Anneliese Hager

( 1904- )


Ich war ...
 

Ich war ein Baum
und tauchte meine Blätter
in das Gespinst der grauen Wolke
und öffnete in ihrem Schatten
die Rinde die sich füllen sollte.

Ich war ein Haus
und hinter seinen Fenstern
webte ich mir ein Gewand
das in den weiten leeren Räumen
sich um die knisternden Gedanken wand.

Ich war ein See
der an umschäumten Klippen
sein Spiel trieb mit dem hellen Segel
um seine roten Masten schwirrten
in Scharen meine weißen Vögel.

Ich war ein Wind
der auf der weiten Steppe
zu jedem kleinen Grashalm spricht
und mit dem Donner seiner Schleppe
die Stille in den Lüften bricht.

Ich war ein Tier
und lag auf hartem Moose
ernährte mich von seinem Blut
ich trank des Nachts aus seinen roten Blüten
am Morgen labte mich des Himmels Glut.

Ich war ein Feuer
zwischen Stein und Sonne
und Asche fiel mir in die Hand
sie war des Bettlers letzte Strophe
die er im Kehricht vor der Türe fand.

Ich war ein Tempel
in verrufener Straße
verborgen in der mattgestreiften Nacht
in der Gesellschaft meiner Träume
ist meine Stimme aufgewacht.

Sie ist das Flackern
in verwirrten Fragen
die als Gebete in den Himmel fliegen
und in der Ferne längst versunkner Zeiten
stumm auf verlassenen Altären liegen.

Ich war ein Spiegel
der aus Leidenschaften
mein Bild aufbaute und es dann verschlang
bis aus der Menge der Gesichte
nur eins im Innern widerklang.

Ich war ein Mädchen
das in seinen Händen
verlangende Gedanken trägt
und sie als Kelch der heiligen Legenden
stumm auf die Knospen seiner Brüste legt
 
 

Der Tag ist tot
 

Ich wache auf und der Tag ist ein Netz.
Spinnen saugen mit stummer Lust
die Stunden der Frühe in ihren gefräßigen Blick
meine Gedanken sind es
ich sehe zu wie sie sterben
ihre Flügel fallen und versinken im Staub.

Meine Gedanken sind es und der Tag steht auf.
Nebel verschlingt mit wortloser Gier
die Augen des Morgens und seinen klagenden Duft.
Ich sehe den Schrei des Blinden
der taumelnd aus den Wellen steigt und grau zerbricht.

Das Erwachen versinkt und die Stunde vergeht im Staub.
Nebelspinnen umklammern im roten Netz
die Augen der Frühe mit saugendem Blick
meine Flügel sind es
ich höre die blinden Wellen
ihre Klage zerbricht im fallenden Morgen.
Der Tag ist tot.
 
 

Gegenwart
 

In Eis gehüllte Trübsal strickt bleierne Knoten in den Wind.
Geh fort die Körner auf meinem Feld sind zertreten
meine Wünsche haben ihren Spiegel zermahlen und liegen
nackt unter hypnotischen Trommeln.
Der Augenblick zerbrach in offnen Grüften.
Komm zurück und streiche das. Veto von meinen Lippen
die Zeit ist ein hohler Baum er schließt uns ein in seine Rinde.
Gift ist sein Blut und Trost zugleich. Sekunden fallen auf sein
durstiges Geäder und Tage wachsen in verzweigtem Labyrinth.
 
 

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