Christine Lavant

(1915-1973)


Du Schutzpatron der Irren,
ich weiß nicht, wie du heißt,
nicht, welcher Schrei dich preist
und ob du auch das Klirren
des Herzsprungs noch erträgst.
Herr Helfer, dir erwägst
wohl heimlich schon die Flucht
und schleichst dich unversucht
aus meinem Händeringen?
Weißt du, wie Engel singen,
wenn man das Schläfenbein
als Hammer oder Stein
benutzt, um auszubrechen
aus seiner Einzelhaft?
Kennst du die Bilderkraft
am Scheitel und das Sprechen
am Rippenknoten-Ort?
Wie weit bist du schon fort
aus meiner Fingerwiege,
du fremder Schutzpatron?
Der Mond, der Hundesohn,
verhöhnt mich, wie ich liege,
verkrümmt und angespannt,
durchfroren und verbrannt.
 
 

In doppelter Ährenhöhe
schweben die Engel der Unkrautsamen
langsam zum Friedhof hinüber.

Verlöscht sind die heurigen Kerzen
der goldenen Löwenzähne,
feurig werden sie aufgehn
über den Leibern der Toten
und mir im Herzen schon bald.
 

Diese deine Herbergsstelle
hast du lange schon gemieden
und ihr Rauch steigt abgeschieden.
Feigenwurz zersprengt die Quelle,
die dein Brunnen war.
Schon seit Tag und Jahr
üb ich mich im Hungerleiden,
um das Brot nicht anzuschneiden,
das ich aus dem Feuer holte
und mit dir verzehren wollte,
nur mit dir allein!
Härter als ein Stein
und - weiß Gott wovon? - besessen
rollt es schimmlig und vergessen
durch das ganze Haus.
Oft im Traum hör ich es sprechen:
Komm mich schneiden oder brechen,
teil mich endlich aus!
 
 

Ich habe deinen und meinen Schatten
in eine ermächtigte Hasel gebannt,
damit sie erwarten den Jüngsten Tag,
damit sie gedenken der ältesten Nacht
um ihrer Heiligung willen.
Wenn jetzt der Mond in die Stube tritt,
verneigt sich staunend die Stirne der Nacht
in meinem erblindeten Spiegel
vor meiner vielfältigen Hoffnung.
Ich hoffe unter dem Haselstrauch,
ich hoffe über das Dachmoos hinaus,
ich hoffe so tief und so hoch und so stark,
daß mein Gehör davon läutet.
 
 

Die Nacht geht fremd an mir vorbei
in Mondlicht und in Finsternis,
der Wind, der mich vom Aste riß,
ließ mich verdrossen wieder frei
und gab mir keinen Namen.
Ein Stein mit Feuersamen
erzählt mir viel von einem Stern
und daß er selbst den großen Herrn
in seinem Innern hätte.
Da steh ich auf und glätte
ehrfürchtig jeden Bug an mir
und bitt' den Stein: Laß mich bei dir
ein wenig wärmer werden!
Er aber sagt: Wärm dich allein!
und brennt verzückt in sich hinein
und ist nicht mehr auf Erden.
So geht es mir mit jedem Ding,
es mag mich niemand haben,
und selbst der Baum, an dem ich hing,
trägt lieber Kräh' und Raben.
 
 

Wieder brach er bei dem Nachbar ein,
und ich hatte Tür und Fenster offen,
meine Augen waren vollgesoffen
wie zwei Schwämme vom Verlassensein.

Dumm verknäulte sich in meinem Mund
Schluchzen, Bitten und verbohrtes Drohen,
während drüben schon die Hühner flohen
samt der Katze und dem alten Hund.

Doch er kam nicht, nahm sich wieder nur
einen, der noch gerne leben wollte,
und die Monduhr, die verrückte, rollte
meine Stunde rasch aus seiner Spur.

Bitter trocknen meine Augen ein,
bitter rinnt der Schlaftrunk durch die Kehle,
bitter bet' ich für die arme Seele
und zerkaue mein Verlassensein.
 
 

Ja, lieber Vogel, fliege nur vorbei,
ein Irrtum ist's daß hier ein Bimbaum blüht -;
was du auch sängest klänge wie Geschrei
und käm als Klage über mein Gemüt.

Hier hilft nichts mehr, auch Gott begriff das schon
und nimmt sich nimmer an der irren Hand,
die sich bewegt als griffe sie durch Mohn
und doch nichts greift als Nessel, Dorn und Sand.

Vielleicht war nie die Blume wirklich wahr?
Wer sagt mir das noch schnell vor meinem Tod?
Man müßte doch am Wangenbug im Haar
noch etwas finden von dem echten Rot.

Und von dem Duft und von der Süßigkeit,
doch nichts ist da als die gespannte Haut.
Ein Augenpaar das aus dem Spiegel schaut
starrt mich gelassen und fast höhnisch an.

Der Mund will weinen, trifft es aber nicht.
Was trifft ein Mund, der nie sein Ziel bekam?
Ein Dämmerlächeln zwischen Nacht und Licht,
halb wilden Hochmut und halb feige Scham.

Doch für den Tod scheint das genug zu sein,
er winkt mir zu wie seiner liebsten Braut.
Ein wenig Birnenduft weht noch herein
und eines Vogelliedes letzter Laut.
 
 

Den Mäuslein sträubt sich jetzt das Fell,
ein Stern macht mir die Stube hell
und spiegelt sich im Fenster.
Ich denk an die Gespenster,
von denen eines, fast vertraut,
durchs Schlüsselloch herüberschaut,
ob ich ihm winken werde.
Zwei gelbe, dürre Pferde
bewegen sich am Deckenrand
ins Vaterunser eingespannt
in dem zu schweren Wagen.
Er muß ja alles tragen.
Die Mäusleinangst, den eitlen Stern,
mein Zitterherz, den Gram des Herrn,
der vor viel hundert Jahren
nicht dachte, daß er einmal so
durchs Schlüsselloch her auf mein Stroh
mich betteln wird ums Fahren
mit meinem notigen Gespann -;
jetzt hängt sich noch ein Schrei daran
aus einer Hundekehle!
Ich weiß nicht wie das enden soll,
das Vaterunser ist schon voll
und wo bleibt meine Seele?
 
 

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