Wirtschaftliche Entwicklung und Problematik peripherer Regionen im MERCOSUR.

Agrarsektorale Entwicklung und wirtschaftliches Wachstum /DII

bei Prof. Dr. B. Knerr

von Ralf Uptmoor und Andreas Jenet (1998)

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1 Einleitung *

2 MERCOSUR: Gründung, Ziele, Mitglieder *

3 Ausgangsbedingungen und Strukturmerkmale in der ländlichen Region *

3.1 Die Internationalisierung des Agrarsektors *

3.2 Der historische Hintergrund *

3.2.1 Agrarpolitik im Zeichen der Importsubstitution und Binnenmarktversorgung *

3.2.2 Agrarpolitik im Zeichen der agrarindustrialisierenden Exportförderung *

3.2.3 Die Aufgaben der 90er Jahre *

3.3 Strukturmerkmale der Agrarlandschaft der MERCOSUR-Länder *

4 Entwicklungsvorhaben und Neuorientierungen seit 1991 *

5 Aktuelle Lage *

6 Diskussion: Perspektiven für die Zukunft *

Quellenverzeichnis *

 

 

  1. Einleitung
  2. MERCOSUR: Gründung, Ziele, Mitglieder
  3. Ausgangsbedingungen und Strukturmerkmale in der ländlichen Region
  4. Der folgenden Studie geht die Annahme voraus, daß die Länder des MERCOSUR vergleichbare Strukturen aufweisen und daraus folgend mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind. Aus diesem Grunde werden in dieser Studie die Verhältnisse in Brasilien und Argentinien ähnlich gewichtet und weniger untereinander verglichen, das heißt vielmehr als gleich hervorgehoben (vgl. Perez del Castillo 1993; Leipziger et al 1997).

    Mit großer Konsequenz unterlagen die Länder des MERCOSUR in den letzten drei Dekaden einer politischen Strategie landwirtschaftlicher Modernisierung, welche Auswirkungen in den ländlichen Regionen nach sich zog. Diese Modernisierung bezieht sich zum einen auf die Produktionstechnik, das heißt genauer auf die zunehmende Übernahme moderner Anbauverfahren und Einsatzmittel, und zum anderen auf die Produktionsverhältnisse, das heißt auf die fortschreitende Verwandlung selbständiger (Klein-) Bauern, Pächter, in landwirtschaftliche Lohnarbeiter mit auf die Erntezeiten befristeten oder unbefristeten Anstellungsverhältnis.

    1. Die Internationalisierung des Agrarsektors

Brasiliens Ackerland ist etwa sieben mal so umfangreich wie das der BRD. Dennoch muß Brasilien ca. 2/3 seines Weizenbedarfs und große Mengen anderer Nahrungsmittel importieren. Die Gesamtfläche der Agrarbetriebe ist etwa 17 mal größer als die der bundesdeutschen: und sie scheint immer noch unzureichend zu sein, um die ewig akuten Konflikte um Landbesitz zu lösen. Hinter diesen Vegleichszahlen verbirgt sich die ungleiche Wirkung der Einbindung des Agrarsektors in die "asymmetrische Interdependenz" der Welthandelsstrukturen. Dahinter verbirgt sich aber auch die ungleiche Wirkung einer internationalisierten Industrialisierung, die in Verbindung mit dem staatlichen Sektor und mit privaten nationalen Großunternehmen Ende der 60er/ Anfang der 70er Jahre auch Brasiliens Agrarsektor erfaßt hat (Calcagnotto 1985).

Die Erwirtschaftung von Devisen war schon immer eine Aufgabe der lateinamerikanischen Landwirtschaft. Die brasilianischen Wachstumszyklen sind seit der Kolonialzeit durch die Exportschübe vorwiegend landwirtschaftlicher Produkte gekennzeichnet gewesen (Zucker, Baumwolle, Tabak, Kakao, Gummi und Kaffee).

Das Brasilianische Entwicklungsmodell

Mit dem Zusammenbruch der Kaffee-Oligarchie bzw. ihrer Einbindung in die neue städtisch industrielle und staatliche Kräftekonstelation im Jahre 1930 begann der stetige Bedeutungsverlust des Agrarsektors für die brasilianische Volkswirtschaft, begann ihr Aderlaß für die anteilige Finanzierung des Industrialisierungsprozesses Brasilien. Von Anfang an war dieser mehr auf Importsubstitution ausgerichtet. Beginnend mit der Leichtindustrie erstrekte sich dieser Prozeß über mehrere Jahrzehnte und erreichte erst spät den Bereich der Schwerindustrie und der Grundstoffe. Der Landwirtschaft fiel dabei stets die Aufgabe der Devisenbeschaffung durch Exporte sowie – ganz allgemein – die der Transfer von für die Industrialisierung benötigten Ressourcen wie Kapital, Arbeit, Rohstoffen insbesondere zur Herstellung von sogenannten ‚Lohngütern‘ und Nahrungsmitteln zu Niedrigpreisen zu. Als in den 50er Jahren die Importsubstitution im Bereich dauerhafter Konsumgüter massiv einsetzte, begann die entscheidende Phase der sogenannten ‚Internationalisierung des Binnenmarktes‘ unter den Bedingungen der ‚assoziert abhängigen Entwicklung‘ (Calcognotto 1985). Das Auto wurde zum Motor der Entwicklung einer Volkswirtschaft, die ihr Eisenerz noch exportierte, um ihre Stahlimporte finanzieren zu können; einer Volkswirtschaft, die ihre industriellen Anlagen noch immer im Ausland für kostbare Devisen einkaufen mußte; eines Landes dessen Bevölkerung noch größtenteils mangels Kaufkraft zu Fuß laufen mußte.

Aufgrund des ungenügenden Wachstums der nationalen Kapitalgüterindustrie verschärfte sich zunehmend die Importabhängigkeit hinsichtlich eines extrem devisenintensiven Bereichs. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis des zunehmenden Exportzwanges für die gesamte Volkswirtschaft und insbesondere für die Landwirtschaft: Der verkürzte Weg zur Industrialisierung führte über die Außenabhängigkeit und die zwanghafte Exportorientierung (Calcognotto 1985).

Die agrarindustrielle Expansion setzt kapitalintensive Technologien voraus. Aus diesem Grunde vollzog sich diese in Brasilien meist durch Oligopole (Cacognotto 1985). In der Regel besitzen ausländische Unternehmen eine höhere Konzentration von Kapital und Technologien, sie sind in Brasilien umso häufiger in den Sektoren der Traktor- und Maschinenindustrie, sowie in den Bereichen Pharma und Düngemitteln anzutreffen. In den übrigen agrarindustriellen Sektoren wie Futtermittel Veredlung und Raffinerierung sind nationale olipolistische Unternehmungen domminierend.

Für den Bereich der Agrarproduktion ergibt sich aus dieser Konzentration für die großen und mittelgroßen Produzenten beispielsweise von Zuckerrohr, Kaffee, Kakao und Soja die Möglichkeit, unter wettbewerbsmäßigen Oligopolbedingungen (à Kapitalkonzentration) ihren Vorsprung gegenüber dem Kleinproduzenten hinsichtlich Einsatzmengen, Qualität der Arbeitskraft, Produktionsmenge und des Vermögens, die Preise angeschaffter oder abgesetzter Produkte zu bestimmen.

Wie in den folgenden Ausführungen noch zu sehen ist orientierte sich die Politik der Agrarmodernisierung in erster Linie auf die Agrarindustrialisierung und erst in zweiter Linie auf die landwirtschaftliche Produktion. Der Staat hat dafür gesorgt, daß die Kaufkraft des letzteren Bereiches nicht soweit absank, daß sie nicht mehr in der Lage gewesen wäre, landwirtschaftliche Betriebsmittel anzuschaffen oder industriell sowie exportrelevante Produkte anzubauen. Dies ist der Sinn des 1965 eingeführten Systems zinssubventionierter Agrarkredite. Auch die vom Staat geförderte Genossenschaftsbildung diente in erster Linie agrarindustriellen Zwecken und nicht der Interessen ihrer Genossen (Calcagnotto 1985).

Der Transformationsprozeß kann auch in Form einer "vertikalen Integration" – oder weniger drastisch – in Form vertraglicher Vereinbarungen erfolgen. Die erste Integrationsform (Übernahme der Agrarproduktion durch den Verarbeitungsbetrieb bzw. durch die Inputgesellschaft) wird immer mehr zugunsten der zweiten Integrationsform aufgegeben. Mit dem "Vertragslandwirt" geht die Agrarindustrie die Verpflichtung ein, die notwendigen Betriebsmittel (z.B. Saatgut, Maschinen und Düngemittel) zur Verfügung zu stellen. Als Gegenleistung verpflichtet sich der Landwirt, die Produktion zum vereinbarten Preis an den agrarindustriellen Vertragspartner zu liefern (Coradini & Fredericq 1982). Damit sichert sich die Agrarindustrie einen entscheidenden Vorsprung für die Aneignung der vom Agrarsektor transferierten Ressourcen. Betriebe welche mit dieser kostenintensiven Agrarindustrialisierung nicht mithalten können, haben wenig Möglichkeiten bei der Entwicklung mitzuhalten. Da aber die Nahrungsmittelproduktion überwiegend von Kleinbetrieben mit weniger als 10 ha besorgt wird, wird die Nahrungs- durch die Exportproduktion abgelöst, die überwiegend von Agrarbetrieben mit 10 ha und mehr besorgt wird. Mit der Besitzkonzentration wächst also das Mißverständnis zwischen Nahrungs- und Exportkulturen (IBGE 1982).

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Modernisierung des Agrarbereichs in den MERCOSUR-Staaten als eine "konservative Modernisierung" bezeichnet werden kann, weil sie Latifundien modernisiert, vergrößert oder erst schafft. Hier liegt ein wesentlicher Erklärungsfaktor sowohl für die Verschärfung der Agrarfrage als auch für die unbefriedigende Steigerung der Nahrungsmittelproduktion je Einwohner.

    1. Der historische Hintergrund
      1. Agrarpolitik im Zeichen der Importsubstitution und Binnenmarktversorgung
      2. Zwischen den Jahren 1946 bis 1965 bestanden die wesentlichen Ziele der Agrarpolitik darin, eine ausreichende Eigenversorgung mit billigen Nahrungsmitteln vor allem für die städtischen Lohnschichten zu sichern; in zweiter Linie sollte der Agrarsektor Exporteinnahmen für die Finanzierung von für die jeweiligen importsubstituirenden Industrialisierungsphasen benötigten Rohstoff- und Kapitalgütereinfuhren erwirtschaften. Man ging von einer geringen Einkommenselastizität aus, dementsprechend fiel dem Agrarsektor nicht die Aufgabe eines Wachstumssektor zu, sondern vielmehr die einer Ressourcenquelle für die Industrialisierung.

        Das Wachstum des Agrarsektors erfolgte hauptsächlich mittels Neulanderschließung, Ausweitung des Straßennetzes, Kommunikationsinfrastruktur und das auf breite Basis gestellte Agrarkreditwesen. Um die steigende Tendenz der Nahrungsmittelpreise zu bekämpfen, bediente man sich der Politik des festen Wechselkursus (was eine Überbewertung der Währung zur Folge hatte). Die Diskriminierung von Agrarexporten wurde in den späten 50ern anhand des abgestuften Wechselkursus flexibler gehandhabt. Es wurden in Brasilien günstigere Wechselkurse für verarbeitete Agrarexporte gewährt (Calcagnotto 1985). Damit begann eine Politik der Agrarindustrialisierung. Die Auswirkungen dieser Agrarpolitik auf Besitzverhältnisse zeichneten sich durch die Tendenz eines gewissen Konzentrationsabbaus aus. Einer effektiven Durchführung stand jedoch eine Bestimmung der Verfassung entgegen, wonach für die Enteignungen von Landbesitz eine gerechte Entschädigung bezahlt werden müsse (bis 1964) (Göthner 1991).

      3. Agrarpolitik im Zeichen der agrarindustrialisierenden Exportförderung

Ab Mitte der 60er Jahre wurden die Agrarmodernisierung und die Steigerung sowie Differenzierung unverarbeiteter und verarbeiteter Agrarexporten zu erklärten Zielen der Agrarpolitik. Das zu diesem Zweck wenige Monate nach der Machtübernahme der Militärs in Brasilien verabschiedete gesetzliche Rahmenwerk "Estatuto da terra" sah neben den genannten Zielen auch eine umfassende Agrarreform vor, nachdem bereits mit der Verfassungsänderung (Nr 1) die oben beschriebene ‚Voraus-Entschädigung‘ für Enteignungen abgeschafft worden war. In den ersten Jahren wurden Fertigwarenexporte politisch begünstigt (Göthner 1991; Calcagnotto 1985).

Die große Wende in der Agrarpolitik vollzog sich 1965 mit der Liberalisierung der Verbraucherpreiskontrollen und vor allem mit der Einrichtung des Nationalen Kreditsystems, das zur Triebfeder des gesamten Modernisierungsprozesses werden sollte (Calcagnotto 1985). Diese Kredite wurden für Produktions-, Vermarktungs- und Investitionszwecke zu – oft weit – unterhalb der Inflationsraten liegenden Zinssätzen vergeben. Dieses Kreditsystem bestand aus der Zentralbank (Koordinatinsinstanz), der Banco do Brasil, den privaten und bundesstaatlichen Handelsbanken, den Sparkassen, der Genossenschaftskreditbank und den Genossenschaften. Seine Hauptfunktion war es, die von anderen Variablen hervorgerufenen Produktionskostensteigerungen aufzufangen, so zum Beispiel die durch die weitgehende Importsubstitution bedingte Verteuerung landwirtschaftlicher Betriebsmittel.

Eine weitere Triebfeder war das staatliche Agrarforschungsinstitut. Über EMBRAPA und das staatliche Unternehmen zur technischen Beratung der Landwirtschaft EMBRATER wurde die Einführung neuer Rassen und Sorten, von moderner Technik und Technologie gefördert.

Die Liberalisierung der Wechselkurse 1967 in Brasilien trug zur Verringerung der traditionellen Überbewertung und damit zum Abbau der (Agrar)Exportdiskriminierung bei. Durch Ausweitung der Steuerbefreiung für Fertigwarenexporte wurde die Verarbeitung exportfähiger Agrarprodukte erheblich belebt, während der Export unverarbeiteter Agrarprodukte weiterhin Erschwernissen ausgesetzt blieb. Durch erheblich hohe ausländische Investitionen in den vor- und nachgelagerten Bereich der Agrarproduktion war Anfang der 70er Jahre bereits ein agrarindustrieller Komplex voll funktionsfähig etabliert (Calcagnotto 1985).

Die Ölpreiskrise von 1973 leitete für die brasilianische Agrarpolitik eine neue Phase (1974-79) höchster Priorität des Agrarsektors – nunmehr auch eines Wachstumssektor – ein, dem zusätzliche Aufgaben im Bereich Erdölsubstitution zugedacht waren. Dabei wurde die Wechselkurspolitik beibehalten und Importrestriktionen drastisch verschärft.

Im Rahmen des Alkoholprogramms sollten 40% des Erdölbedarfs von der Landwirtschaft erzeugt werden. Die geförderten Großplantagen erhöhten zwischen 1972 – 79 ihre Produktion von 90 Mio. t auf 140 Mio. t, welches mit einer leichter Ertragssteigerung erreicht wurde im wesentlichen jedoch mit einer Ausweitung der Anbauflächen. Hier wiederholte sich der bereits beim Sojaanbau beobachtete Prozeß der Verdrängung von Nahrungskulturen, nunmehr in den Hauptanbaugebieten um Sao Paulo.

Die sich verschärfenden Konflikte wurden entgegen dem von ‚Estatuto da terra‘ und mehreren Verfassungsänderungen geweckten Erwartungen nicht mittels Agrarreform, sondern anhand von verschiedenen Programmen der Kolonialisierung neuerschlossener Gebiete angegangen (Calcagnotto 1985).

Als Ergebnis dieser Politik entstand eine sehr komplexe und heterogene Agrarstruktur, in der moderne agroindustrielle Komplexe neben Industrien und modernisierten Agrarproduktionen bestanden, die wenig miteinander verbunden waren. Daneben existierte nach wie vor die traditionelle Landwirtschaft (Göthner 1991).

Die 80er Jahre brachten aufgrund des zweiten Ölschocks und der Verschuldungskrise eine Verschärfung der Exportorientierten Agrarpolitik mit sich. Der III. Nationale Entwicklungsplan führt die wesentlichen Schwerpunktsaufgaben der Agrarpolitik der 80er Jahre auf:

  1. Bekämpfung der Inflation durch größeres Nahrungsangebot auf dem Binnenmarkt
  2. Entlastung der Zahlungsbilanz durch mehr Exporte und durch Erdölsubstitution
  3. Schaffung von Arbeitsplätzen

Um die Ziele erreichen zu können wurden effektive Verbesserungen vorgenommen wie beispielsweise:

Auch wenn große Anstrengungen unternommen wurden den landwirtschaftlichen Sektor vor Kreditkürzungen zu schonen, konnten die agrarpolitischen Vorgaben im Laufe Verschuldungskrise und der darauf folgenden Rezession nicht eingehalten werden (Calcagnotto 1985, Paschoal 1985, Göthner 1991).

 

 

Abbildung 1: Die Veränderung in der Industriezweigstruktur Brasiliens seit dem 2. Weltkrieg. Anteil am Produktionswert der verarbeitenden Industrie 1949-1984 (in %). IBGE (Anuario Estatistico do Brasil, lfd Jahrgänge

      1. Die Aufgaben der 90er Jahre

Die sich seit 1979 verschärfenden Krisenprozeße ließen die Landwirtschaft nicht unberührt, wenn auch die großen Schwankungen in den Wachstumsraten zum Teil klimatischen Problemen zuzuschreiben sind. Bereits 1979 wurde in Brasilien die staatliche Agrarpolitik entscheidend verändert: Der subventionierte Agrarkredit wurde drastisch reduziert (bis 1984 um mehr als 50%), so daß die Mindestpreispolitik mehr und mehr die Ressourcenallokation bestimmte, während der Kredit an die zweite Stelle rückte. Damit setzte auch in der Landwirtschaft der Abzug von Kapital aus der Produktion und seine Anlage in der finanziellen Spekulation ein. Daneben hatten der Rückgang der Nachfrage nach Nahrungsmitteln infolge der Wirtschaftsrezession sowie die Krise des internationalen Sojamarktes zu Beginn der 80er Jahre negative Auswirkungen auf die Landwirtschaft (Göthner 1991).

Die Freisetzung von Arbeitskräften auf dem Lande infolge der Modernisierungsprozeße und deren Abwanderung in die urbanen Zentren und die unzureichende Absorptionsfähigkeit der Industrie haben Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung insbesondere in den städtischen Ballungsgebieten beträchtlich anwachsen lassen. Unter den Bedingungen der Krisenprozeße der 80er Jahre hat sich diese Situation weiter zugespitzt, nicht zuletzt im Ergebnis mehrerer Entlassungswellen. Ein Teil dieser Arbeitskräfte ist in den informellen Sektor abgewandert (Hausangestellte, ambulante Händler oder sogenannte Mikrounternehmen). Nach Schätzungen produziert der informelle Sektor Brasiliens 25-50% des BIP zusätzlich, was in die offiziellen Statistiken nicht oder unvollkommen eingeht (Göthner 1991). Das Wachstum des informellen Sektors bringt jedoch tiefgreifende Nachteile mit sich, welche sich in der unvollkommenen sozialen Absicherung und des viel niedrigeren Lohnniveaus ausdrücken.

Die Schwerpunkte der Politik der 90er Jahre bestanden darin der Wirtschaft neue Dynamik zu verleihen, ihre Strukturen der veränderten volks- und weltwirtschaftlichen Bedingungen anzupassen und ihre Entwicklung so zu gestalten, daß sie der überwiegenden Mehrheit, die bislang nur unzureichend in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert war und an seinen Ergebnissen kaum partizipiert, Beschäftigungsmöglichkeiten und einen wachsenden Anteil am gesellschaftlichen Reichtum zu sichern.

Das veränderte innere und äußere Bedingungsgefüge in den 90er Jahren war geprägt durch (Göthner 1991)

    1. Strukturmerkmale der Agrarlandschaft der MERCOSUR-Länder

Gemessen am Wachstum des realen Pro-Kopf-Einkommens ist Brasilien im Zeitraum 1985-1994 im internationalen Maßstab deutlich zurückgefallen. Die Schere zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen Brasiliens einerseits und dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen der OECD-Staaten andererseits hat sich weiter geöffnet. Sogar innerhalb Lateinamerikas, das 1985-1994 ein schwaches Wachstum verzeichnete, ist Brasilien mit einer Schrumpfung des Pro-Kopf-Einkommens von 0,4% zurückgeblieben. Die schlechte Performance bis in die frühen 90er Jahre hinein ist vor allen auf folgende Faktoren zurückzuführen (Pacheco & Nunnenkamp 1997):

Es handelt sich hierbei um Faktoren die wirtschaftliche Aufholprozeße behindern. Es ist zu vermuten, daß nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung von Brasilien als Ganzem verlangsamt wurde, sondern daß gleichzeitig konvergierende Einkommensentwicklungen innerhalb des Landes erschwert wurden. So dürften insbesondere periphere Regionen mit ihrem charakteristischen Mangel an komplementären Produktionsfaktoren unter unzureichenden Infrastrukturinvestitionen und der Vernachlässigung des Bildungswesens gelitten haben (Pacheco & Nunnenkamp 1997).

      1. Produktionsschwerpunkte der peripheren Regionen (Bsp. Brasiliens Norden)
      2. Der Nordosten Brasiliens macht 18% der Fläche des gesamten Landes aus und beherbergt 29% der Gesamtbevölkerung. Die weitgehend landwirtschaftliche Prägung des Nordostens zeigt sich darin, daß diese Region Mitte der neunziger Jahre 21% der landwirtschaftlichen Produktion Brasiliens, jedoch nur 12% der industriellen Produktion stellte. Der Anteil des Nordosten am brasilianischen BIP war mit 14% kaum halb so hoch wie der Bevölkerungsanteil. Über 17 Mio. Bewohner des Nordostens leben unter der Armutsgrenze, womit diese Region mehr als die Hälfte der brasilianischen Subsistenwirtschaft ausmacht. Das vergleichsweise hohe Bevölkerungswachstum (1,7%/J) erschwert es, Armut und Subsistenwirtschaft zu reduzieren. Der regionale Arbeitsmarkt erwieß sich als wenig absorptionsfähig, und selbst die Migration in das traditionelle Wirtschaftszentrum im Südosten und in neuere städtische Ballungszentren konnte den Anstieg des Arbeitskräftepotentials nicht ausgleichen (Pacheco & Nunnenkamp 1997).

        Obschon der Nordosten als Ganzes gesehen wirtschaftlich wenig entwickelt ist, ist er doch alles andere als eine homogene Region. Das Binnenland ist durch ein Trockengebiet geprägt, das unregelmäßig auftretenden Dürren ausgesetzt ist. Typisch für dieses Gebiet ist die extensive Rinderweidewirtschaft von Großgrundbesitzern. Bei ausreichender Bewässerung ist der Boden des Sertao auch für den Obst- und Gemüsebau geeignet. Vorwiegend im Gebiet der Städte Petrolina und Juazeiro produzieren Exportunternehmen das ganze Jahr hindurch Obst (Trauben, Mango, Bananen und Melonen) und Gemüse (Tomaten, Auberginen, Spargel und Paprika). Die Beschäftigungseffekte dieses Agrobusiness sind jedoch wegen der eher kapitalintensiven Produktionsverfahren begrenzt (Pacheco & Nunnenkamp 1997).

        Im feuchten und fruchtbaren Küstensaum des Nordostens herrschen Zuckerrohr- und Kakaoplantagen vor. Die ungleiche Landverteilung geht in dieser sogenannten Waldzone mit rückständigen Anbaumethoden einher. Der Zuckerrohranbau wird im Rahmen des Bioalkoholprogramms subventioniert, das 1975 eingeführt wurde, um die Abhängigkeit Brasiliens von Ölimporten zu verringern. Westlich der Zone werden schwerpunktmäßig Nahrungsmittel für die Versorgung der Küstenstädte angebaut. Die im Agreste traditionell dominierenden Kleinbauern werden allerdings tendentiell durch die Expansion der Zuckerrohrplantagen verdrängt, was die Landkonflikte verschärft. Die arbeitsintensive Agrarproduktion, die auf die Deckung der Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung ausgerichtet ist, kommt schließlich auch dadurch noch unter Druck, daß im Westen des Bundesstaates Bahia sowie im Süden der Bundesstaaten Maranhao und Piaui der Ausbau exportorientierter Sojaplantagen staatlich gefördert wird (insbesonders durch Infrastrukturmaßnahmen und Steuervergünstigungen) (Pacheco & Nunnenkamp 1997).

        Neben dem Petrochemischen Komplex und dem Bergbau basiert der industrielle Sektor im Norden Brasiliens auf den soeben skizzierten landwirtschaftlichen Schwerpunkten (Zuckerrohrfabriken und Agroindustrie bei Petrolina). Insgesamt trug der Industriesektor nur im begrenzten Maße zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei.

        Die industriellen Aktivitäten des Nordostens sind im Bundesstaat Bahia konzentriert. Das BIP des Nordostens wird maßgeblich durch diesen Bundesstaat bestimmt (1995: 4,5% des brasilianischen BIP); obgleich Bahia nur ein Viertel der Bevölkerung des Nordostens beherbergt, stammt die Hälfte der Industrieproduktion und der Exporte des Nordostens aus diesem Bundesstaat (Pacheco & Nunnenkamp 1997).

        Auch die Entwicklung des Dienstleistungssektors hat sich bisher weitgehend auf Salvador und andere Küstenstädte beschränkt. Dies gilt insbesondere für Finanzdienstleistungen, aber auch für touristisch ausgerichtete Dienstleistungen. Das Bankwesen, das weitgehend in staatlicher Hand liegt, ist allerdings mit der gesamtwirtschaftlichen Stabilisierung seit 1994 unter erheblichen Anpassungsdruck geraten (Pacheco & Nunnenkamp 1997).

      3. Agrarsektorale Besitz- und Bodenkonzentration peripherer Regionen

Die folgenden Zahlen bestätigen, daß sich das ökonomische Wachstum der 70er Jahre nicht in einer Reduzierung der Armut und einer egalitären Einkommensverteilung niederschlug, sondern weiten Teilen der Bevölkerung weiterhin die Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse versagt blieb.

 

 

Prozentsatz der Armen

 

1970

1980

insg

Stadt

Land

insg

Stadt

Land

Argentinien

8

5

18

8

6

18

Chile

17

14

26

16

14

25

Brasilien

49

36

66

43

33

60

Lateinamerika

40

30

56

37

29

51

Tabelle 1 Lateinamerika: Prozentsatz der Armen in Stadt und Land (1970-1980), einzelner Länder. Prozentsatz der in Armut lebenden Bevölkerung im Verhältnis zu Gesamtbevölkerung. CEPAL 1987 (63)

Hinter den regionalen Durchschnittzahlen verbergen sich allerding große nationale Differenzen. Während in Argentinien "nur" 8% der Bevölkerung in Armut lebte, waren es in Brasilien 49%. Die Armut in Brasilien konzentriert sich stark auf die ländlichen Regionen und ist hierbei eng verbunden mit der Minifundienwirtschaft. Nach Schätzungen zählten 1980 65% der landwirtschaftlichen Betriebe zu den kleinbäuerlichen Ökonomien, die eine Zuflucht für die durch die Mechanisierung und Modernisierung der Landwirtschaft freigesetzten Arbeitskräfte darstellten. Dennoch blieb für den großen Teil der ländlichen Bevölkerung (aufgrund von Verdrängungsprozessen und zunehmender ökonomischen Marginalisierung) nur die Abwanderung in die urbanen Zentren wo sie im informellen Sektor nach Überlebensstrategien suchten (Schneider 1989).

So wuchs die Stadtbevölkerung Brasiliens von 1960 (32 Mio.) bis 1990 um mehr als 350% an (115 Mio.). Wobei die Landbevölkerung einen Rückgang von knapp 40 Mio. auf 35 Mio. verzeichnete (IBGE 1991). Somit veränderte sich auch die Beschäftigungsstruktur: 1970 waren noch 45% in dem landwirtschaftlichen Sektor tätig (18% Industrie; 37 Dienstleistung). 1987 verzeichnete das IBGE (1991) nur noch 25% im landwirtschaftlichen Sektor, Zuwachs erhielten dementsprechend mit 24% der industrielle und mit 51% der Dienstleistungssektor.

Veränderungen in Bodenbesitzkonstelationen gab es in den letzten Jahren geringfügig.

 

 

Eigentums-größe (in ha)

% der Betriebe

% der Bodenfläche

1960

1975

1980

1985

1960

1975

1980

1985

-10

45.1

52.2

50.5

53.0

2.4

2.8

2.4

2.7

10-100

44.4

38.1

39.1

37.2

17.0

18.6

17.4

18.5

100-1000

9.4

8.9

9.4

8.9

35.2

35.8

34.3

35.1

1000-10,000

(0.9)

0.8

(0.9)

0.9

(29.3)

42.9

(28.6)

43.8

10,000-

(0.06)

 

(0.04)

 

(16.0)

 

(17.2)

 

Tabelle 2 Bodenkonzentration in Brasilien (1960-1985). FIBGE (1987): Agroanalysis, Rio de Janeiro, 6/87, 20

Die Gesamtanzahl der Betriebe hat sich von 3.3 Mio. 1960 auf 5.2 Mio. 1980 erhöht, die Gesamtbetriebsfläche hat sich in der selben Zeit von 245 Mio. ha auf 370 Mio. ha erhöht (FIBGE (1987): Agroanalysis, Rio de Janeiro, 6/87, 20). Anzumerken ist hierbei, daß in den Jahren 1970-1980 94% der Neulandverteilung an Betriebe über 100ha ging (Martins 1984).

88% der Betriebe sind Privateigentum, jeweils 5% sind öffentliche Betriebe oder Sozietäten. Der private Flächenanteil ist jedoch mit 77% deutlich niedriger.

Deutlich drastischer öffnet sich das Bild in der Bodenkonzentration (Tab 2), ca. 50% der Betriebe sind kleiner als 10ha und besitzen nur ca. 2.5% der landwirtschaftlichen Fläche, hingegen die 10% der landwirtschaftlichen Unternehmungen welche größer als 100ha sind ca. 80% der Fläche besitzen.

 

  1. Entwicklungsvorhaben und Neuorientierungen seit 1991
  2.  

  3. Aktuelle Lage
  4. Diskussion: Perspektiven für die Zukunft

Quellenverzeichnis

Calcagnotto, G (1985): Agrarpolitik und Internationalisierung des brasilianischen Agrarsektors. Lateinamerika. Analysen-Daten-Dokumentation. Hamburg (1985)3, 7-14

Göthner, KC (1991): Nach einer verlorenen Dekade. Herausforderung an Brasiliens Wirtschaft in den 90er Jahren. Lateinamerika. Analysen-Daten-Dokumentation. Hamburg 8(1991)16, 20-50

Pacheco, R and Nunnenkamp, P (1997): Wirtschaftliche Integration auf Kosten peripherer Regionen? Chancen und Risiken für den brasilianischen Nordosten im Mercosur. Institut für Weltwirtschaft, Kieler Arbeitspapier 827, p67

Paschoal, AD (1985): Ökologische und ökonomische Last der industriell betriebenen Landwirtschaft in Brasilien. Lateinamerika. Analysen-Daten-Dokumentation. Hamburg (1985)3, 15-26

Heimpel, C (1985): Das Nordostprojekt: Neuer Aufbruch oder neuer Aufguß? Zu dem neuen agrarpolitischen Ansatz im bras. Nordosten. Lateinamerika. Analysen-Daten-Dokumentation. Hamburg (1985)3, 39-49

Coradini, OL & Fredericq, A (1982): Agricultura, Cooperativas e multinacionais. Rio de Janeiro, 91-184

Perez del Castillo (1993):

Leipziger et al (1997):

IBGE (Brasilianisches Statistisches Bundesamt) (1982): Tabulacoes Avancadas, Rio de Janeiro

Schneider, I (1989): Soziale Auswirkungen von Wirtschaftskrise und Strukturanpassung in Lateinamerika. Lateinamerika. Analysen, Daten, Dokumentation. Beiheft 7 (1989), p72

Martins, JS (1984): A militarizacao da questao agraria no Brasil, Petropolis, 36