Ina Seidel

(1885-1974)


Antlitz
 

Sieh, erst dachte ich, es sei der Mond,
Der in deinem Antlitz ohne Schatten
Wie in einer Silberschale wohnt.

Doch dann sah ich mit dir auf die Matten,
Sah das Tal, das deine Augen dir
Jahr für Jahr ins Herz gespiegelt hatten,

Sanfte Hügel, Fluß, Gewölk vor mir.
Und ich blickte in die lichte Landschaft
Als in einen Widerschein von dir

Und erkannte zärtliche Verwandtschaft.
 
 

Leben
 

Süß ist - süß - der unbefriedigte Gott,
Sein Locken hinter den Wäldern mit Hirtenflöten,
Sein Jubilieren im Dickicht gleich dem des Sprossers,
Ziehn dich zu ihm, nach seinen Lippen begierig.

Süß ist - süß - der müde, gestillte Gott -
Tief gesättigt von Opfer und von Gesang,
Trunken von deines Herzens jungem Schaum
Schlummert er unter Sternen. Und dir ist leicht.

Süß ist - süß - der endlich verstandene Gott,
Der nichts wollte, als daß am Abend
Du aufschwebtest - von seinem Odem
Hingehauchte, wehende Wolke. -
 
 

Kleine Präludien
 

Nun gehen uns die Augen auf,
Schlummerknospen, von Träumen schwer,
Nun sehn wir, daß der Tiere Gebein
Nahe dem Staub der Könige ruht.
 

Eine helle Harfe liebt ich sehr.
Aber diese Harfe tönt nicht mehr.
Weil er, der sie spielte,
Sprach: Es ist genug!
Und die Harfe aufhob
Und am Mond zerschlug.
 
 

Der Ahorn
 

Ich werde den Ahorn wiederfinden.
Einmal am Ende der Tage
wird es sein, daß ich zu ihm sage:
Ahorn, wo warst du so lang?

Er ist alt und selig geworden,
er nimmt mich in seine Äste,
er wiegt mich im herbstlichen Neste:
Kind, wo warst du so lang?
 
 

Die lange Ühung
 

Du wirst vielleicht durch lange Übung langsam
die ersten Zeilen des Gebetes lernen.
Wenn du sie kannst, wird er sich dann entfernen
aus dem Bereich der leicht gesagten Worte. -

Und diese ersten Zeilen des Gebetes
sind alles was du mitnimmst auf die Reise.
Sie bleiben die nie aufgezehrte Speise
für dich an dem von ihm bestimmten Orte.

Du wirst die ersten Zeilen des Gebetes
mitbringen, wenn du wiederkehrst von drüben,
und ihrer mächtig wirst du weiter üben -
und einmal wird Gebet sein ohne Worte. -
 
 

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