Ich hatte ja vor, ein paar gute Geschichten zu schreiben. Kurze Geschichten,
nicht vielsagend, ein bißchen sollten sie jedoch was zu sagen haben, aber eher
sympathisch durch ihre saloppe Sprache und gelegentliche Ironie. Und diese
Geschichten in die Sparte der „Klein-Mädchen-Geschichten“ einsortieren.
Man überlege sich nur diese Doppeldeutigkeit, einerseits „kleine
Mädchengeschichten“ und andererseits „Kleinemädchen Geschichten“, schon ein
Knüller.
Inhalt der Geschichten:
· Mädchenfreundschaften oder Das Phänomen der platonischen Lesbenaffäre im
globalen Zusammenhang.
· Daseinsberechtigungskrisen (jederzeit und jederorts aktuell)
· gelegentliche Kollisionen mit Männern
Was auf keinem Fall in den Geschichten zu finden sein darf:
· Unfug bzw. fremdgesteuerte Selbstvernichtung, genannt politisches Engagement
oder Bewußtsein für weitreichende Probleme der Gesellschaft (z.B. Bau eines neuen
Fußballfeldes in meiner Wohngegend und die daraufhin begründete
Bürgerinitiative)
· wohldosierte Kulturhaftigkeit
· festes Weltbild
Und einige Sachen, die aufgrund ihrer Prägungspotenz immer wieder zu finden
sein werden:
· Coole Zitate von Philosophen oder von solchen, die es zum Glück nicht
geworden sind
· die Popkultur und deren angebliche Auswüchse wie BvSB
· vieles Jenseits von Gut und Böse
· Anwandlungen von Gottfried Benn, Siggi und sonstigen wunderbaren Männern
· Telefongespräche
· Traumwelten
ERINNERUNGEN
oder
Was hat Arabella Kiesbauer in meiner Liebeserklärung zu suchen?
Der Telefonhörer rutscht mir gleich aus der Hand, obwohl ich ihn mit aller
Kraft der Finger umklammere, denn meine Hände sind so naßgeschwitzt. Atme schwer.
Hole nochmal Luft. Geräuschvoll. Er wartet geduldig am anderen Ende der
Leitung.
„Jetzt schnaub nicht so,“ sagt er.
Nochmal Luft holen. Jetzt.
„Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt,“ sage ich, schneller und mit
höherer Stimme, als ich sonst am Telefon klinge.
Schweigen. Ich bemerke gar nicht, dass das Schweigen mehrere Minuten anhält,
für ihn ist es wahrscheinlich peinlich oder als Schweigen offensichtlich, ich
merke die Zeit nicht.
„Ich möchte eine Beziehung zu dir. Nicht nur auf körperlicher Ebene. Ich
möchte, dass du mich als ganze Person annimmst.“
„Nur weil ich mit dir schlafen möchte, heißt es nicht, dass ich dich als ganze
Person oder Persönlichkeit nicht achte oder verachte,“ kam es prompt zurück.
Ich kam mir wie in einer schlechten Talkshow vor. Und schon ertönt Arabella
Kiesbauers sanft-energische Stimme:
„Und das Thema unserer heutigen Sendung heißt: Verliebt nach One-Night-Stand.
Und unserem ersten Gast ist genau das passiert, hier ist ...“
Die Hintergrundmusik dröhnt urplötzlich, ich finde mich bei Arabella am Tresen
wieder, frag mich bitte jemand, wie ich durch die Tür und die Treppen im Studio
heruntergegangen bin, ich wüßte nicht wie, Zeitloch oder ähnliches.
„Also,“ fängt Arabella an, indem sie freundlichst in die Kamera 2 schaut und
dabei ein sensationell-spannendes Lächeln auf den Bildschirm zaubert. „Du
hattest einen One-Night-Stand mit einem Mann (HÄH, mit wem denn sonst?) und
hast dich danach in ihn verliebt. Erzähle uns doch näheres darüber.“
Erstens, wenn man einen vollzogenen Geschlechtsakt als Voraussetzung einem
One-Night-Stand zugrunde legt, dann hatte ich keinen. Schon deswegen bin ich
wohl eher für die kommende Sendung in 2 Wochen „Hilfe, ich bin noch Jungfrau“
geeignet.
Arabella Kiesbauer fängt an, mich zu nicht zu mögen.
Zweitens habe ich mich schon im Zug, dem Ort unseres Kennenlernens, in diesen
Mann verliebt, bin also auch aus Gründen der Ursache-Wirkung-Verknüpfung falsch
in dieser Talkshow.
Arabella Kiesbauer fängt an, mich zu hassen. Denn merke dir eine Regel: die
Show gehört der Moderatorin, nicht dir, du darfst ohne ihre Anleitung das
Publikum nicht schockieren!
Unter Umständen hätte mich dieser Haß getroffen. Aber ich sehe Arabellas Po und
finde meinen, obwohl dieser groß und breit ist, doch kleiner als ihren und
stufe deshalb ihren Haß als fehlgeleiteten Hormonimpuls ein. Jetzt kommt die
Werbung und ich kann weitertelefonieren.
Ich sage zu ihm, er müsse das ganze erst wohl verdauen.
„Nee. Du bist diejenige, die das ganze erst verdauen muß,“ seine Antwort.
Bla bla. Wir legen schließlich auf. Ich gehe mich duschen.
Mittlerweile ist das Gespräch einige Wochen her. Ich bin gefrustet (wie auch
sonst immer) und esse viel zu viel. Man hat ja sonst nichts Schönes, ist doch
wahr. Er will mich nur vögeln. Selber schuld, war klar, dass ich nur dafür für
ihn gut bin.
Das dumme ist: wenn ich ohne Illusionen mit ihm intim werde, empfinde ich
Abscheu, weil ich zu genau weiß, ich bin Lückenbüßerin für Ichweißnichwas. Um
ES schön („schön“ ist so ein stupides Wort, tut mir leid) zu finden, muß ich
mir Illusionen auf Zukunft und Gefühle und Überhaupt machen, die jedoch
spätestens auf der Autofahrt am nächsten Morgen (er bringt mich morgens um 6:30
zur S-Bahn!) mich wieder ankotzen. Und dann schweige ich auf der halbstündigen
Fahrt durch die bayerische Pampa. Er fragt mich, was denn los sei. Ich
antworte. „Wenn ich nichts zu sagen habe, dann schweige ich lieber, als
Schwachsinn zu verzählen.“ Er macht das Radio lauter, B5 Nachrichten. Er
versucht durch Kommenare zu den Nachrichten ein Gespräch mit mir anzufangen.
Ich bin unkooperativ.
S-Bahn Tutzing. Er
beugt sich vor zu mir, ich bin in der Flucht-aus-dem-Auto-Starre.
„Wann sehe ich dich wieder?“ fragt er sanft und liebevoll (oder bilde ich mir
das bloß ein?).
„So bald wie möglich,“ nette Antwort. Ihm bleibt anscheinend nichts anderes
übrig als aufzulachen. Ich küsse ihn, jetzt raus hier. Knalle die Autotür zu.
Höre sein „Hey!“. Gut so.
So. Wo bin ich hier überhaupt? Das habe ich mich auch tatsächlich gefragt, als ich
zum ersten Mal von ihm hier ausgesetzt wurde. Mich hat es so wahnsinnig
gefroren, denn das Wetter hatte umgeschlagen, kalt und windig war es geworden
und ich in meinem dünnen Oberteil. Und von welchem Gleis fährt der richtige Zug
ab? Erstmal den unfreundlichen Mann am Schalter der Deutschen Bahn fragen, er
schaut mich schon so skeptisch an. Ja, doch. Weiß ja selber.
Kaufe eine Streifenkarte. Lasse mir von ihm mehrmals erklären, wieviel Streifen
ich bis Münchner Innenstadt nun abstempeln muß (die leichtesten Sachen sind
oftmals so schwierig!) und gehe auf Gleis 1. Denn die S-Bahn nach München parkt
vor der Haustür, hehe, der Mann am Schalter wollte wohl noch witzig sein.
(Hatte ich so einen elenden Eindruck auf ihn gemacht?)
Zwei Stunden später war ich zu Hause.
Zum Glück hatte ich meine BvSB-Bibel dabei, so konnte ich mich suggestiv von
der eisigen Kälte 2 h lang entrücken. Benjamin, ich liebe dich schon deswegen!
Tucker, tucker, tucker. Dusche. Jetzt verstoßen wir mal gegen Kneipps
Wechselduschenvorschrift (oder wurden diese doch von "Brigitte"
erfunden?) und duschen nur heiß. Das tut mir mehr gut.
Und dann Bett. Decke. Mit beiden Händen die Kuschelecke der Decke unter den
Kopf ziehend, Beine in Embryohaltung, wohlige Grunzlaute. Mir kann jetzt nichts
passieren.
Nach 3 Stunden wache ich auf. Ach ja, meine lieben Eltern wissen nichts, heute
Abend nochmals bestätigen, was ich schon im Auto morgens gesagt habe: „Ich habe
bei Molli geschlafen, es ist gestern nach dem Kino spät geworden, wir waren ja
in der Spätvorstellung und da fährt keine U-Bahn mehr bei uns. Bla bla.“
Er dreht sich um zu mir, grinst: „Nenn mich nie wieder Molli.“
Ich habe ihn damals schon vermißt, als ich dann am besagten Danach-Tag
halbnackt in der Küche um die Mittagszeit verschlafen und auch sonst mental
nicht zurechnungsfähig versuchte, mich im Kühlschrank zurechtzufinden. Und eine
kombinierte Frühstück-Mittag-Mahlzeit einzunehmen. Kann mich nicht mehr genau
an alles erinnern, glaube jedoch, die Mahlzeit ist mir geglückt. Das ist schon
einige Zeit her, wie gesagt.
Kameraschwenk.
Arabella Kiesbauer: „ Und, wie hast du es überwunden?“
Das Übliche. Viel essen.
Fernsehen (und weils so schön ist, alle Talkshows in der Nachtwiederholung).
Alleinsein.“
Tosender Applaus.
Sitze bei Mäcci. Meine Lieblingsecke ist von einer Horde türkischer
Jugendlicher besetzt, Mädchen allesamt hübsch und schlank und mit
Jennifer-Lopez-Ohrringen; Jungs in athletisch-lässiger Haltung, Pfund Gel in
Haaren. Unglaubliche Reichhaltigkeit des Wortschatzes, aber sie sind alle
schöne Menschen, hat leicht Nachsicht, wenn Sprache lediglich aus
Fernsehwerbesprüchen besteht. Wie kann es auch anders sein, wenn Fernsehen das
Bewußtsein ermöglicht?
Ich ziehe am Strohhalm. Cola Light, DAS Getränk (oder sollte ich besser sagen
Grundnahrungsmitel?) der Menschen, für die die Waage die soziale Kompetenz des
alten, guten Beichtvaters ersetzt hat. Cola Light, DIE Leberverarschung, Prost
auf die kommende Zirrhose.
Tatsächlich schlecht gelaunt bin ich heute. Mein Arm fällt unkoordiniert vom
grau gesprenkeltem Tisch auf den Rucksack neben mir. Spüre durch den Stoff die
Packung Coffeintabletten, trinke gierig mein kalorienreduziertes Getränk.
(Weißt Du, lieber Leser, dass Süßstoff, wie er in Cola Light 90% der
Trockenmasse ausmacht, ein Importprodukt aus der Tiermast ist?)
Die Tussi aus der Apotheke. Als ich „Grüß Gott“ ihr zuraunte, strahlte sie mir
ein „Groß Gott“ entgegen, aber ein solches, das jedem jedes Medikament ohne
Gewissensbisse andrehen könnte. Doch ich fragte nach Koffeintabletten, was ja
kein Medikament ist. Finsternis in ihrem Gesicht. Obwohl sie mir weiterhin ihre
wunderschönene, sympatischen weißen Zähne zeigte, kann ihr Lächeln nicht mehr
halten, was es verspricht. Sachlich fragte sie nach der Größe der Packung.
„So groß wie möglich,“ wollte ich sagen, aber nein, ich bin keine Heldin des
Alltags. „Kommt darauf an, wie teuer die sind“, sagte meine verraucht
krächzende Stimme. Sie geht zum entsprechenden Regal, blickt ihre Kollegin an.
Ich habe die Bedeutung ihres Blickes nicht erfasst. Und wenn auch, so
interpretierte ich die Bedeutung, die meiner Laune entsprach und dem Bild, das
ich von dieser Frau haben wollte. Sie sagte mir die Preise. Dann die kleinere
Packung, bitte.
Geld rausholen. Habe ich den Geldschein verlegt? Peinliche 15 Sekunden des
Wühlens im Portmonnaie. (Kann mir jemand sagen, warum immer dieses
Verlegenheitsgefühl hochkommt, wenn ich länger als sofort nach Geld in meiner
Kleidung oder den üblichen Geldaufbewahrungsutensilien suche? Ist diese
Peinlichkeit ein Tribut an unterdrückten konsumhaß?)
Jetzt aber raus, so, nochmal die Oma anrempeln, die an der „Wir sind für Sie
da“-Service-Ecke zur kostenlosen Cholesterinmessung ansteht und Sturm zum
Mäcci.
Jetzt ist der Becher mit Cola Light leer.
Jetzt reiße ich meinen Rucksack vom Stuhl hoch, gehe mit bedeutungsschwangerem
Gesichtsausdruck raus, zur Bushaltestelle, eine rauchen, nein, besser zwei, ach
ja, die Coffeintabletten, zum Kiosk, Flüsigkeit zum Runterspülen kaufen, Cola
Light als herzerwärmende handliche Dose, aufmachen, schlucken, spülen, fertig.
Busfahrt. Idole meines Lebens, ausgeglichene Menschen mit festem Arbeitsplatz, einer festen Freundin, festen Wurzeln, festem Freundeskreis und festen Hobbys fahren um mich herum mit. Würde so vieles geben, um zu sein wie sie. Natürlich kann ich so sein wie sie, darum geht es nicht. Sondern darum, so zu sein wie sie UND gleichzeitig die seelenfeste Überzeugung haben, dass ein so gelebtes Leben kein Selbstbeschiss ist.
Kameraschwenk.
Ein Pärchen im Bus, sie um die 16, er nicht viel älter. Sie reden etwas zu laut
über ihre Schulfreunde, die den Schulabschluß nicht schaffen werden und es
deswegen verschissen haben im Leben. (Da weitere Existenzaussicht: Kassierer/in
im HL-Markt. Komisch, ich kenne eine Medizinstudentin, die die Semesterferien
über im HL an der Kasse arbeitet, kriegt zwar 13,50 die Stunde, aber ist
zumindest bei den Eltern daheim in Augsburg, und das ist schon was nach eigener
Aussage. Ich habe schon immer gesagt, dass die Bedeutung der Dinge nur im
Kontext existieren kann. Also ist Kassierer im HL-Markt nicht gleich Kassierer
im HL-Markt, WOW)
Sie reden noch lauter über ein Mädchen an ihrer Schule, das total die Schlampe
und überhaupt voll die Hure ist. Über ein neues Handy, das er sich kaufen will.
Bei diesem Gesprächsabschnitt gehen seine Beine wohl automatisch bzw. als
vergeistigter Reflex zum Schlüsselreiz: Statussymbol sehr weit auseinander, und
er sitzt so majestätisch und angegeilt da, würde ihm zu gerne in den Schritt
greifen.
Sie redet plötzlich sehr leise darüber, dass ihre zahlreichen Bewergungen um
einen Ausbildungsplatz unbeantwortet geblieben sind und was sie denn tun solle,
das klingt flehentlich . Sandy (anscheinend ihre Freundin)gehe auf die
Kosmetikschule, die sei zwar beschissen, aber zumindest schon mal was. Uns
Sandy muß es ja wissen, denn sie kauft sich auch voll die Cremes und so, schon
in der Schule, und weiß alles, wo was die Körperpflege angeht und so. Ja, denke
ich mir auch, und so. Da gibt es nichts mehr zu sagen. Am besten bestaunt man
mit ehrlicher Bewunderung die ganze Busfahrt lang dieses Pärchen zum Beispiel
oder andere Menschen aus dem realen Leben und denkt sogar noch zu Hause unter
der Dusche nach einer weiteren Coffeintablette über sie nach. Und so.
Ein Nachmittag der Kontaktpflege
Mein Schreibtisch ist überladen mit Papieren, geöffnete Briefe liegen
wahllos auf Studienunterlagen, persönlichen Aufzeichnungen, Modezeitschriften
und Zeitungsausschnitten. Ich sitze auf meinem Drehstuhl vor dem Tisch, die
Knie bis an das Kinn gezogen, habe mich auf der Sitzfläche ganz klein gemacht
und betrachte aus sicherer Entfernung den Schreibtisch.
Bilder vom Sonntag tauchen auf. Susi hat mich zum Kaffee eingeladen. Wir saßen
schließlich im Café X, nahe der Isar, auf einer kleinen Anhöhe schräg hinter
der Philharmonie.
Das Café gab sich äußerst verkrampft die Mühe, eine gebildete lässige junge
Atmosphäre zu sein. Gepflegte adrette junge Männer rauchten verspannt ihre Zigaretten...mit
einem möglichst vielsagenden Blick.
Ihre Begleitung trug angestrengt den zu Hause vor dem Spiegel lang
einstudierten Ausdruck der weiblichen Verführung; die Füße schmerzten doch
schon lange in den modisch engen Pumps.
Der Milchkaffee auch cool und lässig, bis er vor mir auf dem Tisch stand. Dann
sank der Milchschaum lautlos zusammen. Ich lache auf und erblicke wieder meinen
Schreibtisch.
Die Kellnerin bewegte sich mit akademischer Gelassenheit. Ganz wie ihre Gäste.
Mit einer Spur zu unverblümt zur Schau gestellter Selbstverliebtheit. Um es
genauer anzumerken.
Susi erzählte mir irgendetwas. War sicher interessant und anspruchsvoll, sie
ist ein kluges Köpfchen. Mein unaufhörliches Nicken wirkte mit Sicherheit hohl,
doch weder sie noch ich ließen es uns anmerken.
Ich drehe mich auf dem Drehstuhl einmal im Kreis. Aufregender Rundblick, doch
in keinster Weise anregend.
Der erbärmliche Milchschaum. Zu schade für Susis 4,90 DM.
Die Isar führte Hochwasser. Zumindest waren die Schleusen in Richtung
Prinzregentenstraße geflutet; wir gingen den Parkweg entlang des Ufers, mit uns
viele andere, die sich am Sonntag nachmittag dem gutbürgerlichen Lebensstil
verpflichtet fühlten. Susi erzählte mir von irgendeiner Arie aus irgendeinem
Musical. Ich nickte verständnisvoll. Wir hatten einst gemeinsame
Gesprächsthemen.
Mein Blick bleibt auf einem Bewerbungsbogen einer PR-Agentur haften. Soll ihn
mit Porträt- und Ganzkörperfotos zurückschicken, sie würden sich auf eine
produktive Zusammenarbeit freuen. Persönliche Daten (sie wollen meine
Schuhgröße wissen), Schulbildung, beruflicher Werdegang, wo sehe ich meine
Stärken, welche Tätigkeiten würde ich bevorzugen. Ich stoße mich mit den Händen
vom Tisch und rolle gut einen Meter auf dem leicht angestaubt schimmernden
Parkettboden zurück.
Susi sagte, sie sei oft mit ihrem Freund im Café X, es gefalle ihnen dort so
gut. Besonders die ungezwungene Atmosphäre. Als sie das sagte, zog sie ihre
gezupften Augenbrauen hoch und hielt den Kopf unnatürlich schief. Die 4 Mark 90
waren für sie anscheined eine lohnende Investition. Investition in Illusion,
wir hätten nach wie vor eine wertvolle Bindung mit- und zueinander.
Ich betrachte wieder aus ehrfurchtsvoller Distanz meinen Schreibtisch.
Endlich kann ich einen der Männer am Telefon erreichen. Ist ja auch schon fast Mitternacht.
Er hat mich darum gebeten, etwas von meinem Geschreibe einzuschicken. Was
denn bloß? Ich möchte ja, dass derjenige zumindest ein bißchen von mir
beeindruckt ist. Auch wenn er mich ständig anpöbelt. Ja so was.
Bin zu träge, um mich gegen seine dummen (und doch originellen) Angriffe zu
wehren, ist am Telefon verschwendete Kraft, effizienter, am nächsten Tag in der
U-Bahn darüber nachzudenken. Soll er sich doch ruhig vor mir darstellen,
zumindest findet er Benjamin von Stuckrad-Barre gut und das ist schon
allerhand.
P.S. Dantons Tod (Christian, erinnerst du dich noch?)
Synthese
Heute war jener dieser Tage.
Berauschend und erfüllend. Tage mit Musik, 24 Stunden gelebt im Rhythmus von
MTV. Entrückung.
8:00 am Morgen
Zähne putzen. Ganz bedächtig. Denn die Glückverheißung, ich bin den ganzen Tag
und die ganze Nacht allein in der Wohnung, nur ich, Fernseher und Telefon, also
meine beiden Lebenskrücken, läßt die Zahnbürste besonnen im Mund kreisen, so,
wie es Dr. Dent empfiehlt. Enddarmreinigung. Duschen. Ich berichtige: rituelle
Waschung.
Fernseher einschalten. Zappen, MTV. HotMusic. Lautstärke auf nachbarkompatibel.
Küche. Elektrischer Wasserkocher. Verkalkt, aber nein, solche Prafanitäten
können mich heute nicht aus meiner meditativen Trance breingen, denn ich darf
meine Kraft nicht unnutz verschwenden, es wird ein anstrengender Tag.
9:00 am Morgen
Wasserkocher, siedendes Wasser gurgelt. Ausschalten. Den 0,5l Plastikbecher in
Industrieblau (Blau sei die Farbe der Demut und der Unterwerfung, hat mal eine
Bekannte gesagt) mit 3 gehäuften Teelöffeln Instantkaffee und Zucker
beschweren, H2O rein, kalte Milch drauf,
umrühren, die nächsten 2 Minuten wie Trip. Eingehüllt in Farbenklänge und die
Dampfwolke über dem Becher.
Computer hochfahren. Und aufspringen auf die ISDN-Gleise, der Internetzug fährt
gleich ab. Limp Bizkit
"It's my way". Das muss natürlich um 4 Lautsärkeeinheiten
maximiert werden. So. Erstmal Mails checken. GMX. Sie haben 9 ungelesene und
davon 4 neue Nachrichten. So ist es brav.
Ein Infobrief von
GMX-themselves, TRASH. Eine Rundmail von einem Freund, Einladung zum
StuStaCulum in der Studentenstadt. Eine Mail mit Betreff: Kuckuck. Selber
kuckuck. Der Mann, der mir sagt, er liebte mich, hat ein Foto von sich
geschickt, er mit den Fliegerkollegen, breitbeinig mir Bierflasche stehend. Hm.
Eine Mail von Freundin, sie fährt für 2 Monate nach Grönland (workcamp) und
verabschiedt sich. Die restlichen ungelesenen 5 wandern in TRASH. Moment mal,
so war das nicht verabredet, Jessica Simpson in der Lautstärke,
"Irresistable". Springe vom Stuhl, Fernbedienung, Ton aus. Gerade
noch rechtzeitig.
10:00 News.
Marcus Kafka, mit tatsächlich kafkaeoiden Humor, erzählt mir, was ich als
brainwashed MTV-victim wissen muß.
10:10 Bytesize.
Format: Menschen fressen sich im Vorspann voll, dann kommt eine Minute lang
eine Videoaufzeichnung von einer "Band" oder einem "Star"
aus gespielt privater Atmosphäre mit gespielt persönlichen Geständnissen,
welche vorher natürlich vom Management der Musiker im Rahmen der Imageschaffung
festgelegt wurden. Nur bei Fiona Apple bin ich so naiv und glaube alles, was
sie sagt. Im Zwischenspann gute Videos, eher Electronic, frage mich, welche
Zielgruppe schaut zwischen 10 und 11 MTV, weil die Auswahl der Videos durch
Quoten beeinflußt wird, muss also vorher gründlich nachgeforscht werden. Ich
wurde aber nicht gefragt. Wie gemein, *kick*
11:00 Making the Band.
Ja, das ist reales Leben. Realer als das Leben selbt. Nur die Werbespots alle
15 Minuten übertreffen die Realität von Making the Band, sonst nichts mehr.
11:30 Easy.
Ton ausmachen. Telefonieren.
12:00 European Top 20. Und Fräulein Rosentreter.
Liege entspannt auf dem Teppich, lausche der entzückenden Moderatorin, Wheatus,
Garry Halliwell, U2 mit Elevator, Linkin Park (Lautsärke auf max.), Depeshe
Mode mit Feel Loved, Aalyah, und, das muss auch sein, Lady Marmelade. Niemand
weiß von den verborgenen Leiden, von Scham und Qual, die ich bei Mariahs "Loverboy",
dem besagten "Voulez vous chouchez avec moi", deutschen
Luxusproduktionen wie Sarah ft ... "Back to Badboys" durchlebe. Jede Faser zuckt in mir
(ist aber kein Orgasmus). So viel Sinn für schlechte Inszenierung kann im
Menschen doch nicht sein.
14:00 Select.
Merke langsam, Konzentration verläßt mich. Kaffe nachtanken, 2 Becher, denn der Urologe meines Vertrauens sagt, man solle mindestens 2l am Tag trinken. Und wovon 2l, hat er nicht gesagt. Suche die Zigaretten. Balkontür auf, rauchen, in den Garten unserer Nachbarn im Erdgeschoß aschen, 1 Zigarette lang, 2, 3, 4. Erst mal reicht es. Handy klingelt. SMS. Obszönitäten von einem Mann, pikant, pikant. Aber er ist dynamisch, erfolgreich, jung (relativ). Da entwickelt sich viel Verständnis mit der Zeit, nicht wahr.
16:00 Mad4Hits.
Patrick. Warum sind einige Menschen schlagfertig, witzig, anziehend und wunderbar zugleich, wie dieser Moderator?
Mit kalten Ketchupnudeln von gestern starre ich den Bildschirm an.
18:00 Bytesize.
Anwandlung von Kurzzeitdepressionen.
Ausgerechnet jetzt ruft meine Mutter an. Blabla. Ausnahmsweise bin ich unfreundlich zu ihr, weil sonst immer sehr höflich mit meiner Mutter, am Telefon und auch so. Denn Höflichkeit füllt das dumme Schweigen aus, suggeriert mal eben in der Mikrowelle aufgetaute Wärme, zwingt zur Sachlichkeit (Gott sei Dank) und ist ein Zeichen der guten Erziehung, also hat meine Mutter nichts falsch gemacht. „Die unaufgelösten Dissonanzen im Verhältnis von Charakter und Gesinnung der Eltern klingen in dem Wesen des Kindes fort und machen seine Leidensgeschichte aus.“ Friedrich Nietzsche aus „Menschliches, Allzu menschliches“ Auflegen.
Lehne mich an die Wand, merke, dass Kopfschmerzen das Gehirn zerbersten, mir ist zum Heulen.
19:00 Webcharts.
Im Netz existieren nur gute Menschen, die Nirwana in die Charts mit zuverlässiger Regelmäßigkeit wählen.
Nach drei Ibuprofentabletten weine ich nicht mehr. Nach Novalgin nur noch leises Wimmern. Noch Dibromil, schlucken. Warten auf Erlösung.
20:00 US TOP 20.
Koma.
21:00 2gether. Comedy.
Koma.
21:30 Musik.
Auch in mir.
21:45 Newsmagazin.
Unglaublicher Druck im Ohr, sehr
unangenehm, Gefühl, das Gehirn quölle gleich aus den Ohren. Zumindest keine
Schmerzen mehr. Tunnel.
22:00 Making the Band.
Heute morgen war es ja noch lusig. Telefon.
Jetzt gilt der Nachttarif, kann für 3,60 DM pro h republikweit telefonieren. Weit in die Nacht hinein teile ich am Telefon mein Leben mit anderen Menschen. Ich nenne sie gute Freunde, sexuelle Bekanntschaften und neutrale Bekannte. Jetzt gehen wirklich gute Videos. Bin glücklich, schlafe irgendwann ein, meine beiden Krücken habe ich zur Seite gelegt, denn beim Träumen komme ich ohne sie zurecht. Im Traum erscheint mir ein Gedicht.
Schweigende Nacht. Schweigendes Haus
Ich aber bin der stillsten Sterne,
ich treibe auch mein eigenes Licht
noch in die eigene Nacht hinaus.
Ich bin gehirnlich heimgekehrt
aus Höhlen, Himmeln, Dreck und Vieh
Auch was sich noch der Frau gewährt,
ist dunkle süße Onanie.
Ich wälze Welt. Ich röchle Raub.
Und nächtens nackte ich im Glück:
es ringt kein Tod, es stinkt kein Staub
mich, Ich-Begriff, zur Welt zurück.
Mir wurde vor ein paar Tagen am Telefon bescheinigt,
ich problematiserte Sachen, die noch gar nicht pasiert sind und erst (wenn
überhaupt) in Zukunft liegen. Von einem Mann wurde mir diese Charakteranalyse
ausgestellt. Neuerdings kommen gescheite Sachen von Männern in mein Leben. Na
logisch, meine Freundinnen sehe ich nur noch selten.
Nur Maria. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch meine Existenz, seitdem ich
mit dem Studium begonnen habe.
She is my WONDERWALL, um es mit den Worten von OASIS auf den Punkt zu bringen.
Und der Mann hat recht. Bin ja selbst darauf gekommen (hehe), dass sich mein
Leben in der Zukunft abspielt, dass die Gegenwart nur Impulse für die Zukunft
sein kann. Vergangenheit existiert nicht. Verdrängung, sofort und auf der
Stelle und absolut.
Muß mich sehr konzentrieren, um mich beispielsweise an die Zeit in Prag zu
erinnern, das war eine knappe Woche letztes Jahr im August. Das dumme ist: die
Erinnerung ist absolut lückenlos, wie ein Film. Bin manchmal selbst erstaunt,
dass ich die Tagesabläufe exakt im Kopf habe, wirklich alles. Nur, der Film
springt aus der Spule, nach spätestens zwei Minuten. Und von neuem Anstrengung,
um den Film zu sehen, auf der inneren Kinoleinwand.
Ja, soviel dazu.
Christian hat mich gefragt, ob ich nicht mal ein paar Sachen ihm zuschicken
könnte, Sachen, die ich schreibe. Das wird schwer sein. Es gibt zu viel
Angefangenes. Das, was komplett ist, ist sentimentaler Schrott. (Weil es
ausnahmslos auf Erlebtem basiert?)
Abstrakt schreiben kann ich nicht, verfalle in eine ekelerregende Sprache,
etwas zwischen Balzac (ich habe eindeutig zu viel von ihm gelesen, in einem
Alter, wo die literarische Tugenden wie Ausdrucksfähigkeit und
Differenzierungsvermögen angelegt werden, um die 16 etwa) und Turgenjews
Liebesromane wie etwa „Das Adelsnest“, „Rudin“ und weitere, die ich nur unter
dem Originaltitel kenne aber nicht in der deutschen Übersetzung. Da meine
Computertastatur nicht auf kyrillische Schrift eingestellt ist, unterschlage
ich die Namen dieser herzzerreißenden Romane, aber glaub mir, ich habe sie alle
gelesen.
Abstrakt schreiben heißt philosophieren. Ich bin aber noch nicht so weit.
Abstrakt schreiben impliziert die Verwendung von sprachlichen und inhaltlichen
Klischees und Stereotypen. Und ich bin bereits weiter.
Freitag morgen, München Hbf, warte auf meinen Zug nach Berlin.
Aussicht: 6 h Fahrt, Wochenende mit Übernachtung bei Freunden/Bekannten (Status
nicht geklärt), Schachtel Zigarretten im 12-h-Takt, dumpfes Aufwachen am
Montag.
Sitze also am Bahnsteig, es ist Ende Juni, meine weite, schwarze Hose
schlabbert um die Beine, windig.
Am Gleis gegenüber fährt ein Regionalzug ein. Strömendes Menschengut, Richtung
U-Bahn durch die ganze Bahnhofshalle. Richtung Arbeitswelt. Richtung
Selbstverwirklichung. Ein bekanntes Gesicht stürmt an mir vorbei. Ah, jetzt
wird die Eile klar. Das bekannte Gesicht kommt zu spät zur Vorlesung, Biochemie
I, 2. vorklinisches Semester. Letztes Semester zusammen Physikpraktikum gehabt
und ein paar Konversationen, Kommilitonin von mir.
UNI ist schön.
Wenn man gerade woanders ist.
Meine Philosophie des Augenblicks am Hbf München zumindest.
Habe keine Platzreservierung. Der Nervenkitzel, ob ich nun einen Sitzplatz
kriege oder nicht, erinnert mich zu sehr an meine Anfänge als Jäger- und
Sammlermensch und verhindert so jedesmal, dass ich auf die freundliche Anfrage
der DB-Tussi, ob ich denn auch einen Platz reservieren möchte mit „Ja, bitte“
antworte.
„Sie wissen schon, dass am Wochenende, besonders am Freitag, die Züge sehr voll
sind?“ hartnäckig will sie mir das Leben leichter machen.
„Ja, ja“ und tschüß.
Nach ewigem Wechseln zwischen den für kleine Teilstrecken unreservierten
Plätzen lande ich ab Leipzig an einem Familientisch, sprich der
Sitzkonstellation im Zug, wo sich jeweils zwei Menschen mit einem Tisch
dazwischen gegenüber sitzen. Insgesamt vier Menschen also müssen sich die ganze
Zugfahrt lang ansehen und miteinander sprechen können. Diese Entfremdung vom
menschlichen Grundwesen wird grundsätzlich den Familien zugetraut, ich habe im
Zug allerdings noch nie eine Familie erlebt, die dieses „Sich gegenseitig an
einem Tisch Ausgeliefertsein“ länger als 2 Stunden ohne unterdrückte bzw. auf
andere Wege umgeleitete Haßgefühle gemeistert hätte.
Oder warum glauben Sie, schimpfen plötzlich friedfertige Familienmenschen auf
die Deutsche Bahn oder die Jugend von heute oder Boris Becker, wie er mit
seinem Hypnoseblick alle Frauen der Republik willig macht?
An diesem Familientisch sitzen 3 rüstige Rentnerinnen, gerade von der Kur
zurückfahrend, laut und quäckend Karten spielend, Kaffee saufend und gemäß der
Kurpfuscheranweisung homäopatische Gastrintabletten einnehmend. Hehe. Jetzt
nehme ich mir vor, in Würde zu altern. Oder aber ich komme gar nicht dazu, wenn
mich meine Nachkommen mit Legitimation des Sterbehilfegesetztes rechtzeitig zur
Strecke bringen und die (bis dahin hoffentlich angeheiratete oder im Lotto
gewonnene) Gründerzeitvilla (oh Gott, wie geschmacklos) unter sich aufteilen.
Ab Magdeburg steigen dann lustige Menschen hinzu. Aber ich bin ja tolerant.
Auch wenn Toleranz eine höhere Art der Verachtung ist, bitte nicht weitersagen,
sonst bricht die moderne Medienlandschaft zusammen, die sind doch alle so
tolerant (solange die Kamera läuft).
Schiele nach rechts.
Mann mit Krawatte, Brille und Manieren verschlingt das Dosenfutter von
McDonalds und zeigt allen, wie überaus knapp und kostbar seine Zeit bemessen
ist, dass er nebenbei noch am Laptop rumkramt, zwei SMS schreibt (wette, sind
Verabredungen zum anonymen Großstadtsex) und sonst sehr geschäftig in die
Gegend guckt, Menschen um ihn herum binnen Millisekunden inspiziert, in die
Schublade steckt. Hat ja keine Zeit, auch nur eine Person genauer anzuschauen.
Da sind mir meine Omas am Familientisch lieber, auch, wenn anscheinend bei
einer der Akku im Hörgerät leer geworden ist und sie ständig mit ihrem HÄH? in
Bridge-Konversation der beiden amderen platzt. Schnell nochmal hochspringen,
neues Hemd und Krawatte aus dem Koffer holen, sich lautstark darüber ärgern,
dass das WC so lange besetzt ist und er sich nicht umziehen kann (Schätzchen,
wir mit den Omis hätten nichts dagegen, deine nackte Brust zu sehen, die du dir
nach Feierabend, also frühestens ab 21 Uhr, im angesagtesten Fitness-Studio der
Stadt zu trainieren pflegst, umgeben von schnurrenden und schleimenden
Büromiezen), endlich,
das rote WC-Licht geißelt nicht mehr, er rennt den engen Gang zur Toilette.
Schnell, schnell, sonst kommt dir die Rotzgöre zuvor. Sie müßte auch mal ganz
dringend.
Bin von der Uni zu einer Freundin gefahren. Gute Freundin, die
Koordinatenzuweisung ist treffend. Sie hat endlich eine Wohnung finden können,
nachdem sie über ein halbes Jahr lang von ihrer Vermieterin unschön behandelt
wurde. Die Telefongespräche wurden vom Anschluß in der Huaptwohnung mitgehört.
Es wurde sich auf nassen Rasen im pittoresquen Vorgarten gelegt, um in die
Fenster der Kellerwohnung schauen zu können. Es wurde die Tür in ihrer Abwesenheit
geöffnet, es wurde alles inspiziert. Und es wurde dies nicht einmal
verheimlicht.
Wir haben alle mitgelitten, als Molli in qualitativer Regelmäßigkeit von der
ach so schlimmen Vermieterin gejammert hat. Denn schließlich bezahlt sie auch
nur 450,- (in München!), hat akzeptable S-Bahn-Anbindung und Telefonsex macht
sie nicht; nicht schlimm also, wenn andere ab und zu mal mithören.
Und dass die absolute Mehrheit der Vermieter in Abwesenheit ihres
Zweiteinkommens das vermietete Zimmer besichtigt, ist irgendwie klar (würde ich
genausi tun). An Bettis Stelle hätte ich mich geschmeichelt gefühlt, dass der
Vermieterin mein Leben so mysteriös erscheint, dass sie eine peinliche
Situation riskiert, von mir auf ihrem Spionagetrip überrascht zu werden.
Nun gut. Die neue Wohnung, von der sie seit 2 Wochen schwärmt, liegt ihrer
Aussage nach in Schwabing. Wahrscheinlich ist es meine Schuld, dass ich mit
Schwabing beeindruckende Altbaufassaden, kleine, harausgeputzte, mit rosa
Tischservietten arrangierte (aber nicht wirklich) italienische Restaurants, den
Kunstsalon Ohm, eine Galerie-Lounge für zeitgenössische japanische Kunst und
Mode, die Penner an der Münchner Freiheit verbinde.
Dennn der Schwabingbegriff bei Molli, ja, wie soll ich sagen, also, ich war
enttäuscht.
Es ist kein Verbrechen, an einer dummen Hauptstraße mit Hochhäusern die neue
Wohnung gefunden zu haben, aber ein Verbrechen, dies in der Öffentlichkeit als
Schwabing zu deklarieren. Nun gut, fahren wir also die Rolltreppe der U-Bahn
hoch, dem Licht entgegen, uns steht ein adretter, junger Mann mit Handy
gegenüber. Vielsagendes, schwerwiegendes Stirnrunzeln im Gesicht, wunderschöne
Hände, mit Sicherheit hatte er Klavierunterricht seit der Kindheit, bis ihm die
Oma zur gesellschaftlich verpflichtenden Konfirmation viel Geld geschenkt hat
und er innerhalb kürzester Zeit cool wurde. Wir gehen an ihm vorbei.
Drehe mich um und schau ihm nach. Grins. Molli merkt es nicht und sagt mit
echter (!) Empörung: „Also DER kam sich jetzt bestimmt ganz toll vor. Ja, ja,
mit seinem rosa Hemd und dem Handy, bestimmt BWL-Student, BLA....“ Mein
offensichtlich verständnisvoller Blick ließ sie noch ganze 3 Minuten dieselbe
verquirlte Scheiße reden. Warum war sie durch ihn aus der Fassung gebracht
worden? (Oder genauer gesagt, persönlich angegriffen?)
Übrigens hat Molli einen Putzfimmel. Ich wollte es ja zuerst nicht wahrhaben. Versucht, es zu verdrängen. Dachte, so was gibt es nur in Talkshows. Nun, Talkshows können also auch nicht nur scheiße sein, NEIN. Sie stehen für das wahre Leben, warum verkennen viele das? Leider habe ich damals, als bei Bärbel Schäfer „Hilfe, ich bin putzsüchtig“ kam, weitergezappt, siehst du, hättest „dranbleiben“ sollen und was lernen können, aber nein, mußtest dir unbedingt MTV-Select anschauen und ständig probieren, auch mal deinen Wunschclip der MTV-Meute am Telefon mitzuteilen. Nicht durchgekommen. Wie schaffen es bitte die ganzen 13jährigen, sich sogar mehrmals (!) Britney Schpears in einer (!) Sendung zu wünschen? Die haben es drauf. Das hast du nun davon, weder dein Video wurde eingespielt (Nirwana) noch kannst du die richtigen Therapieansätze bei Molli machen. Shit happens.
So. Jetzt aber.
Sie hat nämlich jedem begeisterten Satz über ihre Schwabinger (!) Wohnung
beigefügt: „Aber ich muß jaaaaaaa so viel putzen, du meine Güte, also, der
Vormieter muß ja ein ganz Verferkelter gewesen sein!“ (=Originalwortlaut) Und
sie sagte es mit solchem Nachdruck.
Wir gehen aber erst mal die beschissene, häßlliche Hauptstraße hoch zum
Tengelmann. Der ist so reizend wie die ganze Gegend hier. Der Aldi am
Rosenheimer Platz ist zum Beispiel reizend. Machmal, aber wirklich selten, sind
Supermärkte reizend, wenn zwischen den Regalen Platz für einen mindestens
zweispurigen Einkaufswagenverkehr und weniger als 5 Vollkornbrotsorten gibt.
Zum Glück reden wir unterwegs darüber, was wir jetzt essen wollen. Was
leichtes, meint Molli. Aha. So, obstsalatmäßig oder so. Aha, gut. Eigentlich
schlecht, dann vom Obstsalat kriege ich immer Sodbrennen (die Vitamine drehen
durch oder mein Körper ist so verwahrlost, dass jedes Vitamin als Antigen
(sprich Bakterium, Virus) fehlinterpretiert wird und schon läuft die
Antikörperbildung, die Immunreaktion rollt unaufhaltsam als schmerzendes
Aufstoßen von gärender und blubbernder Magensäure an.) Mit ein paar Tassen
Kaffe läßt sich auch dieser Brand löschen. Hoffen wir mal.
Im Supermarkt gestikuliert Molli heftig über das tolle, frische, herrliche,
süße, tolle, herrliche, frische, süße Obst. Peinlich irgendwie. Aber nur
irgendwie, ja, fast schon nur mal so am Rande.
Ich stelle mich mit dem Einkaufswagen an die Kasse. Vor mir ein Mann, gepflegt,
Ende 30 (in Wirklichkeit Anfang 50, wie halten sich die Männer nur, was ist
euer Geheimnis?), ich spähe ich seinen Einkaufswagen. Standard.
Genau wie in „Freundin“:
„Welcher Liebhabertyp ist ER? Sein Einkaufswagen verrrät es Ihnen!“
Meine Freundin stürmt nochmal in die Süßigkeitenabteilung. Ich faxe demnächst
der DUDEN-Redaktion, die deutsche Sprache hätte ein neues Synonym für das
Begriffsfeld von Schamempfinden: Molli. So, was schleppt sie da also an? Ich
dachte, sie wollte was leichtes essen. Kinder Schoko-Bons, Kinder Schoko-Riegel
und No-Name-Kekse kommen zu dem bereits oben detailliert beschriebenen Obst,
und Konservenananas und Zitronen und Rosinen.
Wir latschen zurück.
Ein herzerwärmend marodes, grau-schmutziges Haus, quer zur Hauptstraße,
gegenüber ein Friedhof (*grusel, grusel*), überfüllte Müllcontainer 10 m vor
dem Hauseingang, das Ganze mit perfidem 80er Jahre Anstich und schon sind wir
in Mollis neuer Heimat. Innen ist es wie Hotel ohne Rezeption und „You are
welcome“-Poster, sonst lange Gänge mit vielen brauen Türen. Und am Ende des
langen Flurs ist die Wand verglast und darauf mit schwarzer Farbe stilechte
Friedenstauben gemalt. Och nö.
Es ist ein insgesamt 30 qm großes Apartment. Kleiner Eingangsbereich mit
eingebautem bzw. an die Wand angehängten Kleiderschrank, Tür nach links ins
Minibad, Tür geradeaus ins Maxizimmer. Im Zimmer. Blick geradeaus: großes
Fenster mit Balkontür (mit Friedhofblick), links Tür zur 2 qm großen Küche,
rechts moderne Bücherregalinstallation. Wir wurschteln uns den besagten Salat
und Kaffe zurecht, Molli deckt penibel den kleinen (falsch, niedrigen) Tisch
zurecht. Kaffetassen mit Zwiebelmuster. NEIN, tatsächlich! So etwas gibt es. Es
ist real. Und das bei jemandem, den ich meine Freundin nenne. Ich setzte mich
auf den Teppich. Paar Sekunden später klatsche ich mich ganz auf den Boden.
Meine Freundin hat jetzt wenig Verständnis für mich, aber sie versucht, tolerant
zu sein, denn Toleranz ist eine hohe Tugend, ja, ja. Vielmehr eine
unterschätzte Sünde oder eine höhere Art der Verachtung (für die Heiden unter
uns), aber ich verschone sie mit dieser Richtigstellung, sonst bekommt ihr der
Obstsalat nicht.
Mir sowieso nicht.
Ich liebe es, auf dem Boden zu sitzen, Molli sagt mit verzogener Unterlippe,
ihr wäre es lieber, wenn ich mich auf den Stuhl setzte. Komme nur schwer hoch,
plumpse mich auf den Stuhl.
Erst mal Kaffee. Eine, zwei, drei Tassen. Trinke Kaffe und Alkohol sehr
schnell. Zigaretten rauche ich sehr schnell, auch. Meine Freundin kommentiert,
wie kann es auch anders sein, mein pathologisches Genußmittelverschlingen.
Denke daran, dass die Unplugged CD von Nirwana auf Schallplatte geben müßte,
originell, kaufe bestimmt in den nächsten Tagen, auch wenn kein Plattenspieler
vorhanden.
„Möchtest du Musik hören?“ fragt sie mit einem Gelassenheit induzierendem
Gesichtsausdruck.
„Was hast du denn da?“
Alles, was sie mir aufzählt, ist ja so scheiße, bei mir stellt sich keine
Gelassenheit ein. „Ja, gut“ presse ich schließlich aus mir heraus, bei einer
CD, die ihre Augen haben aufleuchten lassen. Einstellung auf mittelleise. Wie
kann man nur? Entweder laut oder aber im Frequenzbereich von Atemgeräuschen,
sonst hat die Musik doch keine Wirkung. Melodie verschmalzt, und die Texte
erst, wie zu lange in Milch stehengelassene Cornflakes.
Ich würge den Obstsalat herunter.
Sie macht es sich „gemütlich“, indem sie den Süßkram rausholt. Habe jetzt
unglaubliche Lust, sie zu küssen oder sie sehr weit oben am Oberschenkel
anzufassen. Wie würde sie reagieren?
Aber nein, ich muß verantwortungsvoll sein, denn dies würde Molli für den
Rest ihres Lebens traumatisieren und den Putzfimmel potentiell steigern.
Was ist die potentielle Steigerung der Putzsucht?
Und dann teile ich ihr mein Leben mit. Die beschissene familiäre Situation,
meine finanzielle Abhängigkeit von der Familie (trotz des eigenen Einkommens!),
meine konkrete und allgemeine Entrüstung, meine erneute Verliebtheit in einen
Mann, der mich subtil abweist.
Sie unterbricht mich nicht.
Ich rede und rede.
Sie nickt, kann vielleicht nur einen Bruchteil davon nachvollziehen.
Ich höre aufmerksam ihren gelegentlichen Ratschlägen zu.
Sie ist nicht bereit, auch nur den kleinsten Teil meiner Sichtweise zu
akzeptieren.
Ich schau sie an.
Sie braucht nichts zusagen, darauf ist es noch nie angekommen.
Nur ihr Gesicht zählt.
Sie ist so schön.
Nur diese Schönheit macht mich wieder ruhig.
Ist das der Grund, warum ich diese Freundschaft aufrechterhalte?
Und am Ende, als sie das Geschirr sorgfältig einräumt, lächelt sie so
verlegen und offenbart mir (den ersten und letzten Gipfelpunkt gelebter
Romantik mit einem Mann), ihr Freund habe sie gestern zum ersten mal geküsst.
Na sowas.
So. Langsam verebbt meine Schreibwut.
Wann kommt die nächste Flut?
Flut und Ebbe werden vom Mond beeinflußt, hoffentllich unterliegt mein
Schreibbedürfnis nicht dem Mondzyklus. Oder sonstigen Zyklen, das wäre ja noch
schöner.
Der erste Tag: Auschüttung von FSH (Follikelstimulierendes Hormon),
Primärfollikel wird aktiviert.
->ich schreibe originelle Kürzestgesschichten, wenn man böse ist, nennt man
sie Notizen und umschriebende Zitate
Proliferation der Uterusschleimhaut:
->das Schreibbedürfnis steigert sichh, wird differenzierter. Spontane,
mehrseitige Schreibergüsse, die auch von Drittpersonen mit zustimmendem
Schmunzeln gelesen werden
Negativer Rückkopplungsmechanismus: FSH-Hemmung in der Hypophyse
->denke mir, das Gekritzel ist doch lächerlich, wozu das alles, um es in
Jahrzehnten vergilbt und angerotzt von iegendwelchen von mir in die Welt
gesetzten Nachkommen im zerschwabbeltem Pappkarton gefunden zu werden, gelesen
und leider nicht weggeworfen, sondern aufbewahrt und als neue Familientradition
integriert zu werden?
Anstieg der Östrogensekretion
->unglaubliche Not. Meistens keine bbrauchbarer Mann in der Nähe. Also:
essen. Und dann Endzeitmonologe ins Tagebuch.
Ovulation (Bildung der Thecaorgane bei Tertiärfollikeln und Ausschüttung von
LH)
->Weißichnich Phase
Bildung der Gelbkörperhormone:
->verklärter Zukunftsoptimismus, possitives Denken trübt und fällt als
Kristalle über das Urteilsvermögen aus. Keine literarische Aussage möglich, da
zu blöd momentan (blöd glücklich)
Uterusschleimhaut wächst, lagert Nährstoffe ein (ganz umsonst)
->zumindest Gedanken ans vernünftigee Schreiben, sonst brachiale
Fehlkoordination
Gelbkörper weigert sich, weiter Hormone zu sezernieren (hat schon längst
gemerkt, dass kein Spermium kommt, nein, nein, so dumm sind wir nicht, lassen
uns aber dennoch jedoch Monat aufs neue verarschen)
->Weigerung an meiner Existenz
Uterusschleimhaut stirbt und wird abgestoßen
->Wache am morgen mit Blutflecken inn meinem Bett auf, irgendwie doch nicht
schwanger, jetzt lange duschen. Dann in den nächsten Stunden Todesvisionen
(fremde, nicht eigene) aufschreiben. Geilheit steigert sich langsam. Jetzt noch
eine Verabredungmit jemandem, den ich hasse oder beneide, dann am nächsten Tag
bis zum Sonnenaufgang durchschreiben, wunderbare Sachen entstehen.
Mit diesem Zyklus ließe sich sogar leben. Dumm, dass ich Störungen im
Hormonhaushalt habe, haut hicht hin. (Zumindest von der Frauenärztin
behauptet.)
Hm. Tja, ja.
Schiele immer wieder zu meinem Bücherergal. Da, der schwarze Buchrücken. Genz
neu.
Noch jungfraulich ist das schwarze Buch, Titel: Blackbox.
Diese 8 Buchstaben sind mattglänzend parallel zum Hochformat auf der Titelseite
imprägniert, meine Finger fahren immer wieder das Relief ab, fühlt sich
unbeschreiblich an.
Er hat mir am Telefon gesagt, dass derjenige während seiner Buchlesungen die
Frauen im Sportmoderatorton lächerlich macht und dann darüber auch noch ein
neues Buch schreibt. Ich würde das „kleine, arrogante Arschloch“, wie mein
telefonisches Gegenüber BvSB tituliert hat, zu gerne sehen. Und seiner
raffinierten Selbstinszenierung ganz laut applaudieren und ZUGABE rufen, denn
einen gelungenen Lebensentwurf erlebe ich zu selten. Vielleicht sollte ich ihm
eine e-mail schreiben.
Weiß nicht warum, suche nach Milan Kundera „Die unerträgliche Leichtigkeit
des Seins.“ Auf den letzten 50 Seiten muß es stehen, ja, bestimmt. Augen
überspringen ganze Seiten, krallen sich an ein Wort, doch nicht, weiter
verbissen blättern. Da. Seite 257.
„Wir alle haben das Bedürfnis, von jemandem gesehen zu werden. Man könnte uns
in 4 Kategorien einteilen, je nach Art von Blick, unter dem wir leben möchten.
Die erste Kategorie sehnt sich nach dem Blick von unendlich vielen anonymen
Auge, anders gesagt, nach dem Blick eines Publikums.
...
Zur zweiten Kategorie gehören die Leuten, die zum Leben den Blick vieler
vertrauter Augen brauchen. Das sind die nimmermüden Organisatoren von Cocktails
und Parties...
Dann gibt es die dritte Kategorie derer, die im Blickfeld des geliebten
Menschen sein müssen. Ihre Situation ist genauso gefährlich wiedie di evon
Leuten der ersten Kategorie.
...
Und dann gibt es noch die vierte und die seltenste Kategorie dere, die unter
dem imaginären abwesender Menschen leben. Das sind die Träumer.“
Sollte dem Kultautor meiner Generation (wie er zumindest von MTV gefeiert
wird und sontigen Kultur-Oktroyanten meiner Nation) wirklich eine e-Mail
schreiben.
ERINNERUNGEN
oder
Kann man sich an die Zukunft erinnern?
Gerade 2 h geschlafen. 21 Uhr. Radio blubbert so unverfroren vor sich hin, obwohl er wieder nicht erreichbar ist. Und Mailboxen sind eine Horrorsphäre für sich, vor allem hört sich meine Stimme auf Band so fordernd und dringend (hat Christian mal gesagt).
Mein momentanes Liebesobjekt hat überhaupt keine Bücher zu Hause.
KEINE BÜCHER.
Habe da die in „Soloalbum“ von BvSB dem Protagonisten zugeschrieben
Geisteshaltung, dass es übel auffallend ist, wenn man kein Bücherregal in der
Wohnung stehen hat, und sei es auch nur im Klo. Wie die Naja-Tante. Vielleicht
ist er auch so ein Naja-Onkel. Keine Ahnung. Habe gestern Nacht daran gedacht,
wie es ansatzweise wäre, längere Zeit durchgehend bei ihm zu verbringen. Eine
Woche, sagen wir mal:
Erkenntnis:
1. Könnte meinen Kram schreiben, eher bedrückende Stimmung, da neutral-ikeaoide
Möbel (denn echte IKEA-Möbel strahlt immer noch Eigenphilosophie aus, die als
literarische Stimmung auch umsetzbar ist), wahrscheinlich Verfall in schlecht
kopierten Kafka-Stil.
2. Inspiration durch fahle Anthrazitfarben der Möbelstücke, aber wozu kann man
mich heute bloß inspirieren?
3. Langeweile, von äußeren Zuständen bedingt (denn die selbstgewählte
Langeweile empfindet jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand als Erholung.)
4. Unerträgliches Gefühl der Verbannung
Mir ist in der Nacht das russische Wort für Verbannung eingefallen, das ist
viel treffender, weil es eine unglaubliche Hilflosigkeit und permanente
Brutalität des Zustandes ausdrückt. Oh Gott, Dostojewski, wo bist du, mein
Freund? VERBANNUNG UND ZUR STRAFE KEINE BÜCHER. Und wenn er dann von der Arbeit
in die Wohnung kommt, erzählt er, wie sein Tag war. Das ist zumindest
interessant (zumindest auf eine Woche beschränkt), denn er erzählt sarkastisch
und gleichzeitig unglaublich ernst. (Dies ist etwas, was mich an Männern, mit
denen ich zusammenkomme, anzieht, die Fähigkeit, über stupide, dumme und doch
existenzbestimmende Angelegenheiten mit so viel seriöser Ironie zu diskutieren;
diese Fähigkeit hatten bis jetzt alle meine Männer. Läßt das Rückschlüsse auf
mich selbst ziehen? Ja. Will ich weiter darüber nachdenken? Nein.)
Dann essen wir, ich werde gekocht haben. Dann fummeln wir rum. Dann sagt er, er
müsse nochmal an den Rechner, ich antworte, macht nichts (und es macht
tatsächlich nichts, sonst sitzen wir da und haben uns nichts zu sagen) und gehe
baden. Frisch angedampft und mit unterdrücktem Ekel vor dem Ganzen, der
Situation und der nichtssagenden Wohnungseinrichtung setzte ich mich im
Wohnzimmer an den häßlichen Holztisch und starre das leere, weiße Blatt Papier
an.
Irgendetwas sollte und wollte darauf geschrieben werden. Die Stimmung ist
eigentlich optimal, richtig scheiße. Bestimmt denke ich dann an jemand anders.
An die Frau, die mir so gefällt, die ich so gerne küssen und streicheln möchte
und ihr MIR zulächelndes Gesicht sehen. Aber dies wird nie sein.
Denn:
1. bin ich zu feige, konsequent zu sein
2. Frauen darf man grundsätzlich nicht direkt dazu drängen (ich bin vielleicht
eine Ausnahme), man muß illusionieren, sonst öffnet sich keine Frau gegenüber
der anderen Person (sei es nun ein Mann oder eine Frau)
Welche Illusion ist gemeint?
Illusion von der Besonderheit und der Extravaganz der Frau.
Illusion von der Besonderheit und der Extravaganz der eigenen Person (gaaanz
wichtig, viele Frauen definieren ihr Wertgefühl über die subjektive
Wertschätzung der nahestehenden Personen).
Illusion von der Bösartigkeit der Männer.
(Suggerieren wir eine solidarische Leidensgemeinschaft, dies ist eine
zuverlässige Grundlage; muß natürlich regelmäßig durch Gegebenheiten aus dem
tatsächlichen Leben rechtfertigt werden (Mann hat Frau wegen Jüngeren
verlassen, Untreue, Ehe mit der Arbeit). Für mich heißt das wieder: Adaptation
der mir verhaßten Moralitätsvorstellungen.
Illusion von der Einzigartigkeit unserer Begegnung, unserer Ähnlichkeit in
Charakter, Kindheit, Geschmack oder beliebig anderen Sachen.
3. die Wahrscheinlichkeit, die Frau zu solchen Gefühlen zu bringen, ist eher
gering
4. sie muß Geheimtuerei, Abenteuerlust und leise Verachtung für ihre Familie
und ihren Freundeskreis bereits innehaben, um eine erotische bzw. erotisierende
Beziehung zu einer Frau aufnehmen und aufrechterhalten zu können.
Zusammenfassung:
Ich sollte an etwas Realistischeres denken. Denke an ihn!
Höre seinen Computer summen, ja, er ist realistisch und real, present und
gegenwärtig und ich lasse das weiße Blatt Papier weißes Blatt Papier sein und
gehe in sein Arbeitszimmer. Ich beuge mich vor, hinter seinem Rücken stehend,
lege die Arme auf seine Brust, schmiege mein Gesicht an seine stoppeligen
Wangen, küsse sie. Er erklärt mir, was er gerade macht.
Stunden später schlafe ich ein, er atmet neben mir. Mir ist endlich nicht kalt,
weil sein Körper mich wärmt. Nur darauf kommt es an. Nur das zählt.
Es gibt für alles eine Rechtfertigung
Es war dumm von mir, dass ich alle SMS von ihm gelöscht habe. Denn sie waren
so schön obszön und konkret. Dieser Mann ist sehr exakt und neigt nicht zu
Abstraktionen oder „Ach, ich bin ja so subtil erotisch“ oder „Ich lasse dich
noch ein bißchen zappeln“. Mehr fällt mir zu diesem Mann nicht ein, jeder
tiefgehender Gedanke an ihn längst verdrängt. Nur die Tatsache, dass ich mich
mehr als dämlich mit ihm anstelle, habe die Leiter zu einer gemeinsamen
kommunikativen Plattform nicht mal annähernd gefunden, die eine Verabredung und
die Nacht bei ihm waren ausschließlich Körpersprache und Körperaktivitäten.
Und außerhalb dieses Verständigungsbereichs fühle ich mich in seiner Gegenwart
äußerst verunsichert. Auf der Rückfahrt morgens, im Auto, Schweigen.
Er hat mich gefragt, was los sei. Ich sagte, wenn ich nichts zu sagen habe,
dann schweige ich lieber, als dass ich dummes Zeug quassle. Klingt so stilvoll.
Aber habe ich Stil?
Gestern am Telefon, unglaubliche Quälerei. Ich schweige minutenlang, atme zu
laut, lache unpassend (tue ich auch sonst, nur, wenn man es zu sehr merkt, ist
es nicht mehr originell, sondern scheiße), stammle irgendwas von er soll mich nicht
nur körperlich lieben, sondern mich auch als ganze Person annehmen.
Oh Gott. Schlechter als in der schlechtesten Frauenzeitschrift. Warum kann ich
nicht lässig bleiben? Ich bin eigentlich lässig, ich möchte aber, dass er mich
schätzt. Nee, mal im ernst. Plötzlich ist es mir wichtig, ihm mitzuteilen,
welche Qualitäten ich als Mensch habe. Natürlich habe ich ihm das nicht gesagt.
Möchte trotzdem, dass er weiß, mit wem er schläft.
Wenn das nicht anerkennungserheischend ist.
Weil ich zu Hause keine bekomme und auch in der Schule eher das untere
Mittelmaß bin (bin es tatsächlich), was mich bis jetzt wirklich kalt läßt,
wende ich mich an die Männer, um Anerkennung zu bekommen.
Ihm momentan ein aufregendes Frauenformat, soweit zumindest. Kann mir dieser Mann
auch Anerkennung geben? Wohl kaum in verbaler Form, nur, wenn ich sein Begehren
derweit uminterpretiere. Soll ich das tun? Im eigenen Interesse, JA.
Kann ich das glauben?
Ich kann es glauben, wenn folgende Gedankenfetzenkette als einzig richtige
internalisiert wird:
Begehren bezieht sich auf den naturgegebenen Körper.
In diesem naturgegebenem Körper ist auch mein Intellenkt bzw. meine geistige
Art.
Meine Verstandeskraft ist mir von Geburt an mitgegeben, also nicht mein
Verdienst.
Die Fähigkeiten und Möglichkeiten, diese zu gebrauchen, evt. weiter zu
entwickeln und in eine bestimmte Richtung zu lenken sind bestimmt vom
naturgegebenem Charakter, dem Ego und der Gemütsveranlagung.
Die angeblichen Leistungen (für die ich Anerkennung suche) sind folglich mehr
oder weniger vorprogrammiert, man schafft nur das, was von Geburt an als
möglich angelegt ist, nicht mehr, und wenn weniger, dann ist es ein Tribut an
das Menaschliche in mir.
Weil alles im Körper ist, bezieht sich das Begehren auch auf den Geist und den
Verstand.
Und da die Anerkennung als solche ein unsinniger Begriff ist (oder kann man
Anerkennung und Respekt für etwas Naturgegebenes und faktisch in den Schoß
Gefallenes verlangen oder erwarten?)
So.
Was ist dann mit dem anderen Mann.
Der sich selbst als halber Mann bezeichnet.
Er beeinduckt mich mit seiner Belesenheit, seinem spöttelnden Zynismus und
seiner Unbeirrbarkeit, seine Wesensart zu leben. Und er mag Benjamin von
Stuckrad-Barre. „Soloalbum“ ist das Buch nach Ewigkeit, das mich glücklich
gemacht hat. Und sogar körperlich erregt hat. Und jetzt sieht man, dass bei mir
selbst Bewunderung und Respekt und Neid auf die Schreibfähigkeit eines Anderen
in körperliche Erregung und Lustgefühl, exakt auf den Autor fixiert, mündet,
folglich ist dies ein akzeptabler Beweis (eher Bestätigung) für die Richtigkeit
der Theorie weiter oben.
Und ich möchte diesem Mann imponieren und ihn beeindrucken. Deswegen werde ich
meine Geschichten ihm schicken.