Ricarda Huch

(1864-1947)


Wie die zierlichen Schwalben sich rüsten
 

Wie die zierlichen Schwalben sich rüsten
Zum Fluge nach wärmeren Küsten!
Ich schau ihrem Schwarme nach
Und rüttle an meinem Gitter.
Kommt heim ihr im Lenzgewitter,
Baut, Vögel, an meinem Dach
Und sagt, was ihr draußen vernommen:
Will die Freiheit noch immer nicht kommen?
 
 

Geheimnis
 

Augen meiner Liebe, schöner See,
Schaut mich an, damit ich euch ergründe,
Daß mein Herz hinab als Taucher geh,
Suche, wo sich euer Glanz entzünde.
Schimmerst, Seele, du gleich einer bunten
Muschel? Glühst du als versenkter Hort?
Bist du eine Perle, die dort unten
Aufwärts singt ihr farbig Strahlenwort?
 
 

Erinnerung
 

Von vieler Vöglein Singen
Bin ich aufgewacht;
An meines Vaters Garten
Hab ich da gedacht,
Wo ich bei den Syringen
Manche Sommernacht,
Den Liebsten zu erwarten,
Heimlich zugebracht.
 
 

Bestimmung
 

Was ist in deiner Seele,
Was ist in meiner Brust,
Daß ich mich dir befehle,
Daß du mich lieben mußt?
Vom Haus, wo ich gewohnt
Und zart behütet bin,
Ziehst du mich, wie der Mond,
Nachtwandelnd zu dir hin.
 
 

Sehnsucht
 

Um bei dir zu sein,
Trüg' ich Not und Fährde,
Ließ' ich Freund und Haus
Und die Fülle der Erde.

Mich verlangt nach dir,
Wie die Flut nach dem Strande,
Wie die Schwalbe im Herbst
Nach dem südlichen Lande.

Wie den Alpsohn heim,
Wenn er denkt, nachts alleine,
An die Berge voll Schnee
Im Mondenscheine.
 
 

Wie wenn Gott winkt
 

Wie wenn Gott winkt, und die Ströme und Meere der Erde
Brausend sich wenden, gestürzt von der Allmacht Gebärde,
Stürmt mir mein Blut, wenn du winkst; aus den Schluchten
                                                                               der Seele
Quillt es mit Inbrunst, gewendet zu deinem Befehle.
 
 

Hoffnung wiegt sich
 

Hoffnung wiegt sich auf dem Aste
Meines Herzens; bleibe, raste
Noch ein Weilchen in der Laube
Meiner Brust, du wilde Taube!

Flügel, wie sein Rad der Pfau,
Spannt sie, hundertaugig, blau;
Duckt sich, schwingt sich auf; es wanken
Meines Herzens leichte Ranken.
 
 

Ich werde nicht an deinem Herzen satt
 

Ich werde nicht an deinem Herzen satt
Nicht satt an deiner Küsse Glutergießen.
Ich will dich, wie der Christ den Heiland hat:
Er darf als Mahl den Leib des Herrn genießen.
So will ich dich, o meine Gottheit, haben,
In meinem Blut dein Fleisch und Blut begraben.
So will ich deinen süßen Leib empfangen,
Bis du in mir und ich in dir vergangen.
 
 

Wo hast du all die Schönheit hergenommen
 

Wo hast du all die Schönheit hergenommen
Du Liebesangesicht, du Wohlgestalt!
Um dich ist alle Welt zu kurz gekommen.
Weil du die Jugend hast, wird alles alt,
Weil du das Leben hast, muß alles sterben,
Weil du die Kraft hast, ist die Welt kein Hort,
Weil du vollkommen bist, ist sie ein Scherben,
Weil du der Himmel bist, gibts keinen dort!
 
 

Ewige Liebe
 

Nicht im Paradiese,
Nicht in den Gefilden
Ew'ger Seligkeiten,
Wenn dahin mit milden
Worten Gott mich wiese,
Würd ich freudig schreiten,
Wenn ich liegen könnte
Dir im Grab zur Seite,
Wo mich von dir trennte
Keines Fingers Breite.
Wenn auch von dir schwände
Alles Fleisch, das warme,
Knochen deine Hände,
Knochen deine Arme,
Wärst mir Glück und Frieden,
Wenn uns nur beschieden
Alle hundert Jahre
Eine Stunde käme,
Die den Schlaf der Bahre
Von uns beiden nähme,
Daß wir uns erkennten
Trotz des Todes Walten
Und in unsrer alten
Liebe jäh entbrennten.
 
 

Hoffnung und Erinnerung
 

Die mich den schlängelnden Pfad, den steigenden, tröstlich
                                                                       geleitet,
Hoffnung, verlor sich von mir hier auf dem öderen Paß.
Kehrt sie mir wieder? Nicht sie, Erinnrung, die frommere
                                                                     Schwester,
Wandelt beständigen Schritts neben mir, der ich nicht rief.
Weist mir das heimische Tal, den Weg, den ich aufwärts
                                                                      geklommen,
Sinnig mit deutender Hand; träumerisch raunend dazu
Wie mit umspinnendem Netz entführt sie mich tiefer und
                                                                        weiter -
Wenn einst auch sie mich verläßt, harrt wohl ein stillrer
                                                                       Gesell.
 
 

Uralter Worte kundig kommt die Nacht
 

Uralter Worte kundig kommt die Nacht
Sie löst den Dingen Rüstung ab und Bande,
Sie wechselt die Gestalten und Gewande
Und hüllt den Streit in gleiche braune Tracht.

Da rührt das steinerne Gebirg sich sacht
Und schwillt wie Meer hinüber in die Lande.
Der Abgrund kriecht verlangend bis zum Rande
Und trinkt der Sterne hingebeugte Pracht.

Ich halte dich und bin von dir umschlossen,
Erschöpfte Wandrer wiederum zu Haus;
So fühl ich dich in Fleisch und Blut gegossen,

Von deinem Leib und Leben meins umkleidet.
Die Seele ruht von langer Sehnsucht aus,
Die eins vom andern nicht mehr unterscheidet.
 
 

O blühende Heide
 

O blühende Heide, welken wirst du müssen!
Du Sternenantlitz, mußt du auch vergehn?
Es gäb ein andres Glück als dich zu küssen,
Und andre Wünsche als dich anzusehn?
Ihr Seelenaugen, warmes Licht der Liebe,
Erlöschen sollt ihr? nie mehr widerspiegeln
Die goldne Bläue über diesen Hügeln?
Du wärst dahin, und Erd und Himmel bliebe?
 
 

Der Mond wird kommen
 

Der Mond wird kommen
Ein Segel safrangelb, im Ufertang
Verstrickt; die Sterne werden wiederkehren

Und wie im Netz der blanken Fische Fang,
Mein Baum, erglitzern zwischen deinen Zweigen.
So wie sie heute sausend dich umschwang,

Tanzt dir die Fledermaus den Geisterreigen.
Auch Einsame, die, deren Herz beklommen,
Ruhn bei dir aus, versunken in dein Schweigen;

Nur deine Freundin wird bald nicht mehr kommen.
 
 

Himmelsmärchen
 

Nun sind wir wieder unter uns Göttern,
Sagte der Mond, als der Abend dunkelte,
Und winkte zum Reigen den Planeten,
Seinen Vettern.
Das Goldblut funkelte
Durch demantene Schleier,
Wie sie langsam sich drehten
In festlich melodischem Schritt.
Dann reichten sie die Leier
Der Erde, Scheherezade,
Und alle lauschten
Ihrer glorreich wilden Ballade.
Die Nacht summte träumerisch mit.
Die Tränen rauschten.
 
 

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