Bertolt Brecht ... ein paar Gedichte

Gedichte von Bert Brecht

 

Gleichklang

Bidi in Peking
Im Allgäu Bie
 
Guten, sagte er
Morgen Sagte sie.



Merkwürdig

Es ist doch merkwürdig, wie auch die Größten vergehen
Und nichts bleibt außer Staub. Wie Gras!
(Und es ist selten etwas so schrecklich und unaufgeklärt wie das.)
In Altötting z.B. ist der katholische Feldherr Tilly im Sarge zu sehen
Gegen zwei Mark Eintritt für Erwachsene präpariert unter Glas
(Es steht darauf: Tilly nicht berühren!)
Und der Kastellan sagte mir selber und im Angesicht der Bahre
Und er hatte auch gar keinen Grund, mich irrezuführen
Und es stimmte auch sicherlich:
Vor einigen Jahren hatte der General noch Haare.
So etwas gibt einem immer wieder einfach einen Stich.



Bericht eines Schiffbrüchigen

Als das Schiff brüchig war
Ging ich in die Wasser. Des Wassers Gewalt
Warf mich auf einen kalten Steinbrocken.
Ich war von Sinnen alsbald.
Währenddem ging meine Welt unter. Zwar 
Als ich aufwachte, mein Haar 
War schon trocken.
 
Ich aß aus Muscheln einiges
Und schlief in einem Baum
Drei Tage, die beste Zeit 
Und weil ich hatte nichts als Raum
Ging ich weit.
 
Der Anblick war mir ungewohnt.
Ich berührte nichts mit meiner Hand.
Nach dreien Nächten habe ich den Mond 
Wieder erkannt.
 
Ich hängte ein Tuch in einen Baum
Und stand daneben
Einmal einen Tag und eine Nacht.
Das Wasser war ruhig.
In meinem Tuch war kein Hauch
Es kam kein Schiff
Es gab keine Vögel.
 
Später sah ich auch Schiffe
Fünfmal sah ich Segel
Dreimal Rauch.



Epitaph für M.

Den Haien entrann ich
Die Tiger erlegte ich
Aufgefressen wurde ich
Von den Wanzen.



Lektüre ohne Unschuld

In seinen Tagebüchern der Kriegszeit
Erwähnte der Dichter Gide einen riesigen Platanenbaum
Den er bewundert - lang - wegen seines enormen Rumpfes
Seiner mächtigen Verzweigung und seines Gleichgewichts
Bewirkt durch die Schwere seiner wichtigsten Äste.
 
Im fernen Kalifornien
Lese ich kopfschüttelnd diese Notiz.
Die Völker verbluten. Kein natürlicher Plan
Sieht ein glückliches Gleichgewicht vor.



Tagesanbruch

Nicht umsonst
Wird der Anbruch jeden neuen Tages
Eingeleitet durch das Krähen des Hahns
Anzeigend seit alters
Einen Verrat.



Ich will mit dem gehen, den ich liebe

Ich will mit dem gehen, den ich liebe.
Ich will nicht ausrechnen was es kostet.
Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.
Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.
Ich will mit dem gehen, den ich liebe.



Appell an einen kranken Kommunisten

Wir haben gehört, daß du an Tuberkulose erkrankt bist.
Wir fordern dich auf: erblicke darin
Keine Fügung des Schicksals, sondern
Einen Angriff der Unterdrücker, die dich
Mangelhaft bekleidet in nassem Obdach
Dem Hunger preisgaben. So wurdest du krank gemacht.
Wir befehlen dir, den Kampf sofort aufzunehmen
Gegen die Krankheit und gegen die Unterdrückung
Mit aller List, Strenge und Zähigkeit
Als einen Teil unseres Kampfes, der
Aus der Schwäche heraus geführt werden muß
Im äußersten Elend, in dem
Alles erlaubt ist, was zum Sieg führt, welcher Sieg
Der Sieg der Menschheit über den Abschaum ist.
Wir erwarten dich baldmöglichst wieder
Auf deinem Posten, Genosse.



Antwort des kranken Kommunisten an seine Genossen

Genossen, durch Hunger, schlechtes Wohnen und mangelhafte Kleidung
Wurde ich krank gemacht und aus euren Reihen entfernt.
Ich habe den Kampf um meine Wiederherstellung sofort aufgenommen.
Ich erkläre jedem, der mich sieht
Den Grund meiner Krankheit
Ich bezeichne ausdrücklich die Schuldigen.
 
Gleichzeitig kämpfe ich gegen die Krankenkassen
Die mich betrügen wollen um jeden kleinsten Vorteil.
Vom Bett aus kämpfe ich.
 
Ich habe mich informiert über die Verpflichtungen des Krankenhauses
Die alltäglichen Übergriffe gegen die Kranken der unterdrückten Klasse.
Ich wende jedes Mittel an, das mir hilft
Meine Gesundheit wiederzuerlangen.
 
So habe ich, obwohl getroffen und verletzt
Eure Reihen nicht verlassen. Bis zu meinem letzten Atemzug
Verbleibe ich euch. Ich gedenke nicht zu weichen.
Ich bitte euch
Weiter mit mir zu rechnen.



Gemeinsame Erinnerung

Nacht auf Nyborgschaluppe
Frührot im finnischen Ried
Zeitung und Zwiebelsuppe
New York, fifty-seventh Street
 
Im Paris der Kongress
Svendborg und Wallensbäk
Londoner Nebel und Nässe
Auf der "Anni Johnson" Deck
 
Zelt auf der Birkenkuppe
In Marlebaks Morgengraun
O Fahne der Arbeitertruppe
In der Altstadt von Kobenhavn!



Kleines Lied

1
Es war einmal ein Mann
Der fing das Trinken an
Mit achtzehn Jahren und -
Daran ging er zugrund.
Er starb mit achtzig Jahr
Woran, ist sonnenklar.
 
2
Es war einmal ein Kind
Das starb viel zu geschwind
Mit einem Jahr und -
Daran ging es zugrund.
Nie trank es: das ist klar
Und starb mit einem Jahr.
 
3
Daraus erkennt ihr wohl
Wie harmlos Alkohol...



Der Kirschdieb

An einem frühen Morgen, lange vor Hahnenschrei
Wurde ich geweckt durch ein Pfeifen und ging zum Fenster.
Auf meinem Kirschbaum, Dämmerung füllte den Garten
Saß ein junger Mann mit geflickter Hose
Und pflückte lustig meine Kirschen. Mich sehend
Nickte er mir zu, mit beiden Händen
Holte er die Kirschen von den Zweigen in seine Taschen.
Noch eine ganze Zeitlang, als ich wieder in meiner Bettstatt lag
Hörte ich ihn sein lustiges kleines Lied pfeifen.



Lied der müden Empörer

Wer immer seinen Schuh gespart
Dem ward er nie zerfranst.
Und wer nie müd noch traurig ward
Der hat auch nie getanzt.
 
Und wenn aus Altersschwäche gar
In Staub zerfällt dein Schuh
Der ganz wie du nur für Fußtritte war
War glücklicher doch noch als du.
 
Wir tanzten nie mit mehr Grazie
Als über d’Gräber noch.
Gott pfeift die schönste Melodie
Stets aus dem letzten Loch



Ardens sed virens

Herrlich, was im schönen Feuer
Nicht zu kalter Asche kehrt!
Schwester, sieh, du bist mir teuer
Brennend, aber nicht verzehrt.
 
Viele sah ich schlau erkalten
Hitzige stürzen unbelehrt
Schwester, dich kann ich behalten
Brennend, aber nicht verzehrt.
 
Ach, für dich stand, wegzureiten
Hinterm Schlachtfeld nie ein Pferd
Darum sah ich dich mit Vorsicht streiten
Brennend, aber nicht verzehrt.



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