Bertolt Brecht's

Gedichte von Bert Brecht

 

Einmal unter vielen Malen

Einmal unter vielen Malen
Vergißt das Schiksal die Glücklichen
Ausbleibt der giftgeschwollene Brief
Der Mord verspätet sich
Wie in einer goldenen Staubwolke verborgen
Leben die Liebenden dahin.
 
Aber vielleicht weiß das Schiksal alles
Wünscht nur eine unsichere Hand zu zeigen und fügt
Zögernd sieben glückliche Jahre hinzu, nimmt unschlüssig
Zwei wieder weg.



Bitten der Kinder

Die Häuser sollen nicht brennen.
Bomber solte man niht kennen.
Die Nacht sol für den Schlaf sein.
Leben sooll keine Straf sen.
Die Mütter sollen nicht weinen.
Keiner soll töten einen.
Alle sollen was bauen.
Da kann man allen trauen.
Die Jungen sollen´s erreichen.
Die Alten desgleichen.



Aber das Neue muß Altes bezwingen

Aber das Neue muß Altes bezwingen
Anders sind immer die Wellen im Rhein.
Und wir werden ein Deutschland erringen
Und es wird neu und ein anderes sein.



Sag ihm, wer den Wagen zieht

Sag ihm, wer den Wagen zieht
Er wird bald sterben.
Sag ihm wer leben wird?
Der im Wagen sitzt.
Der Abend kommt.
Jetzt eine Hand voll Reis
Und ein guter Tag 
Ginge zu Ende.



Gesang vom Sommer

14. Psalm

1
Unter einer gelben Ockersonne, die um vier Uhr aufsteht, unter einem Haufen Wind, den man nicht für siebe Millionen aufkaufen kann, entfalten die Wiesen von Kempten bis Passau ihre Propaganda für Lebensfreude.

2
Von Stadt zu Stadt rollen die Eisenbahnzüge, voll von Milch und Passagieren, die Getreidefelder teilen sich wie das gelbe Meer vor ihnen. Um die donnernden Züge, zwischen den großen Versteinerungen steht die Zeit still, der Mittag über den unbewegten Feldern.

3
Die Gestalten in den Feldern, braun in weißen Hemden, lasterhafte Gesichter, reißen mit blanken Schaufeln die Flanken der geduldigen erde auf und gießen Tierjauche in die Wunden. Die Braunbrüstigen und ihr Vieh arbeiten wie besessen in langsamen Bewegungen für die Bleichgesichter in den Versteinerungen, wie es auf dem Papier vorgesehen ist.

4a
Scharlachene Winde erregen die Ebenen. Die Gerüche werden anfangs Mai maßlos. Ungeheure Gesichte zähnefletschender nackter Männer wandern in großen Höhen südwärts.

4b
Das rote Blut der Menschen gebiert Schreie zum ersten Mal, die dem Schreien von Affen vor dem Verenden gleichen. Rasselnde Heuschreckenschwärme bedecken grün die Gehirne und wir werden aufgeblasen im Kopf und bekommen siebenmal soviel Glieder.

4
Gott hat die Erde geschaffen, daß sie Brot bringe, und uns Steine gegeben für die Häuser und Arme für die Arbeit, daß die Mägen voll würden, und Mägen, die Speisen zu verdauen. Aber für was ist der Wind da, herrlich in den Laubwipfeln?

5
Der Wind schiebt die Wolken, daß es Regen gibt für die Äcker, daß die Äcker Brot geben. Laßt uns jetzt Kinder erzeugen in mannigfachen Lüsten, für das Brot und für den Fall, daß wir sterben!

6
Der Sommer ist die schönste Jahreszeit (außer Frühling, Winter und Herbst! Während er ist, liebe ich ihn am meisten!)

Eisenbahnfahrt. 19. Psalm

1
In dem gleitenden Zug zwischen Glasfenstern mitten im Grünen, sitzt ein sanftes Indianergesicht: das bin ich.

2
Den ganzen Sommer ist es in den Eisenbahnzügen zu sehen, in den Ebenen, zwischen schwatzenden Weibern und rauchenden Bleichgesichtern, mit dem Blick über die Wiesen.

3
Ich arbeite nichts im Sommer, ich fahre nur herum und lauf ins Grüne, aber im September schon ist mein Gesicht eine Landschaft und dann bin ich am ruhigsten im Jahr.

4
Von den Wäldern nehme ich das Schweigen mit. Aber von den Wiesen die Aufwärtsbewegung und die Gelassenheit von den Äckern, die unter der Sichel wachsen für die Novembernächte

5
in der Cherrybrandybar.

Morgen auf dem Berg Ararat

1
Frühe, noch in derselbigen Nacht, erhob ich mich aus ihrem Bette, wie von tauben beschmutzt, und segelte los. Ich ging vorsichtig, meine Lieben, auf Säbelbeinen, wie eine Schaluppe vor dem Wind mit zu großem Segel, todmüde lief ich umher wie ein kleiner Igel, der Überrest einer stolzen Nacht.

2
Als ich wiederkam, mit Wind geladen, schlief sie noch, wie eine Leiche über den Tüchern, schwarze Luft hing zwischen den Wänden, von dem Geruch der Liebe gesättigt. Ich rauchte eine Havannah.

Von Brot und den Kindlein

1
Sie haben nicht gegessen
Das Brot im hölzernen Schrein
Sie riefen, sie wollten essen
Lieber die kalten Stein.

2
Es ist das Brot verschimmelt
Weil’s keiner essen will.
Es blickte mild zum Himmel
Da sagte der Schrank ihm still:

3
"Die werden sich noch stürzen
Auf ein Stückelein Brot
Mit wenigen Gewürzen
Nur für des Leibes Not."

4
Es sind die Kindlein gangen
Viele Straßen weit.
Da mußten sie ja gelangen
außer die Christenheit.

5
Und bei den Heiden da hungern
Kindlein dürr und blaß.
Es geben ihnen die Heiden
Keinem irgend was.

6
Sie würden sich gerne stürzen
Auf ein Stückelein Brot
Mit wenigen Gewürzen
Nur für des Leibes Not.

7
Das Brot aber ist verschimmelt
Gefressen von dem Vieh.
Woll’s Gott, es hat einst der Himmel
Ein kleines Gewürzlein für sie.



Die neuen Zeitalter

Die neuen Zeitalter beginnen nicht auf einmal.
Mein Großvater lebte schon in der neuen Zeit
Mein Enkel wird wohl noch in der alten leben.
 
Das neue Fleisch wird mit den alten Gabeln gegessen.
 
Die selbstfahrenden Fahrzeuge waren es nicht
Noch die Tanks
Die Flugzeuge über unsern Dächern waren es nicht
Noch die Bomber
 
Von den neuen Atennen kamen die alten Dummheiten.
Die Weisheit wurde von Mund zu Mund weitergegeben.



Gewohnheiten, noch immer

Die Teller werden hart hingestellt
Daß die Suppe überschwappt.
Mit schriller Stimme
Ertönt das Kommando: Zum Essen!
 
Der preußische Adler
Den Jungen hackt er
Das Futter in die Mäulchen.



Als Lenin ging

Als Lenin ging, war es
Als ob der Baum zu den Blättern sagte:
Ich gehe.



Das Lied von der Moldau

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.
 
Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.
 
Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.



Letztes Liebeslied

Als die Kerze ausgebrannt war
Blieb uns nur ein kalter Stumpen
Als der Weg zu End gerannt war
Schimpften wir uns wie zwei Lumpen.
Beatrice war gestellt
Spitzel wurde ihr Begleiter
Tatbestand ward aufgehellet
Statt der Schwüre floß jetzt Eiter.
Alle Himmel aufzureißen
Nur dem Haß wurds zum Gewinne
Hinz und Kunz, die großen Weisen
Wußten dies von Anbeginne



Rudern, Gespräche

Es ist Abend. Vorbei gleiten
Zwei faltboote, darinnen
Zwei nackte junge Männer: Nebeneinander rudernd
Sprechen sie. Sprechend 
Rudern sie nebeneinander.



Die Wahrheit einigt

Freunde, ich wünschte, ihr wüßtet die Wahrheit und sagtet sie!
Nicht wie fliehende müde Cäsaren: Morgen kommt Mehl!
So wie Lenin: Morgen abend
Sind wir verloren, wenn nicht...
So wie es im Liedlein heißt:
 
"Brüder, mit dieser Frage
Will ich gleich beginnen:
Hier aus unsrer schweren Lage
Gibt es kein Entrinnen."
Freunde, ein kräftiges Eingeständnis
Und ein kräftiges WENN NICHT!



Orges Wunschliste

Von den Freunden, die nicht abgewogenen.
Von den Häuten, die nicht abgezogenen.
 
Von den Geschichten, die nicht unverständlichen.
Von den Ratschlägen, die nicht unverwendlichen
 
Von den Mädchen, die neuen.
Von den Weibern, die getreuen.
 
Von den Orgasmen, die ungleichzeitigen.
Von den Feindschaften, die beiderseitigen.
 
Von den Aufenthalten, die vergänglichen.
Von den Abschieden, die unerschwänglichen.
 
Von den Künsten, die unverwertlichen.
Von den Lehreren, die beerdlichen.
 
Von den Genüssen, die aussprechlichen.
Von den Zielen, die nebensächlichen.
 
Von den Feinden, die empfindlichen.
Von den Freunden, die kindlichen.
 
Von den Farben, die rote.
Von den Botschaften, der Bote.
 
Von den Elementen, das Feuer.
Von den Göttern, das Ungeheuer.
 
Von den Untergehenden, die Lober.
Von den Jahreszeiten, der Oktober.
 
Von den Leben, die hellen.
Von den Toden, die schnellen.



Deutschland

O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie sitzt du besudelt
Unter den Völkern
Unter den Befleckten 
Fällst du auf.
 
Von deinen Söhnen der ärmste
Liegt erschlagen.
Als sein Hunger groß war
Haben deine anderen Söhne
Die Hand gegen ihn erhoben.
Das ist ruchbar geworden.
 
Mit ihren so erhobenen Händen
Erhoben gegen ihren Bruder
Gehen sie jetzt frech vor dir herum
Und lachen in dein Gesicht
Das weiß man.
 
In deinem Haus
Wird laut gebrüllt was Lüge ist
Aber die Wahrheit
Muß schweigen.
Ist es so?
 
Warum preisen dich ringsrum die Unterdrücker, aber
Die Unterdrückten beschuldigen dich?
Die Ausgebeuteten
Zeigen mit Fingern auf dich, aber
Die Ausbeuter loben das System
Das in deinem Hause ersonnen wurde!
 
Und dabei sehen dich alle
Den Zipfel deines Rockes verbergen, der blutig ist
Vom Blut deines 
Besten Sohnes
Hörend die Reden, die aus deinem Haus dringen, lacht man.
Aber wer dich sieht, der greift nach dem Messer
Wie beim Anblick einer Räuberin.
 
O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie haben deine Söhne dich zugerichtet
Daß du unter den Völkern sitzest
Ein Gespött oder eine Furcht!



Schwächen

Du hattest keine
Ich hatte eine:
Ich liebte.



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