Claire Goll

(1891-1977)


Alle Süßwasser
 

Alle Süßwasser fließen dir zu:
Die Wolken fallen vor dir in die Knie
Die Flüsse suchen dich durch die ganze Welt
Die Springbrunnen stellen sich auf die Zehenspitzen
Um dich besser zu sehen
Brunnen flüstern deine Lieder in allen Sprachen
Teiche erfinden neue Fische um dich zu nähren
Die Seen sind die zerbrochenen Spiegel deiner Träume
Ein Springquell steigt aus meinem Herzen:
Höher als die Säule des Trajan.
 
 

Zehn Jahre schon
 

Zehn Jahre schon daß du mich liebst
Zehn Jahre zehn Minuten gleich
Und immer seh ich dich zum ersten Mal:

Die Taschen voller Rosen
Künftige Tränen hinter der Brille
Wie Diamanten in Vitrinen
In deiner Brust eine Lerche
Und unter den schüchternen Handschuhn
die Zärtlichkeiten der Zukunft

Zehn Jahre schon daß du mich liebst
Daß auf allen Uhren
Die Zeit auf immer stillstand
 
 

Wenn dein Schritt verweht
 

Wenn dein Schritt verweht im Unendlichen
Bin ich eifersüchtig auf jeden Zug
Der dich allein in die Zukunft trägt
Mit jeder Meile wächst meine Angst
Dein Herz könnte verunglücken
Und unter die Räder des großen Wagens
Am Himmel geraten

Schon sehe ich dein Haupt zu Erde werden
Dein Auge zu Stern
Deine Liebe zu Thymian
Der bei den Gräbern wächst

Immer wenn du fort bist
Erwarte ich bebend den radelnden Engel
Mit der Depesche deines Todes
 
 

Wo soll man weinen
 

Wo soll man weinen in dieser Stadt
Mit dem asphaltierten Himmel?
Immer irrend zwischen den Passanten
Zwischen den Winden
Einsamer als ein Baum der Boulevards
Der von seinem Aprilwald träumt

Sehr fern vom Leben möchte ich sein
An den Ufern deiner Augen
Den beiden Bergseen
Unter dem Kaukasus deiner Stirn
Mich verbergen hinter deinen Wimpern
Meinen Trauerweiden
Und im krausen Farn deiner Haare
Wo wir so oft Selbstmord planten
Die Hasen das Zinnkraut und ich
Auch Angst vor November
 
 

Und wenn dein letzter Vers
 

Und wenn dein letzter Vers verklungen ist
Werden die Klagerosen kommen
In ihren durchnäßten Schals
Die Jungfrauen unter den Rosen
Mit den wächsernen Wangen
Immer in Weiß
Die Moosrosen, Dorfkinder mit Sommersprossen
Die die Baumschule schwänzen
Die fröstelnden Waisen
Mit ihrem Vormund aus Bambus
Und die alten Rosen krankend
Am Aussatz des Rosenstocks

Es werden die Rosen aller Maimonate kommen
Die Heckenrosen, Rosen des Volks
Und die mondänen Rosen der Schlösser
Die billigen Bastardrosen
An Straßenecken sich hingebend
Die Prinzessinnen aus Bengalien
Die Töchter des Hafis
Und du erste Rose aus der Hand des Geliebten
Konkurrentin der Himmelsrose!

Mit Tränen unter den Lidern
Werden sie zweimal blühen
Wie die Rose von Pästum
Oder immer aufs neue
Wie die von Jericho

Alle Rosen der Welt werden unsre Träume
In andern Gärten weiterträumen
 
 

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