar in der Form, nicht aber in ihrem imperialistischen Wesen) mit dem Gegensatz "Faschismus-Antifaschismus" ein Alibi und ihrer jeweiligen Bevölkerung eine griffige Motivation gegeben hatten. Der Krieg war die Fortsetzung der imperialistischen Rivalitäten mit anderen Mitteln. Die verschiedenen Ideologien auf beiden Seiten stellten nur die ideologische Legitimation für die imperialistische Politik dar. Die Herrschenden brauchten den Mythos des "antifaschistischen", also "gerechten" Krieges, um von der Kontinuität zwischen bürgerlicher Demokratie und Faschismus, vom wirklichen (imperialistischen!) Charakter des Krieges und den eigenen Verbrechen abzulenken (denn der Nazismus hatte kein Monopol auf Gewalt gegen unschuldige Opfer; auch die Alliierten machten Gebrauch von den verschiedenen Methoden des Terrors und des Mordes). Der Verweis auf die Greuel der Nazis diente als Freibrief für sämtliche Greueltaten und Verbrechen der "antifaschistischen" Gegenseite (Bombardierungen deutscher Städte, Vertreibung aus den deutschen und polnischen Ostgebieten, Umgang mit deutschen Kriegsgefangenen, Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, etc.). Die Bilder aus den Nazi-KZs, die Bilder der Gaskammern, die Bilder der Judenverfolgung sollen im Nachhinein den Krieg rechtfertigen, über seinen imperialistischen Charakter hinwegtäuschen und uns unser tägliches Dasein als vergleichsweise "angenehm" ansehen und ertragen lassen. Die "antifaschistischen" Länder haben versucht ihre Massaker mit dem faul stinkenden Wasser der Greuel ihrer faschistischen Konkurrenten wegzuspülen. Doch was bleibt sind die bekannten Verbrechen (die Bombardierung Dresdens und die Atombombenabwürfe sind wohl die bekanntesten) und mehr als die Ahnung, daß hinter dem großherzigen "Antifaschismus" handfeste materielle Interessen standen. Der Massenmord an den Juden wurde nahezu religiös verklärt, so daß jeder, der die Verbrechen der Alliierten beim Namen nennt, sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, er sei ein Revisionist, wolle die Verbrechen der Nazis relativieren oder aber stecke mit diesen unter einer Decke. Aber nicht wir verharmlosen oder relativieren, sondern eben unsere Kritiker, denn sie rechtfertigen die Verbrechen der Alliierten mit dem Massenmord der Nazis. Daß die Verbrechen der Nazis allerdings nicht die Bombardierung von Arbeitervierteln und den Mord an Frauen und Kindern rechtfertigen (auch wenn diese als "Reaktion" der Bombardierung z.B. englischer Städte durch die Nazi-Wehrmacht dargestellt werden), bleibt außerhalb ihrer Erkenntnis. Die Kritik an den alliierten Verbrechen (Krieg und Vertreibung) dürfen wir nicht den Nazis überlassen, welche mit der Kritik an den Alliierten versuchen die Verbrechen des deutschen Imperialismus zu relativieren. Wir kritisieren die Alliierten wie auch die Nazis und ihre jeweilige Politik auf der Grundlage des proletarischen Internationalismus. Die Nazis spielen sich als Anti-Imperialisten auf, obwohl sie nur den einen (den deutschen) gegen den anderen (den alliierten) Imperialismus verteidigen, wie die Antifaschisten dies ebenfalls (bloß anders herum) tun. Auschwitz soll den imperialistischen Mächten also herhalten als Alibi für die eigene imperialistische Politik, welche im Krieg ihre Fortsetzung fand. Somit werden die Verbrechen der Alliierten gerechtfertigt mit dem Hinweis, der Krieg hätte sich gegen Nazideutschland gerichtet und Krieg sei nun einmal grausam. Alles, sogar die Atombombe ist gerechtfertigt gegen solch einen barbarischen Feind wie die Nazis. Eine solche Haltung läßt nur den Holocaust gelten und macht blind für andere Gewalttaten und Verbrechen wie die des nicht-faschistischen und alltäglichen Kapitalismus. Die Rolle des "Antifaschismus" war in allen Ländern die gleiche: Die jeweiligen nationalen Bourgeoisien versuchten die antifaschistischen Überzeugungen und Gefühle der internationalen Arbeiterklasse zu instrumentalisieren, indem sie wie z.B. auch die britische Regierung ihren Krieg zur Verteidigung des Empires und ihrer Profite als Krieg für "Demokratie", "Freiheit", "Menschenrechte", "Selbstbestimmungsrecht" und ähnliche hehre Ziele ausgaben. Dem Kampf gegen die Nazis wurde von Seiten einiger "Kommunisten" (z.B. von den KPen) der Kampf gegen den Kapitalismus selbst untergeordnet. Der Sieg im Wüstenkrieg brachte allerdings nicht die "Demokratie" nach Ägypten und Libyen, sondern neue diktatorische Marionettenregierungen. Außerdem waren die britischen Kolonien, wie auch die der anderen Kolonialmächte, ebenso rücksichtsloser Ausbeutung, brutaler Repression und üblem kolonialem Herrenmenschen-Rassismus ausgesetzt.

Die "Neuheit" der faschistischen Politik
Der Linkskommunist Karl Korsch hat einmal treffend die "Neuheit" der faschistischen Politik zusammengefaßt: "Die Neuheit der totalitären Politik ergibt sich aus der Tatsache, daß die Nazis auf die 'zivilisierten' europäischen Völker die Methoden ausgeweitet haben, die bisher den 'Eingeborenen' und den 'Wilden' vorbehalten waren, die außerhalb der sogenannten Zivilisation lebten." Auch die KZs sind ursprünglich keine Erfindung der Nazis, sondern ein Produkt des westlichen Kolonialsystems des späten 19. Jahrhunderts und des Systems der Gefängnisse und Arbeitshäuser. Die USA, ebenso wie z.B. England, die ihren Krieg als Kreuzzug für die "Menschenrechte" ausgaben, sind mit dem Blut von Millionen Indianern, Kulis und Sklaven errichtet worden. Bezeichnenderweise gibt es in Washington zwar ein Holocaust Museum, aber keines, das an den Mord an den Sklaven erinnert. Dabei sind mindestens 12 Millionen Kulis aus Asien in die Kolonien oder nach Amerika gebracht worden und 10-20 Millionen Afrikaner wurden versklavt. Das erzwungene Zu-Tode-Arbeiten, die Versklavung von Menschen, die Ausrottung von Millionen waren also keineswegs eine "Neuheit", der industrialisierte Massenmord und Krieg hingegen schon. Die Ausbeutung, der Krieg, die Repression und die Unterdrückung gehören zum Kapitalismus und seiner Geschichte wie das Prinzip der Profitmaximierung. Die Zahl der Opfer der Kriege, Völkermorde und politischer Gewalt verschiedener Art dürften allein für den Zeitraum von 1914 bis 1990 mindestens 187 Millionen Menschenleben betragen! Dies zeigt, daß die Nazis kein Monopol auf Verbrechen dieser Art haben. Es sind all diese Details, die ein Gesamtbild ergeben, das nicht zur Propaganda der jeweiligen Kontrahenten paßt. Im Gegenteil benutz(t)en die Alliierten den deutschen Faschismus und seine Verbrechen, um ihn als ein Alibi für eigene Verbrechen im imperialistischen Krieg und im kapitalistischen Frieden zu benutzen: "Vor dem Greuel des kapitalistischen Todes soll das Proletariat die Greuel des kapitalistischen Lebens vergessen und daß beide unzertrennlich miteinander verbunden sind. Vor den Experimenten der SS-Ärzte soll vergessen werden, daß der Kapitalismus im großen Maßstab mit Alkohol, mit krebserregenden Produkten, mit den Strahlungen der ‚demokratischen' Atombomben usw. experimentiert. Man zeigt die Lampenschirme aus Menschenhaut, damit vergessen wird, daß der Kapitalismus aus dem lebendigen Menschen, seiner Arbeitskraft, einen Lampenschirm macht. Vor den Bergen von Haaren, Goldzähnen, vor dem zur Ware gewordenen Körper des toten Menschen soll man vergessen, daß der Kapitalismus das Leben der Menschen selbst, die Arbeit, zur Ware gemacht hat." (Amadeo Bordiga)

Sind Kriege eine irrationale Sache und Ausgeburt "armer Irrer"?
Oft heißt es, der 2. Weltkrieg, Auschwitz und auch heutige Kriege seien eine irrationale Sache oder gar das Machwerk "armer Irrer". Dieses Geschwätz verhindert allerdings nur zu verstehen, daß hinter all dem Wahnsinn durchaus Berechnung, Planung und materielle Interessen stecken, ohne welche dieser "Wahnsinn" nicht möglich (gewesen) wäre. Alle diese "Grauen" waren und sind vernünftig geplant und vernünftig-wissenschaftlich begründet. Die Irrationalität prägt den Kapitalismus als ganzes (erinnert sei nur an die kapitalistische Konkurrenz, Produktion um des Profites wegen, Vergeudung von Ressourcen, Vernichtung von Lebensmitteln und Waren, Rassismus, Auschwitz, Krieg, etc.), in kleinen Teilbereichen dagegen ist der Kapitalismus äußerst rational (erinnert sei an die Entwicklung und den Einsatz neuer Waffensysteme, die Planung des Krieges und des industriellen Massenmordes, die Verwertung selbst der Goldzähne, Haare und Brillen der Ermordeten in Auschwitz, etc.). Wie so oft war der Kapitalismus mit seinem Rassismus für die Beherrschten irrational und sie wurden mißbraucht bzw. ließen sich mißbrauchen, während die Herrschenden diese Irrationalitäten gebrauchten, um ihre Interessen durchzusetzen, um das große Schlachtfest der Menschen- und Warenvernichtung zu rechtfertigen. Auschwitz war kein Ausbruch einer bestialischen und primitiven Gewalt (auch wenn der Faschismus sicherlich stets auch auf sadistische Kriminelle und fanatische Rassisten gesetzt hat), sondern Auschwitz wäre ohne die verwirklichte Fusion von Antisemitismus und Rassismus mit dem Gefängnis, der kapitalistischen Fabrik und der bürokratisch-rationellen Verwaltung und ihre historische Entwicklung nicht möglich gewesen. Es ist nicht der Bruch mit der Zivilisation und ihren Werten, der zu Auschwitz führte, sondern es sind gerade diese "Zivilisation" und ihre "Werte", welche Auschwitz möglich gemacht haben. Auschwitz und Hiroshima (stellvertretend für all die anderen Verbrechen der imperialistischen Mächte) sind nicht Produkte der Technologie oder einer bestialischen Weltanschauung, sondern sind Produkte der Entwicklung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. Die technischen Neuerungen ermöglichten Konzentrationslager, industriell organisierten Massenmord, Weltkriege und Atombomben und lieferten dem Kapitalismus, d.i. die kapitalistische Barbarei, neues Handwerkzeug, das er auch anzuwenden verstand. Um die Arbeiter in den verschiedenen Ländern für den Krieg zu mobilisieren, bediente sich die jeweilige Seite einer anderen Ideologie. Immer neue Schritte des "Gegners" wurden als Anlaß zur "Vergeltung" genommen und der Haß gegen die Arbeiter und Soldaten anderer Länder geschürt. Dabei waren die Arbeiter auf der einen Seite genausowenig verantwortlich für den Ausbruch des Krieges wie die auf der anderen; im Gegenteil litten sie ebenso unter den schrecklichen Folgen des von allen Staaten vorbereiteten und gewollten Abschlachtens. Wer die Bombardierungen und das gegenseitige Abschlachten verteidigt, verteidigt Verbrechen.

Verbrechen beim Namen nennen
Der imperialistische Krieg bedeutete Tod und Zerstörung für die in Uniformen gezwängten Arbeitermassen und die Zivilbevölkerung. Ein gerade im 2. Weltkrieg perfektioniertes Mittel dazu war der Luftkrieg und die erstmals von beiden Kontrahenten erprobten Flächenbombardements von Großstädten wie Belgrad, London, Rotterdam oder Warschau auf alliierter und Berlin, Dresden, Hamburg oder Köln auf deutscher Seite. Lübeck war ein weiteres Opfer dieses Krieges.

Die Bombardierungen deutscher Städte sollten zur Zermürbung und Demotivierung der Bevölkerung führen und die zur Kriegsproduktion nötigen Fabriken und Anlagen zerstören, so daß der Krieg ein schnelles Ende finden sollte. In Wirklichkeit sorgten Bombardierungen der Wohnviertel für ein Klima, in dem Haßgefühle gegen die Angreifer aufkamen und der Ruf nach "Vergeltung" laut wurde, der zur Weiterführung des Krieges genutzt werden konnte. Die Kriegsproduktion hingegen wurde nicht lahmgelegt.

Die Nützlichkeit und Zielsetzung der alliierten Flächenbombardements ist sehr fraglich. So war die deutsche Kriegsproduktion trotz der Bombardierungen noch intakt und im Anwachsen, so daß der Höhepunkt der Produktion von Artillerie, Flugzeugen und Panzern im Sommer 1944 erreicht wurde. Viele Wohnviertel waren zerstört, aber viele Industrieanlagen waren noch intakt (so daß diese nach 1945 dann als "Reparationsleistungen" demontiert werden konnten). Bei den Bombardierungen 1942 und 1943 waren Industrieanlagen und U-Boot-Basen nur bei 3,9 bis 19,2 % aller Angriffe betroffen (siehe Aufstellung nach Quartalen in Ernest Mandel, "Der Zweite Weltkrieg"). Auch wurden die Bahnschienen in die Todeslager wie Auschwitz nicht zerstört. Dabei erschienen 1944 allein in der Schweiz 383 und in den USA 54 Presseartikel über das Morden in Auschwitz. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die Alliierten, denn durch die Bombardierung der Schienen- und Verkehrswege hätten sie vielen Menschen das Leben retten können.

Daß es gar nicht darum ging den Krieg zu verkürzen, indem man z.B. die Waffenfabriken, etc. bombardierte, verdeutlichen nicht nur die unzähligen Beispiele der Bombardierungen, sondern auch zwei Zitate hoher alliierter Militärs. Im Report des Chief of Air Staff, Sir Charles Portal, vom 14. Februar 1942 heißt es: " ... es ist klar, daß die anvisierten Ziele bebaute Gelände und nicht, z.B., die Werften und Flugzeugfabriken zu sein haben ... Das muß klar gemacht werden, wenn es noch nicht verstanden sein sollte." Und auch aus dem Munde des Luftmarschall Harris, der den Spitznamen "Butcher" (=Schlachter) hatte, heißt es: "Es muß mit Nachdruck gesagt werden, daß, von Essen abgesehen, wir niemals ein besonderes Industriewerk als Ziel gewählt haben ... Unser eigentliches Ziel war immer die Innenstadt." Die Bombenteppichwürfe auf deutsche Städte wie Essen, Frankfurt/ M., Hamburg, Köln, München und viele andere konzentrierten sich weitgehend auf die Arbeiterklassenviertel. Bürgerliche Wohnviertel blieben im allgemeinen verschont. Dabei waren die Opfer des alliierten (wie deutschen) Luftkrieges eingeplante und beabsichtigte oder zumindest in Kauf genommene Opfer der Zivilbevölkerung so wie auch heute die Toten in den NATO-Krieg gegen Restjugoslawien und Afghanistan keineswegs versehentliche "Kollateralschäden" sind.

Der Krieg als Geschäft und die Zerstörung als Hautzweck des Krieges
Ein großer Teil der "Linken" verteidigt z.B. die Bombenangriffe der Alliierten auf deutsche Städte als "notwendiges Übel" oder "tragische Notwendigkeit". Dabei vergessen diese "Linken", daß Tod und Zerstörung nicht ein "Übel" des Krieges sind, sondern die notwendige Form, in welcher die Menschen den Krieg "erleben". Die Zerstörung ist nicht ein "Übel" des Krieges, sondern der Hauptzweck des Krieges. Der Krieg stellt die kapitalistische Lösung der Krise dar: nur der Krieg konnte die Unterwerfung der Gesellschaft unter die wirtschaftlichen Erfordernisse völlig bewerkstelligen (in Form der "Volksgemeinschaft" oder der "Volksfront" gegen den Faschismus, d.h. der Ausschaltung jeglicher Opposition), ebenso wie den Abbau der Arbeitslosigkeit, das Anwachsen der Profite, etc. so wie es der Krieg ist, dessen Folge z.B. auch das "Wirtschaftswunder" nach dem Krieg in Deutschland war. Der Krieg war ein Geschäft - auf Kosten der Arbeiterklasse aller Länder. In der Zerstörung von Arbeitskraft, Infrastruktur, Produktionsmitteln und Wohnraum und in dem "Verbrauch" von Waffen lag für die Kapitalisten aller Länder der tiefere Sinn auch dieses "gerechten" Krieges (so verdoppelten sich allein nach Abzug der Steuern die Profite der US-Wirtschaft für den Zeitraum von 1936 bis 1940 von 25,9 Milliarden Dollar auf 51,5 Milliarden Dollar für den Zeitraum von 1941 bis 1945). Durch den Verbrauch und die Zerstörung von Produkten und Werten lebt dieses System. Wer der "antifaschistischen" Logik folgt und die Bombardierungen deutscher Städte und Arbeiterviertel, welche Hunderttausende Tote forderte und Millionen obdachlos machte, wer also meint, daß bei den Bombardierungen Deutschlands durch die Alliierten "die richtigen getroffen" wurden, der verteidigt die eine Form der Barbarei im Kampf gegen die andere und vergißt, daß nach einer solchen Logik auch Antifaschisten, Gewerkschafter, Kommunisten und Sozialdemokraten und "normale" deutsche und Fremd-Arbeiter getötet wurden, wie auch wir Opfer der Bombardierungen im damaligen Deutschland geworden wären. Die Verteidigung der Bombardierungen der deutschen Städte als "notwendiges Übel" bedeutet die Verteidigung der alliierten Politik und ihrer Verbrechen, bedeutet die Gleichsetzung aller Deutschen mit Nazi-Deutschland und seiner Politik und bedeutet somit den Mythos vom "antifaschistischen" Krieg zu akzeptieren. Dies bedeutet allerdings, daß nicht die Verhältnisse, welche die deutschen, die englischen, die amerikanischen oder russischen Soldaten zum Krieg und zum Morden zwingen, zum Problem erklärt werden, sondern die Menschen, die diesem System und seinen Erfordernissen und Launen ausgesetzt sind. Diese "Antifaschisten" glauben der Propaganda der Alliierten, schenken den historischen Fakten, welche eindeutig sind, aber keine Aufmerksamkeit. Da sie ihrem "Antifaschismus" keinen sozialen Inhalt geben, werden sie notwendigerweise zu Verteidigern des vorfaschistischen kapitalistischen Status Quo, so daß sie die eine imperialistische Seite der anderen vorziehen. Mangels eigener Perspektive unterstütz(t)en sie die Alliierten gegen die Nazis und werden so zu Verteidigern alliierter Verbrechen, die ja "nur" gegen deutsche Arbeiter begangen wurden. Seinen perversen Höhepunkt erlebt solches Denken in der Ideologie der "Antideutschen". Diesen "Linken" fehlt allerdings nicht nur jegliches Verständnis für den imperialistischen Krieg und die damalige historische Situation, sondern auch jegliche Perspektive auf gesellschaftliche Veränderung, weshalb sie Bündnisse mit anderen imperialistischen Mächten zur Bezwingung des nazistischen "Dämons" favorisier(t)en. In der Gegenwart entspricht diese Position derjenigen, die z.B. vor den NATO-Kriegen gegen Restjugoslawien und Afghanistan aus angeblichem "Handlungszwang" die NATO in ihrem Einschreiten gegen den Diktator Milosevic oder die islamistischen Fanatiker der Taliban unterstützte. Man könne ja nicht zusehen, wie dort gemordet werde bzw. man dürfe die Barbarei nicht dulden. Durch den Verweis, es ginge um "Demokratie", "Freiheit" und "Menschenrechte" soll der Krieg seine höhere Weihe erhalten, soll es uns erscheinen als gebe es keine Alternative als die eine Seite (das kleinere Übel = z.B. "Demokratie" oder "westliche Zivilisation") gegen die andere (das größere Übel = z.B. "Faschismus" oder "islamische Barbarei") zu unterstützen.

Die internationalistische Position
Der 2. Weltkrieg war weder ein "antifaschistischer" Krieg noch war der NATO-Krieg gegen Afghanistan und Bin Ladens Al Kaida ein Krieg der "Zivilisation" gegen die "Barbarei". Wir lassen uns von keiner Seite vereinnahmen und verweigern uns der Logik des "kleineren Übels". Wir lehnen es ab die eine Seite gegen die andere zu unterstützen, d.h. die eine Form der kapitalistischen Barbarei der anderen vorzuziehen. Wir lehnen hingegen die kapitalistische Barbarei schlechthin ab, ganz gleich von wem sie organisiert wird, welche Form sie hat und welche ideologische Begründung ihr gegeben wird. Auf beiden Seiten des 2. Weltkrieges war es die arbeitende Bevölkerung, welche als Kanonenfutter, Arbeitskraft in den Betrieben und beim Wiederaufbau die Hauptlast des Krieges zu tragen hatte und auf beiden Seiten waren es die Kapitalisten, welche an Tod, Zerstörung und Wiederaufbau verdienten und die Profite einstrichen. Das ist auch in heutigen Kriegen so. Für die Arbeiter selbst ist es egal, unter welchem Vorwand sie in den Krieg getrieben werden, wer an ihrer Arbeit verdient und von wem sie getötet werden. Für sie zählt nur der Fakt, daß sie kommandiert, ausgebeutet und getötet werden.

Das Problem sind die Verhältnisse, welche Menschen dazu zwingen in Kriegen Kanonenfutter zu sein. Das Problem sind die Verhältnisse, welche die Menschen zwingen ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Das Problem sind die Verhältnisse, welche die Freiheit des Kapitals bedeuten mit allem Geld zu machen und unsere Sklaverei bedeuten. Das Problem sind die Verhältnisse, die es ermöglichen mit Tod und Zerstörung Profit zu machen. Wer eine Welt ohne Ausbeutung, Krieg und Unterdrückung will und nicht bloß einen "zivilisierten" Kapitalismus und eine neue Atempause für ein neues Aufrüsten bis zum nächsten Krieg oder für ein neues Verschnaufen bis zum nächsten Arbeitstage, der muß nicht nur aufhören einen "besseren", "friedlicheren", "sozialeren" oder "demokratischeren" Kapitalismus zu fordern, sondern der muß erkennen, daß das Problem nicht der Krieg oder die Nazis sind, sondern das System, das es den Kapitalisten erlaubt uns und unsere Welt zu verplanen, zu zerstören und auszubeuten. Unsere Haltung kann nur die des proletarischen Internationalismus sein. Die internationalistische Position haben die italienischen Linkskommunisten im Juni 1944 formuliert: "Eure Feinde sind weder die deutschen, noch die englischen oder amerikanischen Soldaten, sondern der Kapitalismus, der sie zum Krieg, zum Töten, zum Mord zwingt. Euer Feind ist Euer Kapitalismus." Und es waren alliierte Bomber, welche die italienischen Großstädte bombardierten und die im Keim befindlichen Arbeiterräte zerstörten und an ihrer Arbeit hinderten, ebenso wie die alliierten Besatzer nach 1945 die Versuche der deutschen Arbeiter sich in Deutschland selbst zu organisieren verboten oder es die alliierten Bomber waren, welche 1991 die irakischen Arbeiterviertel bombardierten, in denen sich Widerstand gegen Saddam Hussein regte und es zum offenen Aufstand auch irakischer Soldaten gekommen war.

Die italienischen Linkskommunisten formulierten die einzig mögliche Position im imperialistischen Krieg: "Weigert Euch zu schießen, verbrüdert Euch mit den Soldaten und Arbeitern Europas ... Es gibt keine andere Alternative, keinen anderen Weg außer der Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg ... Arbeiter und Soldaten aller Länder! Nur Ihr könnt das furchtbarste Massaker der Geschichte aufhalten. Arbeiter: Stoppt in allen Ländern die Produktion, welche zum Abschlachten Eurer Brüder, Frauen und Kinder bestimmt ist. Soldaten: Stellt Euer Feuer ein, legt die Waffen nieder! Verbrüdert Euch über alle künstlichen Grenzen des Kapitalismus hinweg. Es lebe die Verbrüderung aller Ausgebeuteten. Nieder mit dem imperialistischen Krieg! Es lebe die kommunistische Weltrevolution." Dabei beteiligten sich die linken Kommunisten und Rätekommunisten aktiv an der Befreiung und am Widerstand z.B. in Paris - allerdings auf einer klaren Klassenbasis und nicht im Rahmen der nationalistischen Volksfront oder Resistance.

Krieg dem imperialistischen Kriege und dem Faschismus! Es lebe die soziale Revolution! Klasse gegen Klasse!

Bibliothek des Widerstandes und Soziale Befreiung als Bestandteil der Unabhängigen Rätekommunisten

Ausführlicher haben wir uns mit dem Charakter des Faschismus und des 2. Weltkrieges sowie der Rolle des "Antifaschismus" in unserer Broschüre "Auschwitz als Alibi. Kritik des bürgerlichen Antifaschismus" beschäftigt.

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Folgende Broschüren der Bibliothek des Widerstandes sind erhältlich:
Auschwitz als Alibi. Kritik des bürgerlichen Antifaschismus (Euro 3,40) * Die Kronstadt-Rebellion. Alle Macht den Sowjets, nicht den Parteien! (Charakter und Bedeutung der Kronstadt-Rebellion 1921; Euro 2,30) * 17. Juni 1953 - Arbeiteraufstand oder Konterrevolution? (Euro 4,10) * Frankreich 1968: Rebellion im Herzen der Bestie (Klassenkämpfe in Frankreich 1968 bis heute; Euro 4,10) * Revolution Times Fanzine, aktuelle Ausgabe (Euro 3,00). Zu bestellen bei: Revolution Times, Postlagernd, 23501 Lübeck, Deutschland ** Homepage: www.oocities.com/revolutiontimes/ **
Folgende Ausgaben der Sozialen Befreiung sind erhältlich:
Nr.1 (Euro 3,50) * Nr.2, Leo Trotzki und der sowjetische Staatskapitalismus (Kritik des Trotzkismus; Euro 4,50) * Nr.3, Charaktermasken des bürgerlichen Nationalismus. Eine marxistische Analyse von Nelke (Euro 3,50) * Nr.4, Vom Parteimarxismus zum Rätekommunismus (Euro 5,50) * Nr.5, Weg mit Kapital, Partei und Vaterland (u.a. Proletarischer Internationalismus; Rätekommunismus kontra Linkskommunismus; Euro 6,50). ** Zu bestellen bei: Soziale Befreiung, Postlagernd, 36433 Bad Salzungen, Deutschland ** Homepage: www.oocities.com/sozialebefreiung/ **

www.oocities.com/raetekommunismus/

V.i.S.d.P.: M. Petritschenko, Straße der Kommune 1871, 13333 Berlin

 

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