Elisabeth Langgässer

(1899-1950)


Vorfrühling

Ihr wunden Wasserflächen,
was rillte euren Lauf?
Ach, in der Tiefe brechen
die alten Schmerzen auf.

Es reißt die Wolkenmütze.
Es tanzt des Lichtes Fall
im Froschmaul einer Pfütze
wie der Prinzessin Ball.

Es klagt aus allen Weiden
ein wilder, junger Glanz -
den Schildbruch mußten leiden
Gawein und Gurnemanz.

Den Bruch der Knospen-Giebel,
den wehen weißen Glanz.
Wer schildete so übel
Gawein und Gurnemanz?

Wer schmiedete vergebens
die wilde Schönheit fest,
den Knospenbruch des Lebens?
Es war der Schmied Hephäst.

Die alten Schmerzen brachen,
die Götter brechen auf:
Im Glanz der Wasserlachen
kommt Braut und Ball herauf.
 
 

Milder Tag im Vorfrühling
 

Treiben einander auf wolkigen Bänken
unruhigen Lichtes die Luftgeister zu?
Brechender Blätter in braunroten Senken
zartes Gezirp wie aus persischen Schänken,
Licht über Mittag wie Blut unterm Schuh ...

Lüften Flamingos die schwellenden Flügel?
Faltet die Ahnung der Rose sich auf?
Schneebeerstrauch trägt seine lieblichen Hügel
Hebe als Brüstchen an, und aus dem Tiegel
winziger Sternschalen sät sich zu Hauf

Samen der Goldraute rings in die Runde,
daß er den Wind nicht, den Kuppler, versäumt.
Sperlingsmann ist schon mit Kore im Bunde:
Stygischer Bote, der wispernde Kunde,
Laub aus dem Vorjahre, aufhebt und räumt.

Dehnt sich der Ring dieser wehenden Hecken?
Tanzte ein Kiesel auf grundlosem See?
Spukhaft verbeugen, einander zu necken,
sich zwei Gestalten in mausgrauen Röcken:
Birgit von Schweden begrüßt Litaipe.

Räume, sie rücken in mystischen Bögen
näher zusammen, gezweigt vor dem Blau,
und wie bei Meisen an schaukelnden Trögen
zittert ihr Schattenbild, reiner als Regen,
tief in des Dichters weit offener Schau ...
 
 

Frühling 1946
 

Holde Anemone,
bist du wieder da
und erscheinst mit heller Krone
mir Geschundenem zum Lohne
wie Nausikaa?

Windbewegtes Bücken,
Woge, Schaum und Licht!
Ach, welch sphärisches Entzücken
nahm dem staubgebeugten Rücken
endlich sein Gewicht?

Aus dem Reich der Kröte
steige ich empor,
unterm Lid noch Plutons Röte
und des Totenführers Flöte
gräßlich noch im Ohr.

Sah in Gorgos Auge
eisenharten Glanz,
ausgesprühte Lügenlauge
hört' ich flüstern, daß sie tauge
mich zu töten ganz.

Anemone! Küssen
laß mich dein Gesicht:
Ungespiegelt von den Flüssen
Styx und Lethe, ohne Wissen
um das Nein und Nicht.

Ohne zu verführen,
lebst und bist du da,
still mein Herz zu rühren,
ohne es zu schüren
Kind Nausikaa!
 
 

Frühsommer

0, wie das Grüne sich andrängt:
Graugrünes, blaugrünes Meer!
Wie es sich bäumt und in Windeln
weißlichen Spelzes, in Spindeln,
stäubenden, still sich verengt.
Bis zu den Stallungen her
tritt es, das endlose Meer.

Hier: zugleich Szepter und Springflut,
schießt's vom Rhabarber empor.
Dort flößt es Tagtraum und Trauer
durch die holundrische Mauer,
die auf der Bachsohle ruht.
Und sein Gelispel im Ohr,
hoch hebt der Nöck sich empor.

Vielbrüstig lehnt es als Schneeball,
schaumig den Zäunen sich an.
Göttin aus Ephesus: weichen
mußt du der Rose und bleichen,
blasseste Blüte des All.
Schneeballstrauch, mondgrüner Schwan
schweig und begrenze die Bahn.
 
 

Späte Zeit
 

Das hohe Luftmeer, trunken
von wilder Gänse Ruf,
in grauem Gold versunken
bis über Haar und Huf
die Kühe, die an Hopfen,
an Pfaffenhut vorbei
und roten Spargeltropfen
hinwandern zwei und zwei.

Zwischen kretischen Hörnern die Sonne
und ein Glänzen von Bug zu Bug.
Minotaurus, der zeugenden Wonne,
Ach, wann ist es genug dir, genug?

Die aufgesprengten Schoten,
gebären fort und fort,
im Schlaf wird angeboten
der Nibelungenhort.
An Flut und Staub verhandelt
sind Krone, Ball und Ring
und schon in Schmerz verwandelt
und Abschied jedes Ding.

Ach, wer weiß noch, wie schnell sich verhärtet
eine Narbe, und wie es geschah,
daß die Lust sich nicht anders entwertet
wie ein Schwertknauf in Upsala?

So lenkte schon vor Tagen
aus des Peliden Zelt
der Vater seinen Wagen,
und fuhr ihn aus der Welt,
wie heute Holz und Rüben
ein Mann im Goldhelm fährt.
Die Frucht ist gutgeschrieben,
die Bitte ward gewährt.

Und was bleibt uns von Griechen und Goten
als in Upsalas Fenstern ein Schein:
Eine Saat pergamentener Schoten
und die Ulfilasbibel im Schrein.
 
 

Winterwende
 

Welches Kommen! Welches Gehen!
Hundepfiff und leiser Schrei.
Geisterhafte Lüfte wehen,
überm Domwall schwarzer Schlehen
jagt Orion hoch vorbei.

Durch die sturmgepeitschten Lücken
dünnen Schneefalls tastet blind
nach dem Vater auf dem Rücken,
nach dem Sohn im Niederbücken,
sich Äneas gen den Wind.

Huschend kehrt ein flinker Schatte
mit der Schleppe seine Spur:
Helena im Leib der Ratte
sucht von neuem Heim und Gatte,
Liebe bettelt der Lemur.

Trojas Trümmer wandern weiter,
aufgebaut im Wolkenmeer,
aber des Gesanges Leiter
an die Zinnen, spukhaft heiter,
legt uns Armen kein Homer.

Altes kommt - und ist im Gehen:
Troja, Sternbild, Pfiff und Schrei.
Geisterhafte Lüfte wehen,
überm Domwall schwarzer Schlehen
flammt ein Kreuz im Hirschgeweih.
 
 

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