Meret Oppenheim

(1913-1985)


Verlassen, Vergessen -
So schwarz am Haferstrand.
Ich will die Zeit nicht messen,
Die diesen Schmerz erfand.

Die gelben Wellen schlagen
Das neue Netz entzwei.
Sie kommen, gehn und sagen:
Das arme Allerlei!
 
 

Getreuer Kapitän
 

Getreuer Kapitän
Sage es mir
Zeige mir die Stelle in den Wolken
Die der Flügel der Schwalbe öffnete
Das Wellental in den Haaren der Göttin
Die grünen Lichter im Wald.

Hier ist Nacht -
Böse Besen erschlagen die Kobolde
Kein Rad dreht sich mehn

Das Dunkel kennt sich nicht
Es fragt auch nicht
Es ist eine Faust in einer Faust
Die niemand sieht.
 
 

Herbst
 

Der Vogel platzt geräuschlos und aus seinem Bauch steigt
Ein Springbrunnen braungoldener Federn
Die Pilze lösen sich vom Boden und schweben
Von der warmen Luft getragen
Bis an die Wolken
In den Wolken lachen die Hexen
Mit ihren Fasanenaugen
Mit ihren Pfauenwimpern
Mit ihren weißen Haaren
Mit ihren steinernen Brüsten
 
 

Von Beeren nährt man sich
Mit dem Schuh verehrt man sich
Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich.
 
 

Welch schöne Frau
 

Welch schöne Frau
Nachtwandlerin
Mit ihrem Fächer
Der als Fächer dient
Angelehnt an den Stamm des Herkules.
 
 

Hörst du die Löwen brüllen
Vereint verbannt verzehrt
Der Tag hat sie geschlagen
Ohne Wiederkehr.
 
 

           Ich spüre, wie sich mein Auge den Wäldern
           und dem Mond zuwendet.
           Ich fühle meinen Kompaß sich gegen diese
           nahrhaften Sprichwörter richten.
          Aber mein schönes Krokodil
          Mein Krokodil aus Herz -
          Wohin geht dein Stolz?
 

 
Ich muß die schwarzen Worte der Schwäne
aufschreiben. Die goldene Karosse am Ende der Allee
teilt sich, fällt um und schmilzt auf der
regenfeuchten Straße.
Eine Wolke bunter Schmetterlinge fliegt auf und
erfüllt den Himmel mit ihrem Geton.
Ach, das rote Fleisch und die blauen Kleeblätter,
sie gehen Hand in Hand.
 
 

Die Wiesen und der Wald sind fast nicht mehr sichtbar,
der Nebel verbirgt die Felder, wo vergessene Ernten
ihre Körner fallen lassen. Die Nachtsonne legt sich auf
eine honigfarbene Wolke.
Ihre Skeletthand hängt herab und durch ihre Finger
fließen die Wellen des Schattens. Am Waldrand bittet
ein verirrter Jäger die Hirsche um ein Glas Wasser.
Alles ist so still.
 
 

Ohne mich ohnehin ohne Weg kam ich dahin ohne Brot
ohne Atem aber mitnichten mitneffen mit Kaspar
mit Kuchen so rund war er etwas eckig zwar
aber ohne Grasbewuchs mit Narben mit Warzen mit Fingern
Mit Stäben mit vielen O's und wenig W's
dafür mit ganz enorm wenig viel.
Oh falle du doch in dein Loch oh begrabe du dich doch selbst
und deine langatmige Hoffnung
gib deinem Ich einen Tritt deinem Es seinen Lohn
und was von dir übrig bleibt brate wie Fischlein im Öl
du kannst deine Schuhe abstreifen.
 
 

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