Marie Luise Kaschnitz

(1901-1974)


Kleine Ballade
 

Kehre ich heim in mein Vaterhaus
Find ich alle vier Wände im Lot
Einen Rasen wie Samt einen Stacheldrahtzaun
Eine Tafel mit Bettelverbot
Trägt mein Vater einen gut sitzenden Rock
Meine Mutter den seidensten Staat
Fällt mir bei Tisch mein Bruder ein
Der Tote der Soldat
Grab ich ihn aus setz ich ihn hin
Zwischen Fleißiges Lieschen zum Stein
Jetzt hast Du ein Bett jetzt wirst Du satt
Komm heim.
Wiegt er die Stirne einerlei
Hat die Hände voll weißem Brot
Steht auf geht hin am Haus vorbei
Gradwegs ins Morgenrot.
 
 

Machandelbaum
 

Alle Sehnen sind bloßgelegt
Alle Knöchlein
Beiseitegeschlossen
Reinlich mit Nummern versehen

Aber die Frage was jetzt
Erübrigt sich

Denn Zukunft
Kommt immer

Entgegengesprungen
Wie Quellwasser, diesen
Alten Bergabweg
Immer

Liegt, wenn
Es morgen wird
Unterm Machandelbaum
Der Zusammengefügte

Mit glatter Haut
Mit heilen Gliedern
Die Augen voll
Von Morgenrot
 
 

Geheim
 

Auf dem Schwarzen Brett eine Nachricht
In der Kammer die Morsezeichen
Ein Flaggenwinken vorüber
Am Himmel eine rasende Spur
O ihr Geheimnisse nur
Daß die Tage vergehen nur
Dieses leise unheimliche Rauschen
Auf dem seelenlosen Azur.
 
 

Seenot
 

Wir alle zu Rettende
Verkleidet in brandrote Westen
Zuversichtlich von alther
Aber wer sagt uns
Daß die Matrosen ihr Handwerk verstehen
Daß es ihnen gelingt die Boote aufs Wasser zu lassen
Daß sie schnell genug rudern
Daß nicht das Schiff uns in die Tiefe zieht
Wenn es sich aufbäumt brüllend und hinabfährt
Mit seinem Feuersegel Zeitvorbei
Zu den kalten weißen Korallen.
 
 

Über den Bettrand gebeugt
 

Über den Bettrand gebeugt
Seh ich die Bugwelle schäumen
Milchweiß und veilchenblau
Drüben von Wand zu Wand
Die kleinen fliegenden Fische
Im wolkigen Spiegelglas
Die schwarze Flosse des Hais
Meinen Tod wie er auftaucht
Verschwindet -
 
 

Nicht gesagt
 

Nicht gesagt
Was von der Sonne zu sagen gewesen wäre
Und vom Blitz nicht das einzig Richtige
Geschweige denn von der Liebe.
Versuche. Gesuche. Mißlungen
Ungenaue Beschreibung

Weggelassen das Morgenrot
Nicht gesprochen vom Sämann
Und nur am Rande vermerkt
Den Hahnenfuß und das Veilchen.

Euch nicht den Rücken gestärkt
Mit ewiger Seligkeit
Den Verfall nicht geleugnet
Und nicht die Verzweiflung

Den Teufel nicht an die Wand
Weil ich nicht an ihn glaube
Gott nicht gelobt
Aber wer bin ich daß
 
 

Tritte des Herbstes
 

Du lieber Herbst
Das Laub
Noch heiß vom Sommer
Und leuchtet feurig
Dann im Wind
Die feinen
Knöchernen Tritte
Zweigauf
Zweigab.
 
 

Nicht mutig
 

Die Mutigen wissen
Daß sie nicht auferstehen
Daß kein Fleisch um sie wächst
Am jüngsten Morgen
Daß sie nichts mehr erinnern
Niemandem wiederbegegnen
Daß nichts ihrer wartet
Keine Seligkeit
Keine Folter
Ich
Bin nicht mutig.
 
 

Diese drei Tage
 

Diese drei Tage
Vom Tod bis zum Grabe
Wie frei werd ich sein
Hierhin und dorthin schweifen
Zu den alten Orten der Freude

Auch zu euch
Ja auch zu euch
Merkt auf
Wenn die Vorhänge wehn
Ohne Windstoß
Wenn der Verkehrslärm abstirbt
Mitten am Tage
Horcht

Mit einer Stimme die nicht meine ist
Nicht diese gewohnte
Buchstabiere ich euch
Ein neues Alphabet

In den spiegelnden Scheiben
Lasse ich euch erscheinen
Vexierbilder
Alte Rätsel
Wo ist der Kapitän?
Wo sind die Toten?
Dieser Frage
Hingen wir lange nach

Zur Beerdigung meiner
Wünsche ich mir das Tedeum
Tedeum laudamus
Den Freudengesang
Unpassender-
Passenderweise

Denn ein Totenbett
Ist ein Totenbett mehr nicht
Einen Freudensprung
Will ich tun am Ende
Hinab hinauf
Leicht wie der Geist der Rose

Behaltet im Ohr
Die Brandung
Irgendeine
Mediterrane
Die Felsenufer
Jauchzend und donnernd
Hinab
Hinauf.
 
 

Zurück zum Index
oder
Zurück zu Daphne
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  1