Gertrud von le Fort

(1876-1971)


Drei kleine Lieder

                       I

Wenn nachts die Brunnen rauschen,
Die Welt liegt schlummerschwer,
Da muß ich immer lauschen
als ob ein Zauber wär.

Und sind doch kühl die Bronnen
Und sind doch scheu und zag,
So tief in sich versonnen
Den langen, lauten Tag ...

Ich hab so mächtge Träume,
Ich weiß wohl ihr Begehr:
Bei Nacht durch weite Räume
Spürt jeder Quell das Meer.
 

                      II

Kommt ein junger Strom gezogen
Durch das jungfräuliche Tal,
Spielt auf einem Silberbogen
Nächtlich unter meinem Saal.

Und ich lausch in meiner Zelle
Schlummernd halb und halb erwacht,
Trinkend seines Spieles Welle
Wie den Liebeskelch der Nacht.

Leise schwirrt der Fensterflügel,
Weite dringt zum engen Raum,
Wolke, Wipfel, Hang und Hügel
Stürzen sich in meinen Traum!

Wie in hochzeitlichem Reigen
Schwingt um mich der Sterne Fall -
Selig mit der Wälder Schweigen
Ruh ich an der Brust dem All.
 

                       III

In meinem Hause dient eine Maid,
Die ist geheißen Herzeleid.
Sie dient mir heimlich und ohne Lohn
Lange schon.
Sie schöpft mir mit stillen Händen den Trank
Und sitzt mit gelaßnem Sinn
Am Herd auf der Bank
Und spinnt so hin...
Oft mein ich sie lacht,
Aber manchmal bei Nacht
Wenn draußen der Mond auf dem Meere schwebt
Und sein silbernes Horn
Die Fluten lockt und hebt:
Dann stürzt der Tränenborn
Ihr ins Gesicht
Und schluchzt ans Licht ...
 
 

Drei Festhymnen
 

Zur Einweihung der Frauen-Friedenskirche in Frankfurt am Main

                              I

Wem wirst du das Königslied singen, du kronenlose,
Wer wird dein Zepter tragen, du zerstörte Welt?
Wer wird deine Völker sammeln, du Verstreute?
Siehe, du bist bedeckt mit den Splittern aller deiner Sterne,
    du bist wundgestoßen, meine Erde, wie von
    Gräberschaufeln.
Deine Kinder sind verarmt, wie einer Witwe Kinder!

Erkennst du die Schlafenden in ihren fremden Grüften?
Erkennst du die dahinsanken vor dem Welken ihrerJahre?
Erkennst du die Verschollenen in den Fluten und die
    Unversöhnten im Schmerz der Ewigkeit?
Siehe, das Meer deiner Toten ist weiß von Seelen bis zum
    Himmel, und der Strom der Tränen klagt durch seine
    Dünen!

                               II

Wir haben unsren Toten eine Burg erbaut, die soll heißen
    ,,Frauendom des Friedens' -
Wir haben sie aus unsren Schmerzen aufgerichtet:
Alle ihre Steine sind aus unsren Herzen gebrochen!
Hoch preisen ihre Glocken den Herrn, und hochauf orgeln
    Ihm alle Stimmen ihrer Chöre.
Die Fluren ihrer Räume entbreiten Sein Rühmen, alle ihre
    Pfeiler tragen schwer an Dank!

Es fallen vor Seiner Gnade hin alle Stufen ihrer Treppen, alle
    ihre Fenster brechen vor Ihm in Licht aus!
Denn Er hat die zerbrochenen Hände zum Werkzeug
    angenommen, und das Schluchzen der Verwaisten zur
    Stimme,

Er hat das Leid der Machtlosen in Liebe verwandelt, und
    ihre Klagen in ewiges Gebet.
Selig sind die Mütter der Erschlagenen, denn sie wurden
    Töchter der Schmerzensreichen,
Und selig sind die Schwestern der Toten, denn sie wurden
    Sterne des Morgensterns!
Selig sind die Bräute in den Schleiern ihrer Tränen, denn sie
    wurden Trösterinnen der Betrübten!

Hebe dein Kind auf unsere Herzen, du Frau aller Frauen!
Breite Seinen Königsmantel über alle Völker, Wächterin des
    Heils!
Halte Seine Palme über den Geschiedenen!
Friede sei ihr Gedächtnis, Friede sei ihr Vermächtnis,
Ewiger Friede vom Ewgen sei ihr Totenmal!
 

Gruß an Anton Kippenberg zu seinem siebzigsten Geburtstag

                                             I

Geh auf, mein Erntetag: ich neige mich vor deiner goldnen
    Stirne, auch mit umflortem Blick will ich dich gläubig
    feiern!
Denn wie die Sonne durch die Stämme des Hochwalds, so
    ging Gottes Auge mit mir durch die Jahre,
Wie der Mond auf den Häuptern der Ähren, so lag seine
    Güte über meinem Scheitel.
Er gab mir einen Stern zum Freunde, sein Strahl war mein
    Wanderstab und mein Geleit.
Ich tat mein Werk im Leuchten seines Angesichtes: mein
    Feld lag immer zu den Füßen der höchsten Berge.
An heilgen Hängen zog ich meine Reben, an alten, könig-
    lichen Hängen, umschwebt vom Geiste der Väter.
Meine Erntekrone atmet noch den reinen Duft der Frühe,
    aber auch in späten Fluren fand ich süße Früchte.
Aus dem Reif des Herbstes trug ich noch verwehte Garben
    heim.
Ich barg sie nicht in Speichern, wo die Blitze zünden, und
    nicht in Kellern, die verfallen, wenn die Erde wankt und
    bebt.
Ich lagerte sie im Lebendgen ein: ich streute meinen Segen
    aus wie eine lichte Saat.
Mein Haus war wie ein offner Tisch und wie eine Schale
    voller Gaben.
Die Hungrigen wurden bei mir satt, und die Satten
    Hungernde nach edler Speise-
Wer will eine Ernte rauben, die am Herzen der Lebendgen
    keimt?
Das Verschenkte ist mein Reichtum, und das
    Hingeschwendete ist mein Besitz!
Mein Werk ist wie ein Schiff, das vom Ufer des Verderbens
    abstieß,
 

Es ist wie ein geschwelltes Segel, das zur hohen See entkam.
Es ist wie eine Insel, weit ins ewge Meer hinausgebaut -
Wer will eine Insel aus dem Arm des Meeres reißen?
 

                                          II

Doch es hält noch ein Andrer Erntetag am Tag meiner
    Ernte.
Sein Arm ist stark wie ein Schwert, und seine Sichel weiß um
    kein Ermüden.
Tausendjährges Wachstum holt er heim in einer einzgen
    Stunde, und hundertjährges Edeltum sinkt ihm in einer
    Nacht.
Er mäht die Heiligtümer unsrer Väter ab wie schlichte
    Ähren,
Er keltert sich von ihren königlichen Hängen finstern Wein.
Ich gehe wie im Sternengestöber, das vom Firmament fällt,
    und wie im Getrümmer zersplitterter Sonnen.
Siehe, die Gestalten unsres Geistes sammeln sich zu Heeren
    und ziehn von uns hinweg mit fliegenden Flammen -
Meines Volkes Erntekronen wurden Opferkränze!
Unsre Städte sind wie große Altäre, die Tag und Nacht
    brennen, und unsre Dome liegen da wie offne
    Weihgefäße.
Unsre Türme stehn wie Kerzen in den Nächten.
Unsre Bilder haben Flügel bekommen, und die Seiten
    unsrer Bücher wehen durch die Luft wie brennendes
    Laub:

Wir hatten eine Welt beschenkt, und wir beschenken nun
    die unsichtbaren Räume -
Wer will eine Ernte rauben, die im Schoß des Unsichtbaren
    keimt?
Das Geopferte ist unser Reichtum, und das Entschwundne
    unser heilger Überfluß!
Zerstöre unsre Dächer, Sturm, und zerstreue unsre niedre
    Habe,
Unser Edelgut ist längst geborgen, es hat nur den Raum und
    die Gestalten vertauscht:
Wie Abendrot geht es vor unsren Tränen unter, wie
    Morgenrot geht es vor unsern Seelen wieder auf-
Wer will uns das Geliebte aus den Seelen reißen?
 

Zum Empfang des Hochwürdigen Bischofs von Münster,
Clemens August Graf von Galen
 

DIE STIMME DER KIRCHE SPRICHT:

Erhebe dich, du Gebeugte, und freue dich empor, du tief
    verweinte Stadt!
Erwache auch in deiner Schattengruft, du herrlicher Dom!
Aus euren Trümmern ruf ich meinen Fürsten, aus eurer
    Tore Schutt geleit ich ihn zur Ehre.
Denn es war Erz in euren Mauern, das dem Feuer stand-
    hielt, es war Glockenerz darinnen, das keine Glut
    zerstörte.
Wie ein heller Ruf die Schläfer weckt, so weckte sein
    Mund die Wahrheit,
Wie ein kühner Pfeil das Ziel trifft, so traf seine Stimme
    mitten ins Schweigen-
Sie war wie ein Quellaut in der Wüste, sie war wie ein
    Stromlaut im verdurstenden Lande.
Aus diesen Trümmern ruf ich meinen Fürsten, aus dieser
    Tore Schutt geleit ich ihn zur Ehre!
Siehe, ich schmücke ihn mit dem Purpur unsres Heilands:
    ich bekleide seine Schultern mit der heilgen Farbe der
    Erlösung.
Ins Rot der Liebe, die für uns am Kreuze starb, hüll ich ihn
    ein,
Daß ich ihn noch tiefer tauche in die Herzflut des
    Erbarmens, daß ich ihn noch näher wohnen lasse bei
    unsrem ewigen Trost.
Erhebet euch, ihr Gebeugten, und freuet euch empor, ihr
    Verweinten im ganzen Lande!
Erwacht aus euren Schattengrüften, ihr herrlichen Dome!
Ihr schönen Kirchen alle, sprengt die Todeskammern:
Arme, blutgetränkte Erde, blühe wieder auf am heilgen Blut
    des Herrn!
Denn die Liebe, die für uns am Kreuze starb, ist nicht
    gestorben: Alle, die ich mit ihr tröste, werden auferstehn!
 
 

Zurück zum Index
oder
Zurück zu Daphne
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  1