Sarah Kirsch

(1935 - )


Die Vögel singen im Regen am schönsten
 

Noch eh es Tag wird fällt Regen die Wolken wüten verliern
sich kennen kein Maß das perlt erdwärts auf die Spitzen der
Bäume fließt den Kiel der Pappeln entlang geht von Nadel zu
Nadel wirft sich auf Gras drückts nieder bespringt zerbrech-
lichen Ehrenpreis trommelt den Horizont aus der Welt

Die braunen Tauchenten laufen übers Wasser verlassen das
Schilf sind ganz von Wasser umgeben ihr Gefieder ist für den
fetten Regen gerüstet sie tauchen zum Grund des Sees verraten
den Aalen die Erde schwimmt

Den kleinen Vögeln in Baum und Strauch im Gras regnets ins
Nest wenn sie sich ducken ob sie die Flut überstehn sie singen
bloß und rufen lauter als die Tropfen Geräusch machen schon
unterscheide ich Kuckuck Drossel etliche Tauben es fallen
Grasmücken ein und die Spatzen über dem Fenster geben ihr
Weniges der Lärm ist groß und voller Kunst
 
 

Morgens hatte ich Wein getrunken weil die Sonne so brannte
Ich lag auf kühlem Parkett las alte Bücher in denen
Winzige Tiere seit Jahren wohnten, sie
Aßen vom Leim manchmal ein Komma, den Text
Konnte ich trotzdem verfolgen: es waren Fata von See-Fahrt und Schiff-Bruch

Mittags lag ein Knabe am Strand er war
Wohl angespült ich wunderte mich nicht
Pappelflocken flogen herab die Elster
Sah gierig nach seinen Augen die waren hell
Luden mich ein schwimmen zu gehn - ich vertrieb
Eine weiße Spinne von seinem Zeh, wehrte den Mücken
Eine Welle klatschte ans Ufer, er hob an
Mir die Finger zu küssen ich war empfänglich
Und nannte ihn sanft
...................................da rauschte das Wasser
Es bäumte sich schlug über ihn
Der See kochte stand auf reckte sich groß nahm ihn zurück
Katzen sprangen am Rande und lachten
Abends saß ich im Apfelbaum und sah über das Wasser

Die Nacht streckt ihre Finger aus
Sie findet mich in meinem Haus
Sie setzt sich unter meinen Tisch
Sie kriecht wird groß sie windet sich

Und der Rauch schwimmt durch den Raum
Wächst zu einem schönen Baum
Den ich leicht zerstören kann
Ich rauche einen neuen, dann

Zähl ich alle meine lieben
Freunde an den Fingern ab
Es sind zu viele Finger, die ich hab
Zu wenig Freunde sind geblieben

Streckt die Nacht die Finger aus
Findet sie mich in meinem Haus
Rauch schwimmt durch den leeren Raum
Wächst zu einem Baum

Der war vollbelaubt mit Worten
Worten die alsbald verdorrten
Schiffchen schwimmen durch die Zweige
Die ich heut nicht mehr besteige
 
 

Schwarze Bohnen

Nachmittags nehme ich ein Buch in die Hand
Nachmittags lege ich ein Buch aus der Hand
Nachmittags fällt mir ein es gibt Krieg
Nachmittags vergesse ich jedweden Krieg
Nachmittags mahle ich Kaffee
Nachmittags setze ich den zermahlenen Kaffee
Rückwärts zusammen schöne
Schwarze Bohnen
Nachmittags ziehe ich mich aus mich an
Erst schminke dann wasche ich mich
Singe bin stumm

Der Droste würde ich gern Wasser reichen
In alte Spiegel mit ihr sehen, Vögel
Nennen, wir richten unsre Brillen
Auf Felder und Holunderbüsche, gehn
Glucksend übers Moor, der Kiebitz balzt
Ach, würd ich sagen, Ihr Lewin
Schnaubt nicht schon ein Pferd?

Die Locke etwas leichter - und wir laufen
Den Kiesweg, ich die Spätgeborne
Hätte mit Skandalen aufgewartet - am Spinett
Das kostbar in der Halle steht
Spielen wir vierhändig Reiterlieder oder
Das Verbotne von Villon
Der Mond geht auf - wir sind allein

Der Gärtner zeigt uns Angelwerfen
Bis Lewin in seiner Kutsche ankommt
Schenkt uns Zeitungsfahnen, Schnäpse
Gießen wir in unsre Kehlen, lesen
Beide lieben wir den Kühnen, seine Augen
Sind wie grüne Schattenteiche, wir verstehen
Uns jetzt gründlich auf das Handwerk Fischen
 
 

Ruf- und Fluchformel
 

Eu Regen Schnee Gewitter Hagelschlangen
Steigt aus des Meeres bodenloser Brut
Und haltet euch in Lüften eng umfangen
Bis er auf meinem roten Sofa ruht.

Wenn er den Stab hebt, dürft ihr draußen toben
Je mehr je lieber, schließet mir das Haus
Und schlagt und dreht euch, ändert Unten Oben
Der Hof sieht wie ein Jahrmarkt aus

Dieweil wir unserer Lieb erproben.
 
 

Nachricht aus Lebos

Ich weiche ab und kann mich den Gesetzen
Die hierorts walten länger nicht ergeben:
Durch einen Zufall oder starren Regen
Trat Wandlung ein in meinen grauen Zellen
Ich kann nicht wie die Schwestern wollen leben.

Nicht liebe ich das Nichts das bei uns herrscht
Ich sah den Ast gehalten mich zu halten
An anderes Geschlecht ich lieb hinfort
Die runden Wangen nicht wie ehegestern
Nachts ruht ein Bärtiger auf meinem Bett.

Und wenn die Schwestern erst entdecken daß
Ich leibhaft bin der Taten meines Nachbilds
Täterin und ich nicht meine Schranke
Muß Feuer mich verzehren und verberg ichs
Verrät mich bald die Plumpheit meines Leibes.
 
 

Alte Wörter
 

Ich reich dir vom Fuß bis an den Scheitel
Langgestreckt meine Taille; was ich sage
Vermessen: «immer» und «nie» und «niemals».
Die abgedroschenen süßen Sätze!
Von denen ich nach Nimmermehr schau
 
 

Im Sommer
 

Dünnbesiedelt das Land.
Trotz riesiger Felder und Maschinen
Liegen die Dörfer schläfrig
In Buchsbaumgärten; die Katzen
Trifft selten ein Steinwurf.

Im August fallen Sterne.
Im September bläst man die Jagd an.
Noch fliegt die Graugans, spaziert der Storch
Durch unvergiftete Wiesen. Ach, die Wolken
Wie Berge fliegen sie über die Wälder.

Wenn man hier keine Zeitung hält
Ist die Welt in Ordnung.
In Pflaumenmuskesseln
Spiegelt sich schön das eigne Gesicht und
Feuerrot leuchten die Felder.
 
 

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