|
Stargate SG1 Buch 2
Der Feind meines Feindes
ANGRIFF AUS DEM NICHTS
1
Irgendwann hatte es passieren müssen, das sagten einem sowohl die Logik, als auch die Statistik und das, was man im
Allgemeinen mit gesundem Menschenverstand bezeichnete. Aber wie es eben mit Unglück ist, das man kommen sieht -
tief in sich drinnen und jenseits aller Logik bleibt man fest davon überzeugt, dass es ja doch nur immer die anderen
trifft, und schon irgendwie alles gut gehen wird.
Diesmal war es nicht gut gegangen.
Es war gute fünf Minuten her, dass Colonel Jack O'Neill den Fehler begangen hatte, den toten Marine auf
den Rücken zu drehen und in das zu blicken, was einmal ein menschliches Gesicht gewesen war, aber sein Magen hatte
sich immer noch nicht beruhigt, sondern versuchte nach wie vor, seine Speiseröhre hinaufzukriechen.
"Jack?"
Es dauerte eine Weile bis O'Neill begriff, dass Captain Samantha Carter auf eine Antwort wartete. Es kam
selten vor, dass er die Fassung verlor, und noch seltener, dass er zu schockiert war, um seiner Umgebung die nötige
Aufmerksamkeit zu schenken. Heute war offensichtlich eine dieser seltenen Gelegenheiten. Normalerweise hätte er sich
eine solche Schwäche nicht durchgehen lassen. Doch hier und jetzt war das etwas anderes. Schließlich kam es nicht
jeden Tag vor, dass er einen Mann identifizieren mußte, dem man das Gesicht von innen nach außen gestülpt hatte ...
Bevor ihn Samantha ein weiteres Mal ansprechen konnte, würgte O'Neill die bittere Galle herunter, die
sich unter seiner Zunge angesammelt hatte und drehte sich mit einem Ruck zu ihr herum. Sam sah so blaß und erschrocken
aus wie jedermann hier im Raum; ihn selbst eingeschlossen.
Ihre sonst strahlend türkisfarbenen Augen wirkten größer und trüber als sonst. Dunkler. Sie gab sich alle
Mühe, gefaßt zu wirken, aber ihre Hände zitterten leicht, und es gelang ihr nicht, Jacks Blick länger als eine Sekunde
zu halten.
"Der General kommt." Sie machte eine Kopfbewegung auf einen Punkt hinter Jack und fügte etwas leiser hinzu:
"Könntest ... du das übrnehmen?"
"Natürlich", antwortete Jack. Mortensen und Sam hatten sich gut gekannt. Er war nicht einfach nur ein Soldat,
der im Einsatz ums Leben gekommen war. Sie hatte einen Freund verloren.
Während sie ging, straffte O'Neill die Schultern und wappnete sich innerlich gegen das kommende Gespräch mit
General Hammond. Er würde Fakten von ihm hören wollen, aber das einzige, was Jack im Moment mit vollkommener Sicherheit
sagen konnte war, dass Mortensen tot war und die restlichen Männer von SG-4 vermutlich auch. Er wußte nicht, warum. Er
wußte nicht einmal, was sie getötet hatte.
"Colonel." Hammond salutierte knapp und blickte Carter stirnrunzelnd nach. Sie verschwand im gleichen Moment
durch die Tür, hastig und als wolle sie vor etwas fliehen. Als sie draußen auf dem Gang angekommen war, begann sie zu
rennen.
"Bitte verzeihen Sie ihr, Sir", sagte Jack leise. "Captain Mortensen war ... die beiden standen sich sehr
nahe, glaube ich." Er deutete auf den Leichnam des Marine. Jemand war so rücksichtsvoll gewesen, ihn mit einer schwarzen
Plastikfolie zuzudecken, aber er wußte, was darunter war. Vor allem sein Magen erinnerte sich sehr gut daran. "Es ist
kein schöner Anblick, fürchte ich."
Hammond runzelte flüchtig die Stirn, sah ihn eine weitere Sekunde lang mit dem gleichen Gesichtsausdruck an,
mit dem er ihn immer ansah - nämlich keinem - und ging dann ohne ein weiteres Wort auf den Toten zu und in weitem Bogen
um ihn herum. Pedantisch darauf bedacht, dass seine auf Hochglanz polierten Schuhe nicht mit der immer noch größer
werdenden Blutlache in Berührung kamen, in deren Mitte der reglose Körper lag, ließ er sich in die Hocke sinken, hob
mit spitzen Fingern die Plastikfolie an und warf einen sehr langen und nachdenklichen Blick auf das, was darunter lag.
"Sie haben recht, Colonel", sagte r schließlich. "Es ist wirklich kein schöner Anblick."
"Wir wissen nicht, was ihm zugestoßen ist, Sir ...", begann O'Neill.
"Aber ich", sagte Hammond knapp.
"Sir?" Nicht nur O'Neill, sondern auch einige der anderen Männer blickten zuerst den General überrascht an -
und dann den abgedeckten Toten. Die BLutlache breitete sich weiter aus. Noch zwei oder drei Zentimeter und sie hätte
Hammonds sorgsam polierte Schuhe erreicht. Obwohl Hammond nicht einmal in die entsprechende Richtung sah, trat er rasch
zwei Schritte zurück, bevor er fortfuhr:
"Ich war bei der NASA, bevor mir die Leitung von Stagate, dem SternenTor-Projekt übertragen wurde. Ich habe
so etwas schon einmal gesehen, aber ..." Er zögerte einen ganz kurzen Moment, deutete dann ein Achselzucken an und fuhr
in verändertem Ton und etwas lauter fort: "Ich will Doktor Fraiser nicht vorgreifen. Im Moment gibt es auch wichtigere
Fragen. Zum Beispiel die, was aus dem Rest von SG-4 geworden ist. Mortensen war der letzte, der durch das Tor gegangen ist?"
Jack nickte, obwohl er es nicht einmal mit Sicherheit wußte. Er war rein zufällig in der Nähe gewesen, als
die Schreie aus der Transporterkammer drangen. Als er hereingestürzt war, hatte Mortensen bereist reglos am Boden
gelegen. Was immer ihn getötet hatte, mußte unheimlich schnell und grausam zugeschlagen haben.
"Also gut", sagte Hammond. "Sehen wir uns das Tape an. Wir werden schon ..."
Der Rest seiner Worte ging im schrillen Heulen der Alarmsirenen unter, die plötzlich losplärrten. Gleichzeitig
begann der Boden unter ihren Füßen zu zittern, als die gewaltigen Generatoren ansprangen, die das SternenTor mit Energie
versorgten. Nicht einmal eine Sekunde später begann sich der äußere Ring der riesigen ausserirdischen Konstruktion zu drehen.
"Achtung!" meldete sich eine Computerstimme. "Nicht autorisierter Transport eingeleitet. Achtung!"
Alles ging plötzlich unglaublich schnell, nahezu gleichzeitig und mit der Präzision einer sorgsam geölten
Maschinerie. Der äußere, rotierende Ring des SternenTors kam zum Stillstans, und eine der trapezförmigen Klammern rastete
mit einem satten KLACK ein, ehe sich der Ring - diesmal in entgegengesetzter Richtung - stählernd schleifend wieder in
Bewegung setzte. Das dumpfe Rumoren der Atomreaktoren tief unter ihren Füßen steigerte sich zu einem urzeitlichen Grollen,
mischte sich wie der Aufschrei eines Ungeheuers in das schrille Heulen der Alarmsirenen. Die zweite Klammer rastete ein.
Das halbe Dutzend Marine im Raum verteilte sich blitzartig und ging mit angeschlagenen Waffen in Stellung.
"Achtung!" keifte der Computer. "Nicht autorisierter Transport eingeleitet! Die Selbstzerstörungssequenz wird
aktiviert!"
3
Er fand Samantha Carter in der Umkleidekabine. Sie saß mit herabgesunkenen Schultern und weit nach vorne gebeugt auf
einer der unbequemen hölzernen Bänke und starrte ins Leere. Jack wußte nicht, ob sie sein Eintreten überhaupt bemerkt
hatte oder nicht. Jedenfalls reagierte sie nicht. Ihr Gesicht war ausdruckslos, aber ihre Augen hatten einen trüben
Glanz, als hätte sie geweint.
Jack trat unbehaglich näher, wartete einen Moment darauf, dass sie reagierte, und räusperte sich schließlich. Es
vergingen noch einmal Sekunden, bis Sam den Kopf hob und ihn ansah. "Colonel."
"Jack", verbesserte sie Jack. "Meine Dienstzeit ist seit fünf Minuten vorbei. Außerdem hört niemand zu."
Er machte eine Kopfbewegung auf den freien Platz neben ihr.
"Darf ich?"
"Selbstverständlich." Samantha rutschte ein Stück zur Seite, um ihm auf der gut fünf Meter langen Bank
Platz zu machen, und Jack ließ sich neben ihr niedersinken.
Im ersten Moment saßen sie einfach nur schweigend da. Jack wußte nicht, was er sagen sollte. Er war mit
dem festen Vorsatz hierher gekommen, Carter Trost zu spenden. Sie war viel mehr als ein Mitglied seines Teams oder
irgendeine x-beliebige Untergebene. Was sie in den zwei Jahren bei SG-1 gemeinsam erlebt - und vor allem überlebt -
hatten, hatte sie zu etwas werden lassen, das schwer zu beschreiben war. Freunde, sicher, aber da war auch noch mehr.
Etwas, das weit über bloße Freundschaft hinausging und viel kostbarer war. Schließlich war es Sam, die das unbehagliche
Schweigen unterbrach. "Ich habe den Reaktor gehört", sagte sie. "Was war los?"
Jack hob die Schultern. "Unangemeldeter Besuch", sagte er in bewußt flapsigem Ton. "Wir haben ihm die Tür
vor der Nase zugeworfen, und Hammond musste natürlich sein Lieblingsspielzeug ausprobieren. Diesmal waren wir noch zwei
Sekunden davor entfernt, uns alle harfespielend auf einer Wolke wiederzufinden ..."
Er stockte, als er die Reaktion auf Sams Gesicht bemerkte. "Entschuldigung. Das war ..."
"Schon gut", unterbrach ihn Samantha. Sie atmete tief und hörbar schwer ein. "Wir sind Soldaten, nicht wahr?
Es gehört zum Berufsrisiko eines Soldaten, zu sterben."
"Jetzt klingst du wie Hammond", sagte er.
"Wenn er recht hat, ist das nichts Schlimmes."
"Ich wollte auch eigentlich nur sagen, dass mir das mit Mortensen wirklich leid tut", sagte Jack. Er
fühlte sich immer unbehaglicher. Dies schien zu einer jener Situationen zu werden, in denen alles falsch war, ganz
egal, was immer er auch sagte oder tat. Vielleicht hätte er gar nicht herkommen sollen. Jemand Trost zu spenden, war
vielleicht nicht immer der richtige Weg. Möglicherweise brauchte sie einfach eine Weile, in der sie ganz allein sein
konnte.
"Soll ich gehen?" fragte er offen.
Sam schüttelte den Kopf. Dann tat sie etwas, was sie offensichtlich ebenso überraschte wie ihn selbst:
Sie griff nach seiner Hand und hielt seine Finger einen kurzen Moment lang mit fast schmerzhafter Kraft fest. Im
nächsten Moment zog sie ihre Hand fast erschrocken wieder zurück.
Sie wirkte verlegen. "Entschuldige", murmelte sie.
O'Neill schwieg einen Moment. "Mortensen", sagte er dann. "War er ..."
"Mein Geliebter?" Sam schüttelte heftig den Kopf.
"Nein. Wir hatten nichts miteinander. Er war einfach nur ein guter Freund. Und er war .. noch so verdammt jung.
Wusstest du, dass er das jüngste Mitglied des SG-Teams war?"
Jack verneinte.
"Zweiundzwanzig", fuhr Samantha leise fort. Sie begann ihre Finger zu kneten. "Nächste Woche wäre er dreiundzwanzig
geworden. Wir hatten vor, eine kleine Party zu feiern. Und jetzt ..." Sie schwieg ein paar Sekunden. "Ich verstehe
selbst nicht, warum mir sein Tod so nahe geht. Ich meine, es .. es ist nicht das erste Mal, dass wir einen Mann
verlieren. Nicht einmal ein ganzes Team. Ich dachte immer, ich hätte mich daran gewöhnt, aber ..."
Jack verstand nur zu gut, was sie meinte. Es gab Dinge, an die man sich nie gewöhnte, und der Gedanke an
den Tod eines geliebten Menschen gehörte eindeutig dazu. Man konnte ihn für eine Weile verdrängen, aber irgendwann
kam er unweigerlich zurück. Vielleicht war es das, was sie letzten Endes wirklich von den Goa'uld und ihren
Schergen unterschied.
"Zwischenfälle wie der von heute machen uns unsere eigene Sterblichkeit wieder bewußt", sagte er leise.
"Vielleicht ist das manchmal nötig." Er seufzte tief, dann änderte er das Thema und die Tonlage. "Hammond erwartet
uns in einer halben Stunde. Wenn du willst, entschuldige ich dich."
Sam schüttelte fast erschrocken den Kopf.
"Also gut." Jack stand auf. "Dann sehen wir uns in einer halben Stunde, Captain."
Er ging, ohne eine Antwort abzuwarten, aber an der Tür blieb er noch einmal stehen und drehte sich zu
ihr herum. Sam saß noch immer nach vorne gebeugt auf der Bank, aber sie starrte nicht mehr ins Leere. Sie hatte
das Gesicht in beiden Händen vergraben.
Quelle Stargate: Der Feind meines Feindes Seite 16 f.
|