Folge 643 Kleine Fluchten

Die einzelnen Szenen sind durch


getrennt.
Die Wave-Dateien stehen in der Mitte, darunter ein Bild und das Zitat in Klammern kursiv.
Ich habe beschreibende Worte weggelassen, wo sie mir nicht unbedingt nötig erschienen. Der Gang des Gesprächs ist dabei zu beachten: wenn Berta beispielsweise sauer ist, ist sie das beim nächsten Satz wahrscheinlich immer noch. Ansonsten habe ich umgangssprachliche Vereinfachungen zum Teil beibehalten (z.B. hab) zum Teil aber ausgeschrieben. Ebenso habe ich Hajos Stottern nicht berücksichtigt. Man möge es sich hinzu denken ;-)

Berta für Berta
Hajo für Hajo
Lisa für Lisa

Was bisher in der Folge geschah:
Hajo hat eine Reise für Berta und sich nach Wien gebucht.
Beim Austauschen des Klaviers haben die ungeschickten Klavierschlepper ein altes Erinnerungsstück (einen Bilderrahmen von Lydia) zertrümmert und das gleiche mit Hajos Zeh versucht.



Berta geht gerade aus dem Wohnzimmer, wo Hajo auf dem Sofa liegt.

Berta Du solltest gleich im Schlafzimmer sein. Da hast du mehr Ruhe.

Sie geht und öffnet Lisa die Tür.

Lisa Guten Tag, Frau Griese.



Berta Hallo Lisa.

Lisa Geht's Ihnen nicht gut?

Berta Wieso? Ein bißchen überstrapaziert; wie war's in der Schule?

Lisa Okay. In Erdkunde hab' ich 'ne 2.

Berta (nicht wirklich begeistert): Na, großartig.

Sie gehen ins Wohnzimmer.

Lisa Guten Tag, Herr Scholz.


Hajo Hallo. Hast du schon gesehen? Du spielst heute auf einem Leihklavier.

Berta Das alte kriegt neue Wirbel.

Sie sieht seinen eingewickelten Fuß.

Lisa Was ist passiert? Sind Sie verletzt?




(Hajo Nur 'ne Kleinigkeit, Lisa. Dankeschön. Ich hab' versucht mit der großen Zehe das Leihklavier hochzuheben.)


Hajo Probier's doch gleich mal aus, ob sich die Mühe gelohnt hat.

Lisa (zu Berta): Haben Sie's schon getestet?



Berta Ja, allerdings. Leider kommt der Stimmer erst morgen. Aber hier (sie hält die Partitur hoch) probier mal den Schubert. Der ist stärker als jedes verstimmte Klavier.

Lisa setzt sich ans Klavier. Als Berta sieht, daß Hajo immer noch auf dem Sofa liegt, drängelt sie:



Berta Hajo.

Hajo Schon gut, Rehlein. Ich bleib am besten hier ganz still liegen.... Wenn Lisa nichts dagegen hat.

Lisa hört auf zu spielen und dreht sich zu ihm um.






In der Küche:

Hajo Also heute habt ihr so schön gespielt wie schon lange nicht mehr.

Berta Wenn das Klavier gestimmt gewesen wäre, wär's noch schöner gewesen.

Lisa Ich glaube, ich weiß, was Herr Scholz meint. Es war mehr die Absicht.

Berta schaut ein wenig genervt.

Hajo Das Gefühl, Rehlein, daß ihr für mich und meinen geschwollenen Zeh ein kleines Konzert veranstaltet habt, also...

Lisa Es macht viel Spaß, jemandem Freude zu machen.



Hajo Und wie. Absolut richtig. Und deshalb bin auch ich jetzt dran mit dem Spaß haben. Und ich habe jetzt was für mein Rehlein, worüber sie sich hoffentlich mindestens genauso freut, wie ich mich über eure Musik gefreut habe. Eine kleine Überraschung.

Berta (liebevoll): Du hast doch nicht schon wieder Geld ausgegeben, Hajo. Erst die neuen Wirbel, dann das Leihklavier und die vielen anderen Dinge. Hey.



Lisa Herr Scholz ist einfach wahnsinnig großzügig, Frau Griese.

Hajo Ach, das vielleicht gar nicht so sehr, aber ich liebe mein Rehlein und du hast ja vorhin selbst gesagt, daß schenken so viel Spaß macht.

Er zeigt ihr den Prospekt.

Berta (liest): Traummusikwoche in Wien. 2 Opernbesuche, Konzerte, Kammermusik, Führungen; phantastisch.


Sie umarmt ihn: Phantastisch. Wir wollten schon so lange mal alleine wegfahren. Nach Wien, eine herrliche Stadt.

Lisa (ernst und traurig): Ich freu mich für Sie, Frau Griese.




Berta Ja dann mach auch ein freudiges Gesicht. Du siehst aus, als ob du gleich losheulen wolltest.

Lisa Sie sind so glücklich, bei mir im Heim ist es über die Osterferien so öde.



Hajo Ja wenn das so ist Lisa, dann kommst du einfach mit uns mit. Ich muß nur sehen, daß ich noch ein Ticket für die gleichen Veranstaltungen und Konzerte bekomme.


Zu dumm, daß ich da nicht gleich dran gedacht habe. Du fändest es doch auch schön, wenn Lisa mit uns mitkommen würde, oder Rehlein?






Hajo und Lisa sitzen im Wohnzimmer und spielen Monopoly.

Hajo Lisa, ich schlage dir ein Geschäft vor. Deine zwei Hotels gegen meine Eisenbahnlinie.





(Lisa Das ist doch kein Geschäft.)


Hajo Kommt drauf an. Für dich nicht, für mich schon.

Lisa Herr Scholz, ich wollt mich noch mal bei Ihnen bedanken. Diese Reise ist wirklich das schönste Geschenk meines Lebens. (Sie steht auf.) Warten Sie, ich hab was vergessen.

Hajo Aber Lisa, was ist denn?



Lisa Entschuldigen Sie mich. Ich bin gleich wieder da.

Hajo schlurft in die Küche.

Hajo Was wohl mit Lisa ist? Sie benimmt sich so merkwürdig.



Berta Was wohl mit mir ist, das interessiert dich überhaupt nicht.

Hajo Natürlich hab' ich bemerkt, daß du ganz verändert bist.

Berta (zynisch): Ah, hervorragende Beobachtungsgabe.

Hajo Aber Lisa ist auch irgendwie anders, ungefähr seit demselben Zeitpunkt.

Berta Sie freut sich, ich bin sauer. Und tatsächlich seit demselben Zeitpunkt.

Hajo Ah ja, jetzt seh ich's ganz deutlich. Wegen dem Wirbel und dem kaputten Bilderrahmen aus Riga.



Berta Sag mal, willst du mich eigentlich nicht verstehen. Unser Zusammenleben scheint dir ja nicht mehr viel zu bedeuten.

Hajo Also! Aber Rehlein...



Lisa Da bin ich.



Berta (genervt bis feindselig): Müßtest du nicht längst im Heim sein?

Lisa Herr Scholz hat doch angerufen. Ich darf bis acht bleiben. Ja fällt ihnen denn gar nichts auf?

Berta Du hast mir doch gesagt, daß du Judo machen willst.

Hajo Steht dir aber gut, nicht Rehlein?



Lisa Ich hab gestern angefangen. Ich wollt ihnen die Sachen eigentlich schon heut mittag zeigen,


aber dann haben sie mich mit nach Wien eingeladen und mich so glücklich gemacht, daß ich alles andere vergessen hab.






Vor der Wohnungstür.



Lisa Gute Nacht und danke für alles. Sie haben so viel für mich getan.

Hajo Schon gut Lisa. Du

du mußt dich jetzt beeilen, sonst verpaßt du deinen Bus.



Lisa Ich renne.

Lisa geht.

Hajo Was für ein lieber Mensch.



Berta Weißt du wie lange sie schon wieder hier war? Über 6 Stunden.

Hajo So? Das ist mir gar nicht aufgefallen.

Berta Genau. Das ist das Problem.

Hajo Ach Rehlein, sie ist halt ein bißchen wie 'ne Tochter, weißt du. Du magst sie doch auch.

Berta Meine Zuneigung zu ihr war schon mal größer.

(Ja, sie ist nett und unerträglich lieb.)

Aber du und ich wir haben auch noch ein Leben.

Hajo Selbstverständlich. Du und ich, das sind zwei Menschen, die sich lieben. Das ist ja wohl was ganz anderes.

Berta Ja wenn das was anderes ist, warum hast du sie dann nach Wien eingeladen?

Hajo Das ist mir erst beim Reden eingefallen. Sie war halt so traurig.

Berta Ja, das kann sie gut. Das hat sie lange genug geübt. Wenn es mir mal schlecht geht, dann merkst du's nie. Vielleicht muß ich genauso triefig werden wie sie.

Hajo Doch, doch, das merk ich ganz genau, wenn's dir nicht gut geht.




(Aber weißt du, sie ist halt eben so eine Art Tochterersatz, ein Kind, ein meistens eben sehr trauriges Kind.)




Berta Für dich vielleicht. Aber das Kind sieht das ganz anders, das kannst du mir glauben. Ich bin nicht blind.


(Sie hat sich in dich verliebt. Bis über beide Ohren.)



(Hajo Glaubst du das im Ernst?)







Hajo Rehlein, wie soll ich das denn machen? Ich kann doch nicht einfach...

Berta Doch du kannst. Du brauchst ihr bloß zu sagen, daß...daß du dich verkalkuliert hast oder daß wir nicht mehr fahren. Hast du keine Phantasie mehr?

Hajo Doch, hab ich, aber für sowas nicht. Ich bin kein Lügner, das war ich noch nie.



Berta Ich verlange nicht von dir, daß du lügst. Ich will nur, daß du ihr sagst, daß sie nicht mit nach Wien kann.

Hajo Und wie soll ich das so plötzlich formulieren?

Berta Wenn du das immer noch nicht weißt.

Hajo Rehlein, jetzt mach doch nicht so ein Drama aus 'ner Fliege. Lisa wird sehr verletzt sein, vielleicht versucht sie sogar sich wieder umzubringen.



(Rehlein, sie ist doch gefährdet.)


Berta Wir sind gefährdet, darum geht es. Um nicht mehr und nicht weniger.



Hajo Jetzt dramatisierst du aber entsetzlich.

Berta Nenn es wie du willst. Ich sag's dir jetzt zum letzten Mal: Entweder du sagst Lisa, daß sie nicht mit kann oder...oder du kannst deine Koffer packen, und zwar für immer.

Hajo Also jetzt...jetzt gehst du aber wirklich zu weit Rehlein. Du kannst mich doch nicht so rumkommandieren. Wer bin ich denn?




(Also so nicht, Rehlein, so nicht!)


Cliff auf Hajo.

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