Regina Ullmann

(1884-1961)


Erwachen
 

Ich lag in dir noch unverzweigt,
du tiefer Felsen einer Nacht;
so kalt wie Stein und trostesarm.

Da fühlt ich plötzlich, wie der Tag
sich an dem Sein im Licht verfing
und liebewarm und flammenhaft
sich an die kleinsten Dinge hing.

Da war ich wach.
Doch war mir noch ein Silberklang,
der sich an einem Zimbal schlug,
erhörbar,
und meines Engels Morgengang.
 
 

Im Mohnfeld zur Gewitterszeit
 

Ich ging im Mohnfeld zur Gewitterszeit
vor vielen Jahren -
und es war mein Kleid
von rotem Seidenstoff und mächtig weit ...
wie umgestülpter Mohn aus Seidenhaaren.

Und schlug ein Rad aus mir und deckt' das Feld
vor den Gefahren -
und rief als Zeugen mich der höhern Welt,
die mich auf dieses rote Feld bestellt
für diesen Tag vor ungezählten Jahren!
 
 

Der Zornige
 

Könnt ich ihn unbeirrt im Zorne lenken,
wie man Gespanne durchs Gewitter treibt!
Wenn er im Blitz wie vor sich selber scheut,
am Abgrund jäh vorbei zur Brücke schwenken,
die donnernd ihn dem Lande einverleibt.
 
 

Schönheit
 

Du bist vollkommen, doch dir fehlt das eine,
daß du schon alles hast, was dir gebricht!
Nicht wie die Kinder, die zum Feste eilen
und im Dahingehn schon den Schmuck verteilen,
den wir für sie gehegt im Sonnenlicht;
du bist wie Steine ohne eignes Licht! -
 
 

Und stirbt sie auch
 

Und stirbt sie auch,
so trifft dich kein Verschulden.
Sie hat sich ihren Tod
selbst wie ein Hemd gewoben
und hat sich eng und hart hineingeschoben,
die Formeln murmelnd,
die diesen grauen Sinn
nach innen wachsen machen
und sie ganz umschließen.
Daß nicht ein Baum
und nicht ein Vogelsang

und alle Süße, die in reifen Früchten
geborgen ist,
sie jemals mehr durchbricht.
Sie stirbt so wie ein Stein
in sandiger Ebene.
Es wird ihn keiner finden,
dies Sein zerteilt sich wieder
in das Land.
Und nur Jahrtausende noch,
die verwandeln
im Kreisen ihrer Erde,
sagen riesig: lieben.
 
 

Dichter
 

O wie schön.
Sieh, den Raum
zwischen Erd und Himmel
gibt es nicht.
Jede Silbe,
die du sprachest,
stand im Licht.
Hast du noch die Wälder
nicht gesehen,
die du schufest?
Mühlen gehn voll Macht,
schaufeln durch die Winde.
Herden stehn wie Felder still,
deren leises Wellen
wir nicht sehen.
Alles streift den Himmel,
wie es will.
Flügelrauschen,
Schatten auf der Heide.
Altern Bäume,
Wind verjüngt.
Wind fiedert weich
sich zum Vogelkleide.
Frucht reift auf
zum Mahl.
Ist ein Ding auch Stein,
hats doch Weite,
ründet sich und bleibt,
deinem Wort bereit
in Ewigkeit.
 
 

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