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Hannibal, mit bürgerlichem Namen Marvin Peterson, seit kurzem jedoch bevorzugt "Hannibal Lokumbe", Trompeter, Komponist und Poet, wird begleitet von einem Jazztrio (Fritz Pauer: Klavier; Christian Salfellner: Schlagzeug; Walter Schmocker: Bass), dem Schweizerorchster Frohnleiten und dem Franz Schmidt Kammerorchster Perchtoldorf, das ganze unter der Dirigentschaft von Adolf Winkler. Donna Tuliva Cumberbatch sorgt für seelenvollen schwarzen Gesang. Am Programm stehen "Children of The Fire" und "The Flames of South Africa".
Beide Stücke dauern je ca. 45 Minuten (zufällig gerade die Dauer einer altmodischen Schallplatte) und sind programmatisch mit weltpolitisch längst historischen Situationen verknüpft. "Children of The Fire", eine Komposition aus dem Jahre 1974 und dokumentiert bisher nur auf einer privat aufgelegten Platte, ist Hannibals Statement gegen den Krieg, wie er erklärt; die Geschichte eines kleinen Mädchens im Vietnamkrieg. In "The Flames of South Africa" - bisher noch nicht auf Tonträger verfügbar - geht es natürlich um Apartheid und um den zu befreienden Nelson Mandela. Die Kompositionen sind ähnlich strukturiert: durchkomponierte "klassische" Orchesterparts wechseln mit intensiv swingenden Phasen des Jazz-Quartetts in Hochform, dazwischen von Cumberbatch sensibel vorgetragene Lyrics und Gospels; dramatische Streicherklänge und Trommelbomben ergänzen das Repertoire. Stellenweise swingt tatsächlich der gesamt-orchestrale Klangkörper! Die Performance ist bewegend in ihrer einfachen Schönheit und Intensität. Nicht zuletzt ist es wohl Hannibal selbst mit seiner spürbaren Spiritualität und der unglaublichen Stärke - man hat ihn den Muhammed Ali der Trompete genannt - der einen unwiderstehlich bleibenden Eindruck hinterläßt. Das Publikum ist begeistert, fasziniert, beeindruckt - nicht nur, als Hannibal zu einem Endlos-Solo mittels Zirkular-Atmung ansetzt: man muß es Charisma nennen.
Hannibals große Zeit war die zweite Hälfte der 70-er Jahre, (siehe auch: Diskographie) als ihm mit seinem Sunrise Orchestra eine zeitgemäße Verbindung von Coltrane'schem Freejazz mit Tradition und Spiritual gelang; ein Cello sorgte für eine neuartige Sound-Erfahrung. Danach wurde es eher still um ihn; erst 1994 kam wieder eine CD mit einem Jazz-Sextett heraus. Und im Herbst 1995 erschien "African Portraits", die wirklich groß angelegte musikalische Reise durch die Geschichte der amerikanischen Schwarzen - mit afrikanischen Trommlern, Gospel- und Blues-Sängern, Jazz-Quartett, Chören und einem Symphonieorchester. Die Kritik war geteilt, das Medienecho beachtlich. Es ist zu hoffen, daß Hannibal wieder Fuß faßt und seine kreativen Kräfte zu konzentrieren versteht - unter dem Motto "Weniger ist Mehr". Der Jazz braucht Leute von seinem Format.
Robert StubenrauchVielleicht ist es aber doch einfach die schönste Musik, die es
gibt. Im Sinne von zeitlos schön. Was uns an dieser Stelle aber
weniger zu interessieren hat. Die Zeit des ästhetischen Fortschritts
ist Vergangenheit für Hannibal Marvin Peterson, den einstigen "Muhammed
Ali der Jazztrompete" (New York Times). Gegenwärtig tendiert er
zu herkömmlichen, also Jazz, den man anhört; aus der Coltrane Ära
nämlich.
Den gesellschaftlichen Fortschritt hat er indes noch nicht abgehakt. "The
flames of South Africa" und "Free Mandela" bezeugen
politisches Bewußtsein; das sich aber spirituell definiert. Schließlich
sagt er: "We believe in the power of music." Alles eine
Glaubensfrage also. Wie am Vortag vor den Gottesanbetern am Grazer
Freiheitsplatz, so auch im Lokal Focaccia in der Paradeisgasse.
Dabei unterstützten ihn hervorragende (österreichische)
Musikanten (Herwig Gradischnig, Oliver Kent, Walter Schmocker, Christian
Salfellner), die sich genauso ins Zeug legen wie die großen damals
(George Adams, Ron Burton, Steve Neil, Allen Nelson). So soll es sein.
Und Hannibal: Im Ton nicht mehr so sattelfest und kraftvoll wie zu
seiner besten Zeit, spielt er dennoch unverdrossen va banque und auf,
pardon, Teufel-komm-raus.
fex