Paula Ludwig

(1900-1974)


O DU LIEBLICHER
mir aufgegangen in Sonne und Mond
im Kreisen der Sterne
in der Jahreszeiten klingendem Reigen

O du Lächelnder
in der kleinen Blüte des Grases
im leisen Atem des Säuglings
in der silbernen Locke des Greises

O du Zärtlicher
im scheuen Zwitschern des Vogels
im stillen Summen des Sommers
in der Schwester sanftem Gesang

O du Freundlicher
im blauen Schatten des Nußbaums
in der treuen Flamme des Herdes
in des Bruders geduldiger Hand

O du Spielender
im bunten Balle der Kindheit
im Ball der Planeten
in Licht und Finsternis
Glück und Unglück

O du Vertrauter
im großen Rauschen des Regens
im dunklen Rufe der Mutter
im müden Gruße des Abends

O du Gütiger
im klaren Strömen des Wassers
in der reifen Rundung des Brotes
in der tiefen Umarmung des Schlafs -

O du Trauriger
im dumpfen Falle des Herbstes
im späten Gange der Hirten
in der verüdeten Gasse des Festes
in des Vaters vager Gestalt -

O du Weinender
im welken Geruche der Liebe
im verwaisten Schoße der Greisin
in der erloschenen Wohnung des Lichts

O du Weber
in den leeren Brüsten hungriger Mütter
Du Klagender in der Stummheit gefangener Fische
Du Wankender im grauen Zuge des Lasttiers

O du Banger
in der hohlen Stunde der Zukunft
Du Honig in der herben Schleuder des Schicksals

O du zarteste Hoffnung im Sichelmond
Du zitterndes Reis im Kusse des Frühwinds

O du Froher im Klange der Glocken
im Springen der Bücklein
in der Heimkehr des Sohnes -

Du Tanzender
in den roten Lettern der Liebesbotschaft
in der obersten Welle des Weltmeers
in der heulenden Flamme des Brandes
im Kreisel des Wahnsinns -

0 du Weiser im Wandel der Zeit!

Du Geiziger im Vergeben der Gnade
du Verschwender in den Samen des Leids

O du dauerhaftes Gewebe des Grams
du fruchttragender Baum der Todesbazillen
du geschärfte Spitze des Giftpfeils

0 du heilsame Grenze im Menschengeist!

Du schweifender Wolf der Gier
du schäumender Schierling der Wollust
du vergebliche Pilgerfahrt
du beschämter Engel der Notdurft
du versunkene Schwelle der Demut

O du gütiges Rauschen im Korn
du blechener Ton in der Schale des Bettlers

O du Hühnender in der Werkstatt des Ruhms
du Fliehender in den Straßen des Vorteils
du Eilender zu den Wassern der Reinheit
O du Verweilender bei den Gräbern am Wegsaum

O du gebannte Gebärde des Abschieds
du stählernes Geleise der Ewigkeit
entzweischneidend mitten die Menschenbrust

Du gelbes Signal der Abfahrt!
du steinerne Brücke über den flutenden Gewässern
                                            der Vergänglichkeit
du verhallender Schritt in der schwarzen Allee des
                                                                Schweigens -

O du seliger Gast der Mitternacht
du fahles Gesicht der Frühe
du brennende Fußspur der Verbannten
du herdlos gewordene Flamme

0 du schuldiges Menschen-Gesetz

O du Höhlung meiner Wange
du Schleifer meiner Schläfen
du Meißler meines Mundes

O du Tränenüberstrümter am Tische der Hochzeit
du Schmerzgeblendeter im Spiegel meiner Augen

O du Heimat meiner Schmerzen
Heimat des Schnees
Geheimnis im Schneekristall
einsamstes Geheimnis
 
 

Immer wenn du zurückkommst
 

Immer wenn du zurückkommst
ist mirs
als sähe ich dich zum erstenmale:

Silbern stäubt es aus meiner Seele
wie aus den Weidenkätzchen
wenn der Frühlingswind
sie zum erstenmale berührt.
 
 

Der Stern der Mitternacht
 

Der Stern der Mitternacht ist aufgegangen
alle andern Gestirne sind nicht mehr
der Wind hat aufgehört zu wehen
die Tiere atmen nicht mehr
Mein Leib ist nur noch Auge
das starrt zum unendlichen Himmel
in seinen einzigen Stern.
 

Nichts ist der Heimkehrenden hold -
dunkel erscheinen mir die Blumen am Wegrand
ich kann sie nicht mehr am Dufte erkennen

Ach, daß ein huschendes Tier
mein gleichgültiges Herz erschreckte!

Vielleicht bist auch du mir
Ursprung meiner schmerzlichen Wanderung
fremd geworden wie das blühende Antlitz der Heimat -

Meinen Füßen ein Teppich
über den ich hinschreite
nach dem Gesetz der Wolke
schattenwerfend
ihn nicht mehr berührend.
 
 

Wo ist der Freund
 

Wo ist der Freund
der meine Spur in Blumengärten sucht,
dort
wo im Winde nur die Türe ächzt
die ich beim Fortgehn
ach
vergaß zu schließen.
 
 

Am erweiterten Strande des Meeres
blieb ich zurück
klagend über die Flut
die das Meer mir brachte
und unerbittlich wieder zurücknahm.

Aber vielleicht ist es nur dies
daß ein Leben nicht ausreicht
abzuwarten
bis sie zurückkommt.
 
 

Seht nicht nach mir hin, Freunde,
so strahlend war ich noch gestern
und heut bin ich wie das Tuch
mit dem man die Toten zudeckt.
 
 

Wenn die Kälte zu groß wird
dann stoßen auch sie
die geduldigen Vögel
einen Schrei aus
eh das Herz ihnen still steht.
 
 

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